Einer für alle

Liebe Gemeinde,

im Konfirmandenunterricht lasse ich manchmal eine kleine Geschichte "Die belagerte Stadt" als Rollenspiel von der Gruppe spielen. Der Inhalt ist kurz erzählt: Die mittelalterliche Stadt Trotzburg ist von den Hochbergern belagert. Sie beschuldigen die Trotzburger, einen Kaufmann ihrer Stadt umgebracht zu haben und fordern innerhalb einer Stunde die Auslieferung des Schuldigen. Gespielt wird nun die Beratung der fünf Beteiligten, in der entschieden werden muss, wer als Hauptschuldiger ausgeliefert wird. Da ist der Bürgermeister, der stets seine Stadtkasse prüft, der Arzt, der nur den eignen Bewohnern mit gutem Medikamenten hilft, da ist der Krankenpfleger, der nur auf Anweisung des Arztes tätig werden kann, da ist der Stadtwächter, der zwar den verletzten Kaufmann vor den Toren liegen gesehen hat, aber seinen Posten nicht verlassen darf, da ist der Schmied, der den Vorfall meldet, aber zwischen den Personen hin- und herrennen muss, bis endlich der verletzte Kaufmann hereingeholt wird, aber an den Folgen der schweren Verletzung durch einen Überfall stirbt. Soweit die Ausgangslage. Die Beratung der fünf Beteiligten bringt dann noch weitere Einzelheiten der Verstrickung in diesen Fall ans Tageslicht. Allerdings weigert sich jede beteiligte Person, sich den Hornberger ausliefern zu lassen, d.h. nämlich dem Tod ausgeliefert zu sein. Und jeder von ihnen hat seine Argumente, warum er eigentlich unschuldig an dem Vorfall ist, warum er für die Stadt unentbehrlich ist.

Sehr anschaulich können die Zuschauenden an der Beratung Verhaltensweisen erkennen, die in jeder Gruppe oder Gesellschaft ablaufen können, die aber in einer ausweglosen Situation wie in diesem Spiel besonders deutlich hervortreten. (Aus: Hans För, Spielend bei der Sache, Kaiser Verlag S. 67ff.) Einer für alle – so hat’s bei der Auswertung dieses Rollenspiels einmal ein Konfirmand ausgedrückt – sei eine prima Sache, wenn ich nicht der Eine, der Depp, bin.

Sie fragen sich, warum ich Ihnen das erzähle? Weil der heute Predigttext ebenfalls von einer Beratung erzählt, in der es um das Thema: "Einer für alle" geht. Die Ausgangslage: Ein großes Fest, das Passah, steht vor der Tür. In Jerusalem werden fünfmal soviel Besucher/innen erwartet als die Stadt Einwohner hat. Der Hohe Rat muss für die Sicherheit und Ruhe Vorkehrungen treffen. In frischer Erinnerung ist noch, wie die zu militanten Aufstand neigenden Galliläer die Römer proviziert haben, so dass diese brutal eingeschritten und ein großes Blutbad unter den Festgästen angerichtet hatten. Die Drohung, beim nächsten Mal noch grausamer zuzuschlagen, ja sogar die völlige Vernichtung des Staates Israels, Deportation aller Bewohner, Beschlagnahme allen Besitzes, hängt wie ein Damoklesschwert in der Luft. Dieser Drohung konnte der Hohe Rat nur durch vorbeugende Maßnahmen entgehen. Zumal auch dieses Jahr mit Unruhen zurechnen ist, wo dieser Nazarener mit so vielen spektatkulären Großaktionen Aufsehen erregt. In jüngster Zeit sogar einen Toten auferweckt hat.

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Unter den geschilderten Sachzwängen klingt der Rat des Kaiphas sehr staatsmännisch und weise: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe."(50) Daraus spricht Verantwortung: Damit alle gesichert werden, muss einer – aber eben ein anderer – geopfert werden. Wie in dem Rollenspiel der Konfirmanden wird deutlich: hier wird nach dem Grundsatz gehandelt: ein Sündenbock muss her. Und ich erinnere an die bewegten Zeiten der RAF, als der Präsident der Bundesverbände der Deutschen Industrie Martin Schleyer entführt wurde. Da galt es auch eine Entscheidung zu treffen: Darf der Staat den terroristischen Forderungen nachgeben, darf er das Leben eines Einzelnen auf das Spiel setzen? Und dahinter steht die Frage: Wieviel ist ein einzelnes Menschenleben wert? Und ich erinnere an die aktuelle Lage der von BSE betroffenen und MKS gefährdete Existenzlage der Bauern. Auch hier vollzieht sich die Entscheidung nach dem Sündenbock-Mechanismus.

Kehren wir nochmals zum Text zurück. Der Evangelist Johannes kommentiert die Entscheidung des Hohen Rates sogleich als eine unfreiwillige "Weissagung" für den Sühnetod Jesu: "Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, …" (V.51) Und ich erinnere an den Anfang des Johannes-Evangelium, wo er den Beschluss Gottes mitteilt: " Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3,16)

Zwei Beschlüsse – gefasst, um das Volk zu retten, doch aus zwei ganz unterschiedlichen Motiven heraus:

· der Beschluss des Hohen Rates beruht auf dem Interesse des Selbsterhaltung und braucht dazu das Opfer eines anderen.

· der Beschluss Gottes beruht auf seiner Liebe zu allen Menschen und verwirklicht sich in der Selbsthingabe Jesu.

Jesu Liebe zu seinen Freunden, zu allen Menschen durchbricht gerade den Sündenbockmechanismus. Jesus hält seinen Kopf hin für andere, für mich und das nicht gezwungener Maßen, sondern freiwillig im Gehorsam gegenüber Gott, seinem Vater, und in Liebe zu uns. Und ich erinnere: Im Juli 1941 wurden bei einem Apell vor dem KZ-Kommandanten Fritsch zehn Männer ausgesondert, die als Strafaktion wegen der Flucht eines Gefangenen in den Hungerbunker eingeschlossen werden sollten. Einer der Ausgesonderten, Franz Gajowniczek, schrie laut auf und erinnerte unter Tränen an seine beiden Söhne; der am Appell teilnehmende Pater Maximilian Kolbe trat hervor und bot sein Leben für das des Familienvaters, Fritsch akzeptierte. Kolbe wurde also in den Hungerbunker gesteckt, tagelang habe man ihn singen und beten gehört. Nachdem die anderen neun Leidensgenossen schon verhungert waren, Als Kolbe aber noch wenige Lebenszeichen von sich gab, verabreichte der Lagerhenker ihm schließlich eine Giftspritze, was den endgültigen Tod bedeutete. Einer tritt für einen anderen ein – rettet einem Familienvater das Leben.

Das gibt es auch heute noch, sagt eine Jugendliche, nicht nur bei Jesus, im Krieg oder bei den Musketieren. Wo z.B.? fragen die anderen und sie erzählt von einem brennenden Haus, da ist noch ein Kind drin, einer der Feuerwehrmänner rennt rein, holt es heraus, es lebt, aber der Helfer erliegt den schweren Verletzungen, die er sich dabei zugezogen hat. Einer für alle – das ist das Geschenk Gottes an uns. Jesus gibt sich nicht nur für einen Menschen hin, sondern für uns alle. Johannes erinnert also daran: Nicht wir lieben und dienen Gott und verdienen uns mit frommen Leistungen und Opfer seine Liebe , sondern umgekehrt: " Laßt uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt." (1.Joh 4,19) Heute wollen die Katechumenen mit ihrer kleinen Aktion: Gemeinsam für Menschen Aktion 111 darauf aufmerksam machen, aus welchen Geist heraus sie denken, reden und handeln wollen. Aus dem Geist Jesu, der die Not andere sieht und nicht übersieht, der sich dorthin wendet, wo Menschen auf Hilfe warten. Doch davon werden sie selbst gleich noch etwas erzählen.

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