Es geht doch

Liebe Gemeinde!

Jetzt allmählich, mit dem Beginn der Ferien, geht ja die große „Sommerfest-Saison“ wieder zu Ende. Ich weiß nicht, ob und auf wie vielen solchen Festen sie waren oder ob sie vielleicht selber welche mit vorbereitet haben; ich selber war dieses Jahr so bei zwei oder drei Festen bei der Vorbereitung mit beteiligt. Aber die Diskussionen sind, glaub ich, immer gleich: „Wie viele Leute werden denn wohl kommen? Wie viel Essen müssen wir einkaufen? Wer kümmert sich drum?“ – und meistens, nach dem Fest: „Was machen wir denn bloß mit all den Resten?“

Eine größere Menschenmenge und die Frage, wie es mit dem Essen aussieht – das ist auch Thema unseren heutigen Predigttextes. Es ist die Geschichte von der Speisung der fünftausend, wie der Evangelist Johannes sie erzählt.

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Viele Menschen sollen mit Essen versorgt werden – in diesem Punkt sind sich der Predigttext und die Praxis heutiger Sommerfeste durchaus nahe. Allerdings gibt es da doch auch eklatante Unterschiede. Bei Sommerfesten ist das leibliche Wohl doch meistens ein wichtiger Punkt der Werbung ist. Hier dagegen kommen die Menschen nicht wegen des Essens. Das spielt zu Beginn der Geschichte an sich überhaupt keine Rolle. Die Menschen kommen vielmehr, weil sie auf Jesus neugierig sind, weil sie viel von ihm gehört haben und zumindest aus Erzählungen wissen, dass er Kranke heilt. Sie wollen ihn mal selbst sehen und hören, und gehen deshalb zu ihm hin. Die äußeren Umstände sind dabei ziemlich unwichtig. An Essen hat wohl kaum jemand gedacht. Es hat sich höchstens vielleicht einer geärgert, weil er von zu Hause nichts mitgenommen hat. Aber ganz bestimmt hat niemand erwartet oder verlangt, dass Jesus hier jetzt für etwas zu essen sorgen soll.
Sie wissen ja sicher, dass in den Evangelien mehrmals davon berichtet wird, wie Jesus eine große Menschenmenge mit dem nötigen Essen vesorgt. In allen anderen Berichten heißt es aber, dass Jesus zuerst gepredigt habe, und dass es schon spät war. Erst da hat Jesus das Speisungswunder vollbracht. Nichts dergleichen berichtet aber Johannes. Sondern da kommen die Menschen, weil sie auf Jesus neugierig sind – und jesus tut sofort sein Wunder. Was soll das? Will er seine Kräfte spielen lassen und zeigen, wie toll er ist? Reden kann ja jeder, aber fünftausend Menschen mit Essen versorgen, das ist schon nicht mehr so leicht? Es könnte fast so wirken. Allerdings, wenn man genau hinschaut, dann vielleicht doch wieder nicht: Wenn es ihm nur darum gegangen wäre, bei den Menschen toll zu wirken, dann hätte er sich für dieses Wunder bestimmt feiern lassen. Das tut er aber gerade nicht; im Gegenteil: Er zieht sich zurück, als er merkt, dass ihn die Menschen wegen dieses Wunders zum König machen wollen.

Es muss also doch um was anderes gehen. Viele Menschen satt machen – das ist keine Kunst, wenn man ein guter Organisator ist und genug Geld zur Verfügung steht. Wie es um jesus Organisationstalent bestellt war, weiß ich nicht. Sicher wissen wir aber aus dem predigttext: Geld hatten Jesus und seine Jünger nur wenig. Er steht buchstäblich mit leeren Händen vor der Menschenmenge, es kann eigentlich gar nicht funktionieren, diese Menschen alle satt zu kriegen. Da ist nur ein Kind, das ein paar brote und Fische hat und bereit ist, die zu teilen. Eigentlich nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein…..und trotzdem reicht es. Es kann ausgeteilt werden, Brot und Fisch vermehren sich dabei auf erstaunliche Weise, und es bleibt sogar noch jede Menge übrig. Wie kann das gehen? Es gibt den Versuch der „logischen Erklärung“: Das Kind ist mit gutem Beispiel vorangegangen, als es seine Brote und Fische so bereitwillig hergegeben hat, haben auch alle anderen ihre Vorräte geteilt. Das mag sein, aber ich halte es eigentlich für unwahrscheinlich, dass das so geschehen sein soll. Und es ist auch an sich gar nicht so wichtig, wie genau das passiert ist. Tatsache ist: fünftausend und mehr Menschen wurden satt, und ich traue es Gott zu, dass das auch „einfach so“ passieren kann.

Nun stelle ich mir die Jünger Jesu vor, die da dabei sind und miterleben, was da passiert. Vor allem denke ich an Philippus – der gesagt hat: „Es kann nie klappen. Selbst wenn wir für alles geld, das wir haben, Brot kaufen, reicht es nicht.“ Der kommt sich jetzt möglicherweise ziemlich dumm vor, wenn er sieht, was da passiert. Ich kann mir nun kaum vorstellen, dass Jesus seine Jünger mit dieser Aktion beschämen wollte. Ein Zeichen wollte er aber wohl schon setzen: Ein Zeichen dafür, dass etwas sehr wohl gehen kann, auch wenn vom gesunden Menschenverstand her gedacht vieles oder alles dagegen spricht. Die Devise „Das können wir nicht leisten, dafür haben wir nicht die nötuigenMittel“ will er nicht gelten lassen. Wenn etwas notwendig ist und gemacht werden muss, dann wird es eben gemacht.

Ob das auch für uns ein Zeichen sein kann? Den ewigen Debatten ums sparen können wir in diesen Tagen ja kaum entkommen. Jedesmal, wenn man Nachrichten sieht oder hört oder die Zeitung liest, kommt eine neue Meldung: Staat muss so-und-so-viel einsparen. Kirchen haben immer weniger Geld. Landkreis kann keinen weiteren Straßenausbau leisten etc. Es wird vieles weggekürzt, und die Schlacht um den größten Anteil aus dem Geldtopf ist im vollen Gange: Viele sind der Meinung, ihr Bereich wäre der absolut wichtigste, müsste so weitergeführt werden wie immer und könne keinerlei Abstriche hinnehmen. Auf der anderen Seite stehen die, die das Geld zu verwalten haben, und die sagen: Es geht nicht, wir können es nicht leisten, wir zahlen nur noch was wir unbedingt müssen. Alle „freiwilligen Leistungen“ werden eingestellt. Das Zeichen, das Jesus getan hat, sagt: es geht doch. Vielleicht geht es nicht perfekt. Die Menschen haben von Jesus ja auch nur Brot und Fisch bekommen, und kein üppiges Festmahl. Aber es hat gereicht, und sogar gut. Dieses „Es geht doch“ – das möchte ich gern hochhalten. Ich meine nämlich, dass eine erstaunliche Menge an Dingen gehen, auch – und vielleicht gerade wenn – das Geld knapper wird. Dann nämlich, wenn Menschen bereit sind, das was sie haben, zur Verfügung zu stellen und mit anderen zu teilen. Das muss nicht Geld sein; das kann z.B. einer sein, der Zeit hat, und diese Zeit zur Verfügung stellt, um andere zu besuchen oder mal auf die Kinder der Nachbarin aufzupassen oder ähnliches. Das kann auch ein besonderes Organisationstalent sein, oder handwerkliche Fähigkeiten, mit denen man anderen aushelfen kann. Ich glaube, wir kommen nicht sehr weit, wenn wir Verantwortung wegschieben und meinen, jemand anders sei dafür verantwortlich, alles am Laufen zu erhalten, auch wenn wir was dazu tun könnten. Jesus und seine Jünger waren bestimmt nicht verantwortlich dafür, die Menschen mit Essen zu versorgen, getan haben sie es aber doch – weil es in dem Moment angebracht war, und weil sie es konnten. Mit ein bisschen Phantasie und Kreativität und dem nötigen Mut zur Improvisation können wir selbst eine ganze Menge auf die Beine stellen – in der Kirchengemeinde, in der Schule, oder im Ort, wo wir wohnen.
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen fordernd, so nach dem Motto: Wir sollen alle sein wie Jesus. So mein ich es nicht, so können wir ja auch gar nicht sein. Deshalb möchte ich ihnen noch eine kleine Episode erzählen, die auf den Predigttext folgt. Die Menschen, die dort von Jesus etwas zu essen erhalten haben, haben im ersten Moment nämlich wohl gar nicht so richtig gemerkt, was da passiert war. Erst später haben sie sich gewundert, und sie sind dann noch mal losgegangen, um Jesus zu fragen, was es denn mit diesem Brot eigentlich auf sich hatte. Jesus antwortet recht mystisch und sagt: Ihr habt von mir ein Brot bekommen, das euch für immer satt macht. Ihr habt nämlich mich bekommen. „Ich bin das Brot des Lebens – wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Dieses Lebensbrot erhält jeder, der zu Jesus kommt, samt der Zusage, dass es für das ganze weitere Leben reichen wird. Und davon kann man dann ja auch was abgeben, oder? Für mich bedeutet das: Gott füllt mir, füllt uns die Hände mit dem was wir brauchen. Vielleicht ist das in unserem Fall Geduld. Oder Phantasie. Oder, bei manchem sicher auch, Geld. Und wenn wir das, was wir haben, weitergeben und mit anderen teilen – dann kann eine Gemeinschaft entstehen, in der dieses Speisewunder auf andere Art und Weise weiterlebt. Dass das über kurz oder lang passiert, darauf hoffe und vertraue ich.

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