Frau Meier, die Amsel

Liebe Gemeinde,

wir alle wünschen uns Sicherheit. Wir schließen Versicherungen ab. Wir kaufen Autos mit einer guten Knautschzone. Wir sparen für Notfälle. Wir richten die Wohnung so ein, dass es möglichst keine Unfälle gibt. Wir Deutschen sind besonders ängstlich und die Ängste haben in letzter Zeit zugenommen. Wir wünschen uns Sicherheit.

Unser Predigttext sagt dazu: Sorget nicht. Sebastian Fröhlich hat ihn gerade als Evangelium gelesen. Jesu ermutigt uns: Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.

Jesus sagt uns also: Du wünschst dir Sicherheit – aber eigentlich solltest du gar nicht nach Sicherheit suchen. Du solltest dich gar nicht sorgen. Geh aus der Angst heraus. Erlaube dir ein großes Vertrauen. Lebe wie ein Kind, für das der himmlische Vater sorgt.

Aber es ist noch viel mehr, wozu Jesus uns einlädt. Wir sollen uns überhaupt keine Sorgen machen. Wir sollen uns fühlen wie Königskinder. Unser Vater, der himmlische Vater ist mächtig und er sorgt für uns. Er liebt uns. Er weiß, was gut für uns ist. Und er gibt uns, was wir brauchen.

Wir würden Jesu Einladung falsch verstehen, wenn wir ein Gesetz daraus machen würden. Dann würde Jesus uns sagen: Vergiss die Angst und vertraue Gott. Und immer dann, wenn in mir die Angst wirkt – und sie wirkt in uns allen, ob wir nun ängstliche Typen oder eher sorglose Typen sind – immer dann, wenn die Angst in mir wirkt, verstoße ich gegen Jesu Gebot: Sorge nicht.

Es gibt besonders fromme Menschen, die geben ihren sicheren Beruf auf, um einen besonderen Auftrag Gottes zu erfüllen. Das kann der Weg für einzelne sein. Aber wenn jemand von Ihnen verlangt, im Namen des Glaubens Ihre Sicherheit aufzugeben, dann klingt daraus nicht die Stimme Jesu. Denn Jesus spricht zu uns wie ein Freund, der uns ermutigt und neue Möglichkeiten zeigt. Er geht mit uns unseren Weg. Dieser Weg Gottes für uns wird nicht alle Schwierigkeiten umgehen. Aber Jesus versteht uns und geht vorsichtig, einfühlsam und achtsam mit uns um. Wie ein guter Hirte bewahrt er uns vor Gefahren, die zu schwierig sind. Er uns die Ruhezeiten, die wir brauchen. Er sorgt dafür, dass wir Aufgaben haben, aber dass wir sie auch lösen können. Er mutet uns auch Stress zu, aber guten Stress, der uns trainiert und stark macht. Er ist immer da, wenn wir ihn brauchen. Im Gebet und in der Stille können wir ihn erreichen. Wir müssen nicht lange warten, bis wir die Sprechstunde bei dem guten Psychologen bekommen, sondern wir haben freien Zugang zu dem guten Freund Jesus, der uns versteht und der uns begleitet.

Jesus ermutigt uns: Sorget nicht. Und in diese Sorglosigkeit des Glaubens hineinzuwachsen, ist unsere lebenslange Aufgabe. Gott will einen Weg mit uns gehen, auf dem wir unsere Ängste beherrschen lernen, damit unsere Ängste nicht mehr uns beherrschen. Das ist das Ziel, aber auf dem Weg dahin passiert es bei uns allen immer wieder, dass meine Angst mich beherrscht und nicht ich meine Angst.

Ich möchte nun die Ermutigung Jesu „Sorget nicht, denn euer himmlischer Vater sorgt für euch“ in Bilder übersetzen, die wir mitnehmen können. Ich gehe dabei das Bilderbuch „Frau Meier, die Amsel“ von Wolf Erlbruch entlang.

Frau Meier macht sich dauernd Sorgen: der Knopf könnte abfallen. Im Kuchen könnten nicht genug Rosinen sein. Die Haare auf dem Kopf von Herrn Meier stehen so merkwürdig in die Höhe. Eine Flugzeug könnte in ihren Garten stürzen. Ein Bus könnte in den Garten stürzen. Die Angst ist wie eine schwarze dunkle Wolke, die sie überall hin begleitet. Wenn Frau Meier sich Sorgen macht, dass die Sonne nicht mehr aufgeht, dann wird alles dunkel. Dann geschieht etwas. Frau Meier findet eine kleines nacktes Etwas im Garten und füttert es, bei Tag und bei Nacht. Aus der dauernden Sorge wird Fürsorge. Ihre anderen Sorgen vergisst Frau Meier. Das kleine, nackte Etwas entpuppt sich nach 2 Wochen als Amsel und erhält den Namen Piepchen. Nun muss sie als gute Vogelmutter der Amsel fliegen beibringen. Sie klettert auf den Baum und macht der Amsel die Flugbewegungen vor. Und dann, dann fliegt Frau Meier und die Amsel hinterher. Sie fliegen bis zur Kuhwiese und wieder zurück und am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück zum Morgenflug. Frau Meier hat sich selbst vergessen und ist ein wenig wie die Amsel geworden, die sie liebt und für die sie sorgt. Das Buch heißt mit Recht nicht „Frau Meier und die Amsel“, sondern „Frau Meier, die Amsel“. In der Liebe und Fürsorge hat Frau Meier ihre Sorgen vergessen. Sie hat ihre Sorgen hintan gestellt.

Genau dazu lädt Jesus uns ein. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen, alles was ihr braucht, essen und trinken und Kleidung.“ Dieses kleine, nackte Etwas, das Frau Meier im Garten findet und das so gut wächst, weil sie es Tag und Nacht füttert, ist ein wunderschönes Bild für das, was Jesus mit dem Reich Gottes meint.

Reich Gottes, das ist die Möglichkeit zu Frieden und Gerechtigkeit. Jetzt, mithilfe dieses Kinderbuchs, verstehen wir auch klarer, was Jesus mit dem Sorgen meint. Er ermutigt uns, nicht zu verkrampfen vor lauter Sorge. Er ermutigt uns, die Möglichkeiten, die in uns stecken, zu verwirklichen. Denn wenn viele Menschen ihre Menschlichkeit entwickeln, dann wird unsere ganze Umwelt menschlicher. Wenn mehr Menschen in Deutschland den Ruf Jesu „Sorget nicht“ sich zu Herzen nehmen würden, dann könnten wir auch mit Wirtschaftskrise und Reformen angstfreier und unverkrampfter umgehen. Weniger vom Neid und mehr von Vertrauen und Hoffnung geprägt.

Wir wollen heute die beiden Kirchenvorsteherinnen Margit Buxbaum-Elstner und Erika Emrich in ihr Amt einführen. Deshalb will ich die Frage des Vertrauens, das meine Sorgen eingrenzt, am Beispiel des Kirchenvorstandes zu beantworten versuchen. Wir hören gerade von starken Einbrüchen bei den Einnahmen unserer Landeskirche. Am Samstag war eine Sondersynode, weil im Haushalt 35 Millionen Euro fehlen und wir ja nicht dauerhaft aus den Rücklagen leben können. Davon werden wir vor Ort sicher nicht unberührt bleiben, v.a. wenn wir auf Renovierungen länger warten müssen.

Wir haben einigen Grund, uns Sorgen zu machen über den Zustand der Evangelischen Kirche und die Fähigkeit in unserer Gesellschaft, das Vertrauen zu leben, zu dem Jesus uns ermutigt und das er uns vorgelebt hat. Und wir müssen uns in den nächsten 6 Jahren verantwortungsvoll und phantasievoll überlegen, was wir tun können, ob Glaube, Hoffnung und Liebe in Messel zu stärken. Wir wollen Engagement, Liebe und Fürsorge einbringen, so wie Frau Meier in dieser Geschichte hier gegenüber der Amsel.

Aber bei aller Fürsorge gibt es dann auch den Punkt, wo wir fliegen können. Wir können nur tun, was in unserer Macht steht. Und dann ist Vertrauen angesagt, ein Vertrauen, das Berge versetzen kann. Dieses Vertrauen haben wir nicht, es kann uns nur geschenkt werden. Das Wunderbare ist: es wird uns geschenkt. Wir alle haben diese Erfahrung gemacht: wo wir uns als Kinder in die Arme Gottes legen, sorgt Gott für uns wie ein Vater, tröstet Gott uns wie eine Mutter.

Ich wünsche uns diese Erfahrung: wir können unsere Grenzen überschreiten, weil Gott mit uns geht. Wir können gemeinsam als Gemeinde mehr als die Einzelnen allein tun könnten. Manchmal geschieht etwas wie ein Wunder und es fließen Dinge zusammen. In einem Gespräch gehen wir aufeinander ein und es entstehen tolle Ideen und die Fähigkeiten der Einzelnen ergänzen sich. Wir reden über Schwierigkeiten, und weil wir die Erfahrungen teilen, wird die Last leichter. Wir verlieren Fähigkeiten und geliebte Menschen, aber in der Trauer deuten sich neue Möglichkeiten an, auf die wir zugehen können. Wir tragen Kränkungen und Verletzungen mit uns, die lange her sind, aber es gibt Zuwendung, Freundlichkeit und Angenommenwerden, und die Heilung beginnt.

Liebe Gemeinde, vielleicht verlieren die beiden großen Kirchen in den kommenden Jahrzehnten in Deutschland die Mehrheit. Wir müssen als Kirche vermutlich einiges aufgeben, weil wir es uns nicht mehr leisten können. Aber ich bin sicher: der christliche Glaube wird immer Menschen ermutigen, die Sorgen zu lassen und das Vertrauen zu wagen und den Weg Jesu mitzugehen. Das wollen wir hier in Messel gemeinsam immer wieder ausprobieren. Dazu helfe uns der Gott, der uns als seine Kinder annimmt und für uns sorgt.

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