Etwas hat sich bewegt

Liebe Gemeinde,

es ist Nacht in der großen Stadt. Kaum jemand ist noch auf der Straße. Langsam schleicht die Kühle der Nacht durch die Straßen. Doch noch jemand schleicht durch die Straßen. Dunkle Kleidung. Sogar das Gesicht ist verhüllt. Wir können nicht erkennen, wer da fast diebisch durch die Nacht huscht. Zielstrebig geht die Person ihren Weg, mit wehenden Schritten.

Endlich angekommen. Jetzt steht Nikodemus, der Pharisäer, endlich vor Jesus. Es platzt aus ihm heraus: "Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn
Gott mit ihm."

Diese Anrede ist Ehrerbietung und aufrichtige Anerkennung. Nikodemus nennt Jesus einen Meister, einen Lehrer. Er, der selbst so viel in Glaubensdingen weiß, hat die Erwartung: Jesus hat auch mir noch etwas von Gott zu sagen, das ich noch nicht kenne!

Was will Nikodemus? Will er mit Jesus diskutieren, will er zuhören oder sich gar belehren lassen? Oder hat er eine konkrete Frage? Wir wissen es nicht genau. Jesus fällt ihm ins Wort und fängt an zu erzählen. Nikodemus bleibt. Er geht nicht entrüstet fort oder fällt ihm ins Wort. Er hört zu.

Ich möchte nun mit Ihnen dem Nachspüren, was Nikodemus so sehr beeindruckt hat, dass er bleibt, dass er Jahre später Jesus verteidigt, als er vorschnell verurteilt werden soll und sogar half, den Leichnam Jesu angemessen zu bestatten. Was war es, das Nikodemus zu fasziniert hat? Jesus macht Nikodemus eine Sache ganz klar. Der Glaube ist nichts, was sich nur an äußeren Dingen festmachen darf. Der Glaube braucht mehr.

Nikodemus hat die Besonders enge Beziehung zwischen Jesus und Gott an den Wundern und Zeichen erkannt, die Jesus tut: Wasser zu Wein, Heilungen, Speisung der 5000 und vieles mehr!

Einer der diese Wunder tut, muss mit Gott in enger Verbindung stehn. Das hat Nikodemus erkannt. Doch damit greift er zu kurz. Glaube braucht mehr als nackte Tatsachen. Diese Erfahrung machen wir auch in Bezug auf den Glauben.

Wenn wir versuchen, mit anderen ins Gespräch zu kommen über den Glauben, über Gott, über Jesus, dann reicht es
nicht, nur von den Tatsachen zu erzählen.
Es bliebe dann bei Äußerlichkeiten.
Solchen z. B: Jesus, unehelicher Sohn eines Zimmermanns und seiner Verlobten Maria, Massenwirksam aufgetreten
zwischen seines 30. und 33. Lebensjahres. Er war ein Wunderheiler und Charismatiker. Er wurde für den Sohn Gottes gehalten und später aus mehr oder weniger klaren Gründen grausam hingerichtet, seine Freunde waren drei Tage nach seinem Tod sicher, dass er lebe, genaue Beweise dafür gibt es aber nicht.

Diese harten Fakten bieten allein noch kein gutes Glaubens-Fundament oder bieten meinem Leben noch keinen Sinn.
Ich kann sie anhören, eventuell sogar historisch prüfen. Doch zum Glauben helfen sie allein mir nicht!

Was es darüber hinaus braucht ist eine neue, andere Sicht auf die Dinge, die wir oft so dringend nötig haben. Das ist der Bereich des Glaubens, der so schwer zu ergründen ist. Es ist der Glaube, der die Sicht auf die Dinge verändert. Der kann Menschen verändern. Der Glaube kann Menschen Mut machen zu Taten, die sie sonst nicht vollbringen würden. Das meint "neu geboren werden".

Nocheinmal von vorne anfangen können! Haben Sie, habt ihr das auch schon mal gedacht?
Was wäre wenn … Was wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte….
Was wäre, wenn ich das nicht gesagt hätte, was wäre, wenn ich das damals das nicht gemacht hätte… was wäre, wenn…

Nocheinmal von vorne anfangen. Das alte hinter sich lassen. Ohne Ballast starten. Vielleicht wollte das Nikodemus. Nochmal von vorne anfangen. Dinge anders machen als sie üblich waren und sind.

Meist entsteht dieser Wunsch dann, wenn es nicht so gut läuft im Leben. Wenn die eigene Kräfte aufgebraucht sind oder zu klein erscheinen. Wenn die Situation zu aussichtslos ist. Wenn Beziehungen zu stark verfahren sind.

Wie sollen wir da eine neue Sicht auf die Dinge bekommen. Wo bekommen wir da die Kraft, die Dinge anzugehen? Wie das gehen soll, ist schwer zu verstehen. Das fragen wir heute, das fragte Nikodemus damals.
Nikodemus lässt nicht locker, er will es wissen. Er fragt: "Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?"

Wie würden Sie diese Frage beantworten? Mit Nein?
Ein Mensch kann nicht wieder zurück. Das ist wahr. Wir können das, was wir erlebt haben, was uns geprägt hat,
nicht einfach hinter uns lassen. Aber wir können von vorne anfangen. Einen Neuanfang wagen. Das wünsche ich mir doch so manchesmal. Doch ist das nicht immer leicht. Das kostet Kraft. Das verunsichert – werde ich es schaffen? Werden Freunde zu mir halten? Ich denke, dass Nikodemus genau deswegen durch die schützende Dunkelheit zu Jesus kam. Er hat diese Angst gespürt.
Und doch hat er versucht neue Wege zu gehen. Vorsichtig und tastend hat er Jesus verteidigt, als er verurteilt
werden sollte, und er hat geholfen, den Leichnam von Jesus zu begraben.

Das sind nicht so große Wunder, wie Jesus sie tat. Das sind unsere Menschen-Schritte, die wir gehen können.

Und daran sehen wir auch: Nicht jeder, der Jesus erlebte, nicht jeder der mit dem Glauben in Berührung kommt, macht eine großartige, lebenumstürzende Erfahrung.

Manchmal bleibt die Bitte um Glauben und Gottesnähe unerfüllt. Und ist bitter. Wir verstehen das nicht. Und dann dürfen wir mit Gott auch ringen. Und ihm unseren Ärger und Frust anvertrauen. Und ihm von unserer Angst erzählen.
Jesus hat es uns vorgemacht am Kreuz. "Mein Gott,warum hast du mich verlassen?!"

Manchmal sind es die kleinen Gesten der Freundlichkeit und der Versöhnung, kleine Taten der Fürsorge und der Begleitung, die durch Gottes Geist gelenkt werden und in solchen Momenten wieder Mut machen und zeigen: Gott ist bei Dir! Er hat dich nicht verlassen.

In dem letzten Satz, den Jesus zu Nikodemus sagt, liegt zweierlei: "Der Wind bläst, wo er will, und du hörst
sein sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist
geboren ist."

Das eine ist: Wir haben nicht immer in der Hand, wie gut und tragfähig unser Glaube ist. Wir selbst können nicht aus eigener Anstrengung allein das Vertrauen auf Gott in uns heranzüchten. Weder durch wiederholtes einreden noch durch irgendwelche Praktiken und Formeln.

Die andere Seite ist: Gerade dann, wenn wir mit unseren eigenen Kräften am Ende sind, wenn wir mit unseren Fähigkeiten an unsere Grenzen stoßen, wenn uns die Hoffnung und unser Mut verlässt, gerade dann will Gott uns seinen Geist schicken, der uns stark macht.

So will Gott unsere Sehnsucht nach erfülltem Leben stillen. So will Gott uns Mut zum Leben schenken. So will er uns festmachen im Glauben an ihn.

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