Erinnerungen

Liebe Gemeinde!

I.a) Wir sind heute Morgen Zeugen eines öffentlichen Streitverfahrens. Die klagende Partei hat das Wort: "Wir haben dem Angeklagten immer vertraut. Aber jetzt … ihm scheint alles gleichgültig zu sein. Er kümmert sich nicht mehr um uns. Er lässt zu, dass es uns schlecht geht. So vieles haben wir schon mitgemacht: unsere Stadt wurde zerstört, unser Heiligtum dem Erdboden gleichgemacht. Wir sind vertrieben worden und müssen in einem fremden Land leben. Für uns ist alles so sinnlos geworden. Anfangs haben wir ja noch seine Nähe gespürt. Doch die fühlen wir schon lange nicht mehr. Wir haben so gehofft, zurück in unsere Heimat zu können. Aber er hat uns im Stich gelassen. Nichts wird sich hier ändern. Wir sind wie tot. Und ihn scheint das alles nicht zu kümmern. Er hat uns enttäuscht, jegliche Hoffnung genommen."

Der Verteidiger ist der Rede des Anklägers aufmerksam gefolgt. Schließlich beginnt er mit seinem Plädoyer: "Mein Mandant", sagt er, "hat Euch noch nie im Stich gelassen. Ihr müsst nur einmal die Augen aufmachen und Euren Blick auf den nächtlichen Himmel richten! Millionen von Sternen seht ihr da. Mein Mandant kennt sie alle mit Namen, die ganz hellen und auch diejenigen, die man kaum erkennt. So unzählig sie uns scheinen, keinen von ihnen vergisst er. Und mit Euch ist das genauso. Ihr wisst das sehr gut, ihr müsst Euch nur wieder erinnern. Schon damals hat er Euch beigestanden in der Zeit der Väter. In die Freiheit hat er Euch geführt und Euch eine Heimat gegeben. Und ihr glaubt, solches wolle er nun nicht mehr, könne es vielleicht nicht mehr? Wer die ganze Welt in seinen Händen hält, der ist, wo wir an unsere Grenzen stoßen, noch lange nicht mit seinen Möglichkeiten am Ende. Nur weil Ihr müde seid und Eure Kräfte nachlassen, dürft Ihr nicht die Hoffnung aufgeben! Ihr scheint vergessen zu haben, was mein Mandant für Euch getan hat! Deshalb rate ich: erinnert Euch! Dann werdet Ihr spüren, wie Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit schwinden und Ihr wieder Kraft findet."

I.b) So oder ähnlich können wir uns die Szenerie wohl vorstellen, wie sie uns der Predigttext nahe legt. Das Volk Israel hat geklagt und findet sich damit zugleich in der Rolle des Staatsanwalts wieder, der Prophet Jesaja übernimmt die des Verteidigers. Und auf der Anklagebank sitzt … Gott. So ungewöhnlich ist das im Grunde nicht, ihn da sitzen zu sehen; denn Israel kennt ja die Tradition der Klage, wie sie zum Beispiel in den Psalmen vorkommt, die sich an und nicht selten sogar gegen Gott richten. Und Gott weicht dem nicht aus, sondern er stellt sich dieser Anklage! In dem uns heute vorliegenden Fall beruft er den Propheten Jesaja als seinen Verteidiger. Hören wir Jesajas Plädoyer noch einmal im Originalton. Ich lese Jesaja 40, 26-31:

[TEXT]

II.a) Israel fühlt sich verlassen und mit Gleichgültigkeit bestraft und das ausgerechnet von dem, dem sie sich anvertraut haben. Das tut weh, auch, weil eine Perspektive fehlt und alles so festgefahren erscheint. Das Schlimme an der Enttäuschung ist aber, dass sie mit Hoffnungslosigkeit gepaart ist. Wo die Hoffnung fehlt, gibt es kein Ziel mehr. Aus Zweifel wird schließlich Verzweiflung. Es ist schwer an etwas zu glauben, das man nicht fassen kann, nicht irgendwie vor Augen hat. Davon erzählt ja schon die Geschichte des Thomas, die wir aus dem Osterevangelium gehört haben. Manch einer unter uns mag schon ähnliches erlebt haben.

II.b) Ich selbst habe das oft bei Gemeindegliedern erfahren, die einen Menschen, den sie lieben, zu Hause pflegen. Das geht oft über ihre Kräfte, sie fühlen sich ausgelaugt, können oder wollen das aber nicht zeigen; sie sind erschöpft und resignieren; denn in den meisten Fällen gibt es keine Aussicht auf Besserung. Schon beim Aufwachen sind sie müde. Wo Hoffnung fehlt, geht Lebenskraft verloren.

Ein anderes Beispiel ist für mich die aktuelle Situation in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Wie viele Friedensbemühungen hat es geben, um der Gewalt endlich ein Ende zu bereiten. Sie alle scheinen vergeblich gewesen zu sein. Täglich sterben auf beiden Seiten Menschen, das öffentliche Leben ist in großen Teilen zum Erliegen gekommen, Diplomaten werden zurückbeordert, die Tourismusbranche storniert ihre Buchungen. Die Realität der Waffen straft Friedensinitiativen mit Gleichgültigkeit und Nichtbeachtung und scheint auch die letzte Chance auf Frieden zu zerstören.

III. Wir Menschen, ganz gleich ob jung oder alt, stoßen in unserem Leben immer wieder an Grenzen, kommen in Situationen, in denen unsere Kräfte nicht ausreichen. Auch wenn das unsere Gesellschaft, in der das Image von ewiger Jugend, Power und Fitness zu jeder Zeit gepflegt wird, nicht wahr haben will. Irgendwann wird jeder einmal "müde und matt" oder "strauchelt und fällt" – wie es im Predigttext heißt. Wichtig aber ist, dann auf jemanden bauen zu können, der einem da raus helfen kann.

Jesaja baut auf Gott. Er kennt die Situation, in der Israel sich befindet, er leidet mit ihnen an Vertreibung und Heimatlosigkeit. Aber er kennt auch die Geschichte seines Volkes und erinnert sich, dass es schon oft kraftlos und müde war und sich in scheinbar ausweglosen Situationen dennoch auf seinen Gott verlassen konnte. Er fordert sie zu einem Perspektivwechsel auf: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Der Blick, bisher am Boden gefangen, findet im Himmel wieder weiten Raum. Aus der Regungslosigkeit entsteht eine neue Bewegung, aus Passivität wird Aktivität. Vorsichtig und allmählich und doch spürbar vollzieht sich diese Wende. Oft braucht es dazu einen anderen, jemand, der wie Jesaja an die guten Tage erinnert.

Mir fällt dabei ein Ehepaar aus meiner Gemeinde ein. Sie ist an Alzheimer erkrankt, findet sich allein nicht mehr zurecht, braucht Tag und Nacht Hilfe. Ihr Mann tut alles für sie. Er liest die zahlreichen Fachartikel darüber, wie es möglich ist, auf die Bedürfnisse seiner kranken Frau einzugehen. Und er setzt vieles davon um. Schreiend bunte Teppichstücke hat er für die verschiedenen Stufen im Haus besorgt, damit seine Frau sie erkennen und unterscheiden kann. Ihre Lieblingsfotos hat er vergrößert und sie mit Folien überzogen, damit sie seine Frau in die Hand neh-men und sich anschauen kann. Überall im Haus sind Bewegungsmelder, wenn sie nachts aufsteht, geht automatisch das Licht an, damit sie im Dunkeln nicht fällt. Ich habe ihn gefragt, woher er die Kraft nimmt, all das zu tun. Er sagte mir: Die bekomme ich aus der Liebe und Dankbarkeit für 50 Jahre gemeinsamer Ehe, die Gott uns geschenkt hat. Sich an die guten Tage zu erinnern, kann Lebenskraft schenken!

Und auch die Lage in Israel, so festgefahren sie sein mag, ist nicht hoffnungslos. Immer wieder gibt es dort Menschen, die Kraft finden, sich dem Gesetz von Gewalt und Gegengewalt zu widersetzen. Wie die israelischen Soldaten, von denen ich am Donnerstag Abend in einem Fernsehbericht erfahren habe, die den Befehlsgehorsam verweigern und es vorziehen, ins Gefängnis zu gehen statt auf unschuldige Menschen zu schießen und Häuser mit Panzern platt zu walzen. Sie werden von Israelis wie von Palästinensern durch Demonstrationen unterstützt. Vielleicht erinnern auch sie sich daran, dass beide Seiten in Abraham eine gemeinsame Glaubens wurzel haben und ihr Auftrag also Frieden heißen muss, und nicht Krieg.

Die Rede des Jesaja ist im Grunde mehr als eine Verteidigungsrede. Sie ist ein Plädoyer dafür, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sich im Leben etwas ändern kann. Ich bin davon überzeugt, dass in jedem und in jeder von uns solche hoffnungsvollen Erinnerungen stecken, die neuen Mut und unserem Leben eine Wende geben können.

Eine davon, wohl die wichtigste, ist uns durch das Osterfest geschenkt: die Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi. Bei Gott ist selbst der Tod kein unabänderliches Schicksal mehr. Was der Prophet Jesaja mit dem Bild des Adlers, -dem die Legende des Phönix zugrunde liegt, der aus der verbrannten Asche in den Himmel emporstieg,- nur andeuten kann, ist uns durch das leere Grab konkret geworden. Gott gibt dem Leben Raum, selbst da, wo es an sein Ende gekommen scheint. Es gibt Leid und Tod in dieser Welt, aber auch Hoffnung und Zukunft. Quasimodogeniti, der Name dieses Sonntages dürfte als Programmtitel über unserem Leben stehen: wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Was wir vorhin in der ersten Lesung gehört haben, ist uns für unser Leben versprochen und seit Ostern zu einer Gewissheit geworden. Denn "die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden."

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