Fast lautlose Zeichen

Stellen Sie sich vor, ich könnte meiner Verantwortung, die Predigt zu halten, jetzt aus irgendwelchen Gründen nicht nachkommen und müsste diese verantwortungsvolle Aufgabe an jemanden aus diesem Gottesdienst abgeben! Ich müsste eigentlich bloß jetzt gleich unvermittelt nach vorne gehen und würde ihnen oder ihnen oder vielleicht auch ihnen die Verantwortung für die Predigt übergeben und sie damit zum heutigen Prediger oder auch Predigerin bestellen!

Wie würden sie reagieren? Was würden sie sich denken? Etwa: Was hat der jetzt vor? Oder: Ich kann doch gar nicht predigen! Aber vielleicht würden sie sich sogar folgendes denken: "Ich hätte Angst mich da vorne hinzustellen und einfach so unvorbereitet zu predigen!" Ja, Angst, egal ob bewusst oder unbewusst, es wäre bei den meisten die Angst, die in dem Moment regieren würde.

Ich habe dieses "kleine" Experiment gewagt, weil ich ihnen etwas deutlich machen wollte: Wie reagiert ein Mensch, wenn er einfach so, man könnte fast sagen "aus heiterem Himmel" mit einer verantwortungsvollen Aufgabe konfrontiert wird. In der Heiligen Schrift wird die nur allzu menschliche Reaktion in den unterschiedlichsten Situationen deutlich beschrieben: Z.B. in unserem heutigen Predigttext offenbart sich Gott aus heiterem Himmel dem jungen und unvorbereiteten Jeremia und teilt ihm mit, dass er ihn schon vor seiner Geburt als Prophet vorherbestimmt hat. Gott entscheidet also über Jeremias Leben und trägt ihm mit dem Amt des Propheten eine sehr große Verantwortung auf. Jeremia hat keine Wahl und es ist ihm durchaus bewusst: Als Gesandter Gottes muss er mit dem Wort Gottes, dass er an die Menschen zu richten hat verantwortungsvoll umgehen.

Vielen seiner Zeitgenossen wird es auch nicht schmecken, was er zu sagen hat und er muss mit Widerstand, ja sogar mit körperlicher Gewalt rechnen. Er weiß es genau und deswegen hat er Angst, Angst davor zu versagen, Angst davor in Konfrontationen zu geraten und unter die Räder seiner Gegner. Er hat Angst vor der Ungewissheit. Jeremia meldet daraufhin heftige Bedenken an, indem er zu Gott spricht: "Ach, Herr Gott, ich bin nicht fähig diese Verantwortung zu übernehmen. Was soll ich denn machen, ich bin zu jung und zu unerfahren und habe einfach große Angst davor!"

Gerade an diesem Punkt angelangt, kann man sich auch fragen: Hatte Jesus Angst vor der Verantwortung der Sohn Gottes zu sein? Wie hat er wohl reagiert, als ihm offenbart wurde, dass er der Sohn Gottes ist, und seine Bestimmung darin liegt qualvoll am Kreuz zu sterben? Ich glaube nicht, dass er als wahrer Gott, aber eben auch als wahrer Mensch dieses Schicksal ohne irgendwelche Gefühlsausbrüche hingenommen hat. Angst und Zweifel haben auch ihn auf seinem Weg bis zur Kreuzigung begleitet. Wenn wir wieder in die Heilige Schrift schauen, dann denken wir doch an den Garten Getsemane, wo Jesus voller Angst und Zweifel im Angesicht des Todes zu Gott betete und ihn anrief: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir;" Er wusste aber auch genau, dass nur Gottes Wille geschehen würde.

Und denken wir auch an die Kreuzigung. Selbst kurz vor seinem Tode war er noch voller Angst und Zweifel, als er schrie: "Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen!" Es ist der verzweifelte Hilfeschrei eines Menschen, der sich Rettung erhofft.

Und wie ist es denn mit der Angst vor Verantwortung bei uns, die wir hier zusammen diesen Gottesdienst feiern? Wie verhält es sich bei uns, in unserem heutigen Leben? Wenn ich mich hier so umsehe, sehe ich die unterschiedlichsten Menschen versammelt und alle haben wir etwas gemeinsam: Wir müssen alle Verantwortung in unserem Leben tragen. Liegt es da nicht nahe zu behaupten, dass durch unsere Verantwortung auch gewisse Ängste entstehen?

Wenn jemand zur Schule geht oder studiert kann er oder sie gut nachvollziehen, wie die Angst vor wichtigen Prüfungen unser Gefühlsleben oder gar überhaupt unser Leben beeinflusst.

Werdende Eltern oder auch schon bestehende Familien werden sich gelegentlich die Frage stellen: "Kann ich ein guter Vater oder kann ich eine gute Mutter sein und meinem Kind das geben was es wirklich braucht, Liebe, Geborgenheit und eine gute Erziehung?" In dieser Frage stecken automatisch schon Befürchtungen und Ängste der Eltern mit drin, denn Eltern haben viele Lasten auf ihren Schultern zu tragen.

Oder betrachten wir die Partnerschaft und die Ehe. Ich bin meinem Partner oder Partnerin gegenüber auch verantwortlich, ihn bzw. sie zu ehren, zu respektieren und dabei auch den nötigen Freiraum zu lassen, ohne ihn oder sie zu stark einzugrenzen. Hier stellen wir uns oft die Frage: "Kann ich die Erwartungen meines Partners, meiner Partnerin erfüllen oder könnte ich etwas falsch machen?"

Auch Berufstätige haben Pflichten zu erfüllen und Verantwortung zu tragen, manchmal auch über den Ruhestand im Alter hinaus. Wird man in der Ausübung der Pflichten nicht gerecht oder ist unzuverlässig im Job droht heutzutage in den meisten Fällen der Verlust des Arbeitsplatzes. Und dann könnte man die Existenz der Familie nicht mehr ohne weiteres gewährleisten, für die man doch eigentlich sich verantwortlich zeigen muss.

Egal also wer wir sind, und was wir sind, in welchem Lebensalter und in welcher Lebenslage wir uns befinden, wir haben Verantwortung zu tragen. Sei es in unserem Beruf, in der Familie, selbst in der Freizeit, in der Gesellschaft und vor allem auch in der Kirche. Die Verantwortung für etwas kann Angst erzeugen oder sogar Angst mit sich bringen. Blicken sie doch einfach mal nach rechts und nach links, ja versuchen sie es mal, und auch zu mir nach vorne, wenn sie so wollen, und sie werden Menschen sehen, denen es genauso geht wie ihnen. Menschen die Verantwortung tragen und davor Angst haben können.

Ich für meinen Teil, habe mich lange mit der Frage beschäftigt, wie diese Angst von uns genommen werden kann. Und wissen sie zu welchem Ergebnis ich gekommen bin? Es gibt da ein starkes Symbol, das ich damit verbinde. Und das gute daran ist, jeder hat es: Sie, Sie und Sie und ich, wir haben es alle, doch vor allem Gott wirkt und handelt mit diesem Symbol. Es kann die Angst, die uns im Nacken sitzt wegnehmen. Es ist eigentlich so einfach, weil wir es alle mit uns herumtragen, oft ohne bewusst daran zu denken. Vielleicht tragen sie es gerade in ihrer Hosentasche oder es befindet sich auf ihrem Oberschenkel, oder auf dem Gesangbuch: – Es ist ihre Hand! Ja, nur ihre Hand.

Schauen sie sich ruhig ihre Hände an. Nehmen sie sich einfach einen Augenblick und schauen sie sich ihre Hände an. Und wenn sie sie gerade so betrachten, dann denken sie daran, welche Kraft in der Berührung durch die Hand liegt. Das für unser Leben am wichtigste ist, dass die Hand ein starkes Symbol für Liebe und Geborgenheit ist. Ängste und Zweifel können durch die Hand einfach "weggenommen" werden. Sie werden sich jetzt fragen, wie das im einzelnen funktioniert und wie es vor allem dabei mit Gott steht? Warum spielt unser Glaube und die Liebe eine so große Rolle, wenn es darum geht Ängste zu nehmen?

Hier hat die Heilige Schrift auch eine Antwort, und ich will ihnen das zuerst an unserem jungen Propheten Jeremia deutlich machen: Als die Angst und die Zweifel vor dem was kommen würde sehr groß waren, da sprach Gott zu Jeremia folgende trostvolle Worte: "Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir, um dich zu erretten." Aber Gott beließ es nicht einfach nur bei der Zusage der Rettung, sondern er machte etwas, was in Verbindung mit dem Zuspruch, so stark war, dass es auf jeden Fall auf Jeremia wirken musste: Gott selbst streckte seine Hand aus und berührte Jeremia! Sie müssen sich das mal vorstellen, was das bedeutet von Gott wirklich berührt zu werden! In diesem Moment war es für Jeremia eine so unglaubliche und tiefgreifende Erfahrung, dass sofort alle Ängste und Zweifel von ihm wichen, denn er hatte es schließlich nicht nur gehört, sondern auch persönlich und körperlich erfahren, dass Gott bei ihm ist.

Und bei Jesus? Wie war es möglich, dass Jesus trotz aller Ängste die Kraft dafür aufbrachte, den Weg zum Kreuz zu gehen, um für unser statt zu sterben? Was hat ihm diese übermenschliche Kraft gegeben, das ganze Leiden auf sich zu nehmen? Es war wieder die Hand Gottes, die Berührung Gottes, verbunden mit einer wohltuenden Zusage. Erinnern wir uns an die Taufe Jesu am Jordan durch Johannes den Täufer. Nachdem er getauft wurde öffnete sich der Himmel und Gott berührte durch den Heiligen Geist Jesus. Der Geist war hier die Hand Gottes. Und mit dieser Berührung, die Jesus völlig durchdrang, sprach Gott zu ihm und sagte: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen."

Das ist so als würde heute ein Vater zu seinem Kind gehen, es liebevoll umarmen und sagen: "Ich hab dich lieb mein Kind, genauso wie du bist! Und du bist das wertvollste, was ich besitze!" Wenn sie das selber als Kind erfahren haben, oder wenn wie als Eltern selber ihren Kindern in ähnlicher Weise ihre Liebe mitgeteilt haben, dann wird ihnen auch etwas aufgefallen sein: In dem Moment, wenn sie ihr Kind mit der Hand berühren und ihm ein gutes Wort zusprechen, da wächst das Kind gerade in dem Moment ein Stück. Es fühlt sich bei ihnen groß, und vor allem es fühlt sich sehr stark und geborgen.

Also, warum sollte Jesus in dem Moment nicht im Inneren gewachsen sein, als sein Vater während er ihn berührte, zu ihm sagte: "Du bist mein lieber Sohn!" Ich behaupte, es ist der wichtigste Moment im Leben eines Kindes, wenn es von den Eltern uneingeschränkte Liebe erfährt, denn dann schwindet auch die Angst. Und das alles vor allem durch die symbolische Kraft der Hand!

Aus dem Fernsehen gibt es einen Werbespot, der eigentlich alles kurz und knackig ausdrückt, was für einen Menschen wichtig ist, was ihm Halt und Geborgenheit gibt und was die Angst nehmen kann, auch die Angst vor großer Verantwortung. Sie kennen diese Werbung alle! Ich sage nur "Liebe und Wick Vaporup". Ja, Liebe und die Hand von jemanden dem man grenzenlos vertraut, die sanfte Berührung, die einem den Rücken streichelt, die einem sagt, du brauchst keine Angst haben.

Ich kenne das auch noch aus meiner Kindheit. Als ich immer krank war oder Angst vor irgend etwas hatte, da war es die Hand meiner Mutter auf dem schmerzenden Bauch oder wie sie meine Hand gehalten und mir trostvolle Worte zugesprochen hat, dass ich dann keine Schmerzen mehr fühlte oder die Angst verflogen war.

Und gerade das ist es doch was uns am meisten Halt und Kraft gibt, wenn wir z.B. Angst haben vor dem Versagen im Beruf oder in der Schule und im Studium. Was könnte da besser sein als ein guter Freund oder ein lieber Mensch, der zu uns kommt und uns umarmt und sagt: "Du, es wird schon irgendwie! Ich weiß, dass du es schaffst!". Und genauso in der Familie und in der Partnerschaft. Ein gutes Wort und eine wohltuende Berührung von einer Hand eines lieben Menschen kann Wunder vollbringen. Und Gott, wie steht es mit Gott, was trägt er dazu bei, dass wir die Angst verlieren? Nun, ein gutes Wort Gottes begegnet uns eigentlich täglich.

Die Bibel ist voll von Gottes Kraft spendendem Wort. Allein auch im Gottesdienst, wie wir ihn z.B. heute feiern, vor allem wenn wir dann später den Segen von Gott empfangen, spricht uns Gott an. Und selbst wenn ein anderer Mensch sich selbstlos um Gottes Willen für einen verzweifelten Menschen einsetzt, selbst dann begegnet uns Gottes gute Wort. Und was sagt es aus? Ganz einfach, Gott liebt uns, er liebt uns so sehr, dass wir keine Angst haben müssen, weil wir in Gottes Hand sind. In Gottes Hand, die uns geschaffen hat, die uns beschützt und berührt, aber nicht überbemuttert, sondern uns Freiraum lässt für unseren freien Willen, für die Selbstentfaltung unseres Lebens. Selbstverständlich haben wir viel Verantwortung im Leben zu tragen, aber eines muss uns klar werden: Wenn uns jemand Verantwortung überträgt, dann gibt es dabei eine grundlegende Voraussetzung, nämlich Vertrauen. Verantwortung zu übertragen ist also immer damit verbunden das man Vertrauen schenkt, denn ohne Vertrauen glaube ich ja nicht an den Menschen und seine Fähigkeiten. Also Gott glaubt an uns, er vertraut uns, er vertraut uns so sehr, dass er uns immer die Freiheit und damit die Verantwortung in unserem Leben lässt. Selbst wenn wir ihn enttäuschen oder uns zu weit von ihm entfernen, er vertraut uns dennoch. Wie oft haben Menschen in der Bibel Gott enttäuscht, aber wie oft hat Gott auch immer wieder klar gemacht, dass er uns vertraut. Warum können wir dann nicht mit unserer Verantwortung im Leben auf Gott vertrauen, darauf, dass wir in seiner Hand sind, wo wir immer geliebt und geborgen sind? Warum können wir den nicht so bedingungslos an ihn Glauben und ihm vertrauen, wenn er es doch tut? In Gottes Hand zu sein …, was besserer kann uns eigentlich nicht passieren.

Wenn sie das ausgeteilte Liedblatt hernehmen, dann werden sie einen kleinen Vogel in einer Hand sehen. Dieser kleine Vogel spürt die Wärme der Hand, er spürt, dass er geborgen ist. Er braucht hier keine Angst zu haben. Aber er kann jederzeit wieder aus der Hand herausfliegen, wann er will, denn er ist nicht gefangen. Uns so ist es auch mit uns Menschen, die wir in dessen Hand sind, der uns erschaffen hat, der uns erlöst hat und der uns die Hoffnung gibt auf das was kommt.

Und deswegen will ich sie ermutigen, auch wenn es manchmal nicht leicht ist und Gott so weit weg erscheint, versuchen sie auf die kleinen, sanften, ja fast lautlosen Zeichen in ihrem Leben zu achten, die darauf hinweisen, dass wir in Gottes Hand geborgen und geliebt sind. Versuchen sie es zu spüren, wann er uns berührt, denn unsere Zeit steht in seinen Händen.

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