Endstation Herrlichkeit

Liebe Gemeinde,

es gibt viele Lieder, die unser Leben mit einer Eisenbahnfahrt vergleichen. Vorne fährt, je nach Entstehungszeit des Liedes, entweder die gute alte Dampflokomotive oder der hochmoderne ICE. Da gibt es das Kinderlied »Steig aus, steig um, steig ein« oder den guten alten »Gospel Train«. Das sind Lieder, die alle einen Gedanken zum Inhalt haben: Unser Leben gleicht einer Eisenbahnfahrt. Entscheidend ist der Bahnsteig, an dem du eingestiegen bist. Sitzt du einmal im Zug, so gibt es zwar Umsteigmöglichkeiten, aber sie sind dünn gesät.

In welchen Zug bist du für dein Leben eingestiegen, der Zug in den ich eingestiegen bin hat wie bei Paulus die Endstation Herrlichkeit. Aber was ist das für ein Zug?

Paulus ist ehrlich. Er zeichnet uns nicht irgendein Bild von einer sanften Herrlichkeit, unterlegt mit Lobpreis Musik, sondern er kennt den harten Alltag eines Christenlebens. Am Schluss bleibt nichts übrig von einem Happy-Smily-Christentum oder einem „Nimms nicht so ernst“. Hier zeigt sich uns ein Paulus, der Angst hat – Angst vor Leiden, Angst vor dem Sterben! Er meint damit nicht die Angst, die doch manchmal den einen oder anderen packt, so dass er sich fragt: „Wo geht mein Leben hin?“ » Das wissen wir « beginnt Paulus. Er weiß, dass wenn sein jetziger Leib zerfallen wird, er ein festes Haus von Gott haben wird. Er weiß um das nicht von Menschen gemachte, ewige Haus im Himmel. Das ist seine Zuversicht. Und doch wird hier die Angst des Apostels ersichtlich: Am Anfang spricht er vom Zerfallen des Leibes und versteht darunter den menschlichen Körper im Sinne seiner Sterblichkeit. Er will nicht sterben, ihm wäre lieber, er könnte direkt, ohne den Tod in den Himmel: „Voll Verlangen sehnen wir uns danach, den neuen Leib anzuziehen wie ein Kleid, ohne daß wir vorher sterben müssen.“ Er wünscht sich nichts sehnlicher, als den leiblichen Tod nicht erleiden zu müssen und Jesu Wiederkunft miterleben zu dürfen, um so den Tod mit all seinen Schmerzen zu umgehen. Obwohl Paulus ganz genau weiß, dass seine Endstation die Herrlichkeit, die Gemeinschaft mit Gott und Jesus Christus ist, hat er doch große Angst vor dem Sterben. So kann nur jemand reden, der dem Tod mit all seinen Schmerzen ins Angesicht schaut. Da redet kein Mann am Schreibtisch von etwas, was er noch nie erfahren hat, sondern diese Worte spiegeln das Leben von Paulus wider. Diese Verse beschönigen nichts. Sie sind knallhart. Da bleibt nichts mehr übrig von einer Herrlichkeitsromantik, die den vorausgehenden Tod nicht bedenkt; das ist kein Geschwätz, das einfach so daherredend vom Tod als „Einschlafen“ spricht. Dem Tod ins Auge blicken ist Begegnung mit der Angst. Und diese Begegnungen hat Paulus in vielfältiger Art hinter sich. Er schreibt von Verfolgung, Unterdrückung, Bedrohung usw. Hierin finden sich die Auslöser seiner Angst. Das sind Leiden, die ihn das Leben kosten können.

Die Bibel zeigt uns kein heldenhaftes Sterbeverhalten wie im Western a la John Wayne, der den Kampf gegen alle aufgenommen hat und am Schluss kühl lächelnd im Kugelhagel seiner Feinde stirbt. »Darauf hat uns Gott vorbereitet, indem er uns als sicheres Pfand dafür schon jetzt den Heiligen Geist gab.« Gottes geschenkter Heiliger Geist ist die Ursache das Paulus und wir dem Tod ins Auge blicken können. Paulus kann nur eine solche Aussage treffen, Christen können in ihrem Sterben zu solchen Aussagen kommen, weil sie den Heiligen Geist haben. Gott hat uns den Heiligen Geist als Pfand gegeben, das die Endzahlung verbürgt und sicherstellt. Deshalb können wir ohne Schrecken der Wiederkunft Christi entgegenleben, weil wir verwandelt werden, sei es im Sterben vor der Wiederkunft Jesu oder in einem Nu bei der Wiederkunft Jesu. Paulus kann im Schrecken seines Sterbens getrost bleiben, denn er weiß: Wir haben ein festes Haus bei Gott, das ewig ist im Himmel. Mein Zug in Richtung Herrlichkeit, aber die Angst fährt mit, das ist mein erster Punkt. Diese Angst ist erlaubt. Ich brauche keine Angst vor meiner Angst zu haben. Es kommt auf die Blickrichtung an. Die Zugfahrt führt zum Leben, die Endstation heißt Herrlichkeit. Deswegen endet Paulus jetzt seine Blickrichtung. Es ist wie wenn unser Lebenszug durch einen langen Tunnel fährt. Die Angst verdunkelt unser Leben, aber wenn wir nach vorne schauen, sehen wir das Licht am Ende des Tunnels.

Es ist wie wenn nach stundenlanger Tunnelfahrt vorne, in weiter Ferne, ein helles Licht zu sehen ist. Wer einmal im St. Gotthard-Tunnel in einem Stau stand, kann dies gut nachvollziehen. Eben noch dachte man, dass diese Tunnelfahrt wohl nie ein Ende haben wird. Man hat sich derart mit seinen Gedanken an diesem dunklen Zustand festgesogen, dass man das Licht, aus dem man ja kam, gar nicht mehr als ein solches in Erinnerung hat. Was sieht man während einer Tunnelfahrt? Nicht viel. Nur die unmittelbare Umgebung. Und die sieht nicht vertrauenserweckend aus. Und nun sieht man in der Ferne diesen hellen Schein. Sofort kommen die Gedanken in den Sinn, die man mit diesem Licht verbindet. Mit einem Male spricht Paulus nicht mehr über Leiden und Todesangst, sondern – im Gegenteil – er kommt in der gleichen Situation zu einem ganz anderen Ergebnis.

»Deshalb sind wir jederzeit zuversichtlich, auch wenn wir Gott in unserem irdischen Leib noch nicht unmittelbar nahe sein können.« Was für ein Umschwung! Indem Paulus den Blick von der augenblicklichen Situation nimmt und auf das Ziel des Lebenszuges richtet, bekommt er eine neue Blickrichtung. Die Lage ist genau die gleiche geblieben. Die Ursache, dass Paulus nun guten Mutes sein kann, ist nicht, dass Leiden und Todesangst verschwunden sind. Sie sind immer noch da. Geändert aber hat sich die Blickrichtung. Nicht mehr das Leiden und die Angst stehen im Mittelpunkt seines Denkens, sondern die freudige Erwartung auf die Gemeinschaft mit Gott und Jesus Christus, für die es sich zu sterben lohnt. Paulus, der verzagte und ängstliche Paulus, kommt hier zu der Aussage: Ich will nach Hause, zur Endstation Herrlichkeit. Er ist sich seiner Sache sicher, obwohl er Gott noch nicht von Angesicht zu Angesicht sieht. Nicht das Schauen, sondern das Glauben macht’s: Nach dem Tod bin ich bei meinem Gott, weil ich jetzt schon in Christus lebe! Dies ist eine untrennbare Gemeinschaft, die uns auch im Tod nicht scheiden kann. Am Ende meiner Reise bin ich bei Gott! »Aber wir rechnen fest damit und würden am liebsten diesen Leib verlassen, um endlich ganz beim Herrn zu sein « Tod und Schmerz haben ihre Schrecken verloren, wenn ich mein Leben in der hand von Hand von Jesus Christus weiß. Diese Blickrichtung nach vorne verleitet den Paulus nicht zum Nichtstun. Weil er um das Ziel, um die bevorstehende Gemeinschaft weiß, gibt er noch einmal alles, was er hat. Nicht mein Wille, sondern Gottes Wille geschehe.

Wir wissen, wo das Leben ist – doch geben wir dieses Wissen auch weiter? Wenn Paulus vom ganzen Einsatz seiner Kräfte spricht, die Gott jetzt schon zukommen sollen, meint er natürlich auch Dank und Anbetung. Aber das ist doch nicht alles. Einsatz für Christus ist gerade dann, wenn Menschen aus dem Reich der Finsternis in das Licht treten. Des wegen haben wir gestern das Fest gefeiert, um uns auf ProChrist vorzubereiten und feiern heute Abend den Gottesdienst miteinander, um uns zu rüsten anderen Menschen von Endstation Herrlichkeit weiterzusagen.

Wir sind nicht diejenigen, die Menschen zur Nachfolge führen. Aber wir tun den Willen dessen, durch den wir gerettet wurden! Sehen wir nicht Das Gericht Gottes als Drohmittel. „Wenn du nicht seinen Willen tust, dann…“ oder: „Du musst so und so sein, sonst kannst du im Gericht Gottes nicht bestehen“ Das hat doch nichts damit zu tun, wie ich aussehe, wie groß oder klein ich bin, welches Geschlecht ich habe, wie meine Haare sind, welche Farbe sie haben oder ob ich einen Ohrring trage! Es hat mit der Frage zu tun, ob ich mein Äußerstes für sein Höchstes gegeben habe, weil er genauso sein Höchstes gegeben hat, nämlich sein Leben. Vor dem Gericht Gottes wird offenbar werden, in welchem Maße ich mein Leben für Gott eingesetzt habe, warum ich so oft geschwiegen habe, warum ich ihm zur Unehre geredet und gehandelt habe. Wenn diese Frage uns gestellt werden sollte, dann nicht, um über unsere Zugehörigkeit zu Gott zu entscheiden. So wird aus der Feststellung des Paulus keine Drohrede, sondern die Erinnerung an das Eigentliche. Denn »so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn errettet werde«! Hier schließt sich der Kreis der Gedanken von Paulus. Er hält deshalb nicht krampfhaft an seinem Leben fest, sei es in Angst oder Leiden, weil Jesus Christus für ihn der Weg, die Wahrheit und das Leben geworden ist. Und das ist ihm Triebkraft, in jeder Situation dem die Ehre zu geben, der von sich sagt: »Niemand kommt zum Vater denn durch mich – Jesus Christus. Diese frohe Botschaft muss hinausgerufen werden in das Dunkel der Nacht, in den Tunnel des Lebens, damit das ewige, nicht von Menschen erbaute Haus im Himmel voll werde – nach seinem Willen. Ein Haus für Gottes Kinder! Dort wird Gott uns jede Träne von unseren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz, denn das Erste ist vergangen. Wir sind zu Hause: Endstation Herrlichkeit.

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