Existenzängste

Liebe Gemeinde,

dieser Tage kam ein Brief von der Bundesversicherungsanstalt, eine gewaltige Papiermenge. Mir wurde mitgeteilt, dass es zwei Lücken von jeweils neun Monaten in meiner "Versicherungsbiographie" gibt, für die ich nun Nachweise erbringen solle. Am liebsten hätte ich den Brief gleich weggeworfen, weil es nach "umständlich" und "viel Arbeit" aussah. Als pflichtbewusste Deutsche bin ich aber drangegangen, mich um "Nachweise" zu kümmern, weil angeblich meine Rente unwahrscheinlich wichtig ist und offenbar den Versicherer diese Lücke beunruhigt. Ich rief bei der Versicherungsanstalt an, und ein besorgter Mann sagte da: "Na, neun Monate mehr oder weniger, das macht doch sehr viel aus. Und erst zweimal neun Monate!" Eigentlich lag mir der Satz aus dem Evangelium auf der Zunge: 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

Zufällig gehört dieser Text zu den Bibelstellen, die mich begleiten und die mir immer präsent sind. Ich mag ihn, weil er so viel Freiheit enthält. So kommt es in der Tat vor, dass mir Essen und Trinken oder neue Klamotten ganz an den Rand rücken und ich auch mal vergesse, für den nächsten Tag einzukaufen, vor allem dann, wenn ich gerade mit etwas beschäftigt bin, was meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Und so ist es auch gekommen, dass ich mein privates Leben nicht gerade auf das Streben nach einer "sicheren Existenz" aufgebaut habe. Bislang hat es auf wunderbare Weise immer funktioniert, dass genau dann eine unerwartete materielle Hilfe kam, wenn ich glaubte, jetzt gehe es nicht mehr weiter. Für mich ist so ein Leben nicht ganz so schwer wie für Menschen, die für eine Familie verantwortlich sind. Aber hat Jesus mit seiner Rede nur Singles im gut versorgten Europa gemeint? Predigt er da nicht ein gutes Stück Verantwortungslosigkeit? "Wenn es allein um mich ginge, könnte ich das ja annehmen, aber ich habe doch Kinder, und die sollen eine Zukunft haben", höre ich Sie schon sagen. Ich denke an meinen Vater. Er ist Jahrgang 1919, und er hat mich oft ermutigt, nicht zu sehr an vermeintlichen Sicherheiten zu kleben, als ich meine Lebensversicherung storniert habe zum Beispiel, und als ich meine feste Anstellung gekündigt habe, weil sie mich unglücklich und krank gemacht hatte. "Ich habe miterlebt, wie durch eine Inflation alles, was man angespart hatte, nichts mehr wert war – und es ging dennoch weiter. Ich habe den Krieg überlebt, und auch da war nichts übrig geblieben, und es ging trotzdem weiter. Du kannst nicht absehen, wie sich die Dinge verändern werden, auch, wenn du es noch so sorgfältig planst."

Das hat mir bei Entscheidungen zwischen Sicherheit und dem, was ich jetzt für notwendig hielt, oft geholfen. Wer sich total in Sorgen und Vorsorge um das Übermorgen verliert, läuft Gefahr, blind für das "Jetzt" zu werden.

Sich um Essen und Trinken hierzulande zu sorgen, ist im Grunde wirklich absurd: Ich wohne in der Eisleber Innenstadt. Wenn ich mir anschaue, was beim Bäcker jeden Abend übrig bleibt und beim Fleischer, dann habe ich wenig Verständnis für die Frage, die ich schon oft vor Familienfesten gehört habe: "Was sollen wir nur zum Essen anbieten? Wird es für alle reichen, und wird für jeden etwas dabei sein, was er mag?". Nachgerade grotesk ist das angesichts der globalen Situation. Immer wieder aber muss ich an die Waisenkinder aus Tansania denken, die im Sommer in unserem Kirchenkreis zu Besuch waren, und auch an den Pfarrer der Partnergemeinde aus Mlandege, der im letzten Winter Gast der Hettstedter Jakobigemeinde war. Sie haben zwar gestaunt über den Überfluss hier – aber am Ende befragt, freuten sie sich doch wieder auf zu Hause, auf die Rückkehr in das drittärmste Land der Erde. Warum? Sie fanden alles ganz schön, aber sie waren entsetzt über die leeren Kirchen und über die mangelnde Fröhlichkeit in den Gottesdiensten. Sie waren zum ersten Mal in ihrem Leben Menschen begegnet, die an nichts glauben. "Bei uns sind die Leute vielleicht katholisch, vielleicht lutherisch, vielleicht glauben sie auch an die alten Götter – aber dass jemand an gar nichts glaubt, das kann doch nicht sein!"

Ich denke, das ist es, was Jesus in seiner Rede meint. Es gibt etwas, was wichtiger ist als die Sorge um die Kleidung und das Essen von morgen – es muss der Seele gut gehen, sonst ist alles nichts.

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Bekannten, der Mutter eines 25-Jährigen. Er hat sein Jura-Studium abgeschlossen und ist völlig unmotiviert, einen Beruf zu ergreifen. Es gibt nichts, wofür er sich begeistern könnte. Allenfalls "Fußball-Manager", hat er gemeint, aber da komme er ja nie ran. Er ist weder glücklich noch unglücklich, seine Ziele sind schicke Marken-Klamotten, ein gutes Parfüm, Auto und "Abhängen" mit guten Freunden. Die Mutter hat ihn zu einem Spezialberater geschickt. Für eine beachtliche Menge Geld hat der empfohlen, den jungen Mann zum sozialen Dienst ins Ausland zu schicken, irgendwohin, wo er mit harter Not konfrontiert wird. "Damit er Ziele entwickelt und sich wirklich für etwas einsetzt". Und plötzlich kam diese Familie, die völlig kirchenfremd gelebt hat, auf die Idee, bei Kirche anzuklopfen. Bislang wurde mein Engagement auf dieser Strecke immer mild lächelnd toleriert – und nun sollte ich den Jungen in "irgendein hartes Eine-Welt-Projekt" vermitteln. Ich habe an die Arbeitsstelle Eine Welt weiter verwiesen, aber in mir ist eine offene Frage zurückgeblieben. "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes", sagt Jesus. Und da liegt doch wohl der Motor für ein solches Engagement. Hoffnung und Liebe, die sich über den eigenen Tellerand hinaus erstrecken, können schlecht aus einer inneren Leere heraus aufkommen. Diese innere Leere versuchen manche Menschen, oft junge Mädchen, zu füllen durch Essen, sie geraten in die Zwickmühle zwischen Schlankheitsideal und ihrem unstillbaren Hunger, Bulimie ist eine schwer zu behandelnde psychosomatische Erkrankung. Die krankhafte Fixiertheit auf das Thema "Essen" und auf das, was man anziehen könnte bestimmt das ganze Leben, aber die Seele bleibt ewig hungrig. Der Hunger nach echter Liebe bleibt ungestillt. "Das verstehe ich nicht", werden vielleicht die Älteren unter Ihnen sagen. Aber kennen Sie nicht auch manchmal ein Gefühl der Leere inmitten von Fülle? Tage, an denen alles, was Sie besitzen, sei es ein wunderschöner Garten oder Haus, Wohnung, Bücher, Sie nicht zufrieden macht, sondern ein unbestimmtes Gefühl an Angst nicht weichen lässt. Vor einiger Zeit war in Sangerhausen ein Vortrag über Angst angekündigt – ich fuhr hin, in Erwartung, eine kleine Gruppe von Neurotikern vorzufinden. Der Raum war überfüllt mit Menschen, die oberflächlich betrachtet völlig normal aussahen. Alle kamen, weil sie mit einer tiefen inneren Angst nicht fertig werden.

Angst wovor? Vor einer Krankheit, die irgendwann kommen könnte, vor einer Katastrophe, die Sie und Ihre Familie bedrohen könnte? Die berechtigte Angstum den Weltfrieden ist es jedenfalls nicht, die die Leute zum Psychiater oder Therapeuten treibt. Meist klagen sie über eher irrationale Ängste. Die Angst, die dem Menschen mitgegeben ist, ist die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Die Lilien auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel wissen nicht, dass sie morgen sterben werden. Aber genau diese Angst vor dem Tod ist uns doch eigentlich durch Jesus Christus genommen. Zu ihm, zu Gott, dürfen wir sie bringen, bei ihm dürfen wir sie ablegen, er nimmt uns mit liebenden Armen auf. Für ihn sind wir wichtig, schön und liebenswert, jeder Einzelne. Er sichert uns zu: "Du wirst leben." Wenn uns das bewusst wird, wenn wir das annehmen können, sind wir auch so frei, wieder wahrzunehmen, was um uns herum geschieht.

Ist es nicht so, dass uns diese ganze Sorge, die ganze Angst, oft blind macht für die kleinen Schönheiten um uns herum, die uns schon selbstverständlich vorkommen? Wir sehen die Lilien auf dem Felde gar nicht mehr und nehmen die Vögel unter dem Himmel nicht mehr wahr. Es ist mir an den letzten so schönen Spätsommertagen aufgefallen, wie blind die meisten Menschen an mir vorbeigerannt sind, völlig versponnen in ihre Geschäftigkeit und haben nicht einmal eine glänzende Kastanie aufgehoben und betrachtet oder sind vor besonderes schönen roten Blättern an einer Hauswand stehengeblieben. Und oft genug laufe ich selbst auch so durch die Welt, nicht nur, weil ich kurzsichtig bin. Aber dann kann ein einziges liebendes Wort mich aufbauen, mir die Augen öffnen. Und da, an dieser Stelle, da denke ich, sind wir als Christen gefordert: Es ist gar nicht schwer, einen anderen froh zu machen: Ich meine nun nicht durch aufgesetzte Fröhlichkeit. Ich denke, wir sollten einander öfter wahrnehmen. Nicht nur so: "Wie geht’s?" "Ach, es muss". Mir ist neulich etwas passiert, über das ich immer noch nachdenke. Eine junge Frau in meiner näheren Umgebung, mit der ich dauernd zu tun habe, hatte mir eigentlich schon immer deshalb so gut gefallen, weil sie so einen strahlenden und offenen Blick hatte und so ein liebenswertes Wesen. Für mich war sie schön, dass sie für mitteleuropäische Maßstäbe vielleicht zu dick ist, das hatte nie eine Rolle für mich gespielt. Nun, als sie auf einmal eine neue Hose trug, da fiel mir das auf. Ich sagte: "Schicke Hose!", und da brach es aus ihr heraus: "Ich habe auch 20 Kilo abgenommen". Sie war ganz traurig, dass ich das nicht bemerkt hatte. "Für mich warst du schon vorher schön", das war etwas, das sie nicht annehmen konnte. Ich habe mir dann Vorwürfe gemacht, weil ich vielleicht die Menschen nicht genau genug betrachte. Oder weil ich ihr nicht damals, als sie unter der Last ihres Körpergewichts gelitten hatte, schon mal zu ihr gesagt habe: "Ich mag dich, weil du einfach liebenswert bist".

Den meisten von uns fällt es schwer, Zuneigung zu zeigen – deswegen ist es in den Gemeinden oft so kalt. Ein einziges Wort der Liebe kann dem anderen ganze Teile seiner Persönlichkeit zurückschenken, daran sollten wir denken. Und wieviel größer ist das Geschenk, das uns Gott mit seiner Liebe jeden Tag gibt? Muss uns das nicht wachsen lassen, wachsen in der Wärme seiner Liebe und der Geborgenheit seines Friedens und erwachen lassen zum eigentlichen, zum ewigen Leben, dem "Reich Gottes", das schon mitten unter uns ist, wenn wir es nur wahrnehmen und nicht blind vor Existenzängsten daran vorbeilaufen, sondern einen freien Blick haben.

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