Er wird bei uns sein …

Wie gut, ihr lieben Getauften; wie gut, dass das Evangelium so endet. So nämlich, dass es ganz weit auf geht und Menschen an allen Orten dieser Erde und zu allen Zeiten dieser Welt einschließt. Wie gut deswegen, weil nur so wir auch dazu gehören. Ohne diese Sätze Jesu wäre die frohmachende und rettende Botschaft nie bei uns angekommen.

Aber es war ja von Anfang so geplant; als Gott endgültig das Ziel für seine Menschen in die Tat umgesetzt hat, da war es schon grenzenlos gedacht. Sein ewiges Reich kennt keine Grenzen. Das Evangelium von Jesus Christus kennt keine Grenzen. Die Kirche kennt keine Grenzen. Weder räumlich noch zeitlich. Und wenn grundsätzlich niemand ausgeschlossen ist, dann auch wir nicht, keiner und keine von uns. So hat das Gott von Anfang an gewollt – das berichtet uns sehr deutlich gerade Matthäus. Schon zu Beginn seines Evangeliums, gleich nach der Geburt Jesu berichtet er, wie Weise aus dem fernen Osten gekommen sind, um dem neugeborenen König die Ehre zu erweisen. Da war die Geschichte Gottes mit seinen Menschen schon weit auf. Im Grunde gab es für niemanden mehr ein Argument draußen bleiben zu müssen. Das Evangelium von Jesus Christus öffnet die Geschichte Gottes mit seinen Menschen, es meint sie alle.

Im Leben Jesu war das vielleicht so deutlich noch nicht zu erkennen, da waren die Treuen doch eher unter sich. Es hatte fast etwas Verschworenes – der Meister und seine Freunde. Wirklich offen war das nicht und hätte es nach dem Wunsch der Jünger auch nicht werden müssen. Die Einsetzung des Abendmahls zeigt deutlich die Intimität und den Familiencharakter. Aber nach dem angedeuteten Anfang des Evangeliums konnte es dabei nicht bleiben, nicht einmal bei Ostern. Da musste etwas kommen, was die Jünger im Inneren öffnet für das, was Gott für die ganze Welt will. Es musste etwas kommen, das sie herausholt aus ihrem Versteck, aus ihrem Keller, aus ihrer Angst. Es musste etwas kommen, das ihnen zeigt: die frohe Botschaft taugt nicht für den kleinen 11-er Kreis, um sich nett zu erinnern – ‚weißt du noch?‘. Und es kommt der Befehl – den wir als Taufbefehl oder Missionsbefehl kennen.

Das hat die Apostel tatsächlich bewegt und die Kirche überhaupt. Aber es hat auch zu heftigen Missverständnissen geführt. Menschen wurden missioniert, die das gar nicht wollten; im Namen des Evangeliums wurden ganz andere Dinge transportiert – Geschichte, Sprache, Musik, Traditionen, die an einen anderen Ort gar nicht hinpassten und hin gehörten; man hat Strukturen eingeführt und Macht beansprucht, als gehörte das zum Evangelium hinzu; man hat Menschen zwangsweise getauft und sie dann als Jünger Jesu gewertet; man hat Menschen im Namen der Kirche überredet, beeinflusst, Druck ausgeübt, Angst gemacht. Auf solche Ideen kann man aber nur kommen, wenn man den Rahmen um den Befehl nicht sieht, oder vielleicht nicht sehen will. Macht hat was Anziehendes für die Menschen, auch in der Kirche. Da kann man schon mal übersehen, was Jesus sagt. Und gerade um seinen Befehl herum sagt er so wichtige und entscheidende Dinge. Dass er nämlich die Macht hat, er allein, im Himmel und auf der Erde. Und die hat mit Gewalt herzlich wenig zu tun. An seinem Umgang mit den Menschen kann man das wunderschön sehen – niemand wird in seine Nähe gezwungen, niemand soll ihm gegen seinen Willen nachfolgen, niemand wird überredet, unter Druck gesetzt, niemandem wird Angst eingejagt. Jesus wendet sich in Liebe den Menschen zu.

Das ist also eine andere Macht, als sie uns auf Erden begegnet, von wem auch immer in Schule, Politik, Kirche oder Gesellschaft. Er nutzt seine Macht nicht aus, handelt nie gegen, sondern immer nur für Menschen. Seine Macht ist die der Liebe und der Wahrheit, er kann Menschen in ihrem Herzen gewinnen, dass sie spüren, wie er für sie da ist, was er für sie tut und dass es gut ist, ihm zu vertrauen. In solcher Atmosphäre schickt Jesus seine Jünger los, wenn sagt: ‚geht!‘

So, wie es in seiner eigenen Umgebung war, als er mit den Menschen sprach, so soll es sein in der Gemeinschaft seiner Jünger. Ihn sollen die Jünger zu den Menschen bringen, sein Evangelium, seine Liebe, seine Wahrheit – und um es dann auch einmal negativ zu sagen: nicht ihre Meinungen und Ideen, nicht ihre Methoden, wie man Menschen gut rumkriegt, nicht Macht und Gewalt und Entmündigung im Namen der Kirche. In der Umgebung Jesu geht es sehr offen und einladend zu, was wir Menschen so manchmal nicht erkennen lassen. Jesus lässt sich auf die Menschen ein, er geht dicht an sie heran ohne Angst und Scheu; er kommt ihnen ganz nahe, um zu spüren, wer sie wirklich sind, worüber sie sich freuen und wovor sie Angst haben, was sie genießen und worunter sie leiden. In dieser Aufmerksamkeit und Nähe ist es nicht eine Frage von Methode, Zwang und Überzeugungskraft, ob jemand Christus nachfolgen möchte, sondern Menschen spüren, dass sie ernst genommen werden und wichtig sind. Da ist jemand bis zum Verzicht seines eigenen Lebens an meinem interessiert.

Darum decken die wenigen Worte Jesu an seine Jünger alle Missstände der Kirche und ihrer Mission schonungslos auf. Der Dienst, zu dem die Jünger losgeschickt werden, ist sein Dienst und es ist überwiegend ein Erzähl-Dienst. Alles, was er den Jüngern gesagt und gezeigt hat, erzählen sie, damit es bildlich wird, erkennbar, was das alles für unser Leben bedeutet. Und dann steht am Ende nicht etwa der Druck zu einer Entscheidung, denn am Leben, Sterben und Auferstehen Jesu wird deutlich, dass die Lebensentscheidung im Himmel längst gefallen ist. Es geht nur darum, das eigene Leben in diese Entscheidung einzubinden.

Mission ist also ein Vorgang des Schenkens, der ausdrückliche Hinweis, dass die Liebe sich in Christus leicht finden lässt. Mission geht an gegen das, was in Menschen hart und bitter geworden ist, was sie tief schweigen und verdrängen lässt, gegen die Angst, gegen den Tod. Natürlich ist Mission der Ruf in die Nachfolge Jesu, gleichzeitig aber auch die Ermutigung, sich auf diese Welt auf die intensivste Weise einzulassen, unsere Nächsten und unsere Feinde zu lieben, der Erde treu zu bleiben, als hieße es: ‚Ich verknüpfe euch in der Weise der Liebe mit der Welt. So war mein Weg auch!‘

Es ist ja der Gekreuzigte, der in die Mission sendet und darum bedeutet, getauft zu sein und Jesus nachzufolgen eben auch, sich für die Menschen am Rande stark zu machen: für das Recht der Schwachen, Stilleren, der Alten, der Kinder, der Ungeborenen. Dass Jesus seine Jünger aussendet, das zeichnet sie aus; das gibt ihnen ein besonderes Leben und eine besondere Macht. Darum ist die Tatsache, dass Jesus Menschen sendet, das Evangelium zu sagen selbst wieder Evangelium. Denn Menschen dürfen lebendige Zeugen der Zukunft Gottes sein, Boten, Täufer, Lehrer, Licht der Welt.

Das Wort ‚geht‘ reicht nun über die Jünger hinaus und erreicht Gemeinde, unsere Gemeinde. Da kommt die Welt neu in den Blick und die Verantwortung, dass das Evangelium alle Winkel dieser Erde erreicht. Persönliche Beziehungen, Kontakte zu Kirchen, die Mission betreiben, Spenden und Gebete lassen uns daran teilhaben.

Aber es betrifft auch unsere direkte und ganz konkrete und alltägliche Lebenswelt. ‚Wenn der Herr sagt; Gehet hin in die Welt! Dann meint er auch: Kennt ihr einen Menschen, der nicht mehr aufstehen kann? Dann geht hin! Kennt ihr einen einsamen, alten Menschen? Dann geht hin! Kennt ihr Kinder, die eure Freundlichkeit und euer Verständnis brauchen? Dann geht hin! Kennt ihr einen Menschen, der in Verschlossenheit lebt? Dann geht hin! In die Welt – das heißt nicht nur: in die weite Welt, sondern auch: in diese kleine Welt, in unsere Umwelt.‘

Jetzt komme ich noch einmal zu meinen Anfangsgedanken zurück: die Aufforderung ‚geht‘ ist in zwei Zusagen Jesu eingebunden, ohne die das Gehen sinnlos wäre. Als Begründung: ‚Mir ist alle Gewalt gegeben‘ und als Zusage: ‚Siehe! Ich bin euch alle Tage bis an der Welt Ende‘. Mag bei menschlichen Liebesbeziehungen die Zukunft immer unsicher sein – hier ist sie es nicht. Seine Zuneigung endet nicht, nie. Wo immer wir auch landen werden, ausgesetzt in der bedrohlichen Fremde, verloren im Gewimmel der undurchschaubaren Wege, wie gefährlich oder schwindelerregend es werden mag, welche Enttäuschungen uns bevorstehen, welcher Verzicht, welche Müdigkeit, welches Klinikzimmer: er wird bei uns sein, auf jeden Einzelnen und auf seine Kirche schauen mit den Augen der Liebe. Jesus Christus sagt sich immer schon voraus; immer wird er gerade uns hören, redet er jetzt mit uns – in seinem Evangelium, gleich an seinem Tisch, im Gottesdienst christlicher Gemeinde, als Stimme gewordene Liebe, herauszuhören aus menschlichen Worten, vertraut und unverwechselbar. Er wird in Ewigkeit mit uns sprechen.

drucken