Freiheitsentzug

Liebe Gemeinde,

es gibt in der Bibel eine Fülle von Menschenschicksalen. Es wird berichtet über glückliche Menschen, die ein erfülltes leben hatten. Daneben wird aber auch von tragischen Lebensabläufen erzählt. Menschen, deren Leben scheinbar nur aus einer nie enden wollenden Reihe von Unglücken bestand. Hiob fällt uns da sofort ein. Zu diesen verzweifelten Menschen gehörte Zeit seines Lebens aber auch der Prophet Jeremia.

Geboren wurde er im Jahre 625 vor Christus als Sohn einer angesehenen Priesterfamilie. Die Familie war reich und eigentlich lag eine rosige Zukunft vor dem jungen Jeremia. Aber die zeit, in der Jeremia aufwuchs, war keine rosige Zeit. Es war eine Zeit voller innerer Wirren. Das, was das Volk Jeremias eigentlich im Inneren zusammenhalten sollte, der Glaube an den einen Gott ihrer Väter und Mütter, war zerbrochen. Die Menschen wandten sich fremden Kulten, Scharlatanen, leichteren, sichtbareren Göttern zu. Sie brachen mit ihrem Gott. Dass sie damit an den Grundfesten ihres eigenen Lebens sägten, war den Menschen damals nicht klar.

Kein Mensch kann die Wurzel seines Seins, den Glauben an Gott, zerstören, ohne Schaden davonzutragen. Mitten in dieser unruhigen Zeit ändert sich das so angenehme Leben Jeremias. Er ist gerade 25 Jahre alt, als Gott ihn anspricht:

[TEXT]

Jeremia erfährt etwas von sich, mit dem er nie gerechnet hätte. Gott hat ihn ausersehen. Gott hat ihn ausgesondert von den anderen Menschen schon von Mutterleibe an. Jeremia erfährt, dass er zeit seines Lebens etwas besonderes gewesen ist; obwohl er es nicht wusste. Oder vielleicht war es auch ganz gut so. Eben war er noch ein ganz normaler junger Mann und jetzt ist er ein Prophet. Zu all dem kommt noch: Ein Unheilsprophet, der das Volk zur Umkehr aufrufen soll. Jeremia weiß: Wenn er als Prophet vor seine Familie, seine Freunde, seine Mitmenschen tritt, werden alle ihn schneiden und alleine lassen. Er wird ins Abseits gedrängt, als Vaterlandsverräter beschimpft und wahrscheinlich eingesperrt werden. Das weiß Jeremia im Voraus. Und genauso ist es dann auch in seinem leben: Einsam, verfolgt, verhöhnt, gefangen.

Jeremias leidvolles Leben gipfelt in einem Satz: ‚Weh mir, meine Mutter, dass du mich geboren hast, gegen den jeder hadert und streitet im ganzen lande.‘ (Jer. 15,10a)

Als Gott Jeremia beruft, zerbricht seine alte Welt. Einen Einwand wagt er noch und sagt: ‚Ich bin zu jung.‘ Aber diesen Einwand weist Gott ab. Kurz und bündig.

Mir geht es nicht gut bei dieser Geschichte. Ich finde, dass Jeremia von Gott als Werkzeug gebraucht wird. Er, der sich seinen Platz im Leben lieber selbst ausgesucht hätte, wird von Gott da festgehalten, wo Gott ihn haben möchte. Dass Gott zu ihm auch gesagt hat: ‚Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.‘, das wird zugedeckt von all dem Freiheitsentzug, der hier einem Menschen angetan wird. Aber dennoch sollten wir diesen Satz im Hinterkopf behalten.

Eine Frage an Sie: Möchten Sie Jeremia sein? Mit ihm tauschen? – nein! Und warum nicht? Sie werden sagen, Jeremia muss hören, dass sein Leben von einem anderen gelenkt wird. Dass er eine Marionette ist. Nicht das, was er denkt, was er will, ist wichtig, sondern das, was der andere – Gott – will und denkt. Nicht Liebe, Frau, Kinder und Glück erwarten ihn, sondern Einsamkeit, Gefangenschaft und Hass. Solch ein Leben wollen wir nicht leben. Solch ein Leben steht unserer Suche nach einem selbstbestimmten Leben, nach Selbstverwirklichung, so entgegen wie nichts.

Ehrlich: All das macht mir erst einmal Angst. Angst, von Gott – wie Jeremia – scheinbar als Werkzeug benutzt zu werden.

Aber das allein ist es nicht, was Angst in mir, in uns auslöst. Da ist noch mehr: Jeremia hatte damals auch Angst davor, Kritik und Widerstand üben zu müssen. Gericht anzusagen heißt das theologisch. Übersetzt meint es: Den Menschen auf den Kopf hin zu sagen, was sie falsch gemacht haben. Und ihre Antworten anzuhören und auszuhalten. Verantwortung zu übernehmen meint das. Ja, auch heute kann das – leider – schon Ängste produzieren, das Verantwortung übernehmen. Denn es ist doch klar. Die Privatsphäre, der Rückzug ins Haus, wird stärker. Verantwortung will keiner mehr übernehmen. Leider.

Jeremia hatte damals keine Wahl. Vielleicht auch gut. Jeremia musste damit fertig werden, dass Gott ihn ohne sein Ja ausgewählt hat. Er musste damit fertig werden, Verantwortung zu übernehmen, sich auch unschönen Situationen zu stellen. Obwohl er es nicht wollte.

Nein, das lässt mich nicht los. Ist Gott nicht doch unerträglich autoritär im Umgang mit Jeremia? Lassen Sie uns diese provokante Frage am Ende noch einmal ansehen. Es ist richtig, dass Gott das letzte Wort behält. Aber wie ist es denn bei uns? Es gibt doch in meiner Ehe oder Partnerschaft, in Freundschaft oder auch in der Politik Anlässe, die nicht ausdiskutiert und im Sinne eines Kompromisses ausgehandelt werden können. Wo einer das letzte Wort behalten muss. So ist unser Leben nun einmal. Ohne rosa Brille. Ob ich beziehungsfähig bin oder nicht, entscheidet sich ganz wesentlich daran, ob ich die letzte Sicherheit immer selbst herstellen muss, oder ob ich sie mir – wie Jeremia – auch von anderen schenken lassen kann.

Dass Gott das letzte Wort hat, macht ihn nicht autoritär. Er hat darüber hinaus ja auch das erste Wort. Er hat Jeremia, hat uns erwählt. Jeremia ist nicht davongelaufen. Er hat den Satz nicht vergessen: ‚Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten.‘ Gott selbst sagt das. Ich vertraue Gott. Und dabei wird mir dann auf einmal der Begriff der Freiheit gar nicht mehr so wichtig. Jeremia war nicht so frei, wie er das gerne gehabt hätte. Wir Menschen möchten freie Menschen sein – so geht es mir im Kopf herum. Aber stürzen wir uns und andere nicht oft in Unfreiheit, wenn wir den freien Willen des Menschen beschwören. Mit guten Vorsätzen aus freiem Willen ist bekanntlich der Weg zur Hölle gepflastert. Wirklich frei sind wir Christen nur, wenn wir glauben, dass wir uns nicht selbst gehören, sondern Eigentum Gottes sind. Er meint es gut mit uns. Wenn wir das glauben, können wir uns – wie Jeremia – auch den dunklen Wegen unseres Lebens stellen und sie frei durchschreiten.

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