Es ist vollbrachth

Liebe Gemeinde,

der Anblick, der sich uns da bietet – der Gekreuzigte, das Würfelspiel der Soldaten um sein Kleid, sein Abschied von der Mutter, sein Schrei nach Wasser und sein Tod, die Misshandlung seines Körpers und schließlich die Beerdigung von diesem – ist ein Ausschnitt aus der Welt, in der wir Menschen leben. Ja, die Welt befindet sich in diesem Zustand, dass das was sich da vor den Toren Jerusalems abspielt, nicht einmal einen besonderen Eindruck auf uns macht. Wir beginnen uns an solche Vorgänge zu gewöhnen. Sie begegnen uns täglich beim Zeitung lesen oder in der Tagesschau und stumpfen uns ab. Ja, es ist so: Was hier am Karfreitag an diesem Misshandelten geschieht, ereignet sich heute nicht nur vereinzelt, sondern massenweise. Wir sehen ganze Bevölkerungen, Städte und Landstriche in körperliche und seelische Qualen gestürzt, ganze Länder werden verteilt als handle es sich um ein paar Kleidungsstücke, Scharen von Männern nehmen Abschied von Frauen und befehlen sie ihren zurückbleibenden Freunden an. Gott weiß, wo jetzt überall Menschen verdursten und verschmachten. Und Gott allein kennt die Leichen derer, die einst sein Ebenbild, nun unkenntlich auf der Erde liegen.

Aber auch wenn es am Karfreitag um einen Ausschnitt aus der Welt geht, in der wir leben, ist das nur ein Teil des Ganzen. Es geht um wesentlich mehr. Der Mensch am Kreuz von Golgatha ist nicht irgendeiner, der hier blutig misshandelt wird. Denn hier ist Gott in besonderer Weise beteiligt. Es ist gewissermaßen Gott selber, der hier gequält wird. Es ist hier Gott, der sich von Menschenhänden ans Kreuz nageln lässt. Gott wird solidarisch mit den leidenden und misshandelten Menschen. Er war sich nicht zu schade, sich in die Hand von Menschen zu begeben. Und wenn wir fragen wo ist Gott bei all dem Leid in der Welt? Gott steht nicht über dem Leid und der Not. Er ist bei den Menschen, die leiden, getötet und misshandelt werden. Im Kreuz Jesu Christi ist Gott bei diesen Menschen.

Aber auch wenn es am Karfreitag darum geht, dass Gott hier mit den leidenden und misshandelten Menschen solidarisch wird, spiegelt das nur einen Teil des Geschehen wider. Es geht um wesentlich mehr. Der Mensch am Kreuz von Golgatha ist nicht irgendeiner, der hier blutig misshandelt wird. Denn hier ist Gott in besonderer Weise beteiligt. Es ist gewissermaßen Gott selber, der hier gequält wird. Es ist hier Gott, der sich von Menschenhänden ans Kreuz nageln lässt. Und dieser Mensch am Kreuz resigniert nicht. Er weiß, dass sein Tod nicht vergeblich ist. Darum kann er beim Sterben sagen: Es ist vollbracht.

Es ist vollbracht. Vollbracht und doch noch nicht vollbracht. Damit ist die Spannung bezeichnet, in die uns die Botschaft vom Sieg Jesus am Kreuz bringt. "Es ist vollbracht", sagt Jesus am Kreuz. Vollbracht war mit dem Tod sein eigenes Leiden. Das aber was Jesus wollte, ist nicht vollbracht. Die großen Dinge, die Jesus angekündigt hat, das neue Leben, die Herrschaft Gottes, – das liegt nicht vollbracht hinter uns, sondern vor uns. In der Tat: die Welt ist noch nicht am Ziel. – Zu viele Kreuze werden noch errichtet, zu viele Leiden gibt es noch, zu viele Gequälte und Erniedrigte, zu viele sinnlose Opfer der Unterdrückung und Gewalt. Die Botschaft vom Kreuz verkündet die Solidarität Gottes mit den Unterdrückten, Verfolgten und Leidenden dieser Welt. Und in ihnen wird Jesus weiterhin gekreuzigt.

Es ist vollbracht.
Aber in einer ganz anderen Weise als wir uns das vorstellen. Luther hat das einmal treffend ausgedrückt:
"Also es ist alles schon vollbracht. Hier soll mir keiner widersprechen, dass noch vieles fehle. Das ist das Leiden und was unsere Erlösung gekostet hat. Aber dazu ist Ermahnung nötig, dass wir dieses Leiden nicht so leicht vergessen und nicht so undankbar sind." Ich wiederhole: "Also es ist alles schon vollbracht. Hier soll mir keiner widersprechen, dass noch vieles fehle. Das ist das Leiden und was unsere Erlösung gekostet hat. Aber dazu ist Ermahnung nötig, dass wir dieses Leiden nicht so leicht vergessen und nicht so undankbar sind." Luther meint damit: Obwohl alles dagegen steht, trotz der offensichtlichen Abwesenheit von Rettung und Heil in unserer Zeit gilt: Jesu Stunde ist schon da! Der Sieg des Glaubens über das Böse in der Welt steht schon fest. Darum kann auch unser Mut wachsen. Darum kann auch unsere Kraft wachsen. Wir bekommen die Gabe der Unterscheidung, zwischen dem was die Menschen Veränderung oder Heil nennen und dem Heil Gottes. Das Jesus am Kreuz das Böse schon besiegt hat, ist die gute Botschaft von der wir leben können.

Es ist vollbracht. Die Botschaft vom grauenvollen Tod Jesu am Kreuz sagt uns: Der Tod ist von ihm am Kreuz besiegt worden. Die Worte es ist vollbracht weisen schon auf Ostern. Der Tod gehört zum Leben, deshalb müssen wir mit ihm leben und ihn akzeptieren. Trotzdem dürfen wir traurig sein, wenn wir einen Menschen verloren haben. Der Tod schlägt auch heute noch zu und reißt Lücken in unserer Mitte. Aber er ist schon besiegt. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Traurigkeit währt nur eine Zeit. Der Tod Jesu währt drei Tage bis zu Ostern. Der Tod von uns Menschen dauert nur bis zur Auferstehung. Das letzte Wort hat die Liebe Gottes. Nichts kann Gottes Kinder von ihr Scheiden, auch der Tod nicht. Der Trost der hier vom Kreuz ausgeht, gilt den Leidenden und Sterbenden: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Es ist vollbracht. Der sterbende Jesus stiftet eine neue Gemeinschaft, die alle trennenden Unterschiede zwischen Menschen überwindet. Jesus befiehlt seine Mutter Johannes an. Die Jünger Jesu werden zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Sie sollen einander beistehen und ihre Leiden gemeinsam tragen. Diese Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Gottes Herrschaft soll hier in dieser Welt aufgerichtet werden. Weiter soll sie Menschen in ihre Mitte und damit zu Gott rufen. Sie soll die Liebe und die Nähe Gottes sichtbar machen, dass andere sich angezogen, angenommen und geborgen fühlen. Und überall dort, wo Menschen gepeinigt und unterdrückt werden, ist diese Gemeinschaft aufgerufen, im Namen des Erhöhten gegen die Mächte des Bösen und des Todes aufzustehen. Indem das Kreuz Jesu Christi auch unter uns Gemeinschaft stiftet, steht es dagegen, dass wir niedergeschlagen sind und aufgeben. Auch heute in Hardheim (Höpfingen) möchte Jesus solch eine Gemeinschaft schaffen. Er sucht noch heute Menschen, die unter sein Kreuz treten. Sie hören dann seine Worte:

Es ist vollbracht. Das heißt ich brauche mich nicht mehr selbst zu rechtfertigen und zu erlösen. Wir können unser ganzes Leben unter das Kreuz bringen und unter die Herrschaft Gottes stellen. Das ist kein leichter Schritt. Doch wenn ich ihn gehe, nehme ich das Leiden und die Not in meinem Leben ernst. Ich bringe sie zu Jesus, der viel mehr als ich gelitten hat. Er hat das Leiden bis zum Ende durch gestanden und dann nicht aufgegeben. Er hat das Leiden und den Tod überwunden.

Es ist vollbracht. Gegen allen Augenschein der Welt, in der die Erlösung Jesu noch nicht vollbracht ist, sind wir aufgerufen, sie zu bezeugen und zu leben. Damit fangen wir an Gottes Herrschaft aufzurichten. Es werden nicht ewig Menschen in körperliche und seelische Qualen gestürzt werden. Es werden nicht ewig Frauen von Männern Abschied nehmen müssen. Es werden nicht ewig Menschen vor Hunger und Durst stöhnen und sterben. Es werden nicht ewig unkenntliche Leichen auf der Erde liegen. Jesus Christus hat diese Schicksal erlitten und überwunden. Der König der Juden hat nie aufgehört König zu sein. Jesus wird wiederkommen und Gottes Herrschaft aufrichten. Dann wird es einen neuen Himmel und die neue Erde geben, in denen Gerechtigkeit wohnt. Dort wird der Tod nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei, noch Schmerz wird nicht mehr sein. So wie uns das alles in dem gekreuzigten König der Juden verheißen ist, so wahr wird alles in Erfüllung gehen, wenn Jesus wiederkommt. Denn es ist vollbracht.

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