Es muss nicht so bleiben …

Liebe Gemeinde,

schade, dass es fast 2000 Jahre her ist, was uns hier erzählt wird, ich würde den Markus einiges fragen. Mich beschäftigt weniger dieses sogenannte Wunder, dass da einer wieder reden und hören kann, denn das hat es in der Geschichte immer wieder einmal gegeben und die Naturheilverfahren lassen uns nur ahnen, was vielleicht möglich sein kann. Menschen, die durch eine besondere Kraft andere heilen können, gibt es immer wieder. Und darum möchte ich gerne fragen, Markus, warum hast Du diese Geschichte von Jesus aufgeschrieben, was willst du uns damit sagen. Jeder Kranke wird sagen: na und, mir hilft das nicht. Und wie viele damals krank geblieben sind, wissen wir gar nicht. Jesus hat ja nicht flächendeckend geheilt und für die, die er nicht getroffen hat, ist das traurige und kranke Leben geblieben, wie es war. Aber ich kann Markus nicht fragen. Aber ich habe gelernt, dass er uns etwas über Jesus und über Gott sagen will. Das Ereignis selber ist nicht das Wichtigste. Und so gehe ich einfach den Text durch und schaue, was mich da anspricht.

Jesus ist unterwegs. Wieder einmal. Er ist bekannt geworden und sie hoffen, dass er einem Taubstummen etwas Gutes tun kann. Denn Menschen, die taub sind, machen es manchmal der Umwelt schwer. Sie bekommen nichts mit, werden misstrauisch, sehen andere lachen und schwatzen und bleiben in sich verschlossen. Es ist, als gehe das Leben an ihnen vorbei. Und wer mit ihnen kommunizieren will, muss sich ihnen zuwenden. Muss den Mund langsam bewegen oder, wenn man es kann, die Gebärdensprache lernen. Jesus soll ihm die Hand auflegen. Er soll mit seiner Kraft zu diesem Menschen durchdringen. Jesus führt ihn beiseite. So was kann man nicht vor allen Leuten. So eine Schausegnung will er nicht. Und plötzlich geht es dem Menschen gut. Jesus gibt ihm Zeichen, die ihn wie eine große Kraft durchströmen. Er fasst dorthin, wo dieser Mensch seine Grenzen hat. Die Ohren, den Mund, dort ist alles versperrt, verklemmt, verschlossen. Keine Chance. Jesus legt den Finger dorthin, wo wir Menschen leiden. Er schiebt uns nicht in die Röhre, um alle Schichten zu sehen, er erreicht uns einfach an den kranken Schichten. Und dann steht da, dass Jesus stöhnte. Ich weiß nicht richtig warum. War er so ergriffen, hat er so nach Kraft gerungen. Er blickt zum Himmel und ruft: Öffne dich. Meint er den Himmel? Tu dich auf, Vater im Himmel und lass den Menschen nicht wieder zurückfallen in seine Einsamkeit. Vielleicht meint er auch den Menschen. Öffne dich. Tu dich auf und lass die andere Welt, die Welt des Redens und Singens an Dich heran. Wie oft muss man das heute zu Menschen sagen. Öffne dich, bleibe nicht verschlossen, mache die Arme auf und richte dich auf. Wie oft nehmen wir gar nicht wahr, was um uns herum geschieht, wie oft wollen wir es gar nicht wahr nehmen. Manches können wir gar nicht mehr hören. Und manchmal ist uns der Mund wie blockiert. Was sollen wir sagen. Habe ich Mut, etwas zu sagen. Ich beobachte zur Zeit, dass das Schulsystem unsere Kinder richtig fertig macht. Und dass wohl Methode dahinter steckt. So höre ich es jedenfalls von Leuten, die an der Quelle sitzen. Wer tut den Mund auf. Welche Eltern riskieren da etwas für ihre Kinder oder haben sie Angst, ihren Kindern zu schaden? Öffne dich und bleibe nicht verschlossen, das ist so schwer. Vielleicht schaut deswegen Jesus zum Himmel und stöhnt, weil es so schwer ist.

Und dann geschieht es. Dieser Mensch wird künftig nicht mehr für sich irgendwo hocken. Er wird alles hören und wird den Mund aufmachen. Er wird alles hinter sich lassen und sich auf die Menschen einlassen, zu denen er bisher keine Beziehung hatte. Wie hat er einmal gehört: Jesus macht das Leben neu. Das stimmt.

So weit bin ich mit der Geschichte. Und ich merke, was da wirklich passiert ist, ob ein Gehörloser vor 2000 Jahren wieder hören konnte, das interessiert mich kaum. Aber dass Markus eine Geschichte aufschreibt, in der ein Mensch offen wird für seine Umwelt, weil sich durch Jesus der Himmel für ihn öffnet, das ist mir das Spannende. Weil, wenn es so ist, keine 2000 Jahre dazwischen liegen. Weil es tagtäglich passieren kann. Dort, wo uns Menschen begegnen, die so verschlossen sind. Und die einfach brauchen, dass jemand den Finger auf die wunde Stelle legt. Auf den schmerzenden Rücken, auf den dröhnenden Kopf, auf die traurigen Augen. Und der da zugleich ein Gebet spricht, ein Segenswort, damit sich der Himmel auftut. Und ich denke, Markus hat das aufgeschrieben, um uns dieses zu sagen: Ja Leute, der Himmel tut sich auf. Ja, Leute, es kann sich ein Leben total ändern. Ja, Leute, man kriegt den einen oder anderen aus seiner Ecke raus. Ich denke an junge Leute, die sich die Kopfhörer aufsetzen, um nichts anderes zu hören, die man kaum ansprechen kann und die sich nicht nur die kleinen Flimmerhärchen im Ohr kaputt machen, sondern ihre Seele, mit der sie weit auswandern aus dieser Welt. Jesus würde sagen: Du hast hier deinen Platz, geh nicht weg und komm wieder. Ich denke an die Kinder, die auf der Autofahrt mit dem Gameboy ruhig gestellt werden. Jesus würde durchs Fenster winken, schau mal, was da draußen an dir vorbeizieht. Das ist deine Welt und sie ist so schön. Und ich denke an die alte Frau an ihrem Geburtstag, die fröstelnd am Ofen sitzt und zuschaut, wie die Gäste die belegten Brötchen essen – hören kann sie nichts. Jesus würde sagen: Dreht euch doch einfach um, damit sie sehen kann, wie ihr lacht und sie feiert. Jesus hätte heute genauso viel zu tun wie damals. Er käme wieder nicht rum. Und vielleicht ist darum die christliche Gemeinde entstanden. Damit das, was er hier mit einem macht, mit vielen geschieht. Und damit die, denen es so geht, wie dem im der Geschichte, Mut haben, aufzustehen. Denn seit 2000 Jahren lesen wir es: es muss nicht so bleiben.

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