Etikettenschwindel

<i>[Dankbar benutzte ich u.a. Predigten von Vikar Mark Meinhard, Unteraltertheim und Pastor Dr. Theo Lehmann, Chemnitz]</i>

Liebe Gemeinde!

In diesen Adventstagen drängt es mich besonders, altgewordene, verdiente Gemeindeglieder, die nicht mehr hierher kommen können, mit einem Gruß zu bedenken. So fuhr ich am Nikolaustag mit einem gefüllten Stiefel zu einer treuen Frau, die in früheren Jahren an jedem Sonntag in unserer Mitte saß. Am Schild der Toreinfahrt stand: Altersheim sowieso. Merkwürdig nur: Alle Fenster ohne Vorhänge, keine Lichter, keine Blumen. Auf das Klingeln öffnete niemand. Nun schaute ich mir das Haus genauer an. Alle Etagen sahen wirklich unbewohnt aus. Vielleicht ist im Anbau noch jemand, dort saß früher die Leitung. Fehlanzeige. Beim Gang in den Hof sieht man durch die großen Glasfenster vom Tages-raum zwei Handwerker beim Pausenbrot. Sie bestätigen den optischen Eindruck: Hier wohnt niemand mehr.

Zum Glück ließ sich am Ende das Heim ausmachen, in das die Bewohner verzo-gen sind. Und der Nikolausgruß fand doch noch einen vor Freude überwältigen Abnehmer. Die alte Adresse war dem Namen nach vorhanden. Der Eintrag im Telefonbuch war vollständigst. Aber die Prüfung vor Ort ergab: Dem ist gar nicht so. Etikettenschwindel sozusagen. Keine böse Absicht dahinter. Aber dennoch ein trauriger Befund. Und so wirkt manches von weitem betrachtet ganz in Ordnung. Wenn man nur nach dem geht, was früher war, oder was die anderen erzählen, manchmal auch wie man sich selbst einschätzt, es scheint alles in Ordnung. Aber eine Diagnose von kompetenter Seite kann rasch ein ganz anderes Bild ergeben. Es ist eine Diagnose, die Jesus hier stellt. Eine Diagnose, die wirklich fachlich richtig ist und verlässlich, kann unerfreulich sein. Wie bitter ist es etwa bei einem Patienten, wenn sich seit einiger Zeit unangenehme Schmerzen häufen. Man lässt sich gründlich untersuchen und am Ende steht ein niederschmetternder Befund. Die anderen sagten immer: Blendend siehst du noch aus, du bist zu beneiden, du hast es gut. Aber nach einer solchen Diagnose sieht die Welt ganz anders aus. Und manchmal lässt sich dann nichts mehr beheben, nur noch lindern.

Du hast den Namen, das du lebst, und bist in Wahrheit totgeweiht. das muss gar nicht mal eigene Schuld sein. Das kann einfach Tragik sein. Hier ist auch so eine ernste, eine erschütternde Diagnose. Aber glücklicherweise besteht noch Hoffnung. Dem Patienten hier ist noch zu helfen. Er kann wieder auf die Beine kommen. Von wem ist da die Rede? Es geht nicht um eine einzelne Person. Es geht um einen Ort. Sardes heißt dieser Ort. Heute stehen da nur noch Ruinen, wie die vom Kybele Tempel, der auf dem Gottesdienstblatt abgebildet ist. In vorchr. Zeit war die Stadt berühmt durch einen König namens Krösus. Der war märchenhaft reich. Sprichwörtlich reich. Das ist nichts verwerfliches. Dieser Krösus hatte einst eine Begegnung mit einem griechischen Staatsmann. Der warnte ihn davor, sich für den glücklichsten Menschen zu halten. Man darf nämlich das eine nicht mit dem anderen verwechseln. Reichtum bedeutet noch nicht Glück. Das ist ja das tiefe Problem an dem vor uns liegenen Weihnachtsfest. Glück kann man nicht kaufen, auch wenn die Werbung das suggeriert, das zu bedauern sei, wer nicht mithalten kann in diesen Tagen und sich oder andern ein aufwendiges Geschenkt kaufen. Reichtum ist noch lange kein Glück.

Wir dürfen uns nicht von anderen falsche Maßstäbe einreden lassen. Und so ist das auch mit dem Leben. Was macht eine lebendige Gemeinde aus? Oft hört man: Wo viele Aktivitäten sind. Unser Gemeindebrief hat ja erst seit wenigen Ausga-ben die jetzige Gestalt. Als die Veränderung seinerzeit anstand, hab ich viele Zeitungen anderer Gemeinden gesammelt und Anhaltspunkte zu haben, was man verbessern könnte. Es ging mir eigentlich nur um die Äußere Aufmachung. Aber man liest dann doch auch die Details. Und es war schon erstaunlich, was da so alles läuft. Viele Aktivitäten. Beachtlich. Dagegen der Gemeindebrief von Sagard auf Rügen, unsere Partnergemeinde, enthält unter der Woche so gut wie keine Veranstaltung. Gerade mal Konfirmandenunterricht, dort ist es ja die Christenlehre, und einige Übungstreffen der Kinder für das Krippenspiel. Das war alles. Was haben unsere Gemeinden dagegen zu bieten. Aber ist Aktivität schon leben. Das Leben, wonach Jesus fragt. Er sagt hier zunächst: Ich kenne deine Werke. Also da war Aktivität, in Sardes. Und doch kein Leben mehr.

Wie kann das passieren, dass eine Gemeinde zu einer toten Gemeinde wird? Denken wir noch einmal an den Ort Sardes und ihren berühmtesten Bürger, den reichen Krösus. Nach einer verlorenen Schlacht hat er sich in seine Bergfestung zurück gezogen. Es hieß, die sei uneinnehmbar. Das schien wirklich zu stimmen, sie lag noch unzugänglicher als die Tora Bora Höhlen in Afghanistan. Eines Tages machte ein Spähtrupp eine Beobachtung. Sie erblickten einen Soldaten, wie er von den Zinnen herabstieg und einen offenbar verlorenen Gegenstand herauf holte. Das schien ein geheimer Weg zu sein. In der folgenden Nacht schlichen sich die Angreifer auf demselben Weg in die Burg. Zu ihrer Überraschung fanden sie keine Wachen vor. Die Bewohner hatten sich so sicher gefühlt, die hatten gar keine Wachen aufgestellt. So kann eine lebendige Gemeinde zu einer toten werden. Dann, wenn man sich sicher fühlt, wenn man meint, bereits alles getan zu haben. Wenn man der Meinung ist: Nun kann alles bleiben, wie es ist. Für dieses Stehenbleiben gibt es mehrere Möglichkeiten. Da sind welche, die sagen: Jetzt habe ich die Bibel, das Wort Gottes, endgültig verstanden. Jetzt weiß ich alles. Keine Auslegung kann mir noch etwas neues vermitteln. Sie wissen von vornherein, wo die Guten und wo die Bösen stehen.

Da sind andere, die meinen, es müssen fortwährend neue Aktionen in Gang gebracht werden. Nur ständiger Fortschritt, mehr Wachstum sei das vorrangig Nötige. Auf diesem Weg kommt es schnell dazu, dass das Kleine nicht mehr gewürdigt wird. Weil immerfort nur das scheinbar Große im Blick ist. Am verhängnisvollsten ist es aber, wenn dort wo gerade der entscheidende Anfang gemacht ist, bei der Taufe nämlich, schon Schluss gemacht wird. Wo die Meinung vorherrscht, wer getauft ist, der ist Christ, da ist das wichtigste getan, jetzt muss man nicht mehr vorangehen im Glauben. Das wäre ein fataler Selbstbetrug, zugleich ein Etikettenschwindel, weil sich ja erst noch im Leben beweisen muss, dass die Kräfte der Taufe auch zur Wirkung kommen. Eine tiefe Ursache für die Abneigung vieler Menschen außerhalb Europas, in den vom Islam dominier-ten Ländern gegenüber dem Glauben der Europäer ist dieser Etikettenschwindel. Sie haben gehört, dort in Europa sei das christliche Abendland, und dann kommen sie her und sehen, wie der Mammon angebetet wird und nicht Jesus Christus, sie sehen die Beliebigkeit der Lebensformen und das Fehlen jeglicher verbindlicher Maßstäbe. Das wollen Christen sein? Darum stellt die Taufe auf den Namen Jesu Christi einen jeden von uns in große Verantwortung, weil wir einen hohen Namen tragen, den Namen des Auferstandenen, des Lebendigen. Und sie stellt die Gemeinde in große Verantwortung, weil der Name Jesus Christus sie als lebendig ausweist. Und so wie die Stadt Sardes in neutestamentlicher Zeit schon lange keine wohlhabende Stadt war, nur der Krösusname deutete noch darauf. So war auch damals die christliche Gemeinde dort nur noch ein Schatten von einst. Sie hatte sich angepasst, war in der degenerierten Stadt zur degenerierten Gemeinde geworden. Sie wer nicht mehr das Salz, nur noch das Suppengrün der Gesellschaft. Nach außen und von außen schien alles bestens. Der kirchliche Betrieb lief wie geschmiert. Volle Gottesdienste, aber keine Vollmacht. Korrekte Belehrungen, aber keine Bekehrungen. Die Pastoren ausgebucht, aber innerlich ausgebrannt. Alles schön und gut, und zugleich alles ohne Glut.

Jesus urteilt: Du stehst in dem Ruf, dass du lebst, und bist tot. Dieses Urteil ist schrecklich, aber nicht vernichtend. Jesus will mit diesem Schreckschuss die Gemeinde aufwecken. Dieser Tage haben wir ein Weihnachtspaket nach Oberfranken geschickt und dort auch eine Cassette reingepackt mit Predigten vom Afrika-Missionar John Thys-sen. Das Paket ging zu meinem Schwager, der ist jetzt Familienvater und hat als kleiner Bub keinen Gottesdienst ausgelassen, wenn dieser berühmte Gastprediger auf der Kanzel des Dorfes sprach. Damals gab es noch kein Internet und Vidoes, alles wartete gespannt auf die aufregenden Abenteuer aus der geheimnisvollen Ferne. Offenbar hingen aber nicht alle Geroldsgrüner so aufmerksam an den Lippen des Predigers wie der sich das wünschte. Also holte der Gast immer dann, wenn der sich wieder einen Aufmerksamkeitsschub wünschte, einen Revolver aus der Tasche und feuerte einen Schreckschuss ab. Ein Glück möchte man sagen, dass in jener Gemeinde die Taufen erst nach dem Gottesdienst sind. Auf alle Fälle: alles schreckte hoch, alle wieder hochkonzentriert. Zu Schaden gekommen ist niemand, und das Thema vom Dorfgespräch der neuen Woche stand fest. Die harte Diagnose Jesu über den Etikettenschwindel scheinbar lebendiger Gemeinden ist auch so ein Schreckschuss. Zum Glück belässt es Jesus nicht bei deprimierenden Diagnose, er gibt einen Rat, wie es besser werden kann: "Werde wach und stärke das andere, das sterben will!" Der gute Rat ist: Werde wach! Die Schläfrigkeit ist für die Kirche gefährlicher als Irrlehre oder Verfolgungszeiten oder ein sinkender Kassenstand. Was die Kirche umbringt, sind die Schlafmützen. Der Pfeil des Versuchers trifft uns meistens dann, wenn wir es uns gemütlich gemacht und die Pantoffeln angezogen haben. Ein Leben mit Gemütlichkeit und ein Leben mit Jesus sind totale Gegensätze. Deshalb trommelt Jesus unentwegt an die Türen der Sterbezimmer: Wach auf! Sei wachsam! Kein Gebot steht so oft im Neuen Testament wie das Gebot der Wachsamkeit.

Weil Jesus überhaupt damit rechnet, dass wir auf wachen, besteht Hoffnung. Wenn wir uns von Jesus wecken lassen, wenn wir nicht mehr sorglos weiterschlafen, dann besteht Hoffnung. Es besteht auch deshalb Hoffnung, weil bei genauerem Hinsehen offenbar wird: Einige damals in Sardes haben ihre Kleider nicht be-schmutzt. Also sind doch nicht alle weggedämmert, einige wenige sind wach geblieben, sind Jesus treu geblieben. Darum ist es sehr lieblos, sehr hochmütig, wenn mitunter über andere Gemeinden abschätzig gesprochen wird. Als sei da alles hoffnungslos verweltlicht, oder hoffnungslos verkrustet. Umgekehrt kann es auch überheblich sein, wenn manche Gemeinden hoch gerühmt werden. Weil es da brummt, und schon die christlichen Zeitschriften über deren Arbeitszweige berichten und was die alles tolles leisten. Als wir die Evangelisation hier hatten mit Eckard Krause, nicht dieses Jahr der Grundkurs, sondern anno 97 wo der große Saal rappelvoll war. Da kamen erfreulicherweise sehr viele dem Glauben Fernstehende und haben interessiert zugehört. Es kamen auch manche aus hoch-gerühmten Gemeinden. Die kamen nicht unbedingt, um sich zu überzeugen, ob wir das hier alles richtig machen, so wie sie es schon lange tun. Sie kamen, um sich bei Herrn Krause in der Seelsorge anzumelden. Weil sie nämlich manches an Problemen und Nöten hatten, was sie hier im geschützten Raum aussprechen konnten. Was nicht passte in das Bild dieser tollen Gemeinden. Diese Leute wurden dann in der Seelsorge gestärkt. So wie Jesus hier unterschied-lich vorgeht: Einmal sagt er: Wach auf, bevor es ganz zu spät ist. Dann sagt er: Stärke das andere. Es gibt Orte im Reich Gottes, da hält man sich die Nase zu, weil so ein unangenehmer Musumsmuff da ist, überhaupt nichts erfrischendes, nichts Inspirierendes. Da ist dringend Belebung angesagt. Und es gibt Orte, da geht man hin und wird gestärkt, da ist eine ansteckende Begeisterung. Die ge-rühmte Willow Creek Gemeinde in den USA ist solch ein Ort. Sicher ist da nicht alles Gold was glänzt. Aber es ist beachtlich, die schicken einen Haufen Mitarbeiter nach Europa zu besonderen Kongressen, wo wiederum Verantwortliche von hiesigen Gemeinden hinfahren für einige Tage. An beiden Orten will Jesus wirken. Hier müssen die Christen erst wieder selber erwachen und erstarken, dort ist blühendes Leben, an dem dritte sich erfrischen können. Und wo stehen wir heute morgen? Ich denke, es gibt hier unter uns mancherlei gesunde geistliche Lebenszeichen. Das schöne Kirchweihfest vorigen Sonntag hat einiges davon sichtbar werden lassen. Aber vielleicht ist mancher hier viel müder und kraftloser als er nach außen zugeben mag. Wie gut, dass Jesus Macht hat, dich zu erneuern, dich zu motivieren.

Nimm heute diese Frage mit: Wo muss Jesus mich wecken? Wo soll ich andere stärken? Wenn du so fragst, wird er dich ganz individuell führen. Diese Frage wird besonders dann von Bedeutung, wenn dein Wirkungskreis sich einmal ändert. Also wenn Peter, der heute unsern erkrankten Küster vertritt, im Frühjahr in die Pfalz umzieht, dann ist das schon eine wichtige Frage: Welcher Gemeinde ordne ich mich zu? Vielleicht bekommst du ja einen Tipp mit einer ersten Adresse von einer Supergemeinde. Da kannst du dich dann so richtig geistlich anstecken lassen. Vorausgesetzt, die gute Adresse ist kein Etikettenschwindel. Kann aber auch sein, dass die Gott dorthin führen will, wo nichts Besonderes los ist, und wo er gerade dich gebrauchen will, um das andere zu stärken, das sterben will. Wer überwindet, heißt es hier am Schluss. Morgen wieder mag dein Wecker ganz früh klingeln und du würdest noch so gern unter der warmen Decke weiterdäm-mern. Da muss man sich überwinden und aufstehen. So ist das im Glauben auch. Lasst uns wieder wach werden für das, was Jesus uns sagt und was er mit uns vor hat. Dann ist unser Christsein kein Etikettenschwindel. Dann sind wir geistlich gesund, weil innen und außen übereinstimmen. Dann sehnen wir den Tag herbei, wo Jesus Christus wiederkommt, weil dann die Mühe getan ist des sich wach halten müssens, andere wecken müssens. Dann wird der Reichtum offenbar, der die Schätze jenes Krösus weit in den Schatten stellt. Denn Jesus ist der Inbegriff des Lebens, des lohnenden Lebens. In ihm ist uns alles geschenkt.

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