Erneuerung, Umkehr, Vergebung

Liebe Schwestern und Brüder!

"Das war ich doch nicht, das habe ich nicht gemacht. Ich bin nicht zu schnell gefahren. Und wieso soll ich jetzt ein Verwarnungs- oder Bußgeld bezahlen. Das ist doch nur reine Abkassiererei der Polizei oder Schikane. Und außerdem sollten die lieber die richtigen Ganoven schnappen statt sich an mir kleinen unbescholtenen Bürger gütlich zu tun. Ich bin doch im Prinzip unschuldig."
Solche oder ähnliche Gespräche haben Sie vielleicht auch schon gehört oder sogar mit sich selbst geführt, als jemand aus ihrem Bekanntenkreis oder Sie selbst den Bußgeldbescheid wg. "Zuschnellfahrens" ins Haus bekommen haben.

Ich, ich habe nichts gemacht, ich bin unschuldig und für nichts verantwortlich, log mir ein Schüler direkt und unverblümt ins Gesicht, nachdem er einem anderen kurz vorher in meinem Beisein ins Gesicht geschlagen hatte. "Ich bin unschuldig, ich habe nichts gemacht," sagte er mir locker lächelnd.
Selten sind bei uns Menschen heutzutage noch ein Gefühl von Reue, Schuldeingeständnis, Umkehr oder gar für Buße vorhanden. Buße scheint "out" zu sein, wenn ich mich selbst verwirklichen will. Buße, Reue oder Umkehr klingen altmodisch, wo doch jeder weiß, dass Fun und Spaß wichtig sind, auch wenn andere dabei unter die Räder geraten. Schnell fahren und rasen macht eben Spaß. Buße ist "out", ist einfach nicht mehr modern, wo jedes Kleinkind doch schon tagtäglich im Fernsehen oder auch durch auf Selbstverwirklichung pochenden Eltern suggeriert bekommt, dass jeder ein kleiner Prinz oder eine kleine Prinzessin oder ein kleiner Held ist. Helden und Prinzen machen keine Fehler!
Helden sind bekanntlich cool, lässig, stark und ohne Fehler.

Buße scheint "out" zu sein, in einem Land, in dem sich Regierung und Opposition in gegenseitigen Schuldzuweisungen an der wirtschaftlichen Lage überbieten. Und selten bis nie jemand die eigenen politischen oder wirtschaftlichen Versäumnisse zugibt.

Ist Buße "out", sind Buße, Reue, Umkehr und Erneuerung nicht notwendig für das tägliche Miteinander von Menschen oder im Verhältnis von uns Menschen zu Gott? Ist das "Schuld-abladen-verboten" in einer Gesellschaft, die nur noch die Starken und Rücksichtslosen zu unterstützen scheint? Ist um Vergebung und Verzeihung bitten einfach "out" bzw. nicht mehr modern genug?

Liebe Schwestern und Brüder, es ist eben nicht "out" und auch nicht unmodern. Es wird niemals außer Mode sein als Christ und Christin Gott und seinen Nächsten um Verzeihung zu bitten für begangene Sünde, für begangene Fehler. Und sich durch Gebet und Buße -und Buße meint hier nicht tagtäglich begangene Selbstgeißelung oder ein demütiges in den Dreck werfen. Es ist nie zu spät jemand, um Verzeihung und Vergebung um begangene Schuld zu bitten. Und wie das Gefühl ist, wenn ich meine Schuld vor Gott und meinem Nächsten bekannt habe. Das kann jede und jeder von uns nachvollziehen. Nach einem eingesehenen Fehler, nach innerlicher Reue, nach selbstauferlegter Buße, fallen einem Zenterlasten von der Seele. Darum geht es bei der Erinnerung, dass wir alle Umkehr und Erneuerung brauchen. Darum geht es, wenn sich das Gewissen meldet. Gott schenkt uns im Glauben die Fähigkeit zur Buße. Gott schenkt uns damit die Möglichkeit zu Umkehr und Erneuerung. Im Gebet kann ich Gott meine Unzulänglichkeiten, Probleme, Schuld und innerer Zerrissenheit mitteilen. Ich kann ihn um Gnade und Vergebung bitten. "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsere Schuldigen", beten wir im Vaterunser.

Liebe Schwestern und Brüder, Buße im religiösen Sinn meint, dass ich über begangenes Unrecht Leid empfinde und das griechische Wort "metanoia" meint sogar, dass ich das, was ich falsch gemacht habe "zutiefst bereue" und den eingeschlagenen Weg korrigiere, dass ich umkehre. Somit bedeutet Buße bzw. büßen im religiösen Sinn von einem Irrweg abzukommen und umzukehren.
Gott will uns in seiner Einladung zur Buße von den ausgetretenen Pfaden der eignen Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit abbringen. Deswegen antwortet Jesus auch den Fragenden ziemlich eindeutig und unmissverständlich in dem Lehrgespräch:
"Nein, wenn ihr nicht Buße tut, dann werdet ihr alle so umkommen." Irgendwie macht einem diese Antwort Jesu etwas Angst. Aber hinter dieser Antwort steht nicht die Drohung Gottes, Leben auszulöschen oder Leben zu verwirken. Hinter diesem Satz Jesu und der anschließenden Gleichniserzählung stehen der Wunsch und das Angebot Gottes durch Buße, Reue, Eingeständnis von eigener Schuld einen neuen Weg ins Leben gehen zu können. Und nicht von ohne antworten manche Menschen, dass sie durch die Einsicht in die eigene Schuld und Unzulänglichkeit, die sie wiederum zu Gott gebracht hätten, das Gefühl einer Erneuerung, ein Gefühl der religiösen Neugeburt erleben.

Der Feigenbaum, von dem Jesus hier erzählt, dieser Feigenbaum scheint unnütz, weil er keine Früchte bringt. Drei Jahre hat er schon keine Früchte gebracht. Ein alter, vertrockneter Feigenbaum. Außerdem steht er noch in einem Weinberg und entzieht den Weinstöcken samt ihren Reben die wichtigen Nahrungsstoffe, um gut zu wachsen und zu gedeihen. Jeder versteht, dass dieser Feigenbaum umgehauen werden soll. Aber, was macht der Knecht des Weingärtners? Er bittet den Besitzer, den unfruchtbaren und scheinbar unnützen Baum noch ein weiteres Jahr wachsen zu lassen. Und der Knecht verspricht sogar, dass er den Feigenbaum düngen wolle, damit er endlich Früchte hervorbringe.
Jeder von Jesu damaligen Zuhörern verstand diese Parabel. Bei Gott wird das scheinbar Unfruchtbare, das Unnütze, das ökonomisch nicht Verwertbare, das Träge, das Unbußfertige, das noch nicht zur Reue fähige nicht sofort aufgegeben. Jesus bittet Gott um eine Frist, um die Gnadenfrist. Ja, man könnte das Gleichnis so deuten, dass sich Jesus in dem Weingärtner offenbart. Dann wird sein Verhältnis zu den Menschen und auch zu Gott deutlich. In seiner Zuwendung zum Menschen, durch seine Gnade und Barmherzigkeit wird die überfließende Liebe deutlich, die noch über die Grenzen der göttlichen Geduld hinausströmt. Ja Gott hat Geduld mit uns Menschen, nicht endlos, aber er hat Geduld mit unserer Trägheit und Unbußfertigkeit. Gott düngt unsere Sünde und Schuldhaftigkeit mit seiner Gnade und Liebe. Gott vergibt uns unsere Schuld. Gott schenkt uns seine Zeit der Gnade und nicht eine Galgenfrist.
Die Voraussetzung dafür ist, dass ich in mich gehe, dass ich den schmerzlichen Prozess des eigenen Schuldeingeständnisses und der Demut gegenüber dem eignen geschenkten Leben immer wieder neu erkenne und durch geschenkte Gnade im Gebet und in der Buße zu einer Erneuerung in meinem Verhältnis zu Gott und zu meinen Mitmenschen komme.
Selbsterkenntnis, und zwar radikale Selbsterkenntnis, ist der Weg zur Besserung. Als Geschenk bekomme ich die Vergebung dessen, der selbst unfruchtbaren Bäumen noch eine Chance gibt. Und letztlich geht es im Leben immer wieder darum, dass ich eine neue Chance bekomme, aber nicht auf die billige Art, dass ich keine, manchmal sehr schmerzliche Einsicht in Erneuerung bräuchte, sondern dass ich durch die Einsicht in die eigene Schuld wieder neue Lebensfrüchte für meine Mitmenschen hervorbringen kann. Diese Früchte sind der Segen und die Gnade Gottes, die tagtäglich in guten und schlechten Zeiten für mich da sind. Und wenn ich mir dessen bewusst bin, wenn ich mir bewusst bin, dass das Leben ein immer wieder neues wunderbares Geschenk Gottes an uns Menschen ist, dann bekomme ich auch so viel Demut und Selbsterkenntnis, die Vorstufen zur Buße, die zur Erneuerung des eigenen Lebens führen. Gott schenkt diese Gnade und Güte jeden Tag neu. Und seine Glaubensfrüchte zeigen sich auch durch Buße und Umkehr, die wir alle nötig haben. Buße und Umkehr sind nämlich die Dusche für die Seele und das eigene Gewissen.

Darüber lassen Sie uns einmal nachdenken!

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