Es sind die Wunden

Liebe Gemeinde,

dabei sein ist alles. Und nun ausgerechnet, dieses Mal hat er’s verpasst. Nun kann das ja immer mal passieren, dass man einen wichtigen event verpasst, man kann schließlich nicht überall sein bei den vielen interessanten Angeboten und ich muss gestehen, ich hab auch schon mal einen Geburtstagstag vepasst und das tut mir auch Leid. Aber er hatte etwas Entscheidendes verpasst, was nicht wieder gut zu machen war. Im Verlauf stellt sich heraus, der Thomas hat, weil er die Zusammenkunft versäumt hat, die Gemeinschaft mit Jesus verpasst. Das, was nach einem ganz normalen Treffen ohne große Höhepunkte aussah, wurde zu etwas Einzigartigem. He, Thomas – stelle man sich vor, wie Petrus das am nächsten Tag über die Gasse ruft, he, bleib stehen, wieso warst du gestern nicht da, du hast das Allergrößte verpasst. Du wirst es nie glauben, es ist wirklich passiert. Wir saßen zusammen und Jesus kam dazu. Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

April, April, mag Thomas vielleicht gesagt oder gedacht habe, falls es damals schon Aprilscherze gab. Bis heute gibt es Menschen, die der Meinung sind, die Kirche wolle sie verladen, wir spielten etwas Lachhaftes vor, eine fromme Illusion, ein schlechter Aprilscherz die Geschichte von der Auferstehung. Und vielleicht ist das auch eine Gefahr für uns in der Kirche, dass wir eine Meinung über Jesus teilen und nicht mehr in Frage stellen, hinterfragen, Fragwürdiges entdecken. Thomas jedenfalls übernimmt nicht die Meinung der Anderen, zweifelt, fragt nach, denkt nach. Man nennt Thomas den Zweifler. Ich denke eher, er war gründlich. Er suchte Gewissheit, verlässliche Anworten. Der „eine Glaube“, neben der einen Taufe, dem einen Geist, dem einen Herr…(Eph 4,5) das kommt mir oft sehr verdächtig vor. Viele Fragen, viele Gefühle, viel Nachdenken, viele Zweifel, viele Möglichkeiten – das scheint mir doch eher die Situation unserer christlichen und kirchlichen Existenz zu beschreiben. Und ich sehe das sehr positiv! Die Frauen und Männer, die bereit sind zum Kirchenvorstand zu kandidieren, bringen eine Fülle von Begabungen und Möglichkeiten mit, sie sind total unterschiedlich von Herkommen, Interessen, Alter, Familienerfahrungen und sie repräsentieren auch eine Fülle unterschiedlicher Frömmigkeit und unterschiedlichen Glaubens. Ganz wunderbar. Und wenn alle sagen, so ist das, wird hoffentlich mindestens eine oder einer dieses Kreises sagen: Ist das wirklich so? Könnte es möglicherweise auch anders sein? Seid Ihr Euch da sicher? Ich will es selbst sehen, das möchte ich noch einmal überprüfen, das glaube ich nicht so einfach! Das ist anstrengend, aber richtig.

Von Thomas erfahren wir, dass etwas Gutes dabei herauskommt! Thomas will selbst eine Begegnung mit Jesus, ist nicht befriedigt vom Hörensagen, er will Jesus nicht nur sehen, sondern berühren. Und Jesus geht auf ihn ein. „Ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, das überzeugt mich noch lange nicht.“ Und Jesus vermag ihn vollkommen zu überzeugen! Thomas fragt nach und Jesus kommt nicht nur einfach wieder, sondern wendet sich ihm zu und gibt ihm Raum.

[EG 210]

Ja und? – fragen auch wir – auch zu Recht! Seit 2000 Jahren sollen wir an die Auferstehung glauben, obwohl wir Jesus weder vor noch nach seinem Tod gesehen, geschweige denn berührt haben. Es gibt mehr als genug Menschen, die das als Zumutung empfinden. Und immer noch belastet uns die missverständliche Darstellung, bei der Auferstehung handele es sich um die Wiederbelebung eines toten Körpers, um die Rückkehr eines Verstorbenen in unserer raumzeitliches Leben oder um die Fortsetzung dieses materiell bestimmten Lebens.

Dass aber diese Geschichte bis heute wichtig und wahr ist, liegt meiner Auffassung nach an etwas Anderem. Es geht um die Wunden. Sie sind der Beweis, dass dieser Mensch, den Thomas kennt, zugleich neu geworden und noch immer der Alte ist.

Jesus ist nicht unversehrt aus dem Grab wiederauferstanden. Nein, seine Hände tragen noch die Zeichen der Gewalt, die ihn zerstört hatte. Seine Füße sind noch durchbohrt, seine Seite ist noch zerstochen.

Und so ist es mit allen Menschen, mit uns Allen, wenn wir im Laufe unseres Lebens massiv an unsere Grenzen stoßen. Die ein Schicksal bewältigt haben, das sie völlig verändert hat, sind gezeichnet. Gesichter und Hände von Menschen sind gezeichnet von Falten und Linien, Narben, Runzeln und Wunden. Gekrümmte Rücken, schwerfälliger Gang, Augen, die trüb geworden sind, Blicke, die erloschen wirken oder hart oder schmerzerfüllt – all das sind Wundmale, die einen Menschen kennzeichnen, der gelitten hat.

Wie oft erfahre ich in Trauergesprächen, wie der tausendfache Tod eines lang vergangenen Krieges bis zum eigenen Tod in einem Menschen gewütet hat: in Träumen oder Härte, in Einsamkeit oder Sucht.

Wer Abschied nehmen musste von all seinen Wünschen und Hoffnungen; wer im finsteren Tal unterwegs war, wer durch die Hölle gegangen ist – das ist auch im Gesicht zu sehen, in der Körperhaltung; seelische und körperliche Schmerzen graben sich in die Haut und die Knochen. Todes-, Abschieds- und Leiderfahrungen haben an uns, haben an den anderen gearbeitet und Spuren hinterlassen. Wir sind heute nicht mehr die Gleichen wie früher und oft genug haben wir das bitter bezahlt.

Wir wissen, dass es Menschen gibt, die ihr Leid nicht bewältigen, die daran zerbrechen, die ein Leben fristen wie eingeschlossen in einer Grabkammer, lebendige Tote, Zombies, die dem Leben nur noch mit Zynismus begegnen, Gebeugte und ewig Kranke.

Es gibt aber auch eine andere Erfahrung:
die der Auferstehung aus der tiefsten Tiefe, die Auferstehung der zerbrochenen Scherbe, die Auferstehung aus dem Kummer, der einmal schier endlos erschien, die Auferstehung aus den Grabkammern der Verzweiflung
Wer so etwas erlebt und durchgestanden hat, erfährt einen unglaublichen Zugewinn an Lebensintensität, an Erkenntnis und Lebenspektive. Das Leben gewinnt eine völlig neue Qualität, viele feiern einen zweiten Geburtstag. Auferstehung ist wirklich eine neue Existenz, aber immer gezeichnet von den Wunden, die zum vorhergehenden Sterbeprozess gehörten.
Menschen, die ihren Partner oder ihr Kind durch den Tod verloren haben,
Menschen, deren wesentliche Beziehung zerbrach, sie kennen diese Erfahrung sehr gut und sie bleiben ihr Leben lang davon gezeichnet.

Menschen, die eine schwere Krankheit entweder überstanden haben oder gelernt haben, mit ihr zu leben, sind verwandelte neue Menschen, aber Menschen mit Wundmalen.

Opfer von Gewalt, von Folter oder Verbrechen, ja, auch Opfer von schweren Verkehrsunfällen, die bewusst ins Leben zurückkehren und denen es auch gelingt, legen diese Erfahrung niemals ab, die Verletzungen sind ihnen eingebrannt.

Wir neigen wohl eher dazu, unsere Krisen und Verletzungen nach aussen zu vertuschen und zu überspielen, man soll nicht so merken, wie verletzlich, wie verwundet wir eigentlich sind.

Musst du deinen Finger unbedingt in die Wunde legen? Musst du schon wieder dieses Thema aufrühren? Kann nicht mal Ruhe sein? Ja, das dürfte Jünger-Rede sein gegen Thomas – du bist selig, wenn du glauben kannst ohne zu sehen, vielleicht hat der Satz da seine Herkunft – „musst du schon wieder in der Wunde rühren?“
Ja, man muss bohren, man muss den Finger rein legen, manche Wunde müssen wir nochmal aufkratzen, damit sie blutet und dann endlich heilen kann,
manche Wunde heilt überhaupt nur, wenn sie berührt wird, und den Finger müssen wir in die Wunde legen, um glauben zu können. Ja, wir sind’s, die Alten und doch neu geworden.

Schau, ich lebe noch, ich lebe wieder und das, obwohl ich so schrecklich gelitten habe. Ich bin auferstanden aus der Höhle, aus der Hölle, aus dem Grab, aus der Verzweiflung.

Alle unsere Wunden, die eigenen und die der Anderen, erinnern uns an überstandene Tode, an Auferstehung. Im dunklen Tal hilft das glauben und hoffen, wenn wir den Finger in die Wunde legen, tief verletzt, aber lebendig, das können wir dann nämlich mit Thomas spüren. „Reich deinen Finger her und sieh meine Wundmale“. Wir sehen, indem wir spüren. Reiche deine Hand her und sei gläubig. Wir glauben, indem wir fühlen.

Und es gibt Zeugen bei der Geschichte. Wenn wir einander mitteilen, erzählen und bezeugen. Die Auferstehung ist die Geschichte von Menschen, die ihren Lebenskampf bestehen und in neues Leben eintreten können, unvergänglich. Viele Tode und hoffentlich ebenso viele Auferstehungen werden wir erfahren. Auferstehung – das meint den Eintritt in eine neues Beziehung mit Gott. Jesus ist nicht in ein Jenseits, ins Weltall oder in den Himmel oder darüber hinaus gestorben. Jesus ist in Gott hinein gestorben – das ist Auferstehung. Auferstehung fühlen an unseren Wunden, nicht an einer glatten Fassade unversehrter Schönheit. Die glatte Stirn, die makellose Haut, die straffen Oberschenkel – das hat mit Auferstehung nichts zu tun.

Auferstehung erfahren wir an den Wunden.

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