Erhobene Zeigefinger

Sehr verehrte Damen und Herren –

herzlich willkommen zum ersten Teil unseres kleinen Seminars „Glauben mit Paulus“ heute und am nächsten Sonntag! Noch vor vierzig, fünfzig Jahren, da hätten wir Ihnen einen etwas ausführlicheren Kurs bieten können, hätten vom 1. bis 4. Sonntag nach Epiphanias das ganze 12.Kapitel des Römerbriefes durchzupredigen gehabt und den berühmt-berüchtigten Anfang des 13. Kapitels noch dazu. Sie wissen schon, da, wo es um unsere Regierung geht: „Ein jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat …“. So sah es die altkirchliche Ordnung für die Epistellesungen vor, die ja zur Zeit unsere Predigttexte liefern, aber der Perikopenkommission war das wohl irgendwann einmal zuviel des Guten, zuviel Sprengstoff, der da in diesem Abschnitt aus dem berühmtesten Paulusbrief begraben liegt, und so beschränkt sich unser Glaubensseminar also auf diesen und den nächsten Sonntag, und wie das bei einem didaktisch gut konzipierten Kurs sein soll, beginnen wir heute erst einmal mit dem Grundsätzlichen; um die einzelnen Durchführungsbestimmungen wird es das nächste Mal gehen. Zu Ihrer gründlichen Vorbereitung empfehle ich Ihnen jetzt schon die Lektüre des ganzen zu behandelnden Kapitels; wer sich darüber hinaus informieren will, lese den Römerbrief vollständig, sofern er es nicht ohnehin schon mit Martin Luther hält, der gesagt hat, jeder Christ sollte den Römerbrief auswendig kennen.

Ja, Liebe Gemeinde – so „vernünftig“ könnten wir die Fragen angehen, die mit dem Predigttext aufgeworfen werden – ein Glaubensseminar, einen Gemeinde-TÜV könnten wir veranstalten, heute und am nächsten Sonntag – und das wäre ja auch gar nicht mal so schlecht, auch im Hinblick auf die Aufgabe, ddie sich für unseren Kirchengemeinderat derzeit stellt, wenn es um „Leitbildentwicklung“ und Zielvorgaben für die Gemeindearbeit geht. Die Stichworte sind alle genannt: Ermahnung (damit beginnt es), Hingabe, Opfer, Erneuerung, Prüfung. Sich nicht der Welt gleichstellen, sich ändern, Maß halten. Und dann die vielen Imperative, Sie werden es am nächsten Sonntag ja hören, wie viele Ausrufungszeichen da auf uns zukommen! Mit erhobenem Zeigefinger kommt dieser Predigttext auf uns zu, so mag es jedenfalls auf den ersten Blick aussehen, und da dauert es dann in der Regel nicht sehr lange, bis auch wir unsere Zeigefinger erheben, um auf die Dinge zu deuten, die ihm nicht entsprechen. Und dann wird es gefährlich.

Denn so ein Zeigefinger, der kann ja nicht nur auf etwas hinzeigen, hindeuten. Der kann auch drohen, verwehren, schimpfen. Der ist ein Grenzsignal, der unterscheidet zwischen den Guten (die ihn nicht zu sehen bekommen) und den Schlechten (denen er unter der Nase fuchtelt). Der trifft die Auswahl zwischen denen, die dazugehören – weil sie maßhalten, sich nicht dieser Welt gleichstellen und sogar ihre Leiber als Opfer hingeben – und denen, die draußen stehen, weil sie sich überschätzen, weil sie sich nicht ändern und unvernünftig sind. Und: Dieser Zeigefinger zeigt immer von mir weg!

Das heißt aber auch, dass er immer von mir her auf andere zeigt, dass er von meinen eigenen Maßstäben und Meinungen ausgeht, dass er meine Überzeugungen zum Kriterium werden lässt für das, was vernünftig ist, was heilig und Gott wohlgefällig, gut und vollkommen. Denn nur, weil Paulus das in unserem Text so stillschweigend voraussetzt, deshalb ist noch lange nicht klar, dass darüber hier und heute Einigkeit herrscht. Und ich bin mir nicht sicher, ob es diese Einigkeit in der Kirche jemals gegeben hat, auch in den Anfangsjahren.

Nun mag die eine oder der andere vielleicht einwenden, dass es dann ja gerade einmal gut und richtig wäre, ein Glaubensseminar zu veranstalten, in dem dieser Zeigefinger einmal auf die entscheidenden Punkte des Gemeindelebens gelegt wird, so wie ein Arzt seinen Finger auf die wunden und schmerzhaften Punkte des Patienten legt, um zumindest einmal eine sichere Diagnose zu stellen, um den Ist-Stand festzuhalten und mit dem zu vergleichen, was wünschenswert wäre. Einigkeit ist sicher nicht das schlechteste Ziel für die Gemeinde, die unsere hier und die christliche Kirche in ihrer Gesamtheit. Und der Wunsch nach Einigkeit war ja auch für Paulus der Anlass, all diese Ermahnungen nach Rom zu schicken.

Mit dem Römerbrief – das wissen Sie ja vielleicht – wollte sich der Apostel den Christinnen und Christen in der Hauptstadt des Römischen Reiches vorstellen. Sehr wahrscheinlich hat er einige von ihnen schon aus Korinth oder Ephesus gekannt, und sie lässt er am Schluss des Briefes grüßen. Die meisten aber waren ihm fremd, und auch über die konkrete Situation der Gemeinde (oder der Gemeinden) von Rom war er wohl nur oberflächlich orientiert. Umso weniger dürfen wir das 12. Kapitel seines Briefes heute so lesen, als ginge es darin um konkrete Handlungsanweisungen in ganz bestimmten Situationen! Paulus plante vielmehr, von Rom aus eine Missionsreise nach Spanien zu unternehmen, und wollte sich der Unterstützung der römischen Gemeindeglieder versichern. Er konnte davon ausgehen, dass man in Rom schon von ihm und seiner Arbeit gehört hatte. Er konnte ebenso davon ausgehen, dass seine Predigt dort genauso umstritten sein würde wie in Jerusalem und anderswo. Also legt er seine Karten auf den Tisch, beginnt mit dem Evangelium, das sein Leben verändert hat und entwickelt – argumentativ, werbend, um Einverständnis bemüht – seine Theologie. Kein Lehrbuch entsteht, sondern das reflektierte und begründete Zeugnis eines Theologen, der für den Dienst an diesem Evangelium nicht bloß seinen Kopf einsetzt, sondern Herz und Hand und Kraft und Gesundheit noch dazu. Lange Passagen hat er er Bedeutung der Taufe für das Leben der Christinnen und Christen gewidmet. Gerade hat er der römischen Gemeinde, die wohl selbst aus einem judenchristlichen Kern heraus entstanden ist, das Verhältnis zu Israel auseinandergesetzt und die Heidenchristen vor Überheblichkeit gewarnt: „Gott“, so schreibt er, „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. … Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege … Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!“ Dieses Gotteslob ist der Ausgangspunkt für die christliche Ethik, die dann im 12. und 13. Kapitel entfaltet wird: „Des
halb ermahne ich euch …“ Im griechischen Text steht das Verb parakalein, was im Sprachgebrauch des Paulus immer auch noch die Bedeutung hat: „ich bitte euch dringend, ich möchte euch sehr ans Herz legen, euch ermuntern…“ – zieht die Konsequenzen aus eurem Getauftsein, macht keine halben Sachen, sondern lasst euch umgestalten von eurem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. … Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. … Ists möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ – und das sind nur einige der dringlichen Bitten, die er in Röm 12 äußert; nächsten Sonntag werden wir davon weiter hören.

Die Verse unseres Predigttextes bilden die Nahtstelle zwischen dem paulinischen Evangelium und seiner Entfaltung in der Ethik, einer Ethik, die sich als Teil dieses Evangeliums verstanden wissen möchte. Natürlich sind sie (ebenso wie manche der Einzelermahnungen) in ihrer Formulierung auch an ihre Zeit gebunden, beziehen ihre Dramatik wenigstens teilweise daraus, dass sich die Christinnen und Christen der ersten Gemeinden dem religiösen Panorama im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts gegenübersahen, dem Kaiserkult, den Mysterienreligionen, auch dem zeitgenössischen Judentum. Zudem richten sie sich an eine Gemeinde in gefährdeter Situation: Verbote und Verfolgungen sind ihr nicht fremd; ihre Sorgen waren andere als die, die wir heute haben. Ein leibliches Opfer, sprich: ein Martyrium, ist nicht verlangt (das ist auch nicht der Sinn dieser Stelle bei Paulus, auch wenn sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder so verstanden wurde), und unseren Gottesdiensten macht man häufig und zu Recht den Vorwurf, sie seien zu vernünftig, zu kopflastig. Der schwierigste Satz aber beginnt mit den Worten: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich…“ Denn das ist schon eine andere Welt, mit der die Gemeinde von Rom konfrontiert war, während wir, die christliche Kirche zumindest in Deutschland, immer noch Teil der Gesellschaft sind (wenn auch nicht mehr ihr alles bestimmender Faktor). Mag sein, dass wir der Welt zu nahe gekommen sind wie weiland Ikarus der Sonne, dass wir die nötige Distanz verloren haben und grundsätzlich gefährdet sind, so wie das in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sicher der Fall war. Wir können dieses In-der-Welt-sein der Kirche aber auch nicht ohne weiteres wieder rückgängig machen und sind – all den Verstrickungen zum Trotz, von denen am nächsten Sonntag sicher die Rede sein wird – in einer günstigeren Ausgangsposition: In unserer Welt gibt es zwar Kultbücher, Kultbands, Körperkult – aber das sind Kinkerlitzchen gegen den Kaiserkult der Römerzeit, solange das „Kultige“ Ausdruck eine!
r Mode ist und sich nicht auf die Gottesbeziehung auswirkt, nicht in Konkurrenz tritt zu dem lebendigen Gott. Paulus geht es nicht um Moden, ihm geht es um dieses Grundsätzliche, um die Dinge, die Gottes Willen sind, das Gute, das Wohlgefällige und das Vollkommene. Das müssen wir prüfen, und alle notwendigen und vernünftigen Änderungen unserer Sinne daran ausrichten.

Aber nach welchem Maßstab? Vorhin habe ich gesagt: Der Zeigefinger, der von mir weg auf andere zeigt, geht von meinen eigenen Maßstäben und Meinungen aus, lässt meine Überzeugungen zum Kriterium werden für das, was vernünftig ist, was heilig und Gott wohlgefällig, gut und vollkommen. Eine Machtfrage ist das also, abhängig von denen, die gerade die Maßstäbe festlegen. Da finde ich es aufschlussreich, dass der Zeigefinger des Paulus gerade nicht von sich weg auf die Menschen in Rom zeigt. Sein Zeigefinger richtet sich, den ganzen Römerbrief über und auch in den inständigen Bitten des 12. Kapitels allein auf Christus. Er ist der Maßstab für das, was vernünftig ist, was heilig und Gott wohlgefällig, gut und vollkommen. Und dieser Christus ist es, der auftritt in unserem Land und in unserer Kirche, und er bittet Menschen inständig darum, sich mit Leib und Seele hinzugeben an einen vernünftigen Dienst zur Ehre Gottes. Und dieser Christus drängt uns, uns zu ändern durch Erneuerung unsers Sinnes, um in der Welt und mit ihr zu prüfen, was Gottes Wille ist – eben weil wir auf eine andere Welt hoffen und warten und weil wir durch unsere Taufe bereits Bürgerinnen und Bürger dieser anderen Welt geworden sind.

Erkennen Sie diesen Zeigefinger wieder? Matthias Grünewald hat ihn auf den Isenheimer Altar gemalt – überlang streckt sich dieser Finger in die Luft und zeigt auf den Christus, der am Kreuz den qualvollen Tod eines Menschen stirbt. Der Zeigefinger gehört zur Hand Johannes des Täufers, von dem wir vorhin im Evangelium gehört haben, und unter der Hand ist ein Lamm abgebildet in Erinnerung an die Sätze, die auch zur Taufe Jesu gehören: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“

Er, der menschgewordene Gotteswille, der als einziger wirklich gut, Gott wohlgefällig und vollkommen genannt werden kann wegen des Opfers, das er dargebracht hat und zu dem er geworden ist, er hat allein die Macht, Maßstäbe festzulegen, nach denen in der Gemeinde gerichtet werden soll, und das gilt auch dann, wenn uns das kleine Glaubensseminar über Röm 12 am nächsten Sonntag vom Allgemeinen zum Speziellen führen wird. Paulus hat das gewusst und in seinem Brief – im 15. Kapitel – festgehalten: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“. Dem drohenden, richtenden und strafenden Zeigefinger entrinnen wir durch die aus lauter Liebe geöffneten Arme dessen, der sich für uns geopfert hat. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sichs gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

drucken