Felix

Liebe Gemeinde!

Einst, schon lange ist es her, da lebte ein Christ mit Namen Felix, ein vielbeschäftigter Mann. Seine blütenweiße Toga verriet nicht nur, dass er ein römischer Bürger war, sie stand auch für die Qualität der Stoffgroßhandlung Felix & Co., einem angesehenen Namen in der schönen Stadt Sardes am Mittelmeer. Das Geschäft lief gut – saber damit nicht genug: in seiner Freizeit war Felix Presbyter der christlichen Gemeinde.

Da hatte der dynamische Felix einiges zu tun. Zuerst und vor allem galt es, immer wieder einen guten Wanderprediger nach Sardes zu holen, dessen Reden die Leute mitrissen, so dass der Versammlungsraum voll wurde. Wenn das klappte, ließen die Bekehrungen gewöhnlich nicht lange auf sich warten. Und mit den Frischbekehrten veranstaltete Felix`Frau Lydia dann einen wirklich fetzigen Katechumenenunterricht, so dass auch keiner mehr vor der Taufe absprang und es sich anders überlegte. Gäste aus benachbarten Städten waren voll des Lobes über die Verhältnisse in Sardes und sprachen von einer wirklich lebendigen Gemeinde. "Ihr müsst wissen," pflegte Felix dann zu sagen, "dass so etwas nicht von allein kommt. Wir haben eine Menge Hauskreise und Gruppen, wo immer was los ist und jeder etwas für seinen Geschmack finden kann. Auch bei den Gottesdiensten kann man sich nicht allein auf den Prediger verlassen. Die ganze Veranstaltung muss durchstrukturiert werden. Wir haben einen guten Chor, der immer neue christliche Lieder einübt. Seit kurzem gibt es ein paar Gemeindeglieder, die in Zungen reden können. Meistens haben wir auch noch einen besonderen Effekt im Gottesdienst, z.B. eine Heilung durch Handauflegung. Die Menschen erleben etwas bei uns. Darum kommen auch so viele."

Eines Abends schloss Felix sein Geschäft ab und ging mit energischen Schritten die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo er mit seiner Frau wohnte. Am Nachmittag hatte ein Reisender ihm einen Brief mitgebracht, aber während der Geschäftszeit war er noch nicht zum Lesen gekommen. Felix ging ins Triclinium und ließ sich auf das Polster eines Sofas fallen. Dann betrachtete er den Brief. Absender war ein gewisser Johannes auf der Insel Patmos. Felix hatte von dem gehört; Johannes hatte bei allen Gemeinden an der Mittelmeerküste einen guten Ruf als Seher und Prophet.

"Schade, dass er nicht selber kommt, um bei uns zu predigen," brummte Felix. "Wir haben noch niemand für nächsten Sonntag. Aber ich kann wohl auch seinen Brief vortragen lassen. Ich spreche mal mit Sophokles, der ist Schauspieler von Beruf, der hat so eine schöne tiefe Stimme. Wenn der bei uns auftritt, kann es doch noch sehr eindrucksvoll werden." Mit solchen Gedanken öffnete er den Brief und überflog die ersten paar Zeilen. Aber dann bekam er große Augen und las …

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Felix merkte, wie seine Stirnader anschwoll. Keine lebendige Gemeinde? Ja, was ist denn eine lebendige Gemeinde? Was soll ich denn noch tun? Was kann ich denn noch besser organisieren? Das mit den befleckten Gewändern fasste er als eine gegen ihn persönlich gerichtete Bosheit auf. "Gemeinheit- solch eine Gemeinheit!"

Da kam gerade seine Frau Lydia vom Katechumenenunterricht zurück. Ihre Schritte waren müde. "Es ist ganz schön anstrengend, eine ganze Stunde lang fröhlich und erlöst zu sein," meinte sie und warf Felix einen besorgten Blick zu. "Was ist los mit dir? Ärger im Geschäft?" Felix schwenkte den Brief. "Ich hätte Gott nicht für so ungerecht gehalten!" Felix Stimme vibrierte. "Am allerwenigsten jetzt, wo ich doch gerade die Gabe der Zungenrede geschenkt bekommen habe." Lydia las den Brief und sah ihren Mann an. Unter seinen Augen bemerkte sie dunkle Schatten. "Weißt du, dass du auch des Nachts in Zungen redest" fragte sie. "Wie bitte?" "Seit einigen Wochen geht das schon so," fuhr Lydia fort. "Du strampelst mit den Beinen, als ob du auf der Flucht wärst. Du murmelst: Prediger besorgen! Hauskreis organisieren! Clemens besuchen! Sophokles beschwatzen! Gemeindesaal schmücken!" "Tatsächlich? Das sind sicher die Nerven. Ich bin ziemlich fertig. Und als Dank kriegt man sowas!" Felix hielt den Brief hoch.

Plötzlich sprang er auf. "Der Bibelkreis! Die stehen gleich vor der Tür, und ich habe noch nichts vorbereitet." Lydia setzte sich aufs Sofa und schenkte zwei Gläser Wein ein. "Beruhige dich. Die treffen sich heute bei Clemens." "Du hast die Ruhe weg! Da müssen wir sofort los, wenn wir noch pünktlich dasein wollen!" "Setz dich ruhig wieder hin," sagte Lydia. "Ich habe Clemens gesagt, dass wir verhindert sind." "Du hast was?!" "Seit Wochen wünsche ich mir einen ruhigen Abend mit meinem Mann," sagte Lydia, und nach einer Weile fuhr sie fort: "Hab ich dir mal erzählt, warum ich Christin geworden bin? Weil du so verständnisvoll warst, weil du mir an den Augen ablesen konntest, wie es mir ging. Damals hattest du einen kleinen Laden in der Unterstadt, und die Leute kamen zu dir, um ein Schwätzchen zu halten." "Ja damals," rief Felix. "Da war das Geschäft ziemlich flau und das Gemeindeleben noch viel flauer. Höchstens dreißig Leute trafen sich am Sonntag, es gab keine Bekehrungen, keine Wunderheilungen, keine Hauskreise, keine Zungenrdner, es gab gar nix! Alles hab ich auf die Beine gestellt. Aber es ist immer noch nicht gut genug!"

"Beruhige dich!" bat Lydia. "Ich habe heute mit den Katechumenen den Brief es Paulus an die Römer gelesen. Da steht: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." "Versteh ich nicht," begehrte Felix auf. "Dieser Paulus war ein lahmer Prediger." "Das heißt einfach, dass Gott dir ein Geschenk machen möchte und dass du pausenlos vor ihm davonrennst, anstatt einfach mal ruhig zu werden und dich beschenken zu lassen." Felix setzte sich. Wider Willen musste er schmunzeln. "Etwa indem ich heute abend blau mache und mit dir Wein trinke? Meinst du wirklich, das wäre richtig?" Lydia war ganz entschieden dieser Ansicht.

In jener Nacht hatte Felix einen seltsamen Traum. Er träumte von einer fernen Zukunft, in der sich die Christen über die ganze Welt ausgebreitet hatten. Er träumte, jeder christlichen Gemeinde auf Erden sei es bestimmt, vier Wochen im Jahr so zu leben wie die Gemeinde von Sardes es das ganze Jahr über tat, und diese vier Wochen würde man die Adventszeit nennen. Und Felix sah im Traum viele kleine Buden, die mit Tannengrün geschmückt waren und wo es alles mögliche zu kaufen gab. Er sah zahllose Menschen, warm eingepackt mit Mänteln und Schals. Sie drängten sich zwischen den Buden und schleppten schwere Taschen voller Geschenke. Dann versetzte ihn sein Traum in ein sonderbares Gebäude, in dem ein Kreuz hing. Felix sah wieder viele Tannenzweige und fragte sich, wo er hier hineingeraten war. Auch hier viele Menschen, viel Rennen und Laufen. Man verkleidete sich, man probte ein Stück, wie es hieß, ein Krippenspiel. Andere verschwanden mit großen Blasinstrumenten hinter einer Tür, und nach kurzer Zeit hörte Felix zu seiner Verwunderung Fanfarenschall, der dumpf unter dieser Tür hervorkam. Eine andere Tür stand offen. Da saßen viele Frauen, die etwas bastelten und mit goldenen Sternchen beklebten. Dann wieder eine offene Tür, wieder viele Frauen, die kochten große Kannen mit einem heißen schwarzen Saft. So ging das weiter, in jedem Raum dieses Hauses waren Leute bienenfleißig bei der Arbeit. Plötzlich hörte Felix über seinem Kopf Glockengeläute, und alle strömten wie auf ein Signal in den großen Raum mit dem Kreuz. Orgelklänge wogten über die versammelte Menge hin. Jemand in einem schwarzen Kleid stand auf und sagte: "Im Namen des vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!"

"Ein Gottesdienst!" dachte Felix gerührt. Plötzlich kam ihm der ganze Betrieb sehr vertraut vor. Er betete zu Gott und sagte: "Ach Herr, was für ein Stress! Und wozu? Brauchen wir ihn? Tut er uns vielleicht sogar manchmal gut? Ich wenigstens fühle mich nur wohl, wenn ich zu tun habe. Nur, Herr, man darf es nicht übertreiben. Und wenn du uns das in einem Brief extra geschrieben hast, dann sorg dafür, dass diese Leute hier auch nicht vergessen, worauf es beim Glauben eigentlich ankommt." Da wurde ihm gesagt, dass diese gute Nachricht für spätere Generationen aufbewahrt worden sei und der Brief des Presbyters Johannes an die Christen von Sardes in der Bibel stände, in der Offenbarung im dritten Kapitel. Da könnte ihn jeder nachlesen. Da beruhigte sich Felix, drehte sich auf die andere Seite und schlief so gut wie seit langem nicht mehr.

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