Es ist vollbracht

<i>[Verweis auf zwei Bilder:
– Linolschnitt von Christian Rietschel „Es ist vollbracht“ aus: „Der Gemeindebrief“ Nr.43, S.15
– Radierung (unbek. Verf.) aus: Fundamente. Lehrbuch für den KU
– oder ähnliche Bilder (z.B. von Rouault oder Corinth)]</i>

Liebe Gemeinde,
was auf Golgatha geschah, lässt sich nur schwer mit menschlichen Vorstellungen beschreiben. Einerseits war es eine grausame Hinrichtung, wie es sie im Laufe der Geschichte zu Millionen gegeben hat. Andererseits war es das extreme Handeln Gottes, das uns, die wir stets nach Höherem streben, schwer zugänglich ist. Nicht umsonst sagt Paulus, das Kreuz Jesu stellt für die meisten Zeitgenossen einen Skandal oder eine Dummheit dar. Wer ein Kreuz am Halskettchen trägt, gilt als normal. Wer aber an einen hingerichteten Verurteilten als Erlöser glaubt, muss auch heute noch „verrückt“ sein.

Dennoch möchte ich bei der menschlichen Vorstellung bleiben und zwei einfache Darstellungen von Golgatha betrachten; denn auch die Bibel vermittelt uns Gottes Handeln mit menschlichen Eindrücken und Begriffen.
Der Titel des ersten Bildes ist zugleich Überschrift und Zusammenfassung der johanneischen Kreuzesszene: „Es ist vollbracht!“ Alles, was Jesus am Kreuz vollbringt, dient für den Evangelisten der Erfüllung der biblischen Voraussagen. Eigentlich ist doch Gekreuzigt-Werden Symbol des Erleidens, der Passivität schlechthin. Doch bei Johannes bleibt Jesus ganz und gar nicht passiv. Bis zum letzten Atemzug – im wahrsten Sinne des Wortes – setzt er alles daran, die Prophezeiungen zu erfüllen.

Auf dem ersten Bild ist Jesus bereits verstorben. Wie Johannes später schildert, stechen die Soldaten in seine Seite, um den Tod zu bestätigen. Der Totenkopf unterm Kreuz weist hin auf den Namen Golgatha – „Schädelstätte“. Das Haupt des Gekreuzigten ist geneigt. Und weil auch Gott sein Antlitz voller Schmerz und Trauer neigt und verhüllt, schiebt sich der Mond vor die Sonne und taucht die Szene in düsteres Licht.

Johannes, der Lieblingsjünger, hat sich bereits der Mutter seines Meisters und Freundes angenommen, während diese entsetzt und fassungslos die Hände vors Gesicht schlägt. Jesus hat als Testament, als letzten Willen, seinen Jüngern nicht nur das Abendmahl vermacht und damit in gewisser Weise sich selbst, sondern auch diese Adoption vermittelt. Er legt die gegenseitige Verantwortung und Sorge füreinander in die Hände seines vertrauten Jüngers. Selbst erfüllt von Schmerz, Leid und Ohnmacht, will er seiner Mutter unnötiges Leid ersparen und sie versorgt wissen. Selbst Jesu Tante mütterlicherseits ist anwesend und kniet vor dem Kreuz wie einst die Weisen und Hirten vor der Krippe. Ihre Haltung zeigt eine Mischung aus Verzweiflung und Anbetung, Glauben und Not.

Die gleiche Szene schildert die zweite Zeichnung. Maria stützt sich ans Kreuz, als ob sie es tragen helfen will oder als ob sie sich daran festhält. Sie scheint eingesunken in ihre Trauer, doch Johannes tröstet und stützt sie.
Liebe Gemeinde, beide Bilder sollen helfen, das Unfassbare fassbar zu machen und auch zuhause das Geschehen auf Golgatha im Sinne zu behalten und zu bedenken: Eigentlich müsste ich da hängen! Wie viel mehr habe ich in meinem Leben, in meinem Alltag an Schuld, an Verfehlungen und Versäumnissen gegenüber Gott angesammelt wie faule Früchte im Keller des Verdrängten!

Als ich neulich in meiner Jugendgruppe über diesen zentralen Feiertag unserer Kirche sprach, zeigte sich wieder einmal, wie weit entfernt der Mittelpunkt unseres Glaubens vom Leben der meisten Menschen entfernt ist. Da gibt es kaum Voraussetzungen, um das Heilsgeschehen zu erklären. Einer erzählte angesichts der Kreuzigung begeistert von einem Film, den er gesehen hatte, und vor allem von den Gewaltszenen: „Wie viel die Römer da abgemetzelt haben!“ Die unvorstellbare Brutalität der Hinrichtung Jesu mit ihren abschreckenden Begleiterscheinungen schockiert Jugendliche längst nicht mehr.

In einem Punkt erinnert mich die heutige Generation an die Soldaten unterm Kreuz mit ihrem Teilen und Losen: Die Menschen haben in der Hand, was von Jesus übrig ist, und spielen achtlos damit herum, gleichgültig und interessiert angesichts jenes Todes, der sich über ihnen abzeichnet. Hatte sich das Mittelalter – wenn auch auf geschäftstüchtige Weise – wenigstens auf die Suche nach vermeintlichen Kreuzessplittern und Gewandfetzen begeben, weil man sich von der beweisbaren Erinnerung an Golgatha das Seelenheil sicherte, so kümmert das heute in unseren Breitengraden kaum noch jemanden. Auch heute spielen viele achtlos damit herum, und das Kreuz als Symbol gehört auf jeden Fall dazu.

Von Zeit zu Zeit ist es deshalb nötig, ja unumgänglich, Bilder zu malen, Filme zu drehen wie „End of days“, Lieder zu schreiben, Bücher zu verfassen wie „Die Pest“ von Albert Camus oder sich den Grauen des Irakkrieges nicht zu entziehen, um uns die Realität von Golgatha über die Karwoche hinaus vor Augen zu halten, um uns wachrütteln zu lassen aus unserer alltäglichen Abgestumpftheit.
Liebe Gemeinde, „Es ist vorbei“, so haben die Augenzeugen unter dem Kreuz beim letzten Atemzug Jesu gedacht oder gesagt – die einen zufrieden, die anderen tränenerstickt. „Es ist vollbracht!“, ruft aber der sterbende Gottessohn im letzten Bewusstsein. Aber was meint er? Was ist vollbracht? Ist es etwas, worauf die Menschen heute warten? Ist es etwas, das ihr Leben verändert? Mit der Gewissheit, dass auf Golgatha zwischen Himmel und Erde etwas für mich persönlich vollbracht worden ist, steht und fällt mein Glaube. Wir wissen: Die Heilstat ist vollbracht. Unser Leben – und sogar unser Sterben – ist gerettet. Unsere Aufgabe besteht nun darin, unser Leben auch so zu gestalten, dass es von der vorweggenommenen Rettung lebt.
Das Testament Jesu, die Adoption Johannes` durch Mutter Maria, die Fürsorge im Angesicht des Todes, die pragmatische Lösung vor der dogmatischen Erlösung, sie erinnert mich an das gegenseitige Teilen von Sorgen und Verantwortung als Christen. Wie in jedem Jahr wird heute für „Brot für die Welt“ gesammelt. Von Jesu Worten „Siehe, das ist dein Sohn – siehe, das ist deine Mutter“ bis zu konkreten Patenschaftsprojekten können wir eine gerade Linie ziehen.

Liebe Gemeinde, mit dem Kreuz, das sein Sohn trägt, hat Gott ein ewiges Mahnmal in diese Weltkugel gesteckt, das auch nach der Auferstehung stecken bleibt – ein Stachel im Fleisch der Welt, ein klares Zeichen gegen das Vergessen von Schuld und Leid. So sehr die Menschen das unansehnliche Zeichen übersehen, vernachlässigen oder gefälliger formen – es bleibt stehen. Für die Glaubenden wird das Kreuz zum Balken, der im Wasser des Lebens und Sterbens trägt und uns vor dem Versinken bewahrt.

„Solches tut, so oft ihr`s trinket, zu meinem Gedächtnis“, so setzt Jesus das Mahl seines Todes ein. Wie das Kreuz sind auch Brot und Wein Zeichen unserer Erlösung. Und immer wieder, wenn wir sein Mahl unseres Lebens miteinander feiern, erinnern wir uns an Jesu letzte Nacht, erinnern wir uns an Karfreitag und Ostern, erinnern wir uns an die Löschung unserer Schuld und Lösung von aller Last.

Darum machen wir uns unsere Schuld bewusst, weil sie in Jesu Leiden erledigt, weggestrichen, ausradiert und ungültig ist. Jeder Tag unseres Lebens, den wir unter Gottes Gnade neu beginnen dürfen, ist teuer erkauft durch Gott. Im Mahl seines Sohnes wird das sichtbar. In den Elementen wollen uns sein Leib und Blut stärken, die Lasten zu tragen, die uns auferlegt sind, wollen uns Kraft geben, nach Gottes Willen zu leben. So wie Jesus am Kreuz sagt: „Mich dürstet“, um alles zu vollbringen, soll auch uns dürsten nach dem Mahl Jesu, nach dem Quell des Lebens, nach einer anderen Gerechtigkeit, wie Jesus an anderer Stelle sagt.

Nicht „Es ist vorbei“, sondern: „Es ist vollbracht“, und das ist auch gut so. Und es tut gut, das zu wissen und im Abendmahl zu feiern.

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