Erzählpredigt: Ihr seid das Salz der Erde!

Liebe Gemeinde:

Der Besuchsdienstkreis war in der Gemeinde gerade neu gegründet worden. Frau Schneider, die Pfarrerin hatte, eine Reihe von Menschen persönlich angesprochen. Außerdem hatte sie in einer Anzeige im örtlichen Blättchen zu einem ersten Treffen eingeladen. Immerhin, 13 Personen waren es, die dann am ersten Abend im Gemeindehaus zusammengekommen waren. Zuerst einmal stellten die Männer und Frauen sich vor. Die Pfarrerin hatte dann auch zwei Spiele vorbereitet, damit die Einzelnen sich besser kennen lernen sollten. Dann gab es einen kleinen Imbiss, etwas zu trinken und ein paar belegte Brötchen, die eine Mitarbeiterin vorbereitet hatte.

Im zweiten Teil des Abends ging es dann um die Besuche. Die Pfarrerin erklärte zunächst einmal, was von den Besuchsdienstmitarbeiterinnen und -mitarbeitern erwartet wurde. Sie sollten sich nicht mehr als zwei Personen aussuchen. Und sie sollten ihn oder sie dann etwa zweimal im Monat besuchen. Sie als Pfarrerin würde jeweils die Kontakte herstellen – beim ersten Besuch gehe sie mit, um die Mitarbeiter und die zu Besuchenden miteinander bekannt zu machen. – Der Besuchsdienstkreis soll sich etwa drei bis viermal im Jahr treffen, um miteinander über die Besuche zu reden und um Erfahrungen miteinander auszutauschen. – Die Pfarrerin hatte eine Liste vorbereitet, darauf waren die Namen der Menschen, die besucht werden sollten. Sie stellte sie einzelnen vor. Manche waren alleinstehend und hatten keine weiteren Angehörigen. Bei anderen war der Ehepartner verstorben, die Kinder wohnten weit weg. Und wieder andere waren krank, konnten das Haus nicht mehr verlassen und hatten kaum Möglichkeiten, um sich einmal zu unterhalten.

Nachdem sie die Einzelnen vorgestellt hatte, fragt sie, ob sich denn spontan schon jemand für die eine oder andere Person interessieren würde. Es ergab sich eine kleine Gesprächsrunde, einige stellten noch einmal Fragen – die Pfarrerin antwortete, so weit sie es konnte. Dabei betonte sie noch einmal, dass alles, was hier erzählt wurde, auch in diesem Raum bleiben musste!

Letztlich dauerte es gar nicht lang, dann hatten die meisten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich eine Person ausgesucht. Am Ende blieb eigentlich nur noch Frau Schmidt übrig, sie konnte sich für keine der Personen entscheiden, die noch auf der Liste standen. Schließlich machte die Pfarrerin ihr einen Vorschlag. „Frau Schmidt, ich glaube, die Frau Rosener würde ganz gut zu ihnen passen. Können Sie sich das vorstellen?“ – Frau Schmidt schluckte ein wenig. Frau Rosener, so hatte die Pfarrerin erzählt, war Anfang 80. Ihr Mann war schon lange krank – und mittlerweile gar nicht mehr ansprechbar. „Dement“, so hatte die Pfarrerin das genannt. Herr Rosener wurde von seiner Frau gepflegt, unterstützt durch die Gemeindeschwester, die morgens und abends vorbeikam. Frau Rosener wollte ihren Mann nicht in ein Pflegeheim geben, sondern ihn so lange wie möglich bei sich behalten. Doch das war gar nicht so leicht. Mit 76 Jahren war sie selbst nicht mehr die Jüngste. Die Arbeit machte ihr körperlich zu schaffen – und – so viel hatte Frau Schmidt immerhin herausgehört – auch seelisch ging es ihr nicht so gut. Die Kinder von Roseners wohnten weiter weg, der Sohn in Hamburg, die Tochter in Frankfurt. Frau Rosener brauchte einfach einmal einen Menschen, mit dem sie reden konnte. Bei dem sie loswerden konnte, was sie belastete. Der sie auf andere Gedanken brachte. – „Aber Frau Schneider“, so gab Frau Schmidt der Pfarrerin zur Antwort, „ich glaube, das kann ich nicht. Wissen Sie, wenn ich mir das so vorstelle, das Leid mit dem Herrn Rosener, wie soll ich mich da mit der Frau Rosener unterhalten, was soll ich ihr sagen? Ich glaube, das schaffe ich nicht.“ „Ach Frau Schmidt“, entgegnete die Pfarrerin, „versuchen Sie es doch einfach einmal. So wie ich Sie kennengelernt habe, glaube ich, dass sie das ganz gut können. Und ich glaube wirklich, die Frau Rosener, die wird gut zu ihnen passen.“ Frau Schmidt war noch sehr zurückhaltend, wenn sie sich das vorstellte mit Herrn Rosener …. Doch die Pfarrerin wiederholte noch einmal, dass sie glaube, dass das ganz gut gehen würde. Und so willigte sie dann schließlich ein.

Zwei Wochen später standen die Pfarrerin und Frau Schmidt vor dem Hochhaus, in dem die Roseners wohnten. Unter den vielen Namen am Klingelschild musste die Pfarrerin erst kurz suchen, doch dann drückte sie die Klingel. – Als die beiden dann im Fahrstuhl standen, merkte Frau Schmidt, wie aufgeregt sie war. Das Herz schlug ihr bis zum Halse. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. In ihrem Innern sprach sie lautlos ein Gebet: „Guter Gott, steh du mir jetzt bei und hilf du mir!“ – Schon hatte der Fahrstuhl den dritten Stock erreicht. Als Frau Schmidt und die Pfarrerin aus der Fahrstuhltür nach draußen traten, erwartete Frau Rosner sie bereits in der Tür ihrer Wohnung.

„Ach schön, dass Sie da sind. Kommen Sie doch herein.“
Die beiden traten ein und setzten sich in das Wohnzimmer. Frau Rosener hatte einen Kaffee gekocht und ein wenig Gebäck auf den Tisch gestellt. Die Pfarrerin machte Frau Rosener und Frau Schmidt miteinander bekannt. Sie trank dann noch eine Tasse Kaffee mit – und ließ die beiden schließlich allein, sie hatte noch andere Termine. – Frau Schmidt und Frau Rosener unterhielten sich ganz angenehm, im Gespräch stellten sie sogar fest, dass beide einmal in Wolfsburg gewohnt hatten. Nachher gingen die beiden auch zu Herrn Rosener. Er lag in einem besonderen Pflegebett und nahm die beiden scheinbar gar nicht wahr. Zu zweit setzten sie sich dann an sein Bett und Frau Rosener begann zu erzählen. Von früher, und was für ein hübscher Mann ihr Walter gewesen sei. Und so arbeitsam, er habe immer für sie und die Kinder gesorgt. Und nun diese Krankheit. Bei diesen Worten begann sie leise zu weinen. Frau Schmidt spürte den Kloß in ihrem Hals. Sie wusste gar nicht, was sie nun sagen sollte. Konnte man da überhaupt etwas sagen? Sie zögerte ein wenig, dann legte sie einfach die Hand von Frau Rosener in ihre Hände. So saßen sie dann eine Weile schweigend da. Frau Rosener ergriff dann wieder das Wort. „Es tut mir leid“, sagte sie, „aber manchmal überkommt es mich einfach so. Und da muss ich dann weinen.“ Es schien ihr unangenehm. „Aber jetzt sind wie so lange hier gewesen, unser Kaffee drüben ist bestimmt schon kalt geworden.“ So forderte sie Frau Schmidt auf, wieder ins Wohnzimmer zu gehen.

Die beiden unterhielten sich noch eine gute halbe Stunde, dann brach Frau Schmidt auf. „Es hat mir gut getan, dass Sie da gewesen sind“, sagte Frau Rosener zum Abschied. „Kommen Sie mal wieder bei uns vorbei?“ „Ja“, sagte Frau Schmidt, „ich rufe Sie an, dann machen wir etwas aus, ja?“ – So gingen sie dann auseinander.

Dieser Besuch hat Frau Schmidt noch lange beschäftigt. Und sie freute sich, dass schon eine Woche später das nächste Treffen des Besuchsdienstkreises statt fand. Die Pfarrerin hatte eine kleine Andacht für den Anfang vorbereitet. Sie las einen Abschnitt aus der Bibel, aus der Bergpredigt bei Matthäus.

[TEXT]

Als die Pfarrerin geendet hatte, machte sie eine kurze Murmelphase. So nannte sie das, wenn man einfach mit dem Nachbarn über den Bibeltext sprechen sollte. Dann fragte sie, welche Einfälle und Ideen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu diesen Worten Jesu gehabt hätten.

Eine Mitarbeiterin, die in der Gemeinde sehr engagiert war, sagte: „Wir haben uns überlegt, dass in diesen Worten gesagt wird, was wir machen sollen: wir sollen Salz sein und Licht, das ist unser Auftrag.“ – Ein Mitarbeiter meldete sich zu Wort: „Wir haben auch darüber gesprochen, aber uns ist aufgefallen, dass es heißt: Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt – und nicht ‚ihr sollt sein’. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Unterschied.“ „Ja“, so setzte eine andere Mitarbeiterin an, „das ist eigentlich keine Auftrag, sonder mehr eine Beschreibung.“ – „Uns“, so steuerte nun auch Frau Schmidt bei, „uns ist aufgefallen, dass da gar keine Bedingungen gestellt werden.“ „Stimmt“, fuhr ein anderer fort, „da steht nicht: ihr seid das Salz der Erde, wenn ihr dieses oder jenes tut – sondern ganz einfach und ohne Vorbedingungen: Ihr seid das Salz der Erde, seid das Licht der Welt. Mensch, da wird uns richtig etwas zugetraut!“ – „Wenn man das so richtig liest, dann hängt das Zutrauen und das Tun ganz eng zusammen“, fuhr ein Mitarbeiter fort. – „Wie meinen Sie das jetzt?“ – „Na ja“, führte er aus, „das ist eben wie beim Salz und beim Licht. Das Salz salzt einfach – und das Licht leuchtet, das gehört einfach zum Salz und zum Licht mit dazu. Und ich glaube, das Jesus das auch so für die Menschen sagen will, die nach seinem Willen leben. Er traut ihnen etwas wichtiges zu, sie sind so wichtig wie das Salz in der Suppe und wie das Licht in der Finsternis. Und dass sie dann die Suppe salzen – und in der Finsternis leuchten, das ergibt sich fast wie von selbst.“

Frau Schmidt hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr richtig gehört. Sie musste an ihren Besuch bei Frau Rosener denken. An die Gefühle, die sie an der Tür gehabt hatte – und wie sie sich anfangs gar nicht so recht getraut hatte, wegen dem, was sie dort bei Frau Rosener und ihrem Mann erwartete. Und das sie dann doch gegangen war, weil die Pfarrerin ihr Mut gemacht hatte – und gemeint hatte, dass sie bestimmt gut zu Frau Rosener passen würde. Und sie dachte an ihr Stossgebet im Fahrstuhl. Und an das schöne Gespräch mit Frau Rosener – und an ihre Hand, als sie geweint hatte – und an den Abschied. Und Frau Schmidt wurde ganz wohl um’s Herz: sie hatte das Gefühl, dass ihr diese Worte Jesu ganz nah gingen. Und das sie das dort erlebt hatte, Salz zu sein – und Licht.

drucken