Er hat alles wohlgemacht

Liebe Gemeinde!

Ein gläubiges, überwältigendes Staunen bringt am Ende dieser Heilungsgeschichte die Zuhörer zu dem Lobpreis: „Er hat alles wohlgemacht“. Schon auf den ersten Seiten unserer Bibel begegnen wir ähnlichen Worten. Da heißt es in der Schöpfungserzählung: Und siehe, es war alles sehr gut. – Er hat alles wohlgemacht.

Zwischen jenem Anfang, den Gott gesetzt hat und Jesu Heilungswirken liegt eine lange Geschichte der Menschheit. Häufig genug eine sehr verhängnisvolle, von der wir absolut nicht sagen können: Er hat alles wohlgemacht, dieser Homo Sapiens, dieses aus der ganzen Schöpfung herausgehobene Wesen Mensch. Wieviel Münder haben in den Jahrtausenden das Unrecht verschwiegen oder häufig genug nicht aussprechen wollen? Wieviel Ohren haben Warnungen überhört oder nicht hören wollen bis hinein in unsere Zeit?

Was uns der Evangelist von diesem Taubstummen erzählt, ist keine Einzelgeschichte eines tragischen Schicksals, sondern das ist ein Stück Menschheitsgeschichte, das ist unsere Geschichte.
Es ist schon schlimm, wenn ein Mensch taubstumm ist. Wir haben das alle schon erlebt: Wenn schon der Ton ausfällt beim Fernsehen, ist die Freude dahin. Vieles kann man sich dabei vielleicht gegenseitig sagen, was da an stummer Handlung vor sich geht, wenn aber auch niemand sprechen kann mit mir, dann bin ich total isoliert.

Blindsein ist sicher schlimm, aber taub und stumm sein ist viel schlimmer, weil es aus der Gemeinschaft, aus der Kommunikation ausschließt. Die Sprache ist das erste, was das Baby lernt, weil sich darauf alles andere aufbaut an Gemeinschaft innerhalb der Familie.

Der Taubstumme war so weit isoliert, dass ihn andere zu Jesus bringen müssen. Fast erscheint es so, als sei er auch noch obendrein blind, so unselbstständig ist er über seine Krankheit geworden. Nun tritt Jesus ihm gegenüber. Er sieht das quälende Leiden und er sieht darüber hinaus das Grundübel, das in allen Menschen, steckt.

Dazu ist er in diese Welt gekommen, um durch sein Leben und Sterben dieses Grundübel an der Wurzel zu packen. Das Böse mit der Vernichtung des Bösen unschädlich zu machen. Er erkennt in dem Taubstummen zeichenhaft das Gefangensein des Menschen in den Fesseln des Bösen.

Nur er, der der Herr ist, vermag hier grundsätzliche Heilung zu bringen. Das müssen jene Zuhörer in der vordergründigen Heilung des taubstummen erkannt haben, sonst hätten sie wohl kaum den Lobpreis der Schöpfungserzählung aufgenommen: ER hat alles wohlgemacht.

Markus erzählt in dieser Geschichte von Jesus als dem, der von Gottes unwahrscheinlicher Liebe und ungeheuerlichem Erbarmen kündet. Davon sind die Evangelien an diesen Trinitaissonntagen geprägt. Ob wir an die Geschichte vom letzten Sonntag denken mit dem Zöllner und Pharisäer oder an die des kommenden Sonntags vom Barmherzigen Samariter.

Immer und immer wieder wird in ganz neuen Bildern diese gute Nachricht verkündet: Er hat alles wohlgemacht. Geradezu aufatmend spüren wir das. Wie eine Gruppe, die im Fahrstuhl eingeschlossen ist, aufatmend dem Monteur, der das Schloss des Fahrstuhls von außen öffnet und dem bangen Warten ein Ende setzt, in die Arme fällt, so geschieht es hier in dieser Heilungsgeschichte mit dem befreienden: Hephata – tue dich auf. Und gleich wurde die Fessel seiner Zunge gelöst.

Diese uralte Sehnsucht der Menschheit findet in Jesus ihre Erfüllung. Er ist der Arzt, der Leib und Seele gesund und heil macht. Unsere moderne Medizin hat etwas von den Zusammenhängen von Leib und Seele erkannt. Das Arbeitsklima bestimmt sehr die psychischen und körperlichen Leistungen mit. Viele unserer Herz- Kreislauferkrankungen hängen damit zusammen, dass Menschen seelisch krank geworden sind. Sie leben isoliert wie jener Taubstumme in unserer Geschichte in die Isolation getrieben war, weil es an der zum Leben notwendigen Kommunikation mangelte.

Ehen zerbrechen, Familien fallen auseinander, weil wir in unserer Zeit zunehmend sprachlos geworden sind, abgestumpft sind, wie ein Taubstummer allmählich abstumpft. Wie kann uns geholfen werden, aus dieser Leib und Seele krankmachenden, Abstumpfung herauszukommen? Wohl kaum anders, als dadurch, dass wir bitten: Herr Jesus Christ dich zu uns wend!

Er wird uns mit seinem Hephata die Möglichkeit geben, wieder offene Augen, Ohren und Herzen zu bekommen für unsere Mitmenschen und die Gemeinschaft mit ihm.

Die im christlichen Glauben so starke Betonung der Nächstenliebe: gehe hin und tue desgleichen, ist die Lebensweise, die uns davor bewahrt, selbst in die abstumpfende Isolation zu fallen. So können wir uns selbst und andere herausholen aus dem Krater verschuldeter oder auch unverschuldeter Vereinsamung. Was wäre gewonnen, wenn wir das Hephata – öffne dich als an uns gerichtet verstehen lernten und nun wirklich offener füreinander sein könnten.
Wenn das uns von unseren Fesseln befreiten gelänge, vielleicht könnten wir dann auch einstimmen in den Jubelruf: Er hat alles wohl gemacht.

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