Es ist ein Ros entsprungen

Es ist ein Ros entsprungen ­ ein populäres Weihnachtslied, das oft nicht verstanden wird. Was ist mit dem Ros, ist es eine Blume mit Dornen, ist es ein Pferd, das weggelaufen ist ­ und von Jesse kam die Art. Was ist damit gemeint. Wir haben es vorhin gesungen, auch weil in unserem Predigttext davon die Rede sein wird. Das Ros hat nichts mit Rose zu tun. Ob der uns unbekannte Dichter das gewusst hat? Vielleicht war er sich auch der Zweideutigkeit dieses Begriffes bewusst, dass er in den beiden folgenden Strophen so auf die Blume eingeht. Das Ros meint eigentlich das Reis, das Zweiglein, das Ästlein. Es ist ein uraltes prophetisches Bild, dass aus einem Wurzelstumpf ein neues Reis ausschlägt und neues Leben entspringt. Ein Bild dafür, dass auch das scheinbar Tote wieder zum Leben erwachen kann. In Israels Geschichte war das oft wichtig: Gott kann auch aus der Niederlage noch einen Sieg machen. Er kann befreien, wo menschliche Hoffnung nur noch Resignation kennt. Und Jesse, das ist eine Form von Isai. Isai war der Vater Davids, jenes großen Königs in Israel. Das heißt, das Ros, das aus Jesses Art entsprungen ist, ist ein neuer Spross des eigentlich toten Königshauses Israel. Das Volk, das am Boden liegt wird auferstehen, Gott will es neu beleben ­ überraschend neu. Von dieser wendung erzählt auch der Bibeltext, der dem Lied 30,1-3 (Es ist ein Ros entsprungen) zugrunde liegt.

[TEXT]

Eine schöne Utopie, passend zu Weihnachten. Sie erzählt von unseren geheimen Wünschen und Träumen. Würden doch wenigstens zu Weihnachten die Waffen schweigen: Palästinenser mit Israelis tanzen, Mullahs mit Regimekritikern singen und in manchen Nachbarschaften Mauern eingerissen werden.<o>In unserer Geschichte sind es die bedrohlichsten Tiere im Alltag der Menschen, die zu den Gefährdetsten gehen, nicht um ihnen „naturgemäß“ den Tod zu bringen, sondern um ihnen den shalom anzubieten, den Frieden, den nur Gott schaffen kann, weil es mehr ist als Waffenstillstand. Diesen Shalom kann nur Gott schaffen, aber vielleicht kann ich schon helfen, dass Frieden wächst.

Wenn wir als ChristInnen Jesus als diesen Reis aus der Wurzel Jesse bezeichnen, dann dürfen wir dankbar sein, dass wir dazugehören, Teil dieser Verheißung gewor-den sind, nicht weil wir es verdient hätten, sondern weil Gott die Menschen so sehr liebt, dass sie alle zu seinem Heil gehören sollen. Dann dürfen wir dankbar sein und müssen gleichzeitig erkennen, dass dieses Friedensreich noch nicht entstanden ist. Es ist ein zartes Pflänzlein geblieben. Von dem Frieden, der verheißen ist, ist selbst innerhalb der christlichen Gemeinde nicht viel zu spüren. Zank und Streit finden wir in Gemeinden. Manchmal nur um kleine Details, manchmal um Ruhm und Ehre. Und die Konfessionen, die sich so gut ergänzen könnten, verfallen immer wieder der Versuchung sich selber für besser zu halten als die andern. ‚Dominus Jesus‘ ist nur ein besonderes Beispiel dafür.

‚Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen‘. Das ist Zukunft ­ wir dürfen hoffen, wir werden beschenkt mit dem Reich Gottes. Für unser Glaubensbekenntnis ist es zugleich Vergangenheit: Uns ist bereits geschenkt, was wir erst noch endgültig ergreifen müssen. ‚mit seinem hellen Scheine vetreibt‘s die Finsternis‘, heißt es im Lied. Dieser helle Schein geht von der Krippe aus, jenem Stall in Bethlehem, jenem Kind in Armut geboren: Wahr Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod. Das ist die Liebe Gottes mitten in unserem Leben. Zu wissen ich bin nicht verloren, sondern werde gehalten. Wo ich mich fühle wie ein abgestorbener Wurzelstumpf, kann er neues Leben wachsen lassen.

Weihnachten feiern wir. Und wenn wir an Weihnachten dieser Verheißung hören, dürfen wir sie so verstehen: Weihnachten ist nicht das Ende der Verheißung, sondern der Anfang ­ das Abendmahl kann uns dienen als ein Fest der Versöhnung, ein Zei-chen, dass da etwas in uns und mit uns angefangen hat.

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