Festlicher Mensch

Liebe Gemeinde,

als der altägyptische Mensch im 4. Jahrtausend aus dem Halbdunkel der Geschichte tritt, feiert er ein Opferfest seiner Götterfamilie. Im Tempel von Luxor verschafft sich der ägyptische König durch die Hochzeit von Amun und Mut göttliche Herkunft und sakrale Würde.

Als der biblische Gott den Menschen erschafft, geschieht das nach seinem Bilde, damit sich auch der christlich-jüdische Mensch seiner göttlichen Herkunft gewiss werde. Und wie sich der arbeitende Mensch nach sechs Tagen einen Feiertag gönnt, so ruht auch Gott nach 6 Schöpfungstagen, um zu feiern.

In früheren Zeiten lag die religiöse Dimension der Feste auf der Hand. Schon der sportliche Wagenlenker von Olympia ehrt im Eber-Opfer am Beginn der Spiele Zeus als Gott des Schwurs, so dass die Ermahnung zur Fairness mit religiösen Nachdruck verstärkt wurde. Der Friede, der für die Zeit der Spiele im heiligen Bezirk und für die An- und Abreise der Sportler gewährt wurde, hat sich tief ins Bewusstsein der Menschen gelegt. So war es ein ungeheurer Schock als 1972 in München der Friede der Spiele auf so tragische Weise verletzt wurde.

Die religiöse Herkunft moderner Feste ist meist verhüllt? sieht man von der Festtradition der großen Religionen ab. Denken wir an große Volksfeste hierzulande wie an die Kieler Woche, so ist Religion doch nur ein marginaler Punkt inmitten der Fressbuden und sonstigen Angeboten der Zerstreuung. Und doch ist auch unsere Zeit ohne Feste kaum denkbar. Doch warum feiert der Mensch überhaupt? Was ist der tiefere Sinn, der dahinter steht? Warum feiern wir und die uns
umgebenden Tiere – sie feiern nie!

Liebe Gemeinde, der Mensch ist das einzige Lebewesen, das zu sich selbst und seinem Tun auf die Distanz der Ruhe und Reflexion gehen kann. Nach sechs Tagen unterbricht er das Pflügen des Ackers, um auszuruhen und seine Furchen zu überprüfen, ob sie gut
geraten sind. Nach zwei bis drei Jahrzehnten Wachstum als Einzelwesen tut er sich in der Hochzeit mit einem zweiten Einzelwesen zusammen. Dem bisherigen eigenen Leben und dem zukünftigen Leben wird dabei die festliche Aufmerksamkeit eines großen
Lebensgefühls zuteil. Wenn aber die Mission des Menschen auf dieser Erde erfüllt ist, wird er mit einer Feier von dieser Erde geleitet.

Auf diesem großen Hintergrund, liebe Gemeinde, ist die Parabel anzuschauen, die Jesus erzählt. Die Geschichte ist mit wenigen Worten wiedergegeben. Ein Mensch lädt Gäste ein. Sie kommen nicht. Sie bringen Entschuldigungsgründe vor: Ein Acker will begutachtet werden, Ochsen gekauft, der dritte ist gerade im Honeymoon. Das Fest fällt dennoch nicht aus. Nur die Gästeliste ändert sich. Leute, mit denen man nie gerechnet hätte, werden nun eingeladen. Und: sie kommen! Nachzutragen ist das Einleitungswort der Parabel: Glücklich, wer im Reich Gottes am Tisch Gottes sitzt.

Darum geht es also – um ein Fest bei Gott. Jesus greift zum Bild des Festes, um zu beschreiben, was dem Glück und dem Heil des Menschen dient. Wir sehen, wie Gott mit geöffneten Armen seine Gäste willkommen heißt. Aber keiner kommt. Der Mensch will nicht feiern. Er folgt der Einladung nicht.
Das hat Konsequenzen. Ein Mensch, der nicht feiert, er verliert etwas von seinem Menschsein. Ein Mensch, der nicht Abstand von sich gewinnt und zurückschaut, ein Mensch, für den es nur Alltag gibt, er büßt etwas ein – etwas, das auf den ersten Blick als Nebensache erscheinen mag, als Zugabe – und das sich doch am Ende als wesentlicher Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Gottesgeschöpfen herausstellt. Der unfestliche Mensch büßt seine Selbstreflexion ein und das Wissen um seine Herkunft, seine göttliche Abstammung oder anders ausgedrückt seine Würde als Mensch ein. Mir graust, wenn ich in der Zeitung eine Todesannonce mit den Worten überschrieben lese: "Sein Leben ist nur Arbeit gewesen" und ich hoffe gleichzeitig, dass es sich bei der Anzeige um eine Lüge handelt. Der Mensch ist von dem her, wie er von Gott gedacht wird, ein festliches Wesen und nicht von ungefähr handelt auch Jesu Geschichte von einem Fest.

Dabei ist durchaus bedeutsam, dass ein Fest nicht dadurch entsteht, wenn ich mir eine gute Flasche Wein auf den Tisch stelle, dazu etwas Leckeres koche und mich allein vor den festlich gedeckten Tisch setze. Feste bedürfen des Miteinanders, das Fest verlangt nach dem Anderen, nach dem Mitfeiernden, damit der Sinn menschlicher Existenz wirklich
aufleuchten kann. Nun mögt ihr sagen, die in der Geschichte Eingeladenen haben doch gute Gründe, die Einladung abzusagen. Ein Stück Land oder Ochsen kauft man nicht alle Tage. Und bei frisch Verliebten oder Verheirateten darf man doch ruhig etwas nachsichtig sein.

Die genannten Entschuldigungsgründe sind nicht zufällig gewählt. Ökonomie und Liebe – bessere Gründe haben wir auch heute kaum aufzuweisen, um eine Einladung abzuschlagen. Doch hier müssen wir uns daran erinnern, dass es sich hier nicht um ein x- beliebiges Fest handelt. Es ist nicht gleichgültig, wer einlädt. Es ist Gottes Einladung, die hier von dem Ackerbesitzer, Ochsenkäufer und Hochzeiter ausgeschlagen wird. Es ist das ganz normale menschliche Leben mit seinen Zwängen, mit dem Zwang, sich materiell über Wasser zu halten, mit dem Bedürfnis nach Zuwendung und Liebe, die den Menschen vom Fest abhalten, von Gottes Fest. Deshalb ist es ja auch so gut nachvollziehbar, dass man die Einladung absagt. Das Fest, es erscheint doch im ersten Moment als Luxus oder zweitrangig. Man hat doch so seine Prioritäten. Und wenn die gesetzt sind, dann kann es geschehen, dass für Auszeiten, für controlling kein Platz mehr ist und schon hängen wir drin im Teufelskreis. Und oft merken wir es zu spät, wenn uns die Fesseln und Zwängen der Ökonomie und der Beziehungen die Luft zum Atmen nehmen. Es gibt anscheinend immer Wichtigeres als Abstand von sich und der Welt zu finden, immer gibt es etwas, was uns abhält, Gottes Nähe zu suchen – und wenn es die Illusion ist, wir hätte doch dazu später Zeit.

So nehmen die Gäste Gottes Einladung nicht an. Sie nehmen das Angebot zur Selbstvergewisserung, zur Stille, zur Reflexion, zum Zur- Besinnung -Kommen nicht an. So verpassen sie das Fest, und was sie noch nicht wissen: sie verpassen das Leben, denn Leben ohne Fest, reduziert das menschliche Leben auf sein Funktionieren. Es schneidet den Menschen von der Quelle ab, aus der er Kraft beziehen kann für all die Tage der Mühe und Arbeit, die es doch zur Genüge gibt. So verspielen sie nicht nur eine Einladung zum Fest mit der Ablehnung, sie verspielen das Leben selbst. Das Leben gehört nun anderen.

Gott, so sagt es Jesus mit aller Schärfe, Gott wendet sich anderen zu – Menschen, denen der Hunger nach Leben, nach
Sinn, nach Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen nicht abhanden gekommen ist. Man hat die verschiedenen Personengruppen immer wieder zugeordnet. Man hat gesagt: die Juden haben die Einladung verpasst, die, die also zuerst von Gottes Einladung hörten und dann ging die Einladung weiter – die Christen haben sie angenommen. Ich sage das etwas sehr vereinfacht, um auch gleich wieder zum Text und was dort gesagt ist, zurückzukehren. Da steht erst mal nur: es gibt Menschen, denen eine Einladung Gottes zugeht und die schlagen sie aus scheinbar guten
Gründen aus und da gibt es welche – Kranke, Arme, Randsiedler, die nehmen die Einladung an. Leute, von denen man es nie gedacht hätte, sitzen plötzlich an Gottes Festtafel.

In die Geschichte kommt da für mich plötzlich eine große Weite. Stellt euch doch das mal vor, da sind Menschen die sich von Gott einladen lassen: und da sitzt plötzlich ein Moslem neben einem Christen, ein Hindu neben einem Juden und einem Buddhisten. Sie sitzen an Gottes Tafel, weil sie die Einladung gehört und angenommen haben.

Ich habe hier nur übertragen, was die damaligen Hörer sicher auch als schwer zu fassen, ja vielleicht empörend
empfunden haben mögen. Denn die, die die Einladung Gottes an seine Tafel annehmen sind die, die damals aus der
Kultgemeinschaft prinzipiell ausgeschlossen waren. Uns müsste es eigentlich nicht kümmern, wer da so alles am Tisch Gottes sitzt. An uns ist es vielmehr uns selbst zu fragen, ob wir denn selbst für Gottes Fest Zeit haben, ob wir uns die Stärkung und Erneuerung gönnen, die Gott anbietet. Die Einladung jedenfalls ist ausgesprochen und an Gottes Tafel – so lesen wir – ist noch Platz.

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