Erzählpredigt

Er verließ die Kirche als einer der Ersten. Er verabschiedete sich von dem Pfarrer, der schon draußen stand. Am liebsten wäre er ja stehen geblieben und hätte mit ihm noch einmal geredet. Er war aufgewühlt und wusste eigentlich noch gar nicht genau, warum. Waren es die Erinnerungen an Hannelore, die sich wieder eingestellt hatten? War es die Trauer über ihren Tod, die er nun wieder spürte wie einen schmerzlichen Stich? Oder war es der Ärger über diesen Bibeltext, den der Pfarrer vorgelesen hatte? Konnte man denn so etwas an diesem Tag lesen? Diese Geschichte ärgerte ihn so sehr, dass er bei der Predigt schon gar nicht mehr richtig zuhörte. Die einen kommen rein, die anderen bleiben draußen – warum handelt ein Bräutigam so bei seinem Hochzeitsfest? – Wenn er sich da an seine eigene Hochzeit erinnerte … Wie schwierig das damals gewesen war. Kurz nach dem Krieg hatten sie nichts gehabt, die Feier war klein und bescheiden – und trotzdem schön und unvergesslich. Wie sehr sich die Schwiegereltern damals quer gestellt hatten. Weil er aus einer Flüchtlingsfamilie kam. Und „Flüchtlinge“, das klang so wie „Habenichtse“, „Faulpelze“. Und trotzdem hatte er sich um sie bemüht. Viel später, als sie sich selbst nicht mehr versorgen konnten, da hatte er Hannelore den Vorschlag gemacht, sie doch ins eigene Haus zu holen. Die klugen und die törichten Jungfrauen, so hatte der Pfarrer dieses Gleichnis Jesu genannt. Kluge Jungfrauen … – die, die das Öl für sich selbst behalten. Wo es doch sonst in der Kirche immer heißt, man soll mit den anderen teilen. Und am Ende wird das dann klug genannt, das Öl für sich zu behalten.

Auf dem Heimweg hatte er die kleine rote Kerze in der Hand, die im Gottesdienst angezündet worden war. Sie war noch warm, der Wachs an einigen Stellen noch richtig weich. – Als er die Einladung im Briefkasten fand, da wollte er ja eigentlich gar nicht gehen. Das letzte Mal war er noch mit Hannelore dort gewesen. Sie waren keine eifrigen Kirchgänger, aber ab und zu gingen sie dann doch. Heilig Abend, zur Konfirmation des Enkels, zur Beerdigung eines Nachbarn. Am Samstag abend hatte er es sich dann doch anders überlegt und den Wecker gestellt. Und dann solch eine Erzählung!

Zuhause macht er sich dann sein Mittagessen, und legte sich anschließend erst einmal ein wenig aufs Ohr. Am Nachmittag, als er im Wohnzimmer saß, fiel sein Blick auf die rote Kerze aus der Kirche. Er stellte sie auf dem Tisch auf und zündete sie an. Ja, Hannelore! Nun waren es schon neun Monate, nein, zehn Monate, so wurde ihm bewusst.
Sie hatte sich nach dem Mittagessen hingelegt, weil sie sich nicht wohl fühlte. Am Nachmittag hatte sie dann Schmerzen, links, am Herzen. Und dann war alles so schnell gegangen. Abends hatte er den Hausarzt angerufen, der hatte sie dann gleich ins Krankenhaus eingewiesen. Ein Herzinfarkt, ein leichter. In der Nacht folgte dann ein zweiter, und als um vier Uhr früh das Telefon klingelte, da brach für ihn eine Welt zusammen. Klar, der Sohn war gleich gekommen – sie waren sofort ins Krankenhaus gefahren. Doch es war dann schon zu spät gewesen. An die ersten Tage nach ihrem Tod erinnerte er sich wie durch einen Nebel hindurch. Das Bild, als ihr Sarg in die Erde gelassen wurde, das hatte er deutlich und scharf vor Augen. Da erst war es ihm richtig klar geworden, dass sie nun nicht mehr da war. Wie leer hatte er sich in den ersten Wochen gefühlt. Er konnte nachempfinden, was das heißt, wenn die Lampe am verlöschen ist. Wenn das Öl alle ist, der Akku leer. An manchen Tagen war er morgens in die Küche gekommen und wollte gerade ansetzen „Hör mal, Hannelore …“ – da durchzog es ihn schmerzhaft, dass da keiner mehr hörte. Oder ob sie’ s vielleicht doch noch hörte? Zumindest an ihrem Grab, da sprach er immer mit ihr. Leise, so dass die anderen Leute auf dem Friedhof es nicht merkten. Aber hier, dachte er, würde sie es bestimmt hören.

Wenn das Öl zu Ende geht … In den ersten Wochen konnte er nichts teilen. Das wenige Öl, das er selbst noch hatte, es reichte kaum für ihn selber. Wie hätte er da noch abgeben können? Die Verbindungen zu Freunden, zu anderen Ehepaaren, mit denen sie so lange zusammen gewesen waren, er ließ das alles schleifen. Er hatte dafür keine Energie mehr. Gut, dass es andere gab, die genug Öl hatten, um mit ihm zu teilen. – Wie lieb waren die Kinder zu ihm gewesen. Anfangs, da hatten sie ihn reihum eingeladen. Sie hatten versucht, ihn mehr in ihre eigenen Familien einzubinden. Viel öfter als früher baten sie ihn, mal zu kommen. Bei dem einen war was im Garten zu machen. Und bei der Tochter sollte er auf den jüngsten Sohn aufpassen. Klar, es machte ihm Freude. Heimlich musste er über seine Kinder schmunzeln. Es sollte so aussehen, dass sie ihn brauchen würden. Dabei merkte er doch ganz deutlich, dass sie ihn um kleine Gefallen baten, die sie genauso gut auch selbst hätten machen können. Und trotzdem nahm er diese Ablenkungen gerne an. Er merkte, dass das ein Vorrat war, den er selbst sich nicht geben konnte. Im Sommer wollten sie ihn sogar mit in den Urlaub nehmen. Das hatte er dann aber doch abgelehnt. Nein, so weit wollte ihre Bereitschaft zum Teilen nun nicht in Anspruch nehmen. Diese Wochen sollten sie mal für sich selbst haben. Da wollte er nicht mit dabei sein.
Im Sommer war es dann schon ein wenig anders mit Hannelore. Wie sehr hätte ihr dieser warme, lange Sommer gefallen. Sie war ja immer gerne in den Süden gefahren, anfangs nach Italien, später dann nach Spanien. An manchem lauen Sommerabend hatte er die Fotoalben herausgeholt und sich die Bilder angeschaut. Es waren schon schöne Zeiten gewesen, die er mit ihr verbracht hatte. Dabei war es ja nicht immer leicht gewesen. Er erinnerte sich noch an jenes Jahr, als es in ihrer Ehe ziemlich gekriselt hatte. Eigentlich hatte er sich immer vorgenommen gehabt, sich noch einmal richtig mit ihr darüber auszusprechen. Wie das gewesen war mit der neuen Kollegin. Er wusste, dass er sich damals nicht richtig verhalten hatte. Und es war gut, dass er selbst dann in die andere Abteilung versetzt worden war. Jetzt ging es ihm so wie in der Geschichte aus dem Gottesdienst. Die Tür war zu, es war zu spät, um sich auszusprechen, um Verzeihung zu bitten. – Ob er vielleicht auch einmal so draußen stehen würde wie die fünf törichten Jungfrauen? Seine Gedanken wurden vom Telefon unterbrochen. Es war der Sohn. Ob er nicht zum Kaffeetrinken vorbeikommen wollte? Sie würden sich freuen, würden ihn sogar abholen. – Er sagte zu. Als er wieder nach Hause kam, war es spät geworden. Die Schwiegertochter beließ es natürlich nicht beim Kaffee, sie drängte ihn, auch zum Abendessen zu bleiben. Und er ließ sich gerne drängen. Er liebte die drei Enkelkinder. Sie waren lebendig und aufgeweckt – und eine gute Ablenkung. Die Kleinste war gerade einmal drei, und hatte so schöne Einfälle. „Opa, du guckst immer so traurig, warum denn nur?“, so hatte sie ihn einmal gefragt. „Weißt du, Charlotte, ich bin traurig, weil die Oma nicht mehr da ist.“ „Aber Opa“, so hatte sie ihn gefragt, „kannst Du dir dann nicht einfach eine neue Oma holen?“ – Damals war er ziemlich geschockt von dieser Frage, er kam ins Stottern und wusste gar nicht, was er antworten sollte. Er merkte, dass er sich solche Gedanken immer verboten hatte. Es wäre ihm irgendwie wie Verrat vorgekommen. – Heute, mit ein wenig mehr Abstand, da schmunzelte er über die Enkeltochter. Ja, wenn alles so einfach wäre … Nein, im Moment wollte er sich keine neue Oma holen, das wusste er. Aber – gab es nicht viele, die noch auf ihre alten Tage jemanden neu kennen gelernt hatten? So abwegig wie damals kam ihm der Gedanke nun nicht mehr vor. – Und damit schlief er ein.

Als er ein paar Tage später den Pfarrer auf der Straße traf, nutzte er die Chance. „Sie wollten doch schon immer mal bei mir vorbeikommen“, so setzte er an, „ich habe da noch ein paar Sachen für die Kleidersammlung“, so lud er ihn dann ein.
Als der Pfarrer dann bei ihm war, waren die Altkleider gar nicht mehr so wichtig. Bei einer Tasse Kaffee wollte er es dann einmal genauer wissen. „Wie ist das denn mit der Geschichte, die Sie an Totensonntag in der Kirche vorgelesen haben? Ist das wirklich so, dass einige draußen bleiben und andere kommen rein?“ „Wissen Sie, Herr Müller“, antwortete ihm der Pfarrer, „ich kann Ihnen das letztlich auch nicht sagen. Es gibt von Jesus solche Erzählungen, und es gibt auch andere. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, zum Beispiel. Da soll keiner draußen bleiben, der Vater lässt ein Fest feiern für den verlorenen Sohn. Und er geht sogar hinaus und will den anderen Sohn dazuholen, der dem heimgekehrten Bruder das Fest nicht gönnt. Ich glaube, unser Gott ist so wie dieser Vater. Ich glaube, er ist barmherziger als dieser Bräutigam. Wer zu ihm findet, den wird er nicht wegschicken, so denke ich. Vielleicht geht es Jesus mit dem Gleichnis von den 10 Jungfrauen ja auch gar nicht so sehr darum, dass einige hineinkommen und andere bleiben draußen. Am Schluss, da heißt es ja doch: Denn Ihr wisst weder Tag noch Stunde. Vielleicht steht vielmehr das im Mittelpunkt. Dass keiner von uns weiß, wann sein Tag, wann seine Stunde ist. Und dass wir daher viel bewusster leben sollen – und vielleicht die Tage, die wir haben, als ein Geschenk ansehen sollen, dass uns Gott gegeben hat. Und dass wir nicht so in den Tag hinein leben, als würde für uns selbst die Stunde niemals schlagen.“
Ja, dachte er sich, vielleicht hat dieser Pfarrer ja recht damit. Und vielleicht bedeutet das dann auch, mit den Menschen das zu bereden, was zu bereden ist. Bevor es zu spät ist, so wie mit seiner Frau. Er nahm all seinen Mut zusammen – und das, was er seiner Frau gerne noch gesagt hätte, das erzählte er jetzt dem Pfarrer. Wofür er Hannelore gerne um Verzeihung gebeten hätte.

Als er an diesem Abend die kleine rote Kerze vom Gottesdienst anzündete und sie neben den Adventskranz stellte, den seine Kinder ihm geschenkt hatten, da fühlte er sich besser. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass dieses Gleichnis Jesu von den Jungfrauen auf ihn doch nicht so ganz ohne Wirkung geblieben ist.

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