Erhebt die Herzen …

Einen so kurzen Predigttext wie diesen, da bin ich mir sicher, gibt es im ganzen, sechs Jahre umfassenden Zyklus der ausgewählten Bibelstellen für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres nicht wieder. Die Worte aus dem Hebräerbrief klingen wie ein kleiner Kommentar zu den vielen Erntegaben, die hier vorne zusammengekommen sind, wie ein Kommentar, der keiner weiteren Erläuterung bedarf. Und dennoch wirft gleich der erste Satz eine Frage auf. "So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen…", wer ist mit "er" gemeint? In den vorangegangenen Versen ist von Jesus Christis die Rede und von seinem Opfertod, der Tieropfer, wie sie in vorchristlicher Zeit üblich waren, überflüssig macht. Wir finden im Hebräerbrief in diesem Zusammenhang merkwürdigerweise auch zwei Stellen, die viele von Ihnen auswendig kennen werden: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" und "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir". Verse, die wir selten im Sonntagsgottesdienst, häufiger aber auf dem Friedhof hören. Mit Nachdruck erklärt der Schreiber des Hebräerbriefes einer Gemeinde, die aus den jüdischen Traditionen kommt, dass mit dem Opfertod Christi und seiner Auferstehung etwas ganz Neues begonnen hat, etwas, was mit den alten Sitten radikal bricht. Es ist nicht mehr nötig, dass die Hohepriester mit Verbrennen der Feldfrüchte und Verbrennen von Opfertieren Opfer bringen, um Gott zu versöhnen, und wer sich noch mit solchen alten Regeln, auch die Speisegebote kommen vor, abgibt, der hat verpasst, worum es jetzt geht. Etliche Male haben wir in diesem Jahr aus dem Hebräerbrief gehört und vielleicht dabei gemerkt, dass das. ein Schreiben ist, in dem unentwegt eingeschärft wird, dass Christus der wahre Hohepriester ist. Er ist Hohepriester und Opfertier in einem für uns, ein für allemal, indem er sein Leben hingegeben hat und durch den Tod gegangen ist, damit wir erlöst sind. Für die Gemeinden, an die das Schreiben aus dem 2. Jahrhundert gerichtet ist, war das schwer zu verstehen.

Ich denke mir, so etwas ähnliches mussten die Menschen hierzulande wohl auch erst lernen, als das Christentum mit den irischen Mönchen in unsere Gegend kam. Heidnische Opfersteine findet man ja noch genug, man braucht nur nach Quenstedt zu fahren, wo die Kirche heute steht, war früher eine solche Opferstätte. Und ich glaube auch, es ist ganz wichtig, dass wir wissen, wenn wir heute hier den Altar mit Erntegaben geschmückt haben, dass dies nichts mit Opfergaben zu tun hat. Gott mit Obst und Gemüse gnädig stimmen zu wollen, das wäre wüstes Heidentum. Klar, werden Sie sagen, das wissen wir doch – und trotzdem ist da manchmal so ein Hintergedanke dabei, wenn man sich besondere Mühe gibt, einen Erntedanktisch zu bereiten. Ich sage das nicht einfach so, ich habe mich selbst mal dabei erwischt, als ich es in einem Jahr ganz besonders schön machen wollte mit dem Schmücken der Kirche. Daran musste ich denken, als ich mich ein bisschen über die nachdrücklichen Wiederholungen im Hebräerbrief geärgert habe und dachte: "Jetzt musst du schon wieder darüber predigen", aber dann wurde mir klar, dass man so etwas Zentrales gar nicht oft genug sagen und hören kann.

Wenn wir Gott danken und ihn loben, dann mit unserem Bekenntnis zum Glauben, und zwar in Wort und Tat. Ich denke da an eine Zeile aus dem Lied "Die güldne Sonne": "Die besten Güter sind unsre Gemüter, dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt." Schöner kann man es fast nicht ausdrücken. "Die besten Güter sind unsere Gemüter".

"Das Lobopfer, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen", ich finde, ein schönes Beispiel für diesen Satz, für so ein Lobopfer, ist die Kirchenmusik, der Chorgesang, die Orgel, die Bläser, auch wenn manche Reformatoren sie als ablenkendes Beiwerk am liebsten ganz aus den Gottesdiensten verbannt hätten. Selbst der gestrenge und nüchterne Zürcher Reformator Ullrich Zwingli hat immerhin dafür gesprochen, die Psalmen zu singen zu Gottes Ehre. Deswegen gehört auch der Chor und die Musik heute dazu, wenn wir danken wollen, dass Gott unsern Tisch auch in diesem Jahr immer reich gedeckt hat, trotz Hochwasserkatastrophe in nächster Umgebung, trotz mancher schlechten Ernteergebnisse, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen sind, was wir Menschen aus der Erde gemacht haben, die uns von Gott anvertraut ist.

"Mensch, was willst du denn heutzutage zu Erntedank predigen", sagte fast angewidert ein Freund zu mir, der vorsichtig seine Lebensmittel im Bioladen kauft. "Willst du danken für die ganzen Büchsen, die voller Konservierungsstoffe sind, für die geklonten Tomaten und für die BSE-Rinder?" Es ist ein mühsames Unterfangen, einem solchen Anwurf zu begegnen. "Ich will Gott dafür danken, dass wir dennoch etwas zu leben haben, dass trotz allem noch etwas wächst", denke ich. Denn die Auswüchse menschlicher Unersättlichkeit kann man doch wahrlich nicht Gott zur Last legen, der gesagt hat, wir sollten seinen Garten behüten und bewahren.

Aber viel wichtiger noch ist der zweite Satz aus unserem Predigttext: 16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Sie wissen wahrscheinlich, dass die Erntegaben, die heute hier aufgebaut sind, für den evangelischen Kindergarten in Eisleben bestimmt sind. Deshalb macht es durchaus Sinn, dass hier auch Dinge stehen, die gar nicht auf unseren Feldern gewachsen sind und nicht hier geerntet werden. Das macht aber auch aus einem anderen Grund Sinn: "Mit anderen teilen vergesst nicht", das erinnert uns daran, dass es Länder auf der Welt gibt, in denen Menschen nicht so fröhlich Erntedank feiern können.

Und zwar nicht nur die Länder, in denen wenig wächst und deswegen Not herrscht, wie zum Beispiel in unserer Partnerregion in Tanzania, sondern auch Länder, in denen diejenigen, die säen und ernten, davon fast nichts behalten dürfen. Nur so viel, dass es zum Sterben knapp zu viel, zum Leben aber zu wenig ist. Daran können wir uns erinnern, wenn wir Kaffee, Tee und Gewürze kaufen oder Produkte aus Baumwolle. "Die Sachen aus dem fairen Handel sind aber so schrecklich teuer, die kann ich mir nicht leisten", das höre ich oft – und ich weiß das schon auch. Aber ist der andere Preis nicht viel höher, den Menschen in Lateinamerika und Afrika dafür zahlen, dass wir hier billigen Tee, billigen Kaffee und T-Shirts für ein paar Euro kaufen können? Kinderarbeit, Leben in Slums, Prostitution und blühender Rauschgifthandel aus Armut, so sieht leider oft die Wirklichkeit aus. Es ist unendlich schwer, von hier aus, mitten aus Europa, zu erkennen, womit wir sinnvoll Gutes tun in der Einen Welt, ob es mit Geldspenden oder mit einer Patenschaft ist.

Aber der faire Handel ist ein Weg, bei dem der Partner nicht das Gefühl haben muss, "ausgehalten" zu werden und immer Almosenempfäger zu sein, sondern für seine Ware und seine Ernte, für die Früchte seiner Arbeit einen halbwegs angemessenen Lohn zu bekommen.

Wir sehen hier auch regionale Produkte aus unserer näheren Umgebung – und auch da höre ich manchmal, wenn ich mich auf Bauernmärkten umschaue, den leichten Vorwurf "Im Supermarkt sind aber Obst und Gemüse und Säfte viel billiger." Aber brauchen wir wirklich alles, was uns dort angeboten wird? Erdbeeren und Tomaten mitten im Winter zum Beispiel? Wenn wir auf die verzichten, können wir uns doch das ein oder andere Produkt aus der Region leisten, dann, wenn es Saison hat und auch mal im Eine-Welt-Laden vorbeischauen.

Es ist doch erstaunlich, dass wir hier, obwohl wir in einer ländlichen Region leben, offenbar in der Kleinstadt bereits den Bezug zu den Jahreszeiten verloren haben. "Warum soll ich Erntedank feiern, ich habe ja gar keinen Garten", hörte ich kürzlich, ein erschreckend eng eingezäuntes Denken in einer Welt, in der dauernd von Globalisierung die Rede ist. Und in der viele schon vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Nur einmal im Jahr danken, das wäre eher ein bisschen wenig, so kommt es mir vor.

So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Das ist eine Aufforderung, jeden Tag zu danken. Nicht nur mit einem Gebet vor dem gedeckten Tisch.

In einer Gemeinde hat an zum Erntedank Computer und Küchengeräte, Videorecorder und Handy in den Altarraum gelegt, um Gott dafür zu danken, dass er uns so viel Einfallsreichtum gegeben hat, das Leben leichter zu bewältigen. Gewiss dürfen wir auch dafür danken. Ich denke, dann darf aber auch die Bitte nicht fehlen, dass uns Gott auch so viel Erkenntnis verleihen möge, unsere Grenzen zu sehen und zu wahren bei dem, was wir schaffen. Bei einigen Dingen bin ich mir gar nicht sicher, ob sie uns nicht vom Eigentlichen ablenken, nämlich davon, allezeit Gottes Namen zu bekennen, Gutes zu tun und zu teilen.

So glaube ich, dass das Wichtigste, was wir heute hier zum Altar bringen und was wir eigentlich immer bei Gott lassen sollten, gar nicht hier zu sehen ist: Unser Herz. Es kann unsere Lebensaufgabe sein, unser Herz immer wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen, zu ihm zurückzubringen. Dort und nur dort ist es am besten aufgehoben. Gutes tun und mit anderen teilen, das geschieht, wenn wir das wirklich versuchen, ganz nebenbei und von selbst. Deshalb ist der Eingangssatz in der Abendmahlsliturgie so wichtig: "Erhebt die Herzen – wir haben sie beim Herren". Wir wollen nun in diesem Bewusstsein gemeinsam Abendmahl feiern und daran denken, welches Liebesopfer Gott ein für allemal für uns gebracht hat. Deutlich ist uns vor Augen, was uns immer wieder von Gott und seiner Liebe trennt. Deshalb wollen wir gemeinsam bekennen:

[Sündenbekenntnis]

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