Erster sein

Liebe Gemeinde.

Ich denke, wir können die 10 übrigen Jünger ganz gut verstehen, wenn sie sich über Jakobus und Johannes aufregen. Das ist schon ärgerlich, was die zwei sich herausnehmen; so richtig unverschämt gebrauchen sie ihre Ellenbogen. Wollen sie den anderen zuvorkommen – nach dem Motto: Wer zuerst kommt, malt zuerst? Oder wollen sie gar etwas besseres sein als die anderen?

Aber können wir nicht auch Jakobus und Johannes ganz gut verstehen? Ihr Wunsch, die Ersten zu sein, ist uns doch gar nicht so fremd. Wer von uns will denn das nicht: der Erste sein, wenn es ein günstiges Angebot gibt; oder der Erste sein, wenn es um Ehre und Ansehen, Macht oder Reichtum geht? Und irgendwann pochen auch wir auf unsere Vorrechte und Verdienste.

Schließlich waren auch Jakobus und Johannes von Anfang an mit Jesus unterwegs. Sie sind Jesus nachgefolgt, als er sie von ihren Fischerbooten weggerufen hat. Und seit einiger Zeit war ihnen völlig klar, wer Jesus ist: der Messias/Christus, der Gesalbte Gottes, der König des nahen Friedensreiches (Mk 8,29). Und hatte nicht Jesus selbst gesagt: „Jeder, der um meinetwillen Haus und Familie verlässt, der wird hundertfach dafür belohnt werden!“ (Mk. 10,29)?
Das hatten sie mit eigenen Ohren gehört. Das andere aber, was Jesus ihnen auch gesagt hatte, das von Verurteilung, Tod und Auferstehung, das hatte eh keiner von ihnen verstanden. Sie waren ganz erfüllt von der Erkenntnis: „Unser Meister ist der Messias! Er wird das ewige Friedensreich aufrichten – und wir sind von Anfang an dabei!“ Ist es da nicht ganz natürlich, wenn sie sich ausmalen, wie das sein wird, wenn Jesus über allen thronen und herrschen wird? An seiner Macht und Herrlichkeit wollen sie teilhaben – rechts und linlinks neben ihm. Wer könnte ihnen da die Plätze streitig machen? Die zwei Brüder Petrus und Andreas vielleicht! Sollten wir nicht genauso geeignet sein wie sie? Warum also nicht sich die Plätze rechts und links neben dem Thron des Weltherrschers reservieren lassen?

Sicher, umsonst wird die Auszeichnung nicht sein; aber lohnt es sich nicht, den Preis zu zahlen? Sie waren dazu bereit. Sie hatten ja auch schon bisher bewiesen, dass sie zu Opfern für Jesus bereit waren. Sie waren ihm nachgefolgt und hatten dafür alles aufgegeben und Entbehrungen, ja sogar Anfeindungen auf sich genommen.

Wir haben kein Recht, uns über die beiden zu empören. Denn wer von uns hat denn um Jesu willen alles liegen und stehen gelassen? Wer von uns ist bereit, sich den Glauben an Jesus Christus so viel kosten zu lassen?
Auch Jesus verurteilt sie nicht, sondern fragt sie, ob sie dafür auch den Preis zahlen wollen: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“

Kelch und Taufe erinnern uns an die beiden Sakramente in unserer Kirche: Abendmahl und Taufe. Wir glauben, dass sich uns Gott in Taufe und Abendmahl gnädig zuwendet und uns dadurch den Zugang zu sich selbst und damit zu einem guten, sinnvollen Leben eröffnet. Taufe und Abendmahl stehen für uns an der Schwelle zum Reich Gottes und seiner Herrlichkeit.

Vielleicht hätten wir darum mit Jakobus und Johannes auch leichten Herzens geantwortet: „Ja, das können wir!“ Wir bringen schon unsere kleinen Kinder zur Taufe, weil wir glauben, dass Gott uns voraussetzungslos annimmt. Und das hl. Abendmahl feiern wir auch und teilen das Brot des Lebens und trinken aus dem Kelch des Heils, der uns Anteil gibt am Leben des Auferstandenen.
Erfüllen wir damit nicht alle Voraussetzungen für den Eintritt in das Reich Gottes?"

Was würde wohl Jesus darauf antworten? Vielleicht so: „Das ist gut und richtig; aber wisst ihr auch, was die Taufe bedeutet, und worum es beim Abendmahl geht?“
Paulus klärt uns über den Sinn der Taufe auf: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Rm 6,4)

Auch das Hl. Abendmahl vergegenwärtigt uns den Tod Jesu: „Das ist mein Leib; das ist mein Blut – für euch.“ Durch seinen Opfertod empfangen wir Vergebung der Sünden und damit Zugang zu Gott.

Jakobus und Johannes wussten damals (noch) nicht, wozu sie Ja sagten. Erst später haben sie’s begriffen. Jakobus starb unter dem König Herodes Agrippa den Märtyrertod (44 nach Christus). Johannes soll alle seine Apostelbrüder überlebt haben; aber auch er hat den bitteren Kelch des Leidens gekostet: Verfolgung und Verbannung.

Die Plätze rechts und links neben Jesus bei seiner Erhöhung am Kreuz aber nahmen zwei Räuber ein. So hat Jesus, der König der Juden, seine Herrschaft angetreten, indem er sein Leben hingegeben hat zum Lösegeld für die Vielen – also auch für uns.

Jesus setzt seine Herrschaft ganz anders durch als die Mächtigen und Herrscher dieser Welt. Er hält es übrigens für ganz normal, dass es in der Welt oben und unten gibt, ja sogar, dass die Oberen ihre Herrschaft mit Gewalt aufrichten und mit Gewalt sichern.
„Aber bei euch Jüngern soll es nicht so sein, sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.“
Nicht Macht und Einfluss entscheiden über die Plätze im Reich Gottes. Da gilt eine andere Rangordnung – nicht die Macht des Geldes, sondern die Macht der Liebe.

Aber die dienende Liebe kann auch pervertiert werden als Mittel zum Zweck. Der Dienst der Liebe ist nicht die raffinierte Methode, auf Umwegen nun doch das zu erreichen, was eben billiger nicht zu haben ist; nämlich der Erste zu sein und groß herauszukommen.

Jesus selbst aber ist das Beispiel der Liebe, die ohne Vorbehalt und ohne Berechnung den Menschen dient. Und er bittet seine Jünger und uns alle, die wir uns zu ihm bekennen: Folgt meinem Beispiel nach, damit das Leben der einzelnen, das Leben der Gemeinde nicht auf Kosten der anderen, sondern zugunsten der anderen geschieht. Jesus hat uns das vorgemacht: Er hat beim letzten Mal die Schürze umgebunden und den niedersten Sklavendienst übernommen: Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Die Jünger waren zunächst entrüstet, dass sich ihr Herr und Meister so vor ihnen demütigt. Doch ließen sie es geschehen, als Jesus ihnen erklärte, was er tat: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr einander tut, wie ich euch getan habe.“

Er hat es vorgelebt: Seine Größe, sein Herr Sein besteht darin, dass er der einzige ist, der nichts für sich selbst will; der einzige, der nicht auf Kosten anderer lebt; der einzige, auf dessen Kosten wir leben dürfen. Das ist ja der Sinn des Abendmahls: Wir sind eingeladen, seine Tischgenossen zu sein. Da bietet er uns an, auf seine Kosten zu leben. Er hat unsere Lebensrechnung bezahlt, unsere Sündenschuld auf sich genommen, damit wir Frieden mit Gott und Frieden untereinander, ja sogar Frieden mit uns selbst haben.

Als Tischgenossen Jesu sind wir zugleich Tischgenossen mit unseren Brüdern und Schwestern, all der Menschen, mit denen wir zusammenleben und die auf uns angewiesen sind, und wir auf sie.
Wir sollen nicht über ihnen, sondern zu ihnen stehen. Dann wird auch bei uns spürbar und wirksam, warum Jesus Leiden und Tod auf sich genommen hat.
Dann geht es auch bei uns nicht mehr um die Frage: „Wie komme ich auf meine Kosten?“, nicht einmal um die Frage: „Was kann ich für mein Seelenheil tun?“, sondern: „Wie kann ich den anderen zu eignem erfüllten Leben im Glauben an Jesus Christus helfen? Was muss ich tun, dass sie nicht verloren gehen?“

Der Apostel Paulus hat uns dafür ein Beispiel gegeben. Er litt sehr darunter, dass gerade seine Brüder, die Juden, Jesus als Messias ablehnten und dass er mit seiner Verkündigung bei ihnen auf Ablehnung stieß. Er schreibt (Rm 9,3ff.): „Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder…“, wenn er sie dadurch retten und für Christus gewinnen könnte. Keiner rettet sich allein, sondern die Menschen werden gerettet und sind Gott recht, die sich von Jesus dienen lassen, sein Geschenk der Vergebung und Erneuerung annehmen und dieses Geschenk mit anderen teilen, indem sie ihre Glaubenserfahrungen bezeugen. Die Liebe, die wir weitergeben, bleibt.

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