Freude trotz Abschied

Von Christus gesegnete Gemeinde!

Ist das nicht wirklich erstaunlich? Lukas erzählt trocken und nüchtern mit wenigen Worten, wie die Jünger sich von Jesus verabschieden müssen. Und ihrer Gefühlsregung ist: „große Freude“.
Wie soll das einer verstehen? Wie passen Abschied und Freude zusammen, wo sie sich doch im Grunde völlig widersprechen – es sei denn, man ist froh, wenn einer endlich geht, aber das ist hier ja nicht der Fall. Wenn Menschen weinen, dann weil sie Abschied nehmen müssen. Schau dir die Gesichter an wenn bei den Beerdigungen die letzten Worte gesprochen sind und die Angehörigen nacheinander zum offenen Grab gehen. Auch den coolsten Menschen kommen da schon mal die Tränen. Selbst der Abschied von einer Karriere weckt melancho-lische Gefühle. Als Henry Maske seinen letzten Boxkampf bestritt, hat er ihn in eine passende Show verpackt. Umrahmt wurde der Kampf nämlich von einem Hit, der stark die Gefühle ansprach und auf die Tränendrüse drückte: ‚Time to say goodbye’ – es ist Zeit, „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Und in Interviews vergangene Woche, als es im Fernsehen noch einmal um diesen Kampf ging, äußerten sich auch härteste Männer, sie hätten in jenem Moment weinen müssen. Abschiede tun weh, auch wenn Angehörige oder Freunde auf eine längere Reise gehen und wir sie täglich vermissen. Abschiede machen traurig, wenn sie einen Schnitt im Leben von Schule, Beruf, Karriere bedeuten.
Da hat man aber immerhin die Aussicht, es kann noch mal etwas Neues anfangen; es geht ja weiter, irgendwie. Außerdem haben wir die Erwartung, die Reisenden kommen wieder. Nur, wenn’s ein Abschied auf immer ist, kommen wir mit solchen Hoffnungen und Erwartungen nicht weiter. Da gilt es, dem Abschied ehrlich ins Auge zu schauen. Das tut weh – keine Frage. Deswegen wiederhole ich die Beobachtung, die überrascht: hier ist von der großen Freude der Jünger die Rede. Bei endgültigen Abschieden neigen Menschen zunehmend dazu, der Härte die Aussichtslosigkeit zu nehmen.
„Innerlich bleiben wir verbunden’; ‚in unseren Gedanken lebst du weiter’; ‚in unseren Erinnerungen bist du bei uns’; ‚in deinen Kindern lebst du weiter’.
Als die Schauspielerin und Sängerin Trude Herr ihren Abschied von der Bühne feierte, tat sie das auch mit einem Lied, das sie mit den Kölner Bands ‚Bläck Föss und BAP sang: ‚Niemals geht man so ganz’. Niemals geht man so ganz. Irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz immer bei dir. Nie verlässt man sich ganz. Irgendwas von dir geht mit. Es hat seinen Platz immer bei mir.’
Aber warum das so sein soll, das kann das Lied nicht sagen und was es wirklich und konkret damit meint.
Es ist ein frommer Wunsch, der sich nicht wirklich damit abfinden mag, dass es Abschiede gibt, denen kein Wiedersehen blüht und der immer wieder herhalten muss, wenn einem traurigen Abschied etwas Versöhnliches beigemischt werden soll. Tatsächlich soll das Lied sogar bei Beerdigungen gespielt werden. Trauer, Tränen, Ausflucht – das alles betreiben Menschen, wenn sie sich verabschieden müssen. Aber die Jünger erleben große Freude. Da muss etwas anders sein, als sonst – sie trauern nicht, sie weinen nicht und trotzdem entziehen sie sich der Geschichte nicht.

Manchmal genügt ein aufmerksamer Blick auf die Worte des Evangeliums und es wird uns etwas deutlich gemacht. Ist es auch so, dass Jesus sich sichtbar verabschiedet, so ist er es doch selbst, der das ganze Geschehen in der Hand hat. Das ist bei Abschieden ja nicht selbstverständlich.
Er setzt den Anfang, denn er führt seine Jünger hinaus bis nach Betanien. Damit keinen Moment der Eindruck entsteht, hier passiert etwas mit Jesus, ohne dass er Einfluss darauf hätte. Oder sogar gegen seinen Willen. Er bestimmt Ort und Zeit. Auch seines Abschieds. Der zu seinem Leben dazu gehört, genau wie seine Reden, die er gehalten hat, wie seine Taten, die getan hat, wie sein Leiden und Sterben und wie auch seine Auferstehung. Alles liegt in der Spur dessen, was Gott seinen Menschen zeigt und schenkt. Der Abschied fällt aus diesem Rahmen nicht heraus. Der Abschied am Himmelfahrtsfest ist ein Teil dessen, was Gott tut, damit Menschen glauben und ewig leben können. Und das heißt ganz konsequent: ohne Himmelfahrt ist Glaube an Jesus Christus im umfassenden Sinn nicht möglich. Das ist nicht so ganz einfach zu verstehen, für die Jünger schon gar nicht. Für die wäre es ja das Schönste, sie könnten da weiter machen, wo sie vor Gründonnerstag aufgehört haben. Also bei einem gemeinsamen Leben mit ihrem Herrn und Meister. Mit ihm gehen, ihm zuhören, ihm zuschauen, sich einfach auf ihn verlassen. Er hat sie geführt, äußerlich und innerlich und es hat ihnen gut getan. So könnte es weiter gehen. Geht es aber nicht. Er führt sie. Wie er sie vorher geführt hatte – und das haben sie auch nicht immer gleich verstanden; schon gar nicht, als es ans Kreuz ging, das wollten sie überhaupt nicht verstehen. Jetzt führt er sie auf den Berg des Abschieds. Denn ein Abschnitt des Lebens ist zuende für sie. Die sichtbar gemeinsame Zeit mit ihm ist vorbei, definitiv und endgültig. Er wird sich ihnen entziehen. Etwas Neues fängt an, das ganz anders ist als vorher. Waren sie bis dahin nur Nachfolger – fast möchte man sagen: Beobachter – dann sind sie ab sofort: Zeugen. Alles, was sie gesehen und gehört, was sie aufgenommen haben und glauben, das bleibt jetzt nicht nur in ihnen drin – da bleibt es hoffentlich auch – es geht auch nach draußen. Ein Zeuge ist man nur, wenn man bezeugt. Wer hört und sieht und für sich behält, ist kein Zeuge. Sie aber sind Zeugen; sie werden nichts von dem für sich behalten, was ihnen für ihr Leben wichtig geworden ist. Damit sind sie deutlich aufgewertet, sie sind wichtiger geworden, sie haben Teil an dem Großen, das Gott auf dieser Erde geschehen lässt. Das zu erkennen, ist für die Jünger schon eine gewaltige Sache. Zunächst haben sie ja denken müssen, es passiert nur das, was sie gerade mit Jesus Christus erleben. Es ist beschränkt auf diese Momente und Begegnungen. Wenn er aufhört so zu wirken, dann ist seine ganze Sache zuende. Mit dem Tod am Kreuz war das im Grunde besiegelt. Es war toll, aber es ist vorbei. Ostern zeigt ihnen: nichts ist zuende. Es musste so gehen und jetzt geht es erst richtig los. Aber anders als vielleicht erwartet: eben nicht einfach als Fortsetzung dessen, was vorher war.

Das, liebe Gemeinde, um es einmal ganz deutlich zu sagen, hätte uns auch nichts genutzt. Denn wenn Jesus so weiter gewirkt hätte wie vor Karfreitag, wäre es nie bei uns angekommen. Es sollte aber weitergehen – zeitlich und räumlich. Das Evangelium sollte alle Menschen erreichen, an jedem Ort dieser Erde zu jeder Zeit, die noch kommt. Jerusalem ist ja erst der Anfang. Aber durch diesen Anfang ist es schließlich auch hier bei uns in Pforzheim gelandet. Spitzen wir es zu: ohne Himmelfahrt gibt es kein Evangelium bei uns. Jesus musste sichtbar aus Jerusalem, aus Palästina verschwinden, damit er nun überall sein kann. Himmelfahrt öffnet den Himmel. Nicht bloß für Jesus Christus, der nun durch ist – sondern nach ihm für alle, die an ihm dranhängen, an ihn glauben.
Er führt – nach Betanien die Jünger; in den Himmel, auch die Jünger, aber eben nicht mehr nur die, sondern uns auch.
An die Stelle seiner leiblich-sichtbaren Gegenwart setzt er nun seinen Segen. Er segnet die, die ihn brauchen, die mit ihm leben wollen, die ohne ihn nicht leben können. Er geht – aber sein Segen bleibt. Nicht nur für ein paar Stunden oder Tage, sondern immer. Immer wieder wird er zugesagt und zugesprochen. Am Ende jedes Gottesdienstes, wenn der Pfarrer auch seine Hände aufhebt, dann hörst du für dich, dass du nicht allein aus dieser Kirche raus gehst. Er, der Herr selbst geht mit. Du siehst ihn nicht, aber doch ist er da, in deinem Leben und begleitet es. Du hörst es als Konfirmand, wenn du hier kniest, dir die Hände aufgelegt werden und du gesegnet wirst. Du gehst aus dem Unterricht, verantwortest dein Glaubensleben selbst, aber bleibst damit nicht allein. Der Herr geht mit, auch wenn du ihn nicht siehst. Wer zu kirchlichen Trauung hier her kommt, empfängt den Segen. Das gemeinsame Leben wird und bleibt spannend und unberechenbar. Aber er geht mit und begleitet Menschen in guten und in schweren Zeiten. Mit seinem Segen bleibt er unsichtbar aber ansprechbar. Auf den Segen darfst du dich berufen, darfst ihn erinnern, wenn du deutlich spürst, dass du ihn brauchst, aber nicht merkst, dass er da ist und hilft. So ging es den Jüngern in der Zeit, die nach Himmelfahrt kam. Das war spannend und unberechenbar. Sie trugen richtig Verantwortung, waren im Grunde völlig überfordert. Sie konnten das gar nicht leisten, was zu tun war. Aber es hat sich erwiesen, dass sie nicht allein waren. Der Segen hat sich gezeigt: Jesus Christus ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen. Und damit haben die Jünger das Entscheidende für christliche Gemeinde verstanden und gelebt: sie haben den Segen ihres Herrn empfangen und erlebt, dass er trägt; sie haben sich regelmäßig im Haus des Herrn versammelt, um zu beten – um also mit ihm im Gespräch zu bleiben – und sie haben Lob- und Danklieder gesungen. Sicher war es ein Abschied – aber anders als sonst: er blieb ihnen ja nahe. Und jetzt noch viel hilfreicher als vorher, denn er war ihnen jetzt auch dann nahe, wenn sie ihn nicht sahen oder hörten. Darum konnten sie sich freuen und haben sie sich gefreut. Ihnen – und allen Menschen, die ihm glauben, ist er nahe. Das ist ein Grund, aus dem Himmelfahrtstag keinen Vatertag mit Besäufnis zu machen, sondern ein Grund zur Freude. Im Tempel – und dann auch draußen in unserem täglichen Leben. Er ist da. Und wir sind hier, beten und singen Loblieder.

drucken