Freude in allem Leid

Liebe Gemeinde.

Der Sonntag Lätare nimmt in der langen Passionszeit eine besondere Stellung ein. Mitten in der Passionszeit, wird er das kleine Ostern genannt, ein Sonntag der Freude mitten in der Passionszeit also, so als ob mitten im Leid, Trost, mitten in Verzweiflung, Zuversicht in unser Leben käme. Und tatsächlich sind diese trostvollen Worte nicht in guter, schöner, sicherer Zeit geschrieben worden, sondern im babylonischen Exil, in der Gefangenschaft fern der Heimat.

Aber Trost in Leid zu bringen, und Hoffnung in Verzweiflung, liebe Gemeinde, das wissen wir, ist nicht einfach. Der unvergessliche Heinz Neger hat einmal gesungen: Heile, heile Gänschen, es wird bald wieder gut, Das Mäuschen hat ein Schwänzchen, es wird ja wieder gut. Heile, heile Mäusespeck, in hundert Jahr´ ist alles weg. Es mag lächerlich klingen, liebe Gemeinde, aber mir hat das als Kind geholfen. Nicht, wenn es Heinz Neger sang, aber wenn es mein Vater sang. Ich war vielleicht gestürzt, hatte eine schlechte Note nach Hause gebracht, habe mich vielleicht an einem Tag in der Schulklasse als Außenseiter gefühlt. Und dann lag ich da auf meinem Bett. Die Tränen liefen. Die Tür zu mir und meinem Zimmer war fest verschlossen. Und dann kam mein Vater, nahm mich in den Arm und sang. Heile, heile Gänschen, es wird bald wieder gut. Natürlich waren es nicht die Worte, sondern vielmehr die väterliche Nähe, die half, die Trost spendete, die einem das Gefühl gab, nicht alleine zu sein. Das Leben hielt schlimmere Schicksalsschläge bereit, als das aufgeschlagene Knie oder das zertrümmerte Spielzeug und mit Heile, heile Gänschen war es dann nicht mehr getan. Aber ich denke, als der sogenannte dritte Jesaja im Namen Gottes, das Volk in der Gefangenschaft tröstete, da waren es auch nicht allein die Worte, die wir eben hörten und noch einmal hören wollen, sondern die Nähe und die Liebe zum Volk, die aus diesen Worten sprechen.

Ich habe dich nur einen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Ich halte es nun wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser nie mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich auch dir geschworen, nie mehr über dich zu zürnen und dich nicht mehr zu schelten. Denn es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Wie mögen diese Worte auf das gefangene Volk gewirkt haben, die schon lange im Exil waren, dass die Erinnerungen immer mehr verblassten? Wir wissen ja selbst. Worte allein trösten und helfen recht wenig, ja manchmal geht es mir so, dass viel zu schnell Worte des Trostes gesprochen werden, dass viel zu wenig darauf eingegangen wird, wie sehr ein Mensch auch leidet, wie sehr ein Mensch auch schwer trägt an mancher Last des Lebens, wie sehr ein Mensch immer wieder Schmerz aus längst erlittenen, scheinbar nie richtig heilenden Wunden empfinden kann. Wie viele Menschen habe ich in Ranstadt getroffen, für die der Schmerz oder die Trauer ein halbes Leben lang schon dauert?

Mit Kopf hoch, das Leben geht weiter! Es muss ja weitergehen! Es wird schon wieder werden! Lass dich nicht unterkriegen!, oder mit ähnlichem ist oft wenig getan. Die Zeit heilt viele Wunden sagt man, aber viele von ihnen wissen es besser. Die Zeit vermag einiges, sie lässt vieles in den Hintergrund treten und manches auch vergessen, nur eines vermag sie ganz bestimmt nicht: Die Wunden zu heilen. Leid und Trauer, liebe Gemeinde, können Orte größter Gottverlassenheit sein, aber auch Begegnungsstätten des lebendigen Gottes. Jesaja scheint beides zu kennen. Die Gottverlassenheit genauso, wie die fast schon spürbare und ganz sicher erlebbare Nähe des lebendigen Gottes. Ich habe dich nur einen Augenblick verlassen, schreibt er im Namen Gottes und wir mögen dazwischenrufen: Nur einen Augenblick? Mir kam es länger vor, fast wie eine Ewigkeit.

Ich habe nur einen Augenblick mein Angesicht vor dir verborgen. Ach Gott es kam und länger vor, dass wir dich nicht sehen konnten, dass uns das Lied, den Blick auf dich verstellte. Ja, so mögen wir denken und das mit recht, liebe Gemeinde, Wir wollen aber auch immer die Sätze zu Ende hören. ….aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich wieder sammeln,…. aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.. Wenn einer von uns, liebe Gemeinde, heute in den Gottesdienst gekommen ist, um Trost zu suchen, dann lassen sie bitte erst den Zweifel zu. Ja, es gibt ihn, den verborgenen Gott, den Gott, den ich nicht mehr sehen, an den ich nicht mehr glauben kann. Wer von uns wollte das ernsthaft in Frage stellen. Aber dann beginnen Sie bitte auch Spuren der Bewahrung Gottes in ihrem Leben zu suchen. Gottverlassenheit und Gottesnähe gehören ja zusammen. Wie sollte ich die Ferne Gottes so schmerzhaft spüren, wenn ich nicht schon die Nähe Gottes erlebt hätte?

Die ältere Generation teilt zum Beispiel die gemeinsame Erfahrung des Krieges, aber sie teilt auch die gemeinsame Erfahrung der Bewahrung. Das Grauen hat ein Ende gefunden. Wir haben es überlebt, wir sind bewahrt geblieben. Die junge Generation hat solche gemeinsamen Erfahrungen der Bewahrung nicht mehr. Vielleicht tut sie sich deswegen auch manchmal so schwer mit dem Trösten und dem Getröstet werden. Die Vereinzelung der Menschen, dieser unaufhaltsame Trend alle Probleme allein lösen zu wollen, alleine durchs Leben zu gehen, aber dann auch eben alleine durchs Leben gehen zu müssen, dieser Trend, den die Soziologen Individualisierungsschub nennen, macht Menschen immer mehr einsam. Und das scheint das wirkliche Problem manch trostloser Situation zu sein, denn Trost, ich meine wirklichen Trost, davon bin ich überzeugt, den kann es nur in einer echten Gemeinschaft geben, in der ein Gefühl der Nähe und der Geborgenheit gewachsen ist. Niemand, wirklich niemand, kann sich selbst trösten.

Letztlich, liebe Gemeinde, ist die Kirche kein Selbstzweck, sondern der äußere Rahmen für die lebendige Gemeinschaft, die in ihr wachsen und Menschen Trost und halt geben soll. Hinter manchen Erfahrungen leidvoller Wirklichkeit, steht doch das hervorgehobene "Aber" des christlichen Glauben und der Gegenwart Gottes. Es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen. Ja so mag es einem gehen, wenn die Welt über einem zusammengestürzt ist und wenn man den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Ja, es mögen hin und wieder im Leben Hügel und Berge und ganze Lebenslandschaften niederfallen, aber – aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen. Gott weiß um die Erfahrungen der Gottesferne, die Menschen machen. Er wusste, wie sich das Volk Israel im Exil fühlte, er weiß auch, wie wir uns fühlen, wenn alles zusammenbricht. Jesus hat es doch selbst laut ausgerufen am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Und hat dann doch die Erfahrung gemacht, dass Gott stärker, durch die Macht der Liebe ist, als selbst der Tod. Selbst im Tod war Jesus nicht allein. Er ist auferstanden von den Toten. Seitdem dürfen wir wissen und es zuversichtlich glauben, liebe Gemeinde: Es gibt kein Dunkel, in dem das licht Gottes nicht doch sichtbar wird. Am ehesten freilich dann, wenn wir uns als gelebte Gemeinschaft nicht im Leid und in der Trauer alleine lassen.

In einer lebendigen Gemeinschaft, und nur dort, können wir trösten und können wir getröstet werden, in einer lebendigen Gemeinschaft die sich an Gottes Wort festhält: Es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und mein Bund des Friedens soll nicht hinfallen. Ich denke, liebe Gemeinde, das ist die Botschaft von Lätare, diesem kleinen Ostern in der Passionszeit, dass Gott bei uns ist, dass er uns nicht allein lässt, dass er seinen Bund mit uns Menschen hält. Und darum darf in ihm Freude in allem Leide sein.

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