Familiengeschichte

Liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag, der 2. nach dem Christfest, wird im Laufe der Jahre nur selten gefeiert. Meistens ist nämlich dann schon das Epiphaniasfest gewesen. Im Weihnachtsfestkreis des Kirchenjahres lassen wir uns zu Weihnachten an die Menschwerdung Gottes erinnern: Gott ist in der Gestalt seines Sohnes Jesus, als das Kind von Maria und Josef, zu uns Menschen herabgestiegen. An Epiphanias, morgen also, dem Fest der Erscheinung des Herrn, werden wir uns vergegenwärtigen, dass Gott mit Christus seine Königsherrschaft für seine Schöpfung errichtet hat.

Doch noch feiern wir Weihnachten – die Menschwerdung Gottes. Deshalb begingen unsere römisch-katholischen Glaubensgeschwister am vergangenen Sonntag das Fest der hl. Familie und wir stellen am heutigen Sonntag noch einmal den Gottessohn, den Menschensohn in besonderer Weise in das Zentrum unserer gottesdienstlichen Feier. Hierbei freut es mich ganz sehr, dass mit diesen zwei Sonntagen eine ökumenische Gemeinschaft beider Konfession besteht, denn an diesen Sonntagen hören wir alle im Gottesdienst das Evangelium vom zwölfjährigen Jesus im Tempel.

Ich lese es uns heute in der Übersetzung von Klaus Berger und Christiane Nord: Aus dem heiligen Evangelium bei Lukas im 2. Kapitel:

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Liebe Schwestern, liebe Brüder! Seid Ihr schon einmal auf einem evangelischen Kirchentag gewesen, seid mittendrin gewesen in dieser riesigen Menschenmenge? Und auch wer zuhause geblieben ist und sich im Fernsehen den Schlussgottesdienst ansieht, bekommt eine Ahnung davon, wie es sein könnte, mittendrin zu stecken. Auf dem letzten Kirchentag in Frankfurt wollte ich mich mit einem anderen bei einem Hufeisen-Konzert treffen. Ich bin dort gewesen und er auch, wie er mir später erzählte; aber unter den mehr als viertausend Menschen in der Halle hatten wir uns nicht gefunden. Oder es passiert immer wieder ganz schnell, dass man in dem Gedränge und Geschiebe von einer Halle zur anderen als Gruppe auseinandergerissen wird und sich verliert. Weil erfahrene Kirchentagsteilnehmer das wissen, treffen sie Absprachen, um sich wiederfinden zu können.

Ähnlich wie auf dem Kirchentag stelle ich mir das Gewusel und Gewimmel der Menschen in und rund um Jerusalem vor, wenn sie, wie zu Jesu Zeiten, als Dorfgemeinschaften und riesige Familiengruppen am Passahfest in Jerusalem teilnahmen. Da konnte man schon mal schnell jemand aus den Augen verlieren – Kinder allzumal. Wie gut, dass man in einer größeren Gruppe unterwegs war, man kannte sich und warum sollte ein zwölfjähriges Kind nicht auch eine zeitlang mit jenen Nachbarn und dann mit diesen Verwandten mitlaufen. Es konnte ja nichts Schlimmes passieren; man musste als Eltern ganz bestimmt nicht in Sorge sein.

Wie groß muss auf dem Heimweg der Schrecken der Eltern gewesen sein, als ihnen klar wurde: Der Junge ist weg! Einen ganzen Tag sind sie schon unterwegs nach Hause – entfernt von Jerusalem. Trotz fieberhafter Suche unter allen Freunden und Verwandten – das Kind ist nicht zu finden. Was Maria und Josef da seelisch durchgemacht haben müssen, brauche ich Eltern nicht auszumalen. Also, den ganzen Weg zurück nach Jerusalem und dort weitersuchen nach dem Sohn.

Drei schreckliche Tage dauert die Suche insgesamt; da finden die besorgten Eltern Jesus, ihr Kind, im Tempel zwischen den Rabbinern, den Schriftgelehrten, zwischen all diesen Theologen sitzen. Geradeso wie in einer ganz typischen Talmudschule, in der sich die Schüler von ihren Lehrern einzelne Abschnitte aus der Hl. Schrift erklären und gegen andere Auslegungen abgrenzen lassen und die Lehrer ihrerseits durch Fragen und Gegenfragen bei ihren Schülern Kenntnis und Verständnis der Bibel, des Wortes Gottes weiter ausbilden. Hier also finden die verängstigten Eltern, finden Maria und Josef, ihren zwölfjährigen Sohn. Es ist, als wäre es das allernatürlichste von der Welt, als Knabe im besten Alter von zwölf Jahren zwischen hochkarätigen Theologen zu sitzen, um denen Rede und Antwort zu stehen. Schließlich wird man ja demnächst dreizehn Jahre alt und feiert an diesem Geburtstag seine Bar Mizwa, die Aufnahme in die Gemeinde als vollwertiges, mit allen Rechten ausgestattetes Mitglied.

Wenn ich mir diese Szene im Tempel zu Jerusalem vorstelle – der zwölfjährige Jesus Rede und Antwort stehend den Schriftgelehrten – kommen mir beinahe zwangsläufig die Konfis in den Sinn. Auch diese bereiten sich im Unterricht darauf vor, mit ihrer Konfirmation als vollwertiges Mitglied in die Gemeinde aufgenommen zu werden. Im Konfirmandengespräch, dass ja kurz vorher stattfindet, geben sie der Gemeinde in einem Gottesdienst Zeugnis von dem, was sie im Unterricht gelernt haben.

Mit erhobenem Zeigefinger könnte ich nun die Konfirmanden mit dem zwölfjährigen Jesus kurz vor seiner Bar Mizwa vergleichen. Dieser Vergleich würde immer zugunsten Jesu ausfallen. Aber welchen Sinn würde das machen? Warum erzählt uns Lukas als einziger Evangelist diese Geschichte? Bestimmt nicht, damit wir Stoff für eine moralinsaure Konfirmandenpredigt hätten!

Im nicänischen Glaubensbekenntnis haben wir vorhin unseren Glauben an den „einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, Gott von Gott, … gezeugt nicht geschaffen … und ist Mensch geworden“ bekannt. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns Lukas genau dieses auch vermitteln wollte: Jesus ist der Gottessohn. Sein Zuhause ist der Tempel in Jerusalem. Hier horcht er auf das, was ihm Gott, was ihm der Vater, Abba, zu sagen hat. Zugleich ist Jesus auch der Menschensohn, Maria und Josef seine Eltern. Und für diesen Menschensohn steht Gott an erster Stelle: „Ich bin der Herr, dein Gott …“ heißt es im ersten Gebot. Jesus weiß das schon lange. Martin Luther erklärt uns dazu in seinem kleinen Katechismus: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“

Genau das tut Jesus. Es ist wichtiger, im Tempel, im Hause des Vaters zu sein, auf sein Wort ganz genau hinzuhören, als sich jetzt mit den leiblichen Eltern wieder auf den Heimweg nach Nazareth zu begeben. Das will der zwölfjährige Jesus auch Maria, seiner Mutter verständlich machen, als er ihr auf den Vorwurf, welch schlimme Sorgen er seinen Eltern bereitet habe, antwortet: „Ihr hättet mich nicht suchen sollen. Ihr hättet euch doch denken können, dass ich im Haus meines Vaters bin.“

Und Gott an erster Stelle die Ehre zu geben, heißt auch, in großer Treue einzuhalten das vierte Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren …“. Deshalb schließt sich Jesus ganz selbstverständlich, ohne zu murren, seinen Eltern an, um mit ihnen nun nach Hause zu ziehen.

Mit dieser Geschichte, der einzigen Geschichte aus der Jugendzeit Jesu, stellt uns der Evangelist Lukas den Sohn Gottes in seiner absoluten Menschlichkeit vor. Jesus ist kein unerreichbares Idol, er ist ein Mensch gewesen wie wir alle. Er ist uns ein Vorbild, dem wir mit allem Ernst, der uns möglich ist, nacheifern können – nicht nur am Sonntag, nicht nur im Konfis. Und genau dieser Jesus ist so menschlich, dass er als Kind seinen Eltern große Sorgen bereitet und in der bangen Erwartung seines qualvollen Sterbens sogar zu Gott betet: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“

Ja diese Familiengeschichte gehört auf jeden Fall zu Weihnachten. Machen wir es uns zum Schluss noch einmal deutlich: Jesus wird in Bethlehem als Kind von Obdachlosen geboren, nach der Flucht vor dem Massenmord an den Kindern in Bethlehem lebt er mit seiner Familie als Asylant in Ägypten, erfährt bei allem die Geborgenheit der Familie und später auch die Sicherheit, in der vertrauten Heimat ohne Verfolgung aufwachsen zu dürfen. Einem solchen Jesus, der alles selbst erlebt und erlitten hat, was in einem Menschenleben möglich ist, kann ein jeder von uns mit seinem Gottesdienst selbstbewusst nacheifern – ohne irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe.

Weil Gott an Weihnachten zu uns als der Menschensohn gekommen ist, können wir ganz nahe bei ihm sein – ohne Angst, etwas falsch machen. Wie schön, dass uns Lukas mit seinem Evangelium die Geschichte von einem heranwachsenden Jesus erhalten hat, welcher haargenau weiß, was seine Aufgaben sind und dabei ebenso sperrig wie unbequem ist wie alle Jugendlichen zu allen Zeiten. Einem solchen Vorbild können wir alle, groß und klein, mit Erfolg nacheifern -aber nie einem Idol, z.B. der Marke „Michael Jackson“.

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