Es hat sich etwas bewegt

Advent: Ankunft des Herrn war früher eine ausgesprochene Bußzeit, eine Zeit, in der die Menschen sich vorbereiteten. Weniger auf Weihnachten, als auf die Zukunft, die Gott ihnen versprochen hat. Advent ist darum ein Gegenbegriff zum Futur. Zu der rechnerischen, berechenbaren Zukunft. Advent ist das, mit dem uns Gott überrascht. Von diesem Advent redeten Menschen lange bevor Jesus geboren wurde. Die Propheten, die Boten Gottes kündigten Unwahrscheinliches an. Sie wussten etwas davon, dass Gott Zukunft schafft, mit der Menschen nicht rechnen. Eine solche Zukunftsaussage ist heute unser Predigttext. Ca. 500 Jahre bevor Jesus geboren wurde, war Israel in der Gefangenschaft, im Exil. Ein kümmerlicher Rest, der noch an das glaubte, was den Alten, Abraham und Sara, von Gott versprochen war. So wie wir heute auch ein kümmerlicher Rest von dem sind, was sonst oft gottesdienstliche Gemeinde an diesem Ort ist. Die da so versammelt sind, hören keinen Appell (wenn Ihr das jetzt tut, dann …) sie hören eine fröhliche Vision von dem, was Gott ihnen bereiten wird: die Rückkehr zum Zion, dem Tempelberg, dem Berg Gottes:

[TEXT]

Ein Jubellied, das in die Zukunft weist: Israels Leidenszeit im Exil hat ein Ende. Der Herr und sein Volk sind in die Stadt zurückgekehrt: Gott ist König! Für unseren Glauben sind wir da schon einen Schritt weiter. Der Herr ist da in unserer Welt: Gott ist Mensch geworden. Auch wenn wir im Alltag manchmal so wenig davon spüren. Wir wissen, dass wir noch auf den endgültigen Anbruch des Reiches Gottes warten und bekennen zugleich, dass es schon mitten unter uns ist.

Der Bote dieses alttestamentlichen Geschehens ist ein Evangelist. Er ist Teil dieses Heilsgeschehens, das er verkündet und voller Glauben erwartet. Das Heil beginnt mit dem verkündeten Wort. Wir sind eben solche Evangelisten, wenn wir von der Befreiung erzählen, die Gott wirkt. Wir sind Boten der Geburt und Boten des Heils. Jedes Mal, wenn ich meinen Kindern von Weihnachten erzähle oder wenn ich am Arbeitsplatz sage, dass Weihnachten mehr ist als Lichter und Lametta, als Geschäfte und Geschäftigkeit, bin ich ein solcher Evangelist.

Ich habe das Vertrauen: Gott baut auch aus Trümmern neu. Auch aus den Trümmern des World Trade centers. Auch aus den Trümmern von Afghanistan oder Gaza. Er will nicht, dass diese Welt verlorengeht. Auch wenn ich mir das manchmal nicht vorstellen kann. Diese Welt ist nicht verloren – Christ ist in ich geboren.

Die kleine Schar, die sich heute versammelt steht im Kontrast zu der großen Botschaft, die verkündet wird – in Jesaja und im Advent. Und doch kommt sie in unserem Text vor: die kleine Schar, die sich auf dem Zion findet, auf den Trümmern der Geschichte – mitten in der Zukunft, im Advent Gottes. Der Aufbruch Gottes ist das Thema: er wird eine Herrlichkeit, sein Reich aufrichten. Wir sind Teil dieser Welt von morgen.

In diesen Zusammenhang gehört die Bitte aus dem Vaterunser: ‚Dein Reich komme‘. Wir können nicht vom Frieden reden und den Friedefürst aussparen. Für uns nicht und für Afghanistan oder Palästina schon gar nicht. Sein Friede gilt allen Menschen, allen Glaubens. Ich darf ihn verkünden und umsetzen hinein in meinen Alltag. Den ganz persönlichen. Ich darf Frieden schaffen in meinem Umfeld. Ich darf für den Frieden beten und politisch tätig sein in dieser Welt

Einer hatte auf die Zeitungsfrage: ‚Wer oder was hätten Sie denn gerne sein wollen?‘, geantwortet mit ‚Der Bote, der bis 1955 den Gefangenen in Russland ihre Zurückführung nach Deutschland verkündete‘. Das bin ich längst mitten in meinem Leben: Ich darf Befreiung verkünden, wo Menschen gefangen sind. Ich darf ihnen Gottes Botschaft verkünden und ihnen helfen, sich zu befreien aus den Zwängen ihres Lebens. So wie Martin Luther King gepredigt hat: ‚Ich habe einen Traum‘. Und dann daran gegangen ist, seinen Traum zu leben von einer Welt, in der alle Menschen Schwestern und Brüder sind. Noch längst nicht alles ist Wirklichkeit geworden von dem, was er gewollt und gepredigt hat. Aber ein Schritt ist getan hin in die richtige Richtung. Es hat sich etwas bewegt. Ich bin nicht Martin Luther King. Aber vielleicht kann ich auch ein wenig davon tun: Der Welt den Frieden verkünden. Der Welt sagen, dass Gott den Frieden schafft, den die Menschen nur noch leben müssen. Meinen Nachbarn und Nachbarinnen den Frieden ansagen und mit ihnen leben. Das darf ich.

drucken