Engel mit weißen Flügeln

Liebe Weihnachtsgemeinde,

auf dem Bild erhobene Arme von Max Hunziger sehen Sie einen Engel. Es könnte einer der Engel sein von denen wir in der Weihnachtsgeschichte gehört haben. Der Bote Gottes erscheint am Nachthimmel den Hirten auf dem Feld und bringt ihnen die frohe Botschaft wie geschrieben steht:

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Unser Engel könnte so ein Engel sein. Hell erscheint er am nächtlichen Firmament. Die Arme erhoben schwebt er auf die Hirten zu. In dieser Nacht verbindet er Himmel und Erde. Uns Menschen blickt er an. Uns bringt er die frohe Botschaft vom Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Im Kreis seiner Arme umschließt diese Botschaft die ganze Welt. Die Hände sind wie zum Gebet gefaltet. Verbundenheit mit Gott drückt diese Haltung aus. Ein Himmelswesen ist dieser Engel. Auch in seiner weißen Erscheinung bleibt die Struktur des Sternenhimmels über dem Feld erhalten. Die hoch aufgerichteten Flügel lassen das Wesen noch eindrucksvoller erscheinen. Niemand kann sich seiner Botschaft und ihrer kosmischen Bedeutung entziehen.

Kein Wunder dass die Hirten auf dem Feld erschraken. Und er sie mit seinem „Fürchtet euch nicht!“ erst beruhigen musste. Wenn wir in der Bibel Engeln begegnen, dann dürfen wir Gott bei der Arbeit zuschauen. Von Engeln wird immer dann erzählt, wenn die unsichtbare Welt Gottes und die sichtbare menschliche Welt miteinander in Kontakt kommen. Engel begegnen, wenn der unsichtbare und ungreifbare Gott uns Menschen nahe kommt. Engel erscheinen, wenn Gott uns Menschen etwas sagen und zeigen möchte. Sie sind die Boten zwischen der Himmelswelt und der Erde. Gott schickt uns durch die Engel Botschaften. Und er schickt uns durch den Weihnachtsengel die eine entscheidende Botschaft für unser Leben: Der Retter ist da. Es hat angefangen, was Gott für euch Menschen vorgesehen habt: Frieden auf Erden!

Es ist Weihnachten. Heute in der heiligen Nacht erscheint der Friede Gottes in unseren Herzen. Spüren Sie ihn, den göttlichen Frieden? Ja, ein ganz klein wenig? Oder nein überhaupt nicht?
Wie soll ich den Frieden spüren? Wie sollen wir den Frieden spüren in diesem Winter der Kürzungen, die uns als Reformen verkauft werden? Wie soll eine Rentnerin den Frieden spüren, wenn die Angst um die weitere Rente ihren Kopf besetzt hält. Wie soll ein Arbeitnehmer Frieden spüren, wenn er nicht weis wie es nach Weihnachten bei der Arbeit weiter gehen soll: Abteilungen werden geschlossen, noch mehr Leute entlassen und denen die noch da sind wächst die Arbeit so über den Kopf, dass sie nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht. Wo ist dieser vielgepriesene Frieden auf Erden? Wie soll ein Schüler den Frieden spüren, wenn in der Schule die Noten inzwischen Richtung Versetzung gefährdet zeigen? Und er nicht weis ob er dieses Schuljahr schaffen wird? Oh ja Frieden auf Erden. Wir brauchen nur in den nahen Osten zu sehen. Wo wird das nächste Selbstmordattentat geschehen? Wo die Bombe gezündet, die wieder Hunderte in den Tod reißen wird? Und wie wird dann die israelische Vergeltungsaktion aussehen? Frieden auf Erden wäre schön. Und Frieden im Irak, ist das noch eine realistische Möglichkeit oder nur noch ein Traum? Wie soll ich den göttlichen Frieden in meinem Herzen spüren, wenn ich umgeben bin von Menschen, die ängstlich und verzweifelt sind. Wie soll ich den göttlichen Frieden in meinem Herzen spüren wenn ich verwickelt bin in harte und bittere Kämpfe? Wie kann es Weihnachten werden in mir, wenn ich besetzt bin von dem was mir angetan wird. Wie kann ich den Weihnachtsfrieden erfahren, wenn ich bedrückt, verletzt, verzweifelt bin, weil Gleichgültigkeit herrscht in meinem Kopf und in den Köpfen der anderen Menschen, weil so viel Kälte herrscht zwischen uns? Können Sie mir das sagen?

Liebe Gemeinde, ich habe in der letzten Woche voller Verzweiflung an dieser Predigt gesessen und habe gedacht. Dieses Jahr nicht. Dieses Jahr wird es nicht Weihnachten. Dieses Jahr kann ich nicht vom Frieden reden. Ich kann mich nicht auf Weihnachten freuen. Und ich kann die Weihnachtsbotschaft nicht weitersagen. Es geht einfach nicht. Entweder ich lese eine fremde Predigt vor oder eine nette Geschichte. Ich handle professionell und tue, was von mir verlangt wird, aber ich kann dieses Jahr die Botschaft nicht mit innerer Überzeugung weitersagen. Nun ja, was nicht geht, geht eben nicht.

Und dann ist es doch anders gekommen. Und wie es anders gekommen ist, das will ich Ihnen erzählen. Vielleicht war es ja ein Engel, so ein weißer, heller, der seine Arme um mich gelegt hat und mir zugeraunt hat, schlaf einfach ein bisschen, ruh dich aus. Vielleicht war es ein Engel, der im Traum gekommen ist und mir mit seinem Flügel etwas Luft zufächelt hat und mir zugeflüstert hat, mach die Faust auf, die du in der Tasche geballt hast. Zu Kämpfen ist wichtig. Angst zu haben manchmal auch, sich um den Frieden im eigenen Leben zu bemühen auch. Aber was du wirklich brauchst ist Vertrauen.

Und ich wachte auf und hörte noch die Stimme des Engels ganz tief innen: Entspann dich, du musst nicht alles alleine machen. Sieh hinaus in die Nacht. Siehst du den Mond, so schön und rund? Spürst du die Ruhe und Klarheit dieser Mondnacht? Du brauchst dich nicht einsam zu fühlen. Denk an die Menschen mit denen du verbunden bist auch wenn sie vielleicht viele Hundert Kilometer entfernt wohnen. Mach das Fenster auf und lass die Nachtluft herein. Atme tief durch und du spürst ihn – den Frieden.

Und in dieser sternklaren Mondnacht ist das Vertrauen zu mir zurück gekommen. Ich konnte wieder darauf vertrauen, dass das was wir momentan an Krieg und sozialem Kahlschlag und Kälte zwischen den Menschen erleben nicht das letzte Wort sein wird. Ich konnte sie wieder hören die Stimmen der Boten Gottes und ihre Botschaft vom Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Und nun weiß ich wieder: Ich bin es und Sie sind es, diese Menschen an denen Gott Wohlgefallen hat. Wir werden in diesem Frieden leben. Jetzt nur ein bisschen und manchmal. Aber irgendwann einmal vollständig und umfassend zusammen mit allen anderen Menschen auf der Welt. Darauf vertraue ich. Das ist Weihnachten, dass wir träumen dürfen vom Frieden auf Erden. Und dass wir vertrauen dürfen, dass Gott diesen Frieden für uns vorgesehen hat. Diese Botschaft hat der Weihnachtsengel damals den Hirten auf dem Feld gebracht. Und sie gilt immer noch auch für uns. Diesen Traum hat Gasub Sirchan in dem Gedicht beschrieben. Die ersten beiden Strophen sollen diese Predigt beschliessen.

Gasub Sirchan: Der Engel

Ach, Mutter, im Traum
habe ich einen Engel mit weißen Flügeln gesehen,
der Gewehre zerlegt
und Kanonen zerschlägt,
sie alle in Brand setzt
und zu Asche werden lässt.

Ach, Mutter, im Traum
habe ich einen Engel mit weißen Flügeln gesehen,
er nahm die Asche in die Hand
verstreute sie im ganzen Land.
Und plötzlich begann die Asche zu leben,
als Taube am östlichen Himmel zu schweben!

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