Familienglück

Liebe Festgemeinde am Heiligen Abend!

Da saßen wir bei der Probe für das Kirchweihfest. Es war am 7. Dezember. Alle Beteiligten schon etwas nervös und in dem Wissen, morgen am 2. Advent würden sie noch viel aufgeregter sein unter den Blicken der 200 erwarteten Gäste. Die Bühne war verheißungsvoll dekoriert mit den drei aus dem Pfarrgarten besorgten Bäumen für das gleichnamige Singspiel. Davor die mit den Musikern besetzten Stühle für Flötenchor und Gitarrengruppe. Der Kinderchor stimmt das erste Lied an. Dann die üblichen Pannen, ein verspäteter Einsatz, ein Mikrofon fällt aus, drei der Agierenden für das Singspiel der Traum der drei Bäume fehlen unentschuldigt. Man muss improvisieren und ärgert sich wieder mal über den einen oder die anderen unzuverlässigen. Den eigentlichen Inhalt, den Reiz, die Dichte des Stückes, zu dessen Höhepunkten die Geburt Jesu im schäbigen Stall von Bethlehem gehört, das alles berührt einen kaum, man muss sich ja selber konzentrieren auf den Text, auf das Instrument. Aber dann, plötzlich und unerwartet, vergesse ich das alles und lausche ergriffen einer Passage, die ich eigentlich kenne aus dem Manuskript. Aber nun wird sie gespielt. Von zwei Kindern, 4jährige. Der Junge sagt: Ach Maria, ich hätte dir viel lieber ein wunderschönes Bett für unser Kind besorgt. Das Mädchen antwortet: Ach Josef, das macht überhaupt nichts, die Krippe ist doch wunderschön!

In diesem Moment war aller Stress, alle Unzufriedenheit mit diesen oder jenen Details, die man hätte besser vorbereiten können, wie weg gewischt. All das war unwichtig. Für diese kurze Szene hatte sich die ganze Mühe gelohnt! Was ist es genau, das mich so ergriffen hat, und das dich vielleicht wieder ergriffen hat oder noch ergreifen will am heutigen Abend? Ich habe es überschrieben mit dem Wort "Familienglück". Ja es ist ein Idyll, und ich lasse mir das nicht nehmen durch den Spott mancher, die auch diesmal wieder witzeln mögen über deutsche Weihnachtsromantik mit einer, wie sie sagen, aufgesetzten Familienseligkeit. Man will uns weis machen, diese Zeit sei lange vorbei und die Weihnachtsbräuche seien der letzte noch nicht ausgerottete Rest eines überholten Rollenbildes von väterlicher Fürsorge und Mutterglück. Es gäbe überhaupt keine Muster, keine Maßstäbe mehr auf diesem Gebiet, an dem man sich orientieren müsse. Das sei alles beliebig, jeder muss sich seine Lebensformen selber suchen und ausgestalten. Vielleicht hast du auch schon gedacht, das wird wohl so sein. Aber dann ist dir das hoffentlich wieder fraglich geworden beim Blick auf diese wunderbare Szenerie, wie sie hier abgebildet ist in den Tonfiguren unter dem Tannenbaum. Man bekommt eine Sehnsucht danach, wie es sein könnte.

Das meint jetzt nicht, heile Welt und Zuckerguss. Es ist ja hier eine Familie in Nöten. Wahrscheinlich hatten die nicht genug Bares, um trotz der belegten Quartiere in Bethlehmen durch das entsprechende Trinkgeld doch noch eine warme Unterkunft zu erstehen. Die Vorgeschichte ist auch nicht so berauschend. Der Evangelist Matthäus verrät in seiner Geburtsgeschichte, dass Josef nach der überraschenden Schwangerschaft Marias seine Verlobte verlassen wollte, ohne Aussprache, heimlich. Er verrät, dass die Familie bald nach der Geburt des Jesuskindes bedroht wird von den Sonderkommandos des Herodes, die in Bethlehem ein Massaker planen und dem die heilige Familie gerade noch durch die Flucht entgeht. Es ist kein idyllisches Miteinander, sondern diese Nacht ist kalt und gefährlich und friedlos. So wie es heute nacht in vielen Gegenden auf der Erde ist, wo sich Menschen nachts nicht auf die Straße trauen, weil jemand aus dem Hinterhalt auf sie zielen könnte. Aber inmitten all dieser schwierigen Umstände erleben wir im Stall von Bethlehem eine Atmosphäre der Geborgenheit. Die uns herausfordert. Vielleicht neidisch macht. Vielleicht zerreist es uns das Herz, weil man selber weiß, so hätte ich es auch gern, aber das wird nie mehr zu schaffen sein.

O doch. Weihnachten ist die große Chance für Familienglück bei jedem von uns. Weil das, was damals im Himmel geschah, projiziert wurde, übertragen wurde auf die Erde, auf das Leben der Menschen. Aber nun nicht virtuell, so als ob, Trickaufnahme. Sondern echt. Da ist Familienglück im Himmel. Gott selber, der Engel des Herrn, und viele himmlische Gestalten jubeln. Aber sie bleiben nicht für sich, geschlossene Gesellschaft, Lichtjahre entfernt. Sie kommen herunter. Sie wollen das Glück, die Freude, das Wissen geborgen zu sein, das was sie selbst beseelt und frohlocken lässt, in die Herzen der Menschen tragen. Und es geschieht wirklich. Menschen lassen sich anstecken. Die Hirten auf dem Feld lassen ihre Arbeit Arbeit sein und rennen zum Stall. Und Maria nimmt diese fremden Worte, die sie nicht recht einordnen kann von Engelerscheinung und Ankunft des Messias und Friede auf Erden, all das nimmt sie in sich auf. Sie bewegt es in ihrem Herzen.

Sie lässt Gottes Wort an sich heran kommen, an ihr Leben, an ihr Innerstes. Sie wird mit ihren Gästen eins in der Freude über Gott. Das ist Familienglück, wie es an Weihnachten zu uns kommen möchte: Die Freude an Christus kommt in unsere Herzen und die das teilen, die sind verbunden von Familienbanden, sie wissen sich als Kinder Gottes und freuen sich über ihren Vater im Himmel. Das ist wirkliches Glück, jedes andere Wort wäre zu schwach, es ist wirklich Glück, einen Vater zu haben, der für uns sorgt, der uns liebt, der uns nicht dem Elend überlässt, der sein Bestes für uns hergibt.

Darum geht es, das ist eine ganz andere Qualität als deutsche Gemütlichkeit mit Zimtsternen und Glühwein. Es geht hier um mehr als ein paar Stunden innehalten, schön verpackte Geschenke verteilen und festlich essen. Und ich denke doch und hoffe doch, dass viele von uns hier dies Mehr auch wollen und ersehnen. Sonst wären sie am Heiligabend nicht in die Kirche gekommen. Und manchmal ist es so, dass man auf dieses Mehr erst stoßen muss, dass man einen Impuls von außen braucht, der einen auf das Eigentliche aufmerksam macht. So wie die zu nächtlicher Stunde unangemeldet hereinplatzenden Hirten, die Maria und Josef darüber aufklären, welche Weltveränderung mit der Geburt ihres Kindes gekommen ist. Die beiden im Stall wollten bestimmt ihre Ruhe haben. Die waren froh, dass nach den Anstrengungen vorher und jetzt bei aller Improvisation mit den einfachsten Mitteln am Ende alles so gut geklappt hat mit der Entbindung, und dass es ein gesunder Junge ist und sie nun zu dritt sind und nicht mehr mit diesen Ängsten, kommt es jetzt oder später, den Rückweg antreten müssen. Diese Freunde über das Geschenk des Kindes war wohl erst mal alles für sie. Das genügte ihnen erst mal. Sie vermissten keine himmlischen Erklärungen.

So wie viele heute Weihnachten feiern und nur sich selbst, also die Familie haben und das genügt ihnen. Jahrelang habe ich Weihnachten so gefeiert. Da war das Typische: Erst das gute Essen, Wunschessen. Dann diese Spannung, wir drei Kinder in unsere Zimmer. Bis irgendwann die Klingel läutete. Dann gingen wir ins Wohnzimmer, wünschten einander frohe Weihnachten. Sahen erstmals den erleuchteten Baum. Und dann war Bescherung, das war alles. Das war das schöne, und das genügte irgendwie, und mehr war dann auch nicht. Kirche spielte keine Rolle, und Jesus schon gar nicht. Wir hatten da überhaupt nichts gegen, aber das hatte irgendwie keinen Ort in dem typischen Ablauf. Das kannten wir nicht anders, und das genügte auch, wir hatten ja uns. Irgendwann entdeckte ich dann für mich die Welt des Glaubens und das Gebet zu Jesus und beschäftigte mich mit den Geschichten von ihm in dem dicken Buch, wo das alles drin steht, der Bibel. Und allmählich empfand ich Weihnachten anders. Nun war die schöne Bescherung nicht mehr das wesentliche. Sie muss nicht ausfallen, das Drumherum von Weihnachten gefällt mir nach wie vor, und vieles von zu Haus übernimmt man ja auch. Aber nun ist die Entdeckung dazugekommen: Das wichtigste an der Bescherung ist nicht die private Bescherung, die in den Häusern geschieht. Das wichtigste ist die allgemeine Bescherung, die Gott uns gemacht hat mit seinem Sohn, der damals in Bethlehem geboren ist. Der ist das große Gottesgeschenk. Und darum gibt es Familienglück an Weihnachten auch für die Alleinstehenden, denen diese Feiertage so sehr lang werden, oder für die Ehepaar ohne Kinder oder wo welche da sind, aber eben nicht kommen, sie schicken nur ein Paket oder nicht mal das, nur eine Karte, oder nicht mal das, nur ein Anruf, oder nicht mal das, nur eine Email. Vielleicht in diesem Jahr erstmals eine SMS mit Bild aufs Handy.

Wo wir den lebendigen Gott in unser Leben aufnehmen, wo ein Mensch sich eingliedern lässt in die Familie Gottes, da ist man Weihnachten nicht allein. Und man kann sich dessen besonders versichern, wenn man sich im Gottesdienst vereinigt mit vielen anderen, die sich auch zu dieser großen Familie zugehörig wissen. Hören wir einmal zu, was Mitglieder dieser großen Familie so schätzen am Weihnachtsgottesdienst in Bremer Kirchen. Die Bremer Kirchenzeitung hat dazu an verschiedenen Orten nachgefragt.

Zuerst im Bremer Weihnachtsladen, in dem es das ganze Jahr über Engel und Lametta, Kerzenständer und Christbaumkugeln gibt. Dort zeigte man sich befremdet über das Anliegen was für den Befragten der Besuch eines Weihnachtsgottesdienstes bedeute: Kirche, wie? Höchstens, wenn das Volkstanz ist. Nein zum Thema Kirche am Heiligen Abend könne man nichts sagen.

Ganz anders die übrigen Befragten: Ein Mitglied des Senats: Weihnachten gehe ich immer in den Gottesdienst. Es bedeutet mir sehr viel, mit der Familie zusammen hin zu gehen und mich auf den Kern des Weihnachtsfestes zu besinnen. Der Kirchgang ist für mich Bestandteil des Festes.

Eine Geschäftsfrau aus dem Schnoor: Ich bin eine überzeugte Christin, ich brauche den Gottesdienst zu Weihnachten. Aber ich gehe nicht am Heiligen Abend in die Kirche, da ist mir das zu voll und zu unruhig. Ich gehe lieber am 2. Feiertag. Die Präsidentin der Ärztekammer: Ich gehe nicht nur am Heiligen Abend in die Kirche, dann aber besonders gern. Es ist eine Gelegenheit, mich einmal von innen zu begucken und den Zeitrahmen zu bedenken, in dem ich mich bewege.

Die Kostümschneiderin eines Theaters: Für mich war es immer schwierig, am Heiligabend in die Kirche zu gehen. Die Kinder und Enkel, die dann zu Besuch kamen, sind nicht kirchlich. In diesem Jahr habe ich sie für den Heiligen Abend aus und für den 1. Feiertag eingeladen, damit ich mal wieder in die Kirche komme. Der Weihnachtsgottesdienst ist mir wichtig. Er war in meiner Kinderzeit selbstverständlich und ich habe auch im Chor mit gesungen. Ich möchte die Weihnachtsgeschichte hören und die Lieder dazu. Es ist mir ein Bedürfnis, nicht weil ich in Stimmung kommen will. Ich brauche deshalb auch keinen Schnee zu Weihnachten.

So ist das Weihnachtsfest und gerade das gottesdienstliche Begehen seines Grundes eine wunderbare Chance, Familienglück zu erleben, wenn auch anders als es das Klischee malt. Ein Geschenk für alle, die sich davon erinnern lassen an das Kommen des Erlösers. Für die anderen, die sich nur an den Äußerlichkeiten orientieren wie gut Kaufen, gut essen, gutes schenken und geschenkt kriegen ist es eher gefährlich. Weil sie entweder denken, ich muss selber für Frieden und Harmonie sorgen oder sie an diesen Tagen finden. Und damit überfordern sie sich und andere. Oder sie sind von dem ganzen Rummel so abgestoßen, dass sie sich vom Christentum abwenden und die anderen, die das noch feiern, als inkonsequent oder naiv belächeln. Als Pastor komme ich in viele Häuser, die von einem Unglück unterschiedlichster Art getroffen wurden. Daher weiß ich sehr wohl, wie gewagt die für diese Predigt gewählte Überschrift Familienglück ist.

Aber die Bibel beschreibt das Kommen des Erlösers genau in diesem Rahmen. Jesus kommt, um alle Welt froh und glücklich zu machen. Wer das Glück daran misst, dass man von Schicksalsschlägen verschont bleibt, keinen Mangel kennen lernen muss, immer jung und gesund wirkt, der wird am Ende womöglich dem lieben Gott zürnen, dass er ihn so schlecht bedacht hat. Wahres Glück ist aber etwas anderes. Jemand hat einmal gesagt: "Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen."

In diesem Sinn bin ich ein glücklicher Mensch. Und ich möchte dieses Glück, diese Weihnachtsfreude mit vielen teilen. Es sozusagen den Hirten gleich tun, von denen es heißt: Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war.

Wo dieses Wort ausgebreitet wird, wer Jesus ist, was Jesus bringt, und wo dieses Wort angenommen wird, da wird in viele Familien Glück getragen. Inmitten allen Mangels, aller Unvollkommenheit, die wir nicht klein reden wollen. So haben wir es versucht mit der Weihnachtskartenaktion nach Ungarn. Wo Frauen, die größtenteils keine Familie mehr haben, aber in einer großen Familie wohnen, einen Moment des Glücks erfuhren, als sie erstmals im Leben einen Brief bekamen. Die Weihnachtsgeschichte ist Gottes Brief an dich: Ich habe dich nicht vergessen. Ich möchte dein Leben glücklich machen. Das Kind in der Krippe bereitet dazu den Weg.

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