Es war einmal …

"Es war einmal …" – diesen Anfang kennen wir, liebe Gemeinde. Nach den Worten "Es war einmal …" können wir ein klassisches Märchen erwarten. Hört nun folgenden Text:

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"Es war zu der Zeit, …" – so hat dieser Abschnitt angefangen. Wir finden ihn ziemlich weit vorne in der Bibel, fast ganz am Anfang. Dieser Abschnitt ist der sogenannte zweite Schöpfungsbericht. Entstanden in einer anderen Tradition und Zeit als derjenige, der uns noch vertrauter ist – ich meine die Einteilung der Schöpfungsgeschichte in sieben Tage.

Ein zweiter Bericht, in dem Gott der Machende, der Schaffende, der Schöpfer ist. Aus Erde vom Acker formt er den Menschen und haucht ihm den Atem des Lebens ein. Und im weiteren Verlauf wird uns Gott als Gärtner vorgestellt. Und dann, neben all‘ den Pflanzen und Büschen und Bäumen, die das Herz jedes Vegetariers höher schlagen lassen – neben all‘ diesen herrlichen Gewächsen pflanzt Gott den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis. Der Erkenntnis des Guten und des Bösen.

Ist diese Geschichte ein Märchen? Der Mensch – aus Erde bzw. Lehm geknetet? Wer seinen Biologieunterricht nicht komplett verschlafen hat, der hat anderes gelernt. Mit dem Stichwort "Evolution" verbinden wir, dass sich das Leben auf dem Land aus dem Meer heraus entwickelt hat. Und irgendwann wurde dann der Affe zum Menschen.

Wer hat nun recht – die Bibel oder die Wissenschaft?! Liebe Gemeinde – solch eine Frage, dieses Gegeneinander-Ausspielen ist gar nicht der Punkt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit beantworten die Frage nach der Herkunft des Menschen mit der Abstammungslehre. Und im Moment gibt es auch keine andere Theorie. Wie man sich die Entstehung des Lebens in 500 Jahren erklären wird – das wissen wir nicht. Ich gebe zu bedenken, dass die Erde eine Zeitlang auch für eine Scheibe gehalten wurde …

Aber zurück zur Biologie. Ihre Erkenntnisse geben uns Antwort auf das "Woher". Die Bibel aber hat anderes im Sinn. In diesem zweiten Schöpfungsbericht – und auch an vielen anderen Stellen – geht es um das "Wozu"! Wozu sind wir Menschen geschaffen? – darauf hatte Charles Darwin keine Antwort.

Der Abschnitt aus dem 1. Buch Mose aber benennt es klar: Wir sind in den göttlichen Garten hineingesetzt, um ihn zu bebauen und zu bewahren. Von rücksichtsloser Ausnutzung aller Rohstoffe ohne Rücksicht auf Verluste, von ungerechter Verteilung der Ressourcen und Nahrungsmittel steht da nichts. Bebauen und bewahren sollen wir ihn – als Verwalterinnen und Verwalter. Der Garten – Gottes Schöpfung – gehört uns nicht. Er ist uns anvertraut – und die Generationen nach uns sollen auch noch gut davon haben!

Nun habe ich gesagt, was nicht im Text steht. Aber es wird doch wohl niemand ernsthaft behaupten, dass es zu einem verschwenderischen Umgang mit der Natur nur gekommen ist, weil Gottes Anweisungen nicht ausführlich genug gewesen sind! Und außerdem steht da ja noch etwas von diesen beiden besonderen Bäumen: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Den Baum des ewigen Lebens haben sich die ersten Menschen verscherzt. Adam gab Eva die Schuld und Eva schob es auf die Schlange – wir kennen das.

Aber den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, den haben wir. Wenn auch nicht mehr als Gewächs, dann doch als unser Gewissen, als unsere Fähigkeit, selbständig zu denken. Und diese Gaben sollten uns eigentlich in die Lage versetzen, zu erkennen, was gut ist und was schadet. Uns Menschen untereinander und dem Garten, der uns anvertraut ist. Darin also, in unserer Möglichkeit zu erkennen, zu unterscheiden und zu entscheiden – darin liegen die weiteren Anweisungen Gottes. Darum brauchte er nicht alles haarklein vorzuschreiben. Schließlich sind wir keine Marionetten, sondern Menschen. Was wir mit unseren Fähigkeiten machen und wie wir damit umgehen – das wissen wir. Einige schmerzt es, mit ansehen zu müssen, wie es mit unserer Umwelt, mit der Natur, mit Gottes Schöpfung und seinem Garten den Bach runtergeht. Vielen anderen ist es gleichgültig. Ich glaube gar nicht mal, dass Menschen ihren und unseren Lebensraum bewusst zerstören. Ich denke eher, dass es eine besondere Form von Kurzsichtigkeit oder – schlimmer noch – Gleichgültigkeit ist. Und die sogenannten Ergebnisse des Umweltgipfels in Johannesburg werden nur unverbesserliche Optimisten zuversichtlich stimmen …

Der für heute vorgeschlagene Bibeltext – wie einen nachdrücklichen Denkanstoß oder eine Mahnung möchte ich ihn verstehen. Wenn wir es endlich schaffen, Gottes Schöpfung als unseren Garten zu begreifen – dann würden wir ihn doch auch pflegen. Und auch, wenn ich zur Miete wohne, sehe ich doch zu, dass nicht alles verlottert und kaputtgeht. Der für heute vorgeschlagene Bibeltext – vielleicht auch eine Wunschvorstellung, die umzusetzen die Kraft von vielen kosten wird. Aber wir sollten nicht zu lange damit warten, der Umweltzerstörung endlich einen Riegel vorzuschieben. Der für heute vorgeschlagene Bibeltext, liebe Gemeinde – ganz sicher kein Märchen!

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