Er hat nicht gefragt …

Der Engel aber sagte zu ihnen: "Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." Kürzer und knapper ist die Weihnachtsbotschaft nicht zu haben. Wenige Worte nur, sie haben die Welt vom Grund her verändert.

Keine Furcht mehr, sondern große Freude. Und zwar für alles Volk. Was ja wohl heißt, dass niemand ausgeschlossen ist: weder die Einheimischen noch die Fremden, weder die gut Betuchten noch die armen Schlucker, weder die nüchternen Realisten noch die verrückten Spinner, weder die Taugenichtse noch die Biedermänner und auch die Langschläfer nicht. Nicht mal die Warmduscher. Oder die Tugendwächter. Selbst die mit Hut im Auto nicht, auch die nicht. Keine Furcht mehr, sondern große Freude, für alles Volk: für die Glatze in Springerstiefeln. für den Börsenspekulanten wie für die Schmuddelkinder, für die Kopftuch-Trägerin in Marxloh wie für das Tanga-Girl im Solebad. Und erst recht für die Abgeschriebenen, Totgeschwiegenen, links Liegengelassenen, Fix- und Fertiggemachten. Die Menschheit verbunden in Freude, endlich ohne Furcht. Denn der Messias ist da, ein Retter geboren. Eine Nachricht, die Engel jubeln lässt: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden."

Und die Menschen, um derentwillen Himmel und Erde in Bewegung gesetzt werden, denen das alles gilt, was ist mit ihnen? Lassen sie’s gelten? Wird Gott geehrt? Bricht Frieden an? Ich hör schon den Einwand: das klingt mir zu sehr nach Nina Ruge, nach "alles wird gut" und nach "heiler Welt". Sicher, wer wünschte das nicht: ein Leben in Ruhe und Frieden, voller Freude, versöhnt mit Gott und der Welt. Und auch mit sich selbst. Ohne die Zweifel: du hast was versäumt. Ohne die Bitterkeit: warum immer nur ich. Ohne die Enttäuschung: wieder mal zu kurz gekommen. Ohne die Angst: war das etwa schon alles? Wer wünschte das nicht: Leben in Fülle, Jahre im Segen. Für mich wie für die Familie. Und den Nachbarn von nebenan. Und meinetwegen dann auch für den abgedrehten Typ auf der Neustraße. Selbst für Schwager Karl-Heinz, den Fiesling. Wie’s dem wohl geht, ob der noch lebt. Und wenn, dann auch ihm Leben in Fülle und Segen. Ein Weihnachten für alle. Eine stille, heilige Nacht. In der rettende Stunde schlägt. Und niemand trostlos bleibt und unbeachtet. Wer wünschte das nicht. Alles wird gut, sagt Nina Ruge. ch, wenn’s so wär. Doch eine halbe Stunde später melden die „Heute“-Nachrichten, dass die Unruhen in Bethlehem wieder drei Menschenleben kosteten. Und dass sich die Wüsten in Afrika weiter ausdehnen. Und dass Neonazis einen Ausländer durch die Straßen trieben. Und dass die Klimaschutzkonferenz gescheitert ist. Und dass der erste Obdachlose des Winters erfroren sei, und, und, und.

Wird alles wird gut? Oder geht es immer so weiter? Wort steht gegen Erfahrung, Trost oder Vertröstung, wem ist zu glauben? Hoffnung und Trug sind enge Nachbarn. Ins Träumen kommen in diesen Tagen immer noch viele, trotz allem Rummel. Ins Träumen, weil Erinnerungen wach werden: die Aufregung vor der Bescherung, der Glanz des Weihnachtszimmers, die Familie an einem Tisch, Lieder vom Band, am nächsten Morgen kam Tante Alma zu Besuch und stolperte über die Eisenbahn. Eine Reise zurück in die Tage der Kindheit. Und manchmal treiben Träume Blüten: Menschen beschenken Unbekannte, deren Weihnachtswünsche bei Karstadt an einem Tannenbaum hängen. Kinderkleidung, ein Festtagsbraten, das Päckchen für den Häftling in der JVA. Briefe mit Grüßen und guten Wünschen schneien ins Haus wie nie sonst im Jahr. Man denkt an uns. Wem täte das nicht gut? Heile Welt blitzt auf.

"Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird, denn euch ist heute der Retter geboren." Und das habt zum Zeichen: "Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." Die Hirten erhalten ein Zeichen, einen Hinweis und Wink. Mehr nicht. Das Erstaunliche: sie machen sich auf die Suche, verlassen Gewohntes, die Nachricht macht Beine. Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird geöffnet. Wer bittet, dem wird gegeben. Ein Neugeborenes, ein zappelndes, schreiendes, hilfloses Wesen. Mit Windeln, die bald schmutzig sind. In einer Krippe, in die Viehfutter gehört, aber kein Kind. An dem hängt die Rettung der Welt, das vertreibt unsere Furcht, darin liegen Freude und Friede begründet? Ist das zu glauben?

Es spottet ja aller Erfahrung. Hoffnungsträger sehen anders aus. Weltenretter treten anders auf. Meinungsführer argumentieren und greifen nicht nach der Mutterbrust. In Berlin und Washington, im Vatikan und Kreml werden die Weichen gestellt, da wird über das Schicksal von Millionen entschieden; hinter dicken Mauern residiert die Macht, und nicht im offenen Viehverschlag. Ihr werden finden das Kind. Gott bindet sich an einen Winzling, an ein hilfloses Bündel Fleisch, macht sich klein, so dass du dich bücken musst, um sein Gesicht zu erkennen: sein menschliches Antlitz, Ein Menschenkind gibt Gott Hand und Fuß. Und einen Namen. Ein für allemal legt Gott sich fest. Und spottet allen Gottesbildern, die sich Menschen immer wieder und immer noch von ihm machen. Kein in den Himmel erhobener Römerkaiser, kein Feuer- und Schwert-Herrscher, kein Racheengel, nicht der unbarmherzig-strenge Richter, weder im gestirnten Himmel über mir noch als moralisches Gesetz in mir zu entdecken. Vielmehr: gebunden an ein Kind. Ein Kind entzaubert aller religiösen Phantasterei und entlarvt alle Herrschaftsansprüche. Bücken musst du dich vor ihm, aber nicht buckeln. Fürchten muss sich niemand, nicht mal Herodes.

Das habt zum Zeichen: Ein Kind. Gott tauscht den Thron gegen die Krippe, gibt sich in Menschenhand, braucht Windeln, hat keinen Platz in der Stadt bei den Bürgern, Stroh muss reichen und die Gesellschaft zwielichtigen Volks als erstem Besuch. Mit Kinderaugen blickt Gott in die Welt, mit Kinderhänden greift er nach dir, ein Gott, der zu Fuß kommt und nicht auf hohem Ross oder hinter gepanzertem Glas. Ist das zu glauben?

Trau mir, sagt das Kind! Und trau dich. Auf mich ist Verlass. Wirst es sehen, wenn du’s wagst. Erwarte keine Beweise, versteck dich nicht hinter Einwänden, warte nicht auf die andern. Sondern geh und such das Zeichen. Komm runter von deinem hohen Sockel, nimm die Masken ab, hinter denen du dich verbirgst, spuck nicht mehr so große Töne. Blas dich nicht auf, spiel nicht den starken Mann. Auch nicht das schwache Weib. Einem Kind kannst du damit nicht imponieren. Und das hast du nicht nötig. Denn vor dem Kind darfst du sein, was du bist und bleibst: Selbst ein Kind Gottes. Ein Kind muss sich leerer Hände nicht schämen, ein Kind darf weinen und sich trösten lassen, ein Kind kann auf Vergebung hoffen und sich Fürsorge gefallen lassen. Ein Kind braucht sich Anerkennung nicht erkaufen Und Achtung nicht durch Schneid erzwingen. Du bist Gottes geliebtes Kind. Und für dich wird er Kind. Gott kommt als Kind. Wer wollte da groß sein. Gott kommt als Kind. So muss niemand groß sein auf Kosten der andern. "Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine." Dass diese Hoffnung nicht trügt, liegt nicht an uns.

Gott kommt und geht mit der Welt und den Menschen andere Wege als erwartet, gewünscht und geglaubt. Er hat nicht gefragt, sondern ist einfach gekommen. Natürlich wird das in Frage gestellt, natürlich wird dem widersprochen, na klar geht das über unseren Verstand. Und die Zukunft des Krippenkindes, sein Weg bis ans Kreuz bleibt vielen Ärgernis oder schlichtweg Torheit. Das war damals so und ist heute nicht anders. Ob die Hoffnung trägt und nicht trügt, wirst du sehen, wenn du dich auf sie einlässt. Nicht nur den andern will das Kind den Himmel aufschließen, nicht nur den andern, auch dir. Nicht nur den andern will Gott kindlich kommen, nicht nur den andern, auch dir. Nicht nur die andern vertritt dies Kind vor Gott, nicht nur die andern, auch dich. Ist das zu glauben? Nur zu glauben ist das, nie zu beweisen. Trau mir, sagt das Kind. Und trau Dich. Wirst dann sehen. Alles wird gut. Dafür sorg ich.

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