Evangelium mitten in Leid und Tod

Liebe Gemeinde,

wer den Ruf in eine neue Gemeinde annimmt, der muss sich auf einen Umzug gefasst machen – von der Stadt aufs Land – wie bei Eurem Pfarrer – oder von der einen in eine andere Stadt. Wir sind nun noch ziemlich neu hier, ein halbes Jahr in Baden, in der ehemals schönen Stadt Pforzheim, nachdem wir über 15 Jahre in der Lüneburger Heide gewohnt und gelebt haben.

Das ist eine Entfernung von gut 600 k und ich habe keine Ahnung, wie viel man hier von einer Kleinstadt in Norddeutschland weiß.

Aus unserer räumlichen Nähe zum Bummeln und Einkaufen kann ich Ihnen jedenfalls erzählen, dass Lüneburg eine sehr schöne Kleinstadt ist. Im Mittelalter war sie mächtig und reich. Eine salzige Quelle kommt seit Urzeiten inner-halb der Stadtgrenzen an das Tageslicht; vor rund 1000Jahren kam man darauf das Wasser zu verdampfen und so Salz zu gewinnen. Das wertvolle Salz wurde mit Kähnen nach Lübeck gebracht und von dort im ganzen Ostseeraum verkauft. Lüneburg war nicht nur mächtig und reich; seine Einwohner hielten sich viel auf ihre Frömmigkeit zugute. Im 14. und 15. Jahrhundert baute man mehrere prächtige Kirchen, große Backsteinbauten, von denen nicht alle heute noch stehen. Die salzige Quelle spült an den Salz-stöcken unter der Stadt. Grund und Boden senkt sich, und Kirchen mußten abgerissen werden, sonst wären sie eingestürzt. Dass Gebäude abgerissen werden und Städte zugrunde gehen, wissen wir aus Geschichtsbüchern. Die Bibel berichtet über den Untergang von Sodom und Gomorrha und vom Bau des Turmes zu Babel, der nicht einmal seine Fertigstellung erlebt hat. Wenn der Hebräerbrief allerdings in unserem heutigen Predigttext davon redet, dass wir keine bleibende Stadt haben, geht es nicht um die Vergänglichkeit von Städten, sondern um unsere Vergänglichkeit.

Es wird uns vor Augen gehalten, dass wir auf dieser Welt nicht ewig bleiben.

Die Passionszeit, die das Leiden und Sterben Jesu vor unsere Augen malt, ist uns damit auch eine Hilfe, uns den Schattenseiten des Lebens zu stellen. 1Wir haben hier keine bleibende Stadt‘, sagt der Hebräerbrief. Leben ist begrenzt, das ist eine Tatsache; und Sterben ist eine Gewißheit – die einzige, mit der wir zur Welt kommen. Für diese Gewißheit wählt der Verfasser des Hebräerbriefes das Bild der Stadt Eine Stadt oder ein Dorf, der Ort, in dem wir wohnen, einkaufen; in dem die Kinder zur Schule gehen, wo wir unsere Häuser haben oder unsere Wohnungen, wo wir schlafen und wo wir unsere Lebensaufgabe haben.

Menschen, die von dort vertrieben wurden, wo sie aufge-wachsen sind, die in fremden Städten neu anfangen mußten, können viel davon erzählen, was sie verloren haben. Und wenn wir auf Reisen an andere Orte kommen, werden wir merken, was uns unsere Stadt und unser eigenes Dorf bedeuten. Nicht nur ein Wohnort; mehr: Heimat, in der wir uns geborgen fühlen, wo wir uns auskennen und sicher fühlen. Die Menschen, die neben uns wohnen, Bürger des Ortes; es liegt uns etwas daran. Es ist auch ein Stück von uns selbst. Und wir sind ein Teil davon, wir gehören dazu, bauen mit an der Stadt, weil wir dort leben, eine Familie gründen, arbeiten, einen Haushalt führen. Auch und gerade als Christen tun wir das, getreu dem Wort ~ des Propheten Jeremia: ,Suchet der Stadt Bestes!‘ Glieder des Reiches Gottes setzen sich ein für ihre Stadt, tun etwas für ihr Wohlergehen, setzen sich für gute und hilfreiche Lebensbedingungen ein. Ja, als Christen übernehmen wir politische, auch kommunalpolitische Verantwortung. Wir haben einen Platz und eine Aufgabe in dieser Welt. Dem wird nicht widersprochen. Nur: ewigen Bestand hat das nicht. Was wir hier eingerichtet und aufgebaut haben, wird nicht bleiben.

Das ist eine Erfahrung, die unser ganzes Leben begleitet: Kinder verlassen ihre Eltern, um erwachsen zu werden; Liebesbeziehungen zerbrechen; Lebensphasen lassen wir hinter uns; wir werden älter, irgendwann führt das zu Einbußen an körperlicher Leistungsfähigkeit. Abschied, Trennung, immer ist das ein bisschen wie Sterben. Manchmal ist das wichtig, um sich weiterzuentwickeln, manchmal bedeutet es bloß Schmerz und Trauer. Besonders, wenn Menschen von uns gehen, mit denen wir ein langes Stück gemeinsamen Weges zurückgelegt haben und die wir geliebt haben. ,Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir‘. Das klingt ganz nüchtern: es lässt sich im Leben nicht vermeiden, Abschied zu nehmen. Wir kommen nicht umhin, mit dem Tod zu leben, mit dem anderer und mit dem eigenen. Gern sehen wir dem nicht entgegen; wir lieben das Leben, das Gott uns geschenkt, wir freuen uns daran, immer wieder. Wir verzichten nicht gern darauf. Gut so. Aber die Botschaft der Passionszeit erinnert uns daran, dass das nur die eine Seite des Lebens ist. Eine zentrale Botschaft der Heiligen Schrift ist das, die uns mahnt, den Tod nicht zu verdrängen. Aber auch woanders begegnet man dieser Weisheit. Marc Aurel, der römische Kaiser im ersten Jahrhundert nach Christus, rät, den Tod als etwas Natürliches anzusehen, als einen ,Vorgang der Art wie Jungsein und Altwerden, Wachsen und Blühen oder das Hervorkommen der Zähne, das Zeugen, das Schwangergehen und Gebären, … alle Dinge, die die Jahreszeiten des Lebens mit sich bringen‘. Es kommt darin eine Haltung zum Ausdruck, die helfen kann, mit Abschied, Trauer und Tod besser leben zu können.

Was aber der Hebräerbrief sagt, geht darüber hinaus. Dass wir vergänglich sind, ist in unserem Text nur ein Satz, und es macht auch nur einen Teil der christlichen Botschaft aus. Hören wir noch einmal, was die Botschaft weiter besagt: ,Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir‘.

Der leidende Christus rückt in den Mittelpunkt unserer Betrachtung. Neben der menschlichen Vergänglichkeit ist das der zentrale Blickpunkt der Passionszeit: der Gottes-sohn am Kreuz. Die Lesungen dieser Wochen, die Passionslieder, davon reden und singen sie. Anders als beim römischen Kaiser, der den Menschen zur Selbstbetrachtung führen will, ist es hier der Blick auf den am Kreuz sterbenden Jesus Christus. Hierin liegt das Leben, und zwar das Leben, das den Tod besiegt. Nicht, damit wir uns aus der Sterblichkeit herausstehlen, sondern damit das Ziel vor Augen bleibt, das hinter dem Tod liegt, das Leben. Das Ziel ist es auch, das Beine macht; damit wir nicht stehen oder liegen oder sitzen bleiben, sondern da zu finden sind, wo Christus stirbt, wo das Leid und das Elend der Welt vonstatten geht. Zu Zeiten Marc Aurels hieß, aus dem Lager herauszutreten und den christlichen Glauben zu bekennen, gefoltert und getötet zu werden, wie Christus auch. Christus nachfolgen, seine Schmach tragen, zu ihm hinausgehen, das bedroht in dieser Weise unser Leben nicht. Dennoch ist es ein Schritt, der mit Tod und Leben zu tun hat. Zu Jesus Christus herausgehen heißt ja, sich unter sein Kreuz stellen, sich da einfinden, wo alle Jünger ihn längst verlassen haben. Kein Wunder – es ist ja auch der Ort der Schwäche und des Leidens. Es ist der Ort, wo die Niederlage nicht mehr zu leugnen ist, wo wir ihm nicht mehr entfliehen können. Das ist unangenehm. Das Leiden und das Sterben annehmen, es hineinlassen in sein Leben, es akzeptieren als einen Teil des Lebens aus Gottes Hand – das kann heute genauso einsam machen. Damit muss man manchmal das Lager verlassen, die Gruppe, in der man sich wohlfühlt, die Nachbarn, mit denen man oberflächlich gesehen, eigentlich gut zurechtkommt.

Das alles wäre natürlich nicht nötig, wenn es hier bei dem triumphalen Einzug in Jerusalem geblieben wäre. Bei dem Sieger stehen wir gerne, da brauchen wir keine Gewohnheit, keine Bekanntschaft aufzugeben und kein Lager zu verlassen. Mit dem Sieger kann man sich gut sehen lassen.

Bei Jesus Christus unter seinem Kreuz, da gehören wir in das Leid dieser Welt, in die Wartesäle des Todes, stehen an der Seite derer, die die Nähe Jesu und seines Werkes nötig haben, stehen da, wo sonst alle weggehen – bei den Schwierigen und Unbequemen, bei den Kranken und Behinderten, bei den Traurigen und Enttäuschten, bei den Gescheiterten und Mutlosen. Da, unter dem Kreuz, im Leiden, an der Grenze dieses irdischen Lebens, das zerfällt wie die noch so schöne und prächtige Stadt. Das Evangelium ist frohe Botschaft für die, die das Zerbrechen erleben und erleiden. Jesus Christus leidet für die Menschen, die einmal alle ihr Leben verlieren. Das ist Evangelium mitten in Leid und Tod.

Der Rat der Stadt Lüneburg hat das verstanden. Die Stadt war von einer hohen Mauer umgeben; die Gesetze, wer innerhalb der Mauern leben durfte und wer nicht, waren streng. Aus der Mitte des 13.Jahrhunderts wird berichtet: die Todkranken mussten die Stadt verlassen; man versah sie mit den Sterbesakramenten und siedelte sie außerhalb in einem nahe gelegenen Dorf an, jenseits der Stadttore, wo es eine kleine Siechensiedlung gab. Ein halbes Jahrhundert später besann man sich, der Rat der Stadt ließ dort eine einfache Kirche bauen, um den Kranken zu ermöglichen, zu beten.

Die prächtigen Kirchen in der Stadt künden von Lüneburgs Macht und Reichtum; die einfache Kirche draußen vorm Tor der Stadt predigt das Evangelium.

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