Freitod und Erlösung

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Schreckensnachrichten hören wir fast jeden Tag. Düstere Voraussagen vom Arbeitsmarkt oder vom Zustand unserer öffentlichen Kassen, üble Prophezeiungen aus Krisenregionen oder über die Belastungen unserer Umwelt bestürmen uns manchmal wie eine Hochflut hier an der Küste. Und heute müssen wir uns sogar im Gottesdienst furchteinflößende Zukunftsvisionen anhören, noch dazu von Jesus: Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden werden die Völker voller Angst sein, sie werden ihre Ohnmacht spüren vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden verzweifeln, „ihr Leben aushauchen“, heißt es hier wörtlich („apopsycho“ ist einmalig im NT), und sterben vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

Als Jesus damals seinen Zuhörerinnen und Zuhörern diese Schreckensbilder malte, überstieg das die Vorstellungskraft seiner Zeitgenossen. Bei Sonne, Mond und Sternen hatten sie andere Vorstellungen als wir heute. Jesu Worte vom Brausen des Meeres lösten damals andere Gedanken aus als bei Menschen, die vom Anstieg des Meeresspiegels auf der Erde oder von einer Ölpest betroffen sind. Es gab noch keine Atombomben, keine gewaltigen Überflutungen, keine Massentötungen von Nutztieren, die z.B. in England – das wissen unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Notfallseelsorge -, auch den Freitod des verzweifelten Landwirts zur Folge hatten.

Doch Jesus hat diese Bilder nicht gezeichnet, um uns Angst zu machen. Uns heutigen Zeitgenossen kann ich auch nicht die Frage beantworten, ob diese Zeichen der Zeit jetzt eingetroffen sind? Das bleibt sozusagen Chefsache! Es gab schon schlimmere Zeiten. Was ich höre ist dies: Jesus beschreibt die notwendigen Zeichen der Erlösungszeit, die Voraussetzungen für die vollkommene Erlösung. „Wenn ihr diese erschütternden Erfahrungen macht und diese Zeichen seht, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil eure Erlösung naht.“ Was meint Jesus mit Erlösung? Erlösung ist ein schillerndes, vieldeutiges Wort.

Erlösung meinte damals gewiss die umfassende, politische Erlösung von den römischen Besatzern und vom Terrorismus, die finanzielle Erlösung von Schuldknechtschaft, ein unabhängiges, sorgenfreies, gesundes Leben, ein Leben im Schalom, ein Leben im inneren Frieden, im äußeren Frieden mit den Menschen und den Geschöpfen dieser Erde.

Erlösung: Ein Mann, 86 Jahre alt, seit drei Jahren bettlägerig. Seine Familie gibt alles an Kraft und Geduld, an Zuwendung und sorgfältiger Pflege. Trotzdem hinterlässt die lange Pflege Spuren, erschreckende Zeichen der Belastung und des Schmerzes bei allen Beteiligten. „Wie kann Gott das zulassen? Warum dieses lange Leiden? Wann ist er endlich erlöst?“ – „Es wird schon alles einen Sinn haben,“ entgegnet die Krankenschwester mutig, sozusagen mit erhobenem Haupt. Erlösung ist hier ein Geschenk wie am Christfest, eine Gnade: Wenn die Kraft zu Ende geht, ist Erlösung Gnade.

Erlösung: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden!“ hält der 126. Psalm uralte jüdische Erfahrungen fest: die traumatischen Erfahrungen der Vertreibung der Juden nach Babylon, das Leben im Exil, aber auch die gar nicht so weit zurückliegenden Erfahrungen der Menschen in den Konzentrations- oder Kriegsgefangenen-Lagern. Die Gefangenen warteten und überlebten innerlich erhobenen Hauptes, weil sie warteten. Advent – Warten auf die Ankunft des Erlösers. Erlösung ist Befreiung aus dem Trauma aller Gefangenschaft.

Erlösung: Ein Schriftsteller und Liederdichter notiert in sein Tagebuch: „In der Innenstadt scheint eine wahre vorweihnachtliche Einkaufswut zu herrschen. Potsdamer Platz und Kurfürstendamm brechen unter dem Verkehr fast zusammen. Aus den Lautsprechern Schlagermusik. Kinowerbung für den "Tiger von Eschnapur", Hans Albers- und Heinz Rühmann-Filme. "700 Jahre Berlin" werden gefeiert.“ Der Tagebucheintrag klingt aktuell, doch er ist 65 Jahre alt.

Für Jochen Klepper ist das Jahr 1937 ein zwiespältiges Jahr. Zunächst hat er Erfolg mit seinem Roman mit dem Titel "Der Vater. Roman eines Königs" über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Zur Weihnachtszeit geht das Buch schlecht. Die Reichsschrifttumskammer hatte ihn ausgeschlossen. Denn in jenem Jahr war Deutschland stolz darauf, 30.000 Jüdinnen und Juden aus dem Kulturleben ausgeschieden zu haben. Doch in der Familie des Pfarrerssohns Jochen Klepper beginnt eine entgegengesetzte Entwicklung – sie hatte mit ihm wegen seiner Ehe mit der Jüdin Hanni Stein zunächst gebrochen. Jetzt, nach dem Tod des Vaters, nähert man sich einander wieder an. Vielleicht ist es gerade die Zwiespältigkeit des Jahres 1937, die Klepper so viele Kirchenlieder dichten lässt. Zwiespältig dieses Jahr wie die Eindrücke in der Großstadt: Vom Potsdamer Platz ins Westend, wo die Kleppers ganz in der Nähe jener Villa am Wannsee wohnen, in der die Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde. Die Kleppers halten dagegen, schmücken ihr Haus adventlich. Diese Idylle wird Klepper zum Sinnbild, zum Hinweis auf eine tiefere Geborgenheit, das Aufgehobensein bei Gott. Die Verse des Römerbriefs (Kap. 13,12), die er umdichtet, – Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. – zeigen, dass auch er um die Gefahr der Nacht weiß- einer Nacht, die das Leben verschlingt, die viel, zu viel Zeit zum Grübeln und Weinen lässt.

Jochen Klepper wäre am 22. März 2003 100 Jahre alt geworden. Anlass für ein Gedenken seines schweren Lebens, das verzweifelt, aber vertrauensvoll endet. Die Deportation seiner Frau und deren Tochter in den Osten vor Augen, womöglich in die Vernichtungskammern, öffnen Kleppers den Gashahn des Küchenherdes. Die Haushälterin findet die drei Toten am Morgen, an der Küchentür ein Schild "Vorsicht Gas!". Eine Adressenliste für die Todesanzeigen war schon zuvor – für den Fall der Fälle – der Schwester übergeben worden. Er trägt gut vorbereitet als letzten Eintrag in sein Tagebuch am 10. Dez. 1942, vor fast genau 60 Jahren, ein: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In diesem Anblick endet unser Leben!“

Für Jochen Klepper und seine Familie war der Freitod eine letzte Verzweiflungstat, eine letzte Handlung, die zur Erlösung von einem Krieg gegen ihn und die Seinen führen sollte. Gottes Liebe ist ihnen sicher. Und mir macht sein letzter Tagebucheintrag Mut, allen Verzweifelten, die mit dem Leben ringen, zu sagen: Haltet euer Haupt weiter erhoben. Denn das erhobene Haupt ist das Zeichen der Christen, das Zeichen derer, die auf Christus warten, die sein Ringen um uns spüren und nicht in den Freitod flüchten wollen. Ihnen allen, die meschugge werden angesichts ihrer eigenen schrecklichen Lebensumstände sei Kleppers Wort etwas abgeändert gesagt: „Seht auf, erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Seht auf den segnenden Christus, der um euch ringt. In diesem Anblick wartet ihm entgegen, der in euch und mit euch ringt!“

Advent ist Bußzeit, Zeit zur Umkehr, Zeit, die erschütternden Zeichen der Zeit zu erkennen, die grellen Weihnachtslichter dieser Welt zu unterscheiden von dem Licht, das auf uns zu kommt, dem Licht, dem wir entgegenwarten: dem Kind in der Krippe.

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