Erwachsene Gemeinde

Himmelfahrt ist ein Fest, mit dem die Kirche eigentlich schon immer Schwierigkeiten hatte. Am Anfang wurde es überhaupt nicht gefeiert. Erst spät (im 4. Jahrhundert) kam es in Mode. Die Erfahrung, dass Jesus der Auferstandene nicht lange bei den Seinen blieb, mündete nicht automatisch in einem Fest. Und auch heute verdankt dieser Feiertag seine Beliebtheit nicht seinem christlichen Anlass, sondern seiner schönen Lage im Mai mit den schönen Möglichkeiten zu einem Ausflug ins Grüne. Das ist sicher auch nichts Falsches, Gottes schön Natur zu genießen. Aber was hindert so viele Menschen heute daran, das Eine mit dem Anderen zu verbinden? Ist die Bedeutung dieses Festes vielleicht heute noch genauso weit weg wie zu Beginn der Christenheit? Es wird gut sein auf die biblische Grundlage zu schauen, ohne zu übersehen, dass es sich hierbei nicht um eine historische Erzählung handelt, sondern um deutend erzählte Geschichte, also Interpretation:

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Gestern Abend begann der 1. ökumenische Kirchentag in Berlin ‚Ihr sollt ein Segen sein’. In unserer Geschichte liegt eine Keimzelle dessen, was da gemeint ist. Jesus segnet seine Jünger und schickt sie nach Jerusalem, nicht, dass sie ihren Segen für sich behalten, sondern dass sie ein Segen für die Menschen sind.

Das entscheidende Ereignis unserer Geschichte ist nicht die Tatsache, dass Jesus in den Himmel gefahren ist, ist sondern dass die Jünger in den Tempel gegangen sind – als Gesegnete des Herrn. Dieser Schlussvers hat etwas Entscheidendes und Eigenartiges: Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Plötzlich ist Jerusalem nicht mehr der Ort des Schreckens und des Todes, von dem man eigentlich nur fortlaufen kann, sondern der Ort des Lebens, des Glaubens und der Verkündigung. Alles hat sich geändert durch die Aufehrstehung Jesu und den Segen, den er den Seinen gibt und den sie sich seitdem weitergeben. Es ist nicht mehr wie noch am Ostermorgen, dass die Jünger entweder fort wollen aus Jerusalem (nach Emmaus) oder sich angstvoll einschließen. Voller Freude leben sie nun in Jerusalem mitten unter den Menschen, gehen mit ihnen in den Tempel und feiern ihre Gottesdienste.
Für viele Menschen heute ist der Name Himmelfahrt verdächtig: Das klingt nach Raumfahrt, nach einer Rakete, die im Himmel verschwindet. Aber ich glaube, dieses Wort Himmelfahrt ist eher ein Bild dafür, dass Jesus bald nach seiner Auferstehung nicht mehr da war, verschwunden war, sitzend zur Rechten Gottes, wie wir in einem Bild des Glaubensbekenntnisses bekennen. Das, was sie nicht verstanden haben, haben Menschen versucht in einem Bild zu beschreiben, Himmelfahrt eben. Dieses Bild half ihnen zu verstehen, was geschehen ist, warum die Jünger aus ihrer Depression wieder aufgewacht sind und neuen Mut gefasst haben. Warum sie auch nicht zurückgekehrt sind in die Provinz Galiläa, sondern in Jerusalem geblieben sind, wo sie so schreckliche Erfahrungen gemacht haben.

Für mich ist die Geschichte von Himmelfahrt eine Geschichte von Menschen, die erwachsen werden. Erwachsen sein, heißt selbständig sein, unabhängig. Jesus Christus nimmt Abschied von den Seinen, weil er Zutrauen zu ihnen hat, weil er ihnen vertraut, dass sie sein Wort und seinen Segen zu den Menschen tragen können. Wir sind heute die Vertrauenspersonen Christi, denen er zutraut seine Botschaft und sein Liebe zu den Menschen zu tragen.

Ich kenn das von meinen eigenen Kindheitserinnerungen und erlebe das heute immer wieder: Erwachsen werden, heißt auch allein zuhause bleiben zu dürfen – tagelang – und wer das nicht nur darf, sondern auch verantwortungsvoll tut, der ist erwachsen. So wird die Gemeinde erwachsen. Sie kann das, was Jesu ihnen anvertraut hat neue in ihre Leben mit ihren Worten hinein sagen – und tun. Nichts anderes feiern wir heute.

‚Wenn die Katze aus dem Hause ist, tanzen die Mäuse.’, das ist nicht erwachsen, aber im Vertrauen darauf, dass Jesus es ist, der uns beauftragt und nicht allein lässt, Leben zu gestalten und Gemeinde zu bauen, das ist erwachsene Gemeinde.

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