Es ist vollbracht!

<i>[Anmerkung: Anregungen gab eine Predigt von Christian Zippert, Marburg 1988]</i>

Liebe Gemeinde!

Johannes erzählt die Geschichte vom Leiden und Sterben Jasu auf eigene Weise, ganz anders als Markus, Matthäus und Lukas. Ich denke es ist gut für uns, genau darauf zu achten, damit wir hören und bewahren, was er, Johannes, – und so nur er – uns mit dieser Geschichte sagen will. Darum werde ich die Kreuzigungsgeschichte in Abschnitte vorlesen und bedenken. Dazwischen wollen wir Verse aus dem Passionslied: „O Haupt voll Blut und Wunden“ singen.

[Joh 19,16-18]

Während die Synoptiker davon erzählen, wie die Soldaten den Simon von Kyrene zwingen, das Kreuz Jesu zu tragen, weil eben dieser unter dem Kreuz zusammenzubrechen drohte, betont Johannes nachdrücklich: „er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte“ Wie in einer großen Überschrift klingt hier das Leitmotiv der Perikope an. Mögen die großen und kleinen Mächtigen und ihre Schergen noch so gewaltsam die Dinge in die Hand nehmen und mit dem Gefangenen umgehen – Er selbst, der Gotttessohn, behält die Initiative und die Macht. Er geht – selbst und freiwillig seinen Weg bis an sein letztes Ziel: ans Kreuz und darüber hinaus bis in seines Vaters Reich.

Das ist die gute Nachricht des Karfreitages:
„Er trug das Kreuz.
Er trug die Last.
Er trug die Schmerzen.
Er trug die Blicke der Gaffer.
Er trug die eigene Schwäche.
Da war kein Fluchtversuch.
Da war keine Droge.
Da war kein Aufgeben.
Da war kein Ausweichen.
Da war kein Verdrängen.
Jesus blieb darunter.
Jesus blieb dabei.
Jesu blieb treu.
Jesus blieb bei seinem Ja.“

Das zeigt die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu, wie Johannes sie erzählt. Gut für uns, darauf zu achten, damit wir besser umgehen lernen, unser Kreuz auf uns zu nehmen.

<i>[Lied: O Haupt voll Blut und Wunden – EG 85,1-3]</i>

[Joh 19,19-22]

Nur bei Johannes erscheint die Aufschrift am Kreuz in drei Sprachen, vom Statthalter Pilatus befohlen und gegen Widerspruch durchgesetzt; „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ – hebräisch, griechisch und lateinisch – für alle verständlich, weil für alle bestimmt. Warum der Widerspruch der Hohenpriester so harrtnäckig ist, hat der jüdische Gelehrte Shalom Ben Chorin einleuchtend erklärt, indem er die Inschrift im Hebräischen rekonstruiert hat. Sie ist das Tetragramm für den Gottesnamen JHWH (Jeschu Hanozri W(u)melech Hajehudim). So verkündigen also die drei Tetragramme, was das Johannesevanglium zu Beginn festhält: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh.3,16) Was Jesus gesagt und getan hat und dann auch sein Leiden und Sterben gilt allen, der ganzen Welt, der Welt als ganzer. So wird der römische Statthalter , ohne es selbst zu ahnen, zum Werkzeug Gottes. „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Eine Folge aus der Gerichtsverhandlung, so wie Johannes sie darstellt (Joh.18,33ff): Pilatus fragt: „Bist du der König der Juden?“ Jesus: „Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?“ Pilatus: „Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?“ Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.“ Pilatus, ein wenig verwirrt: „So bist du dennoch ein König?“ Jesus: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ Im weiteren Verlauf des Verhörs fragt er dann doch: „Woher bist du?“ Er will ihn eigentlich freilassen, aber er wagt es nicht. Immerhin eine Ahnung erfüllt ihn, den Politiker, aber sie bleibt folgenlos.

So schwer hat es die Welt mit Gott, der ein Gott für uns ist.

Gott für uns missverstanden als Spruch auf den Koppeln der Soldaten.

Allmighty – allmächtig – so steht es auf amerikanischen Raketen im irakischen Krieg. Die Perversion des Gott für uns könnte nicht größer sein!

Bei allen Missverständnissen und Missbräuchen das ist die gute Nachricht des Karfreitages:
„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Römer 8,31f)
Gut für uns drauf zu achten, damit wir besser umgehen lernen mit Macht, mit politischen Entscheidungen.

<i>[Lied: Nun,was du hast erduldet – EG 85,4-6]</i>

[Joh 19,23-27]

Menschen unter dem Kreuz. Soldaten teilen sich die Kleider. Nach alter Sitte standen den Henkern der Nachlass des Exekutierten zu. Wichtig ist dieses Geschehen vor allem auf der symbolischen Ebene, die sich dem glaubenden erschließt. Sie sind wie Pilatus letzlich Werkzeuge Gottes. Es erfüllt sich die Schrift.

Gleichsam als Kontrapunkt schließt sich die Szene, die mit den vier Frauen unter dem Kreuz beginnt, an: Jesus, aller seiner materiellen Dinge beraubt, hat etwas Wertvolleres weiterzugeben als seine Kleidung. Er schenkt Gemeinschaft über seinen Tod hinaus. Während die Mächte der Welt glauben, dass sie Jesu Familie auseinanderreißen, fügt Jesu sie unter dem Kreuz leise wieder zusammen. Er hinterläßt keine Waisen. Was Johannes zu Beginn der Fußwaschung schreibt: „Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ /Joh.13,19 erfüllt sich hier unter dem Kreuz. Die trauernde Mutter bekommt einen neuen Sohn, der trauernde Jünder eine neue Mutter; eine Frau wird an einen Mann gewiesen, dein Mann an eine Frau; eine Alternde an einen Jungen, ein Junder an eine Alternde. Diese Reihe ließe sich fortsetzen.

Das ist die gute Nachricht des Karfreitages:
Wir werden einander angewiesen – trotz und in unseren Unterschieden und Gegensätzen vom Kreuz her. Das zeigt die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu, wie sie Johannes erzählt. Gut für uns darauf zu achten, damit wir besser umgehen lernen mit anderen Menschen, damit sich unsere Liebe erneuert an der Liebe dessen,der die Seinen liebt „bis ans Ende“.

<i>[Lied: Es dient zu meinen Freuden – EG 85,7-8]</i>

[Joh 19,28-30]

Nur bei Johannes ist das letzte Wort des Sterbenden: „Es ist vollbracht!“; nicht wie bei Markus und Matthäus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, auch nicht wie bei Lukas: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“, sondern: „Es ist vollbracht!“. Was ist vollbracht?! Das Werk, das der Vater dem Sohn anvertraut hat, damit er es tue: Durch seine Worte und Taten sollte er den Menschen gott offenbaren und dann auch und erst recht im Leiden und Sterben. Als er von seinen jüngern Abschied nahm, hat er es bedacht im Gebet vor Gott: „Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“ (Joh.17,1-5)

So sollen wir es sehen nach dem zeugnis des Johannes: Das Scheitern ist die Vollendung,die tiefste Erniedrigung ist die höchste Erhebung, in der Armseligkeit des Sterbens am Kreuz wird Gott verherrlicht an seinem Sohn Jesus Christus: „und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh.1,14) Was da am Anfang des Johannesevangelium geschrieben steht, steht geschrieben im Blick auf das Kreuz.

Das ist die gute Nachricht des Karfreitages:
Der Tod – auch für uns ist nicht nur Schicksal, das hingenommen werden muss, nicht nur Verhängnis, das erlitten werden muss, sondern auch ein Werk, das vollbracht werden muss, eine Arbeit, die getan werden muss – mit ihm und durch ihn. Das zeigt die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu, wie Johannes sie erzählt. Gut für uns, darauf zu achten, damit wir besser umgehen lernen mit dem eigenen Leiden, dem eigenen Sterben.

<i>[Lied: Wenn ich einmal soll scheiden – EG 85,9-10]</i>

Was ist unsere Antwort auf die Kreuzigungsgeschichte, wie Johannes sie erzählt? Die erste Antwort kann nur ein Bekenntnis unserer Schwäche und Schuld sein. Wir sind unfähig, Leiden und Sterben anzunehmen, eigenes und fremdes, nicht nur als Verhängnis, das erlitten werden muss, sondern auch als Arbeit, die getan werden muss – früher oder später. Wir sind unfähig, einander zu lieben und gerecht zuwerden, einander in hilfsbedürftigkeit zu helfen – trotz aller unterschiede und Gegensätze, die uns von einander trennen. Wir sind unfähig den Willen Gottes in der Welt Gehör und Geltung zu verschaffen, bis hin zu politischen Entscheidungen.

Die zweite Antwort kann dann ein Bekenntnis des Glaubens sein. Ein Bekenntnis des Glaubens, der aus der Vergebung von Schwäche und Schuld erwächst und uns fähig macht, Leiden und Sterben anzunehmen, eigenes und fremdes, nicht nur als Verhängnis, das erlitten werden muss, sondern auch als Arbeit, die getan werden muss. Ein bekenntnis des Glaubens, der uns fähig macht, einander zu lieben und in Hilfsbedürftigkeit zu helfen – trotz aller Unterschiede und Gegensätze, die uns trennen. Ein Bekenntnis des Glaubens, der uns fähig macht, dem Willen Gottes in der Welt Gehör und Geltung zu verschaffen, bis zu politischen Entscheidungen – mit und durch Jesus Christus.

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