Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt

"Wie viele Leute seid Ihr denn da heute gewesen?", ein Bekannter stellt mir diese Frage ab und an, wenn er mir auf dem Rückweg vom Gottesdienst begegnet. "Wie viele wart Ihr denn gestern Mittag auf dem Fußballplatz?", frage ich ihn, denn er ist Jugendtrainer. Und in der Regel kommen wir auf ähnliche Zahlen. "Aber meine Leute sind jedenfalls Nachwuchs", sagt er manchmal und schüttelt den Kopf. Sein Leben lang ist er noch in keinem Gottesdienst gewesen, meint er. In die Kirche geht er, um die "Matthäus-Passion" und auch mal den "Messias" zu hören, denn er liebt Barockmusik. "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt", das findet er besonders schön – "einfach von der Musik her", behauptet er.

Und neulich hat er mich mal gefragt, ob ich ihm erklären kann, was denn einen Juden von einem Christen unterscheidet. "Die Juden warten noch auf den Messias und wir warten, dass er wieder kommt", habe ich gesagt. Und musste dann immer mehr erklären. "Also warten die im Grunde schon länger als Ihr, aber Ihr wartet nun auch nach der kleinen Unterbrechung schon wieder eine ganze Weile", sagte der Bekannte und lachte. "Und Ihr glaubt, dass Ihr recht habt und die anderen auch", meinte er dann noch, "aber es kann ja nur einer recht haben oder keiner. Nee, dazu hätte ich keinen Nerv. Ich lebe hier und jetzt, was danach ist, und ob da überhaupt was ist, interessiert mich nicht."

"Das Warten", sagte ich, "das ist eigentlich gar nicht das, worum es mir geht. Das hat mich eigentlich noch nie aufgehalten. Aber mir geht es auch bei dem Hier und Jetzt darum, wie wir leben." Und bei der Beschäftigung mit dem heutigen Predigttext stand mir auf einmal diese Antwort wieder vor Augen.

Ist es vielleicht so, dass wir uns in dieser Wartezeit bereits so sesshaft eingerichtet haben, dass wir gar nicht mehr wissen, dass wir überhaupt warten und worauf wir warten? Habe ich mich gefragt. Und wird daher Geduld vielleicht manchmal mit Gleichgültigkeit oder gar Lethargie verwechselt? Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.

Was ist eigentlich der "Wille Gottes" und was ist das "Verheißene", von dem der unbekannte Autor des Briefes an die Hebräer hier schreibt? Wissen wir das genau? "Ich habe das Gefühl, wir geben als Kirche ständig Antworten auf Fragen, die uns kein Mensch gestellt hat", sagte neulich jemand zu mir angesichts einer schlecht besuchten Vortragsveranstaltung über die "preußische Zwangsunion im Jahr 1817 und ihre Auswirkungen im Großraum Halle." Verwalten wir nicht manchmal nur Kirchengeschichte, anstatt von der Hoffnung zu sprechen, die uns auch nach 2000 Jahren Warten noch erfüllt? Oder haben wir – ungeduldig, wie wir sind, – die Hoffnung selbst schon weitgehend aufgegeben und singen "Wer nur den lieben Gott lässt walten" eher mit dem Gedanken, der wird sowieso von uns die Nase schon voll haben.

Ist das, was wir in unseren Gemeinden anbieten, wirklich das, was Menschen bewegt in einer Zeit, in der der Weltfrieden empfindlich gefährdet ist, weil sich Fanatiker unterschiedlicher Religionen von Wirtschaftsmächtigen einspannen lassen? In einer Zeit, wo Glaubensfremde sich und uns fragen: Ist das nun der selbe Gott, den Juden, Moslems und auch ein Teil der Christen in der westlichen Welt auf ihrer Seite zu haben glauben, wenn sie gegeneinander in den Krieg ziehen? Und darum sagen: "Dann glaube ich doch lieber nur an das, was ich sehen, hören und riechen kann. Und Glaubende, die sich nach Frieden sehnen, kommen ins Zweifeln: Wie kann ich unter solchen Umständen eigentlich noch Gottvertrauen haben?" Entsprechend dürftig fallen dann unsere Antworten aus, wenn uns jemand fragt: "Warum lässt denn euer Gott den ganzen Wahnsinn auf der Welt zu?"

Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Dieser Satz aus dem Hebräerbrief könnte doch genauso gut aus einer islamischen Schrift stammen, mit der sich ein Selbstmordattentäter auf seine letzte Reise begibt. Wir aber a sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten., das passt auf den ersten Blick auch genau in einen solchen Zusammenhang. Wäre da nicht der andere Satz in der Textpassage, dieses "Geduld aber ist nötig, damit ihr den Willen Gottes tut…" "Glauben ist die Fähigkeit, in Gottes Tempo zu gehen", hat der große jüdische Philosoph und Theologe Martin Buber einmal gesagt. "Im Tempo Gottes gehen", das bedeutet auch, zu wissen, dass vor ihm tausend Jahre wie der Tag sind, der gestern vergangen ist. So gewinnt das "nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben". eine ganz andere Dimension. Wir wissen nicht, wer den Hebräerbrief geschrieben hat und an wen er sich konkret richtet. Aus den Inhalten ist nur zu erschließen, dass er sich an eine Gemeinde wendet, der die jüdischen Schriften der Thora und der Propheten durchaus vertraut gewesen sein müssen – so stammt dieser Satz mit der "kleinen Weile" aus dem Buch Habakuk, das bekanntlich im alten Testament steht. Die Propheten galten der Urgemeinde als Vorbilder in Geduld und Martyrium. Der Schreiber tröstet mit diesen Worten eine Gemeinde im frühen Christentum darüber hinweg, dass sie gerade schwere Zeiten durchmacht, die sie durchaus daran zweifeln lassen, ob ihre Entscheidung, sich von der alten Lehre zur neuen, zu der vom auferstandenen Christus, zu wenden, wirklich richtig war. Vielleicht war er ja doch nicht der, der da kommen soll, sonst müssten sie nicht so viel erleiden und sonst wäre er ja längst wiedergekommen? Eine Frage übrigens, die nichts an Aktualität verloren hat. "Woher wollt Ihr wissen, dass er der Messias war", hat mich auch ein jüdischer Freund öfter gefragt und ich konnte nur antworten: "Ich glaube es einfach."

"In Gottes Tempo gehen", aus dem Glauben leben, das müssen wir heute wie damals alle wohl Tag für Tag neu üben. Fanatiker aller Religionen haben damit offenbar besonders große Probleme, sie glauben ständig, Gott vorgreifen zu müssen oder maßen sich an, es sei an ihnen, seine Arbeit zu tun. Wer sich selbst und andere in die Luft jagt, um sich damit schneller und näher zu Gott zu bringen, der geht auf keinen Fall in Gottes Tempo, sondern rennt blind an ihm vorbei. "Fahr nicht so schnell, die Ewigkeit dauert noch lange genug", sagte mal ein älterer Mensch zu mir, darüber habe ich lange nachgedacht. "Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut."

Wenn ich mit Menschen über den Tod rede, fällt mir oft auf, dass sie sich vor allem eines wünschen: "Dass er schnell kommt und ich nicht lange leiden muss." Manchmal denke ich dann an meine Großmutter, die 13 Jahre lang große Schmerzen auszuhalten hatte, bis sie mit 90 Jahren starb – "nach geduldig ertragenem Leiden", wie es in der Beerdigungsansprache hieß. Die Gestalt des Hiob hatte sie sich als Orientierung in dieser langen schmerzlichen Zeit genommen. Die Geduld hatte ihr der feste Glaube an den Auferstandenen gegeben. Nun wünscht man das ja wirklich niemandem, dass er leiden muss, aber ich bin neulich sehr nachdenklich geworden bei einem Gespräch mit drogenabhängigen Jugendlichen, die seit einigen Monaten in der Therapie und ohne Drogen leben. Ich hatte sie gefragt, was ihnen in diesem neuen Leben am Bemerkenswertesten und erfreulichsten sei. "Dass ich sehe und spüre, dass ich auch was aushalten kann", das war die Botschaft, die sie auch anderen übermitteln wollten. "Es kann doch nicht immer alles ohne Schmerzen abgehen. Früher habe ich mich bei allem zugedröhnt, wenn mir in der Seele oder am Körper was weh tat. Und jetzt lerne ich, das auszuhalten und bin auch ein bisschen stolz darauf." "Und dann geht man auch ganz anders um mit dem Leid von anderen Leuten", hörte ich und bekam einen begeisterten Bericht vom freiwilligen Einsatz im Hochwassergebiet. Beeindruckt hatte die jungen Leute, welches Gemeinschaftsgefühl und welche Hilfsbereitschaft da zu spüren war. Das habe "echt gutgetan", zu sehen, dass sich die Menschen nicht gegenseitig sitzen lassen, wenn es hart kommt. "Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung," heißt es beim Apostel Paulus im Römerbrief.

Im zweiten Petrusbrief lesen wir: "Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde." Damit werden wir an Gottes unendliche Geduld erinnert, die er mit den Menschen hat. Er möchte einfach, dass es noch mehr von denen gibt, die nicht zurückweichen, die da glauben und ihre Seele erretten. Und zur Umkehr gibt er jedem eine Chance. Er streckt die Hand aus mit einer grenzenlosen Geduld und Liebe, jeden Tag aufs Neue. Ich möchte schließen mit einem Wort von Gustav Heinemann: "Lasst uns der Welt entgegnen, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt."

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