Er wartet …

Liebe Gemeinde,

ist das nicht gut, dass die Predigt heute von einer Feier handelt, von einem Fest! Da können wir ja einfach dem Bratenduft folgen. Da können wir bei der Predigt schon ans Sonntagsmittagessen denken. Und bei der Taufe an die Tauffeier. Wer weiß, vielleicht sind ja bei der Vorbereitung der Tauffeier schon mal weitere Gedanken gekommen. Dass man einmal die Konfirmation feiern möchte. Und eines Tages wieder eine Hochzeit. Feste bilden Höhepunkte im Leben. Stationen, auf die man hinlebt. Stationen, an die man sich erinnert.

Natürlich mit Bratenduft, mit Essen und Trinken. Da gehören die langen Tischreihen dazu. Die haben schon vor dreihundert Jahren Maler zur Bauernhochzeit dargestellt. Wo viel auf den Tisch passt. Und nebem dem Tisch Platz für eine ausgelassene Polka bleibt. Heutzutage kann man natürlich auch am runden Tisch tafeln, wo die Gruppe, die herumsitzt, ins Erzählen kommt. Vielleicht ganz anders zusammenwächst. Eine besondere Sache ist, wenn man zur Feier persönlich durch einen Beauftragten geladen ist. Hier in Lützellinden lädt man so zur Beerdigung. Man hat damit viel Mühe. Überhaupt machen alle Vorbereitungen für Gäste sehr viel Mühe. Man muss, wenn das Fest läuft, das vergessen.

Die Familien, die aus Russland wieder zurückgekommen sind, kennen den Einlader von Hochzeiten. Der muss vor der Feier zu allen Geladenen gehen. Er hat einen Stock dabei und muss Schnaps trinken können.

Es ist eine Ehrensache, wenn man geladen ist, auch beim Fest dabei zu sein. Dass da einer absagt, ist eigentlich nicht vorgesehen. Das würde ja heißen, ich möchte nicht mit dem feiern, der mich einlädt.

Ist das nicht gut zu hören: Wenn Gott kommt, dann ist das ein Fest! Längst hat die Bibel davon immer wieder geredet. Es wird ein großes Freudenmahl sein am Ende der Zeiten, wenn Gottes neue Welt anbricht. Wenn er den Tod verschlingen wird auf ewig und die Tränen von ihren Augen abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen. Dann wird allen Völkern auf dem Berg des Herrn ein fettes Mahl bereitet, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von altem, gut gelagertem Wein.

Für Jesus ist das ganz klar. Er lebt schon darin, dass Gott kommt. Ja, dass er jetzt schon in diese alte Welt kommt. Jesus glaubt dem neuen Leben. Er fastet nicht. Er setzt auch nicht voraus, dass alle genug zu essen haben. Johannes der Täufer hat gefastet. Weil Gott kommt, aß Johannes nur Heuschrecken und wilden Honig. Jesus sagt: Gott macht die Hungernden satt. Und wenn Hochzeit ist, kann man nicht fasten.

Jesus sucht nicht ständig die Einsamkeit. Er setzt auch nicht voraus, dass alle gesellig leben können. Er lässt sich einen Fresser und Weinsäufer und Kumpan der Zöllner und Sünder schimpfen. Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen!

Jesus predigt nicht an erster und letzter Stelle das Gericht. Er setzt auch nicht voraus, dass alle lachende und stolze Sünder sind. Selig seid ihr, wenn ihr weint, sagt er. Gott wird euch die Tränen abwischen und euch lachen machen.

So finden wir Jesus immer wieder essen und trinken. Und dabei erfahren Menschen mit ihm die Gemeinschaft mit Gott.

So lassen wir uns heute noch in der christlichen Gemeinde zur Tischgemeinschaft mit ihm einladen: Kommt her, denn es ist alles bereit. Wenn wir uns auch dann manchmal über den Abendmahlstisch eher den Kopf dabei zerbrechen, als uns zu freuen.

So beten heute noch viele zu Haus bei Tisch mit einem Gebet des Grafen von Zinzendorf: Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast. Wenn wir da auch kaum mal nachdenken. Uns kaum mal darüber freuen, was das bedeutet.

Jesus ist in dieser Begebenheit unseres Bibelabschnittes zu Gast ? an einem Sabbat, dem Tag, den Gott heiligt, weil Gott selbst von der Schöpfung Ruhe hält. Jesus ist zu Tisch bei einem Gastgeber aus der Bewegung der Pharisäer. Ein Kranker, ein elender Mensch, war offenbar auch eingeladen. Jesus heilt ihn. Und Jesus hat zum Tischgespräch etwas zu sagen. Das hat man sicher auch so erwartet.

Einer in der Runde ? es könnte eigentlich auch Jesus selbst sein, der so etwas sagt ? spricht aus: Selig, wer das Brot isst im Reich Gottes. Da begreifen also Menschen: Hier ist ein Zeichen von Gottes neuer Welt. Hier beginnt Gemeinschaft mit Gott selbst. Und die macht froh. Die ist befreiend.

Hat, der das sagt, dabei die Frage im Kopf: Aber wer wird denn im Reich Gottes mit das Brot essen? Wer wird mit Gott selbst zu Tisch sein? Oder sind solche Fragen von ihm schon ganz abgefallen? Weil sie in der Gemeinschaft mit Jesus einfach wegfallen? Kommt die Frage Wer ist es? jetzt den andern bei Tisch in den Kopf? Oder will Jesus sie stellen, da wo welche sich ihrer Einladung, ihrer Erwählung so ganz sicher sein? Ich frage mich das. Und jedenfalls merke ich: Diese Frage steht auf einmal da, wenn Jesus gleich wieder eine seiner überraschenden Geschichten, seiner Geschichten mit Stolperdraht erzählt.

Vor 150 Jahren horchten in Elberfeld Menschen in einer Predigt auf, sammelten sich zu einer neuen Gemeinde und beriefen 1847 den Prediger, Hermann Friedrich Kohlbrügge, zu ihrem Pfarrer. Die Gemeinde besteht noch heute. In der Kirche, in der sie Gottesdienst hält, bin ich auch als Pfarrer ordiniert worden. Von Kohlbrügge ist aufgeschrieben, dass er auf die Frage antwortete: Wer sind die Auserwählten? Seine Antwort war: Die es sind, sind es nicht; und die es nicht sind, die sind es.

Ich habe das in dieser Woche im Gesprächskreis vorgelesen. Ich dachte: Das ist schwierig. Das geht nicht ein. Aber ich habe gemerkt: Wir begreifen sehr wohl, was das heißt. So, wie wir auch Jesu Geschichte begreifen. Bei mancher Feier denken wir: Klar, da bin ich dabei. Da muss ich eingeladen sein. In dem Augenblick haben wir schon vergessen, uns über den Anlass zu freuen. Dann sind wir nur noch bei uns selbst.

Und wenn wir von Gott eine große Einladung bekommen – machen wir das dann auch so?

Da ist also einer, der hat ein Fest vorbereitet. Honoratioren, Herrengesellschaft. Beste Umgangsformen der feinen Jerusalemer Gesellschaft. In der Bibel kenne ich noch eine höhere Form von Ehrerweisung für die Gäste. Als nämlich König Ahasver, Schah von Persien, mit Königin Ester einlädt, da lassen sie alle Gäste persönlich abholen. Gut – der, von dem Jesus hier erzählt, hat gerade nur einen Knecht für die Einladung vorgesehen. Aber der zieht herum und teilt allen noch mal persönlich mit: Es ist angerichtet! Kommt, denn es ist alles bereit! Und was passiert? Das, was im Leben nur passieren kann, wenn wirklich alle etwas gegen diesen Gastgeber haben. Es sagen alle auf einmal ab.

Einer hat ein Stück Land. Einer hat fünf Ochsengespanne. Einer hat geheiratet.

Wir haben zu tun. Ein Leben lang. Gottes Reich stört uns dabei. Für Gottes Einladung müssen wir unser Leben unterbrechen. Uns aufstören lassen. Alles um uns herum jetzt ruhen lassen und diese Einladung annehmen. Die wichtigste Einladung. Feiertag für Gott haben. Nein, Gottes großen Feiertag für uns.

Es werden welche sagen: Wir sollen doch etwas tun. Manche sagen: Es ist gottgewollt, es ist Ordnung der Schöpfung, zu heiraten und den Acker zu bebauen. Wir tun das in Gottes Auftrag. Ist da nicht was dran? Klar sind uns bei Überprüfung auch die Auskünfte der ehrenvoll Geladenen verständlich: Einen neuen Acker muss man sich ansehen. Eine größere Ausgabe soll man gut prüfen.

Ob es natürlich von Gott so gemeint ist, dass wir das Land kaufen und verkaufen – ob es der notwendige Auftrag der Schöpfung ist, dass einer so viel Land hat, dass er fünf Ochsengespanne auf einmal kauft – das ist wieder eine andere Frage. Neun Hektar soll ein Gespann damals am Tag bearbeitet haben. Bei weniger als 45 Hektar braucht man also noch nicht mal davon zu träumen, fünf Gespanne zu besitzen.

Egal – Argumente haben wir mit unserem wichtigen Leben bestimmt. Jeder einzelne. Jeder einzelne lässt den Einlader vergeblich weiterziehen. Auf einmal sind es alle. Klar auch, dass das eine Verletzung des Gastgebers ist.

Aber die Geschichte hat eine neue Überrasschung. Es zeigt sich: Das Fest ist größer als die ach so wichtigen, beschäftigten Geladenen. Der Gastgeber hat Größe. Das Fest findet statt. Man sieht auf den Gassen und Straßen die Menschen zum Fest ziehen. Da sind Menschen, für die ist Gott da. Mit denen setzt sich auch Jesus zusammen. Die sind für ihn gut genug. Oder vielmehr: Er ist sich für sie gut genug. Menschen werden über Gott froh. Weil sie gemeint sind. Da gibt es einfach keinen Acker ins Feld zu führen und keine standesgemäße Familiengründung – bei dieser Einladung.

Es sind natürlich sehr Schwache darunter. Blinde, zum Beispiel. Auch Menschen, die auf dem rechten oder linken Auge blind sind. Und solche mit einem Brett vorm Kopf. Die nur den Splitter im Auge des andern sehen und nie den Balken im eigenen Auge. Lahme lädt er ein. Auch solche, die kein Rückgrat haben. Die der leichteste Gegenwind umwirft. Und Menschen, die immer eine Krücke brauchen, auf die sie sich stützen können.

Der Knecht sagt: Auftrag ausgeführt – aber es ist immer noch Platz da. Also geht er weiter. Er geht auch aus der Stadt hinaus. Er holt ganz Fremde. Er geht immer weiter. Übrigens erzählt Jesus nicht, dass er schon zurück ist. Der Festsaal ist noch nicht geschlossen. Der Knecht ist noch unterwegs. Er sagt immer noch Komm, es ist alles bereit. Er kommt gerade zu dir.

Kohlbrügge hat seiner Gemeinde gesagt: So predigt das Evangelium: Ist es verloren, so ist es errettet; hast du Sünde, so hast du sie nicht; bebst du vor dem Gericht, so kommst du nicht in das Gericht; bist du tot, so hast du Mich als dein Leben; bist du arm, Ich bin dein Reichtum; klagst du dich selbst an, so bist du freigesprochen.

Wenn du bist bei Gottes Fest eingeladen. Du kannst dem Bratenduft folgen. Natürlich musst du da schon neben all denen sitzen, die auch eingeladen sind. Die kannst du dir nicht aussuchen. Kann passieren, deine Gesellschaft sagt ab. Und dann sitzt du und feierst unter lauter anderen Zaungästen. Alles Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde. Und Fremde. Aber das ist Gottes Fest. Das ist die Gesellschaft des Gekreuzigten.

Wer ist nun eingeladen? Wer ist auserwählt, Gast zu sein? Soll ich jetzt sagen: Alle? Oder müsste ich nicht sagen: Keiner? Ich sage: Alle – und einer: Wer ist dieser Eine? Wer ist die Eine? Das bist du. Denke nicht von dir: Ich bin so groß, ich bin ja auf alle Fälle geeint. Denke nicht von dir: Ich bin so unwichtig, ich bin auf alle Fälle nicht gemeint. Du bist gemeint. Bei dir ist gerade der Einlader.

Martin Buber, der jüdische Weise, hat erzählt, wie er manche von den Geschichten, die er als Buch weitergegeben hat, schon als Kind gehört oder gelesen hat. Darunter auch diese ganz kurze: Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler – und wartet. Es ist der Messias.

Da hat Martin einen alten Mann gefragt: Worauf wartet er denn? Der hat ihm geantwortet: Auf dich.

Vielleicht müssen wir dazu noch eine andere Geschichte erzählen: Irgendwo am Tor sitzt der, für den Christus einsteht. Eine unansehnliche Frau, ein fremder Mann. Ein Zaungast mit Zweifel und Unglauben. Ein Mensch, der schwer zu lieben ist. Und der doch finden will. Und gefunden werden will. Auf wen wartet er?

Welche Antwort muss ich nach Jesu Geschichte geben? Wie antworten wir? Nur so: er wartet – auf mich.

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