Es klingt so einfach

Liebe Gemeinde,

es klingt so einfach: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und ist doch um so schwieriger zu leben, so bald es konkret wird. In zwei Gedankengängen möchte ich das skizzieren:

Nächstenliebe ohne Ansehen der Person.
Nächstenliebe im Bezug auf die Mitgeschöpfe.

Nächstenliebe ohne Ansehen der Person:
Das macht das von Jakobus angesprochene Beispiel sehr schön anschaulich: Da ist also die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt, zur Zeit des Jakobus sicher eine regelrechte Proletarier-gemeinde. In diese armselige Versammlung kommt Glanz. Ein gepflegter, besserer Herr erscheint. Und wie er bedient, ja bedienert wird! Er wird vorgeholt auf den Ehrenplatz. Solche Leute braucht man doch auch. Man muss sie sich warmhalten, denn sie haben Beziehungen, sie können Wege ebnen … Auch in der Kirche geht es nicht ohne das lumpige Geld. Wie schön und gut also für die Gemeinde, wenn auch Leute mit Einfluss, Rang und Bildung dazugehören! Wie günstig, wenn auch die Kirche Beziehungen zu den Spitzen und Stützen der Gesellschaft , den Größen usw. hat! In der gleichen Gemeindeversammlung findet sich, so hören wir, ein Armer ein. Er hat es wahrscheinlich nicht zu einem ordentlichen Sonntagsanzug gebracht, und die Anweisung lautet kurz und bündig: "Setz dich dahinten in die Ecke !" Das ist alles. Ja, die Ehrfurcht vor den goldenen Ringen, vor den klingenden Titeln, den großen Steuerzahlern, den Uniformen und Auszeichnungen verleitet allzu schnell. Darum erinnert Jakobus daran: Jeder Mensch braucht seine Ehre, seine Anerkennung – ihr dürft sie ihm nicht zugunsten anderer schmälern oder gar vorbehalten. Denn solcher Personenkult und solche Menschenverachtung verstößt gegen den Glauben an Christus. Solcher Kult vergisst, dass Jesus gerade für die Partei ergriffen hat, die keinen Namen haben, die geistig, geistlich oder materiell arm sind, für die Kranken und Hungernden. Solcher Kult verdunkelt, dass jeder Mensch von der Anerkennung Gottes lebt, die er uns zuspricht. Konkret sichtbar wird sie für uns Christen in der Taufe: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jesaja 43,1) Wie es also um unsere Nächstenliebe bestellt ist, wird sich daran zeigen, wie wir mit dem Menschen umgehen, der uns gerade nicht fasziniert und der unseren Blick nicht auf sich lenkt und von dessen Beachtung wir selbst keinen Gewinn haben.

Nächstenliebe im Bezug auf die Mitgeschöpfe:
Am Ende unseres Textes lese ich: [12] Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. [13] Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht. Bei der Vorbereitung eines Referates über Albert Schweitzer, das ich in der Guldentaler Frauenhilfe gehalten habe, ist mir etwas von der Barmherzigkeit in seiner umfassenden Bandbreite deutlich geworden. Schweitzers Bedeutung erschöpft sich ja keineswegs im humanitären Engagement seines afrikanischen Urwalds-hospitals in Lambarene. Er ist vor allem auch eine äußerst vielseitige geistige Gestalt: Theologe und Philosoph, als Organist der bekannteste Bachinterpret seiner Zeit, Verfasser eines Buches über Bach und Orgelbaukunst. In der Theologie hat er ein Buch über die "Geschichte der Leben Jesu Forschung" geschrieben. Besonders haften geblieben ist bei mir sein ethischer Ansatz " Ehrfurcht vor dem Leben". Bei einer tagelangen Flussfahrt auf dem Ogowe, um einen Kranken zu besuchen, fäll ihm diese Formulierung ein. Sie wird für Schweitzer zum Leitfaden seines Denkens und Handelns. Aus der Einsicht heraus: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will" entfaltet er seine Ethik, die Mensch und Tier und Pflanze umfasst. Seine Gedanken, die er zu Papier bringt, lebt er selbst. Seine Überzeugung besteht darin, allem Leben, dem der Mensch beistehen kann, zu helfen, und abzuwehren, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun. Sie führt ihn über seinen ärztlichen Auftrag zu seinem Engagement für den Pazifismus, lässt ihn frühzeitig zu einem Gegner gegen die Atombombe werden. Seine Achtung vor den Mitgeschöpfen geht soweit, dass er bei einem Spatenstich für einen Anbau seines Hospitales die Bauarbeiten einstellen lässt, weil in dem Bauabschnitt durch den Monsumregen ein Tümpel entstanden ist, in dem Frösche gelaicht haben. Er lässt lieber des Nachts, wenn er am Schreibtisch arbeitet, die Fenster geschlossen, als dass er Insekt für Insekt mit versengten Flügeln auf den Tisch fallen sieht. Er bückt sich, um den Regenwurm von der Straße wieder auf das Gras zu setzen.

Ist das nicht lächerlich?, so kann man sich fragen. Doch Schweitzer fürchtet sich nicht darum, belächelt zu werden. Es ist das Schicksal der Wahrheit, vor ihrer Anerkennung ein Gegenstand des Lächelns zu sein. So schreibt er: "Einst galt es als Torheit, anzunehmen, dass die farbigen Menschen wahrhaft Menschen seinen und menschlich behandelt werden müßten. Die Torheit ist zur Wahrheit geworden. Heute gilt es als übertrieben, die stete Rücksichtnahme auf alles Lebendige bis zu seinen niedrigsten Erscheinungen herab als Forderung einer vernunftgemäßen Ethik auszugeben. Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, dass die Menschheit solange brauchte, um gedankenlose Schädigung als mit Ethik unvereinbar einzusehen …"

Liebe Gemeinde, es klingt so einfach: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und ist doch um so schwieriger zu leben, so bald es konkret wird. Was bleibt, ist immer wieder die Bitte an Gott um die rechte Einsicht, das feine Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem anderen:

1. Hilf, Herr meines Lebens,
dass ich nicht vergebens,
dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.
2. Hilf, Herr meiner Tage,
dass ich nicht zur Plage,
dass ich nicht zur Plage meinem Nächsten bin.
3. Hilf, Herr meiner Stunden,
dass ich nicht gebunden,
dass ich nicht gebunden an mich selber bin.
4. Hilf, Herr meiner Seele,
dass ich dort nicht fehle,
dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin.
5. Hilf, Herr meines Lebens,
dass ich nicht vergebens,
dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

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