Fischaufkleber

Liebe Gemeinde,

wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, im Stadtverkehr oder auf der Autobahn, macht es mir immer Spaß, auf die Aufkleber zu achten, die der Fahrer oder die Fahrerin vor mir aufs Auto geklebt hat. Besonders in der Reisezeit jetzt im Sommer gibt es da eine Menge zu sehen: Aufkleber von Urlaubszielen, Freizeitparks, Vereinen, lustige Sprüche und auch welche, die ich geschmacklos finde. Wenn ein Fisch auf dem Auto vor mir klebt, werde ich besonders aufmerksam, denn dann kann ich davon ausgehen, dass dieses Auto von Christen gelenkt wird. Der Fisch ist ja seit den Anfängen der Christenheit ein Symbol, an dem sich Christen untereinander als Christen erkennen können. Heute ist er besonders unter den eher evangelikal oder freikirchlich geprägten Christen beliebt und in vielen verschiedenen Ausführungen erhältlich. Ich muss zugeben, dass ich bei einem solchem Auto dann auch immer genau gucke, wer drinnen sitzt. Wie sehen die aus? Sind es in Anführungszeichen "normale Leute" oder sieht man gleich, dass es freikirchliche Christen sind, die meiner Klischeevorstellung entsprechen? Vielleicht eine Familie mit ganz vielen Kindern, die bestimmt alle biblische Namen haben? Ich habe Spaß an solchen Beobachtungen, aber immer wieder merke ich auch, dass es nicht funktioniert, Menschen und Christen in solche Schubladen zu stecken. Die meisten Menschen mit einem Fisch auf dem Auto sehen mir ziemlich ähnlich und es sind dann bestimmt nicht jedes Mal Leute, die sich von "echten" Christen ein Auto ausgeliehen haben. Und ich selbst bin ja auch Christin, habe aber keinen Fisch auf dem Auto. Wenn also die Fische auf der Heckklappe nur teilweise weiterhelfen können, stelle ich mir die Frage: Woran sind Christen als Christen zu erkennen?

Diese Frage ist eine ganz zeitlose Frage, nur die Antworten fallen zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich aus. Der Apostel Paulus hat versucht sie zu beantworten, als er das erste Mal überhaupt einen Brief an eine Gemeinde geschrieben hat. An die Christen in Thessalonich schreibt er, an eine junge Gemeinde. Erst 20 Jahre sind vergangen, seit Jesus von Nazareth gekreuzigt und auferweckt wurde, vielleicht seit 10 Jahren gibt es die Gemeinde. An diese Menschen schreibt Paulus: Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Daran sollen Christen zu erkennen sein, an ihrem Miteinander. Hilfe, gute Ratschläge für die "Unordentlichen", die ihr Leben nicht so in den Griff bekommen, wie es wünschenswert wäre. Trost für die, die am Leben verzagen, die vor den großen Herausforderungen ihres Lebens den Mut verlieren. Halt für die Schwachen, für die, die aus der Gesellschaft der Starken und Erfolgreichen herausfallen. Geduld mit allen, auch mit denen, die mir auf die Nerven gehen. Und natürlich niemals Böses mit Bösem vergelten. Nicht zurückschlagen, sondern die andere Wange hinhalten. Sich nicht vom Bösen überwinden lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden. Zu der Zeit, als Paulus an die Thessalonicher schreibt, ist das etwas ganz besonderes. Viele Menschen fühlen sich angezogen von dem Lebensstil der christlichen Gemeinschaft, von der Nächstenliebe, der Offenheit und Demut, die in ihr herrscht. An einem Tisch versammeln sich Männer und Frauen, Arme und Reiche, Freie und Sklaven. Das gibt es nirgendwo sonst, da möchte man dazu gehören. Auch heute noch, 2000 Jahre später, wirkt eine solche Gemeinschaft anziehend. Aber ich glaube, vieles von dem was ursprünglich christliche Eigenart war, ist uns im Laufe der Jahrhunderte, die seitdem vergangen sind, in Fleisch und Blut übergegangen. Fürsorge für die Schwachen, Nächstenliebe und Gewaltverzicht sind christliche Werte, die sich mehr und mehr in allgemein-menschliche Werte verwandelt haben. Dass sie anzustreben sind, steht in unserem Land und in vielen anderen Ländern außer Frage. Dass sie an vielen Orten fehlten und noch fehlen, ist eine Tatsache, aber eben nicht nur Christen kümmern sich um die Verwirklichung dieser menschlichen Grundwerte. Nur an ihrem ethischen Verhalten kann man die Christen heute, 2000 Jahre nach Paulus, genauso schwer erkennen wie an den Fisch-Aufklebern auf der Heckklappe. Was früher besonders war, ist heute selbstverständlich.

Doch Paulus wäre nicht der Apostel der Völker und der Zeiten, wenn er nicht auch etwas schreiben würde, was auch 2000 Jahre nach ihm noch Gültigkeit hat. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Daran sollen Christen zu erkennen sein, an ihrer Freude und an ihrer Dankbarkeit. Ich glaube, für diese Hinweise des Paulus gilt genau das Gegenteil von dem, was ich über die ersten Ermahnungen gesagt habe. Was früher selbstverständlich war, ist heute besonders. In Thessalonich steht den Menschen das Wunder der Auferweckung Jesu, sein Sieg über den Tod unmittelbar vor Augen, so vor Augen, dass sie von Herzen fröhlich und dankbar sein können. Sie brauchen nicht traurig zu sein, wie die, die keine Hoffnung über den Tod hinaus haben. Das, was an Jesus Christus geschehen ist, wird auch an ihnen geschehen und das macht sie fröhlich und dankbar. Paulus braucht sie eigentlich gar nicht dazu aufzufordern, er könnte auch einfach beschreiben, was er an ihnen, an diesen jungen Christen beobachtet hat: Ihr seid allezeit fröhlich, ihr betet ohne Unterlass, ihr seid dankbar in allen Dingen. Aber uns, die wir lange nach Paulus Christen sind, uns tut es gut, zur Freude und zur Dankbarkeit aufgefordert zu werden. Nicht umsonst ist in unserer reformierten Bekenntnisschrift, dem Heidelberger Katechismus, der dritte Hauptteil der Dankbarkeit gewidmet, denn sie scheint nicht etwas Selbstverständliches, sondern etwas Besonderes zu sein. Im Heidelberger Katechismus werden als äußeres Zeichen der Dankbarkeit zuerst die guten Werke genannt, die entstehen, wenn wir uns in unserem Miteinander an die Zehn Gebote als Gottes gute Weisung für unser Leben halten. Aber auch für die Zehn Gebote gilt dasselbe, was ich über die ersten Ermahnungen des Paulus gesagt habe. Was früher besonders war, ist heute selbstverständlich. Auch die Zehn Gebote sind in dem Teil, der das Miteinander der Menschen regeln soll, mindestens in der westlichen Welt längst menschliches Allgemeingut geworden. Und die guten Werke, die aus ihnen entstehen können, sind kein ausschließliches Erkennungszeichen für Christen mehr. Die wichtigste Gestalt der Dankbarkeit sind deswegen nicht die Zehn Gebote, sondern – so sagt es auch der Heidelberger Katechismus – das Gebet. Freude, Dankbarkeit und das Gebet, das Gott preist, haben etwas miteinander gemeinsam und diese Gemeinsamkeit unterscheidet sie gleichzeitig von dem anderen Erkennungszeichen der Christen, den guten Werken. Gute Werke kann man fordern, zu Nächstenliebe und Gewaltverzicht können Menschen aufgefordert werden, aber nicht zur Freude, zur Dankbarkeit und zum Gebet. Diese drei Dinge kann niemand von uns fordern. Sowenig, wie man zu einem Menschen sagen kann: "Sei fröhlich! Sei dankbar!", genau so wenig kann man von ihm fordern "Bete!". Freude und Dankbarkeit können nicht eingefordert werden, sie sind entweder da oder nicht da. Freude und Dankbarkeit können nur wahrgenommen werden und Paulus wünscht sich, dass die Menschen sie an uns Christen wahrnehmen. Ich erinnere mich an eine sehr eindrückliche Begegnung mit einer Frau, deren Mann als Kriegsversehrter nach Hause zurückkehrte. Vierzig Jahre habe er von da an im Rollstuhl gesessen, aber das sei nicht so wichtig gewesen, "die Hauptsache war, dass wir uns wieder hatten" sagte sie mir. Diese große Dankbarkeit, auch angesichts schweren Leids, hat mich sehr beeindruckt und sie ist mir noch nicht oft begegnet. Sie ist besonders und nicht selbstverständlich, denn ich kann aus den Erfahrungen vieler anderer Begegnungen sagen, dass ich viel öfter Undankbarkeit erlebe, Menschen, die ein gelungenes Leben nicht als Geschenk, sondern als eigene Leistung betrachten, Menschen, die nur auf die schweren Seiten ihres Lebens sehen, auf die momentanen Unzulänglichkeiten und darüber das Gute vergessen. Ich möchte mir daran kein Beispiel nehmen, sondern versuchen, für mich selbst eine andere Haltung einzunehmen. Ich möchte lernen, nicht nur zu fragen, "Wie kannst du das zulassen, Gott?", wenn es mir schlecht geht, sondern auch zu sagen "Du schenkst mir das alles, Gott!", wenn es mir gut geht. Eine solche Dankbarkeit, solche Freude, mündet dann in das Gebet, das niemand von uns fordern kann. Es fließt aus uns heraus, denn "wes das Herz voll ist, des geht der Mund über", wessen Herz voll Freude und Dankbarkeit ist, der wird beten, der oder die wird Gott loben und ihm danken. Vielleicht mit den Worten des 146. Psalms, so wie Sie es am vergangenen Sonntag beim Bläsergottesdienst getan haben: "Du meine Seele singe…" An ihrer Freude und Dankbarkeit sind Christen nach außen zu erkennen, im Gebet bringen sie ihre Freude und Dankbarkeit vor Gott. Das ist etwas besonderes, das sie deutlich von allen anderen Menschen unterscheidet, deutlicher als der Fisch-Aufkleber am Auto.

Zum Thema "Fisch-Aufkleber": Ich habe, das haben sie vielleicht am Anfang gemerkt, so meine Schwierigkeiten mit einer bestimmten Art der Frömmigkeit, wie ich sie in evangelikal-freikirchlichen Kreisen erlebt habe. Aber ich möchte mir in diesem Zusammenhang auch die letzten Ermahnungen des Paulus zu Herzen nehmen: Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Das lasse ich mir heute morgen gesagt sein. Auch wenn mir die Frömmigkeit, die Fröhlichkeit und Dankbarkeit anderer Christen manchmal naiv erscheinen, mir Lobpreislieder auf die Nerven gehen, ich Gebetsgemeinschaften nicht mag, so möchte ich doch wahrnehmen, dass in diesen meist ja auch ziemlich jungen Gemeinden etwas von der Lebendigkeit der jungen Gemeinde in Thessalonisch in unsere Zeit gerettet wird. Dasselbe gilt für die Christinnen und Christen aus unseren Partnerkirchen in Afrika und anderswo, die nicht umsonst "junge Kirchen" heißen und deren ansteckender und fröhlicher Glaube, deren Freude und Dankbarkeit gerade angesichts ihrer schwierigen Situation einfach beeindruckend sind. Dieses Gute möchte ich behalten und mir zu eigen machen, in der Hoffnung, das für uns und für alle Christen auf der Erde gilt, was Paulus mit einem Segenswunsch zum Ausdruck bringt: Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

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