Es ist nicht egal …

Liebe Gemeinde,

heute ist Buß- und Bettag. Heute geht es um Schuld, Strafe und Umkehr. Diese wichtigen religiösen Fragen werden heute nicht mehr nur in der Kirche sondern auch in der Literatur und im Film verhandelt.

Eine ganz neue Sicht auf die Frage von Schuld, Strafe und Vergebung habe ich in dem Herbstferien im Kino bekommen. Ich war in Dogville, dem neuesten Film von Lars von Trier, und ich habe Jesus Christus neu verstanden.

Ich erzähle Ihnen mal die Handlung: Dogville: kleine Stadt am Ende der Strasse, besteht nur aus 7 Häusern in einer Strasse. Dort wohnt ein Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung: eine schwarze Putzfrau mit einer behinderten Tochter, ein Arzt im Ruhestand mit einem Sohn, der sich als Schriftsteller versucht. Ein halbkrimineller Fuhrunternehmer, ein Obstbauer mit Frau und sieben Kindern, ein blinder alter Mann, ein junger Mann, eine Ladenbesitzerin mit ihrer schönen Tochter, eine alleinstehende Harmoniumspielerin. Ein nettes Dorf in den Rocky Mountains mit netten Leuten während der großen Depression in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Eines Tages taucht dort Grace auf, eine junge Frau auf der Flucht vor Gangstern und der Polizei. Sie versteckt sich in der alten Mine. Dort findet Tom sie, der Sohn des Arztes und startet mit ihr ein Experiment. Die Menschen in Dogville sollen lernen jemanden anzunehmen. Und er möchte etwas haben, worüber er schreiben kann. In der Dorfversammlung setzt Tom durch, dass Grace für zwei Wochen auf Probe bleiben darf. Und Grace muss jedem Haus ihre Arbeitskraft anbieten. Erst lehnen alle ab, denn ihr Leben haben sie organisiert. Sie brauchen eigentlich niemanden. Dann fragt Tom, ob sie nicht eine Arbeit haben, die nicht dringend nötig ist. Und Grae beginnt, dem blinden Mann vorzulesen, der Harmoniumspielerin die Seiten umzublättern, das behinderte schwarze Mädchen aufs Klo zu setzen, Äpfel zu pflücken, Kinder zu unterrichten, im Laden zu helfen und dem Arzt seine eingebildeten Krankheiten auszureden. Sie hat viel Arbeit und ihr Wirken hilft allen zu einem besseren Leben. Einstimmig entscheidet die Versammlung, dass Grace bleiben darf, und Grace bekommt sogar einen kleinen Lohn, von dem sie sich Tonfiguren aus dem Dorfladen kauft. Die Tonfiguren stellen das heile Leben in einer dörflichen Gemeinschaft dar.
Als dann die Polizei vorbei kommt und nach Grace sucht ändern sich die Dinge. Grace muss das doppelte arbeiten für den halben Lohn. Als der Druck sich erhöht wird und noch andere nach ihr suchen, wird das Leben schlimmer für Grace. Die Einwohner stellen ihr Fallen, die Frauen zerschlagen ihre Tonfiguren, die Männer vergewaltigen sie. Sie versucht mit Hilfe von Tom und dem Fuhrunternehmer zu fliehen. Aber am Ende landet sie wieder in Dogville, diesmal mit einer Hundekette um den Hals und an ein Eisenrad gefesselt. Verraten von Tom, der behauptet hat, sie zu lieben.

Tom hat am Anfang von einem der Gangster, die nach Grace gesucht haben, eine Telefonnummer bekommen. Er hat Grace versprochen dass der diese Visitenkarte vernichtet hat. Aber er hat sie aufgehoben. Tom ist der, der die Nummer anruft und Grace ihren Mördern ausliefert. Das Dort erwartet eine Belohnung.

Eine schwarze Limousine gefolgt von anderen schwarzen Autos kommt die Strasse entlang gefahren ins Dorf. Grace wird von ihrem Halseisen befreit und in die Limousine gestoßen.

Dort beginnt das Gespräch mit ihrem Vater, dem Gangsterboss. „Ich wollte nicht so werden wie du!“ sagt Grace. Deshalb bin ich gegangen. „Ich hätte nicht auf dich schießen lassen sollen!“ sagt der Vater. „Du hast hier Schwierigkeiten, nicht wahr! Willst du hier bleiben? Du könntest mit mir kommen und schon einen Teil der Macht erhalten, die ich habe.“ Und Grace verteidigt zuerst die Einwohner von Dogville: „Sie haben ein schweres Leben, ich werde ihnen verzeihen.“ Und der Vater antwortet: „ Du nimmst sie nicht ernst. Du hättest auch mit ihrem Leben niemals das getan, was sie getan haben.“ Grace denkt nach: „Nein, das hätte ich nicht getan, niemals, ich hätte keine von mir abhängige Person so gnadenlos ausgebeutet und entmenschlicht.“ Und Grace beschließt das Angebot ihres Vaters anzunehmen und das was ihr angetan wurde ernst zu nehmen. Sie erteilt den Befehl alle Einwohner zu erschießen. Die Kinder vor den Augen der Mutter, die Grace besonders gequält hat. Dann steigt sie aus und erschießt Tom, der das ganze angezettelt hat, und der sich immer noch keiner Schuld bewusst ist, eigenhändig. Am Ende überlebt in Dogville nur der Hund.
Als ich den Film gesehen haben, habe ich mit Grace mitgefiebert. Und das Ende war nicht nur entsetzlich sondern auch sehr befriedigend. Ich hätte es nicht verstanden, wenn Grace, deren Name ja übersetzt Gnade heißt, den Einwohnern von Dogville vergeben hätte.
Grace ist in diesem Film zweifellos eine Christusfigur. Sie hilft den Einwohnern von Dogville durch ihre Anwesenheit zu einem besseren Leben. Sie trägt zu deren psychischer Heilung bei. Und sie liefert sich den Menschen auf Gedeih und Verderb aus. Sie wird am Ende von diesen Menschen, denen sie geholfen hat, gefoltert und zum Sterben ausgeliefert. Soweit ist ihr Leben dem von Jesus Christus nachgestaltet. Und wenn man, das was die Menschen ihr antun, vorgeführt bekommt und es mit Jesus Christus vergleicht, begreift man, wie unbegreiflich Vergebung in dieser Situation ist. Angemessen ist Rache und Strafe. Alles andere ist völlig verrückt.

Und ich frage mich, wieso gehen wir einfach immer davon aus, dass es schon in Ordnung ist, dass Gott uns unsere Schuld vergibt. Wir haben uns sosehr daran gewöhnt, dass wir nicht mehr fühlen können, wie unglaublich und unbegreiflich, das ist nach dem, was sein Sohn unter den Menschen erlebt hat. Im Grunde erwarten wir von Gott, dass er uns nichts weiter vorwirft. Und ganz tief im inneren sind wir davon überzeugt, dass Gott uns eigentlich gerechterweise nichts schwerwiegendes vorzuwerfen hat. Aber das stimmt nicht. Die Einwohner von Dogville, das sind wir alle. Niemand kann hoffen, dass er seine Macht nicht missbrauchen wird, wenn sie ihm so unverhofft in den Schoß fällt. Wir Menschen neigen zum Missbrauch unserer Macht und wir neigen dazu nicht, wahrnehmen zu wollen, was wir anderen antun.

Jesus sieht das übrigens genauso. Erinnern Sie sich an den Predigttext des heutigen Buß und Bettags. Sie haben ihn vorhin gehört. Die Leute erzählen entsetzt: Pilatus hat ein Massaker an Pilgern verübt, die nach Jerusalem gekommen sind, um zu opfern. Jesus sagt dazu: Und der Turm in Siloah ist umgestürzt und hat 18 Menschen unter sich begraben. Kehrt um, sonst passiert euch das gleiche. Ihr werdet ebenfalls sterben, wenn ihr eure Schuld nicht erkennt und euer Leben ändert. Und die Geschichte vom Feigenbaum sagt: Ein Jahr habt ihr noch Zeit, aber irgendwann ist auch Gottes Geduld zu Ende, dann wird es zu spät sein.

Möglicherweise ist das die einzig mögliche gute Nachricht: Wir haben noch Zeit umzukehren. Wir haben noch Zeit unser Leben zu ändern. Und dann haben wir eine Chance unserer gerechten Strafe zu entgehen.

Die gute Nachricht darf nicht lauten: Eure Schuld wird euch sowieso vergeben. Denn das hieße: Es ist sowieso egal was ich tue und wie ich handle. Es ist eben nicht egal. Im Gegenteil es wird entscheidend sein. Noch haben wir Zeit, anzufangen zu sehen, was wir anderen antun. Noch haben wir Zeit es zu bereuen. Noch haben wir Zeit zu bekennen, den anderen zu sagen, was wir getan haben. Noch haben wir Zeit es wieder gut zu machen. Wie lange wir noch Zeit haben werden, wissen wir nicht. Eines Tages wird diese Zeit zu Ende sein. Und es ist die Gnade Gottes, dass wir diese Zeit noch haben. Nutzen wir sie.

drucken