Eine Straße durch die Wüste

Mit diesem Heilswort beginnt ein unbekannter Prophet zu uns zu reden. Wir nennen ihn Deuterojesaja oder den Zweiten Jesaja, weil seine Worte an das Jesajabuch angehängt worden sind. Unter den Propheten ist er der große Tröster. Deuterojesaja spricht zu einem Volk, das den völligen Zusammenbruch hinter sich hat. Dieses Volk ist von übermächtigen Feinden besiegt worden. Seine Städte sind verbrannt und das Land verwüstet worden. Er wirkt unter den deportierten Judäern in Babylon.

Hat Gott das zerschlagene Volk aufgegeben und gar vergessen? – Nein! – Er nennt es wieder: mein Volk, so wie einst, als Gott ihm zusagte: Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein! Jerusalem, einst die Stadt des Königs und des Tempels, ist bis heute ein Symbol für das ganze Gottesvolk. Gottes Worte sollen Jerusalem "zu Herzen" gehen und es nachdenklich machen, denn seine Schuld war groß. Und sie soll nicht unter den Tisch gekehrt werden oder gar bagatellisiert werden. Nun ist die Schuld abgezahlt worden; sie ist getilgt durch eine doppelt harte Strafe. Und das Volk der Judäer erhält Trost. Allerdings sind dies keine guten Worte, die über das Unabänderliche hinweghelfen sollen.

Wenn Gott tröstet, wird alles neu. Er richtet sein Volk wieder auf. Das Ende der babylonischen Herrschaft steht bevor. So können die Judäer damit rechnen, dass die Zeit ihrer Leiden in Kürze vorbei sein wird. Die Heimkehr aus der Verbannung ist nicht mehr fern. Gott selbst will voran ziehen, schon wird der Befehl, durch die Wüste eine Triumpfstraße zu bauen, erteilt. Gott kehrt zurück mit seinem Volk und zu ihm; ein Neubeginn steht vor der Tür. Gott kommt! Diese Erfahrung unseres Glaubens ist der Mittelpunkt des biblischen Zeugnisses von Gott. Dabei liegt Gottes Zuwendung, die sich in seinem Kommen äußert, außerhalb unseres vernunftmäßigen Denkens. Das Verhältnis zwischen göttlicher Allmacht und menschlicher Ohnmacht bleibt dabei bestehen. Gottes Zuwendung ist stärker als alle Versuche von uns, dieses Verhältnis umzudrehen. Es gibt keinen Weg zu Gott; aber es gibt einen Weg Gottes zu uns.

Gott will selbst kommen und uns begegnen. Er will uns alle nach Hause mitnehmen. Schnurgerade durch die Wüste, nicht am Wasser des Meeres entlang, denn das wäre eine viel zu lange Wanderung. Und das Kommen Gottes geschieht im Rahmen der Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen, die wir durchlaufen. Gott kommt nicht mit seiner blendenden Übermacht, sondern er offenbart seine Herrlichkeit in der Geschäftigkeit des Alltags. Er kommt als Mensch, als Kind in der Krippe. So erweist Gott seine Macht. Nicht der Mensch wird zu Gott erhoben, sondern Gott wird Mensch. Er kommt in irdischer Bekleidung. Diese adventliche Botschaft, liebe Gemeinde, ist uns seit Kindheit vertraut. Doch fällt uns ihre Annahme als Lebenshilfe immer wieder schwer. Tröstet sie uns in der Einsamkeit des Todesschmerzes? Trägt sie uns in Situationen des Zweifels, der Verzweiflung und der Gottesferne?

Und doch, so denke ich, bedarf es einer immer sich wiederholenden Übung unseres Glaubens, um den Trost, den der heutige Predigttext zuspricht, erfahren zu dürfen. Auch wenn wir denken, keinen Weg mehr vor uns zu haben, Gottes Weg zu uns bleibt offen. Er ist bei uns in allem, was auf uns zu kommt, weil er unser Leben zu seinem Leben gemacht hat. Und unsere Bereitschaft zum Empfang Gottes sowie unser Jubel über die freudige Botschaft seines Kommens, sind die Antwort unserer Gemeinde auf das Evangelium vom Kommen Gottes.

Wie steht es damit hier vor Ort, wie steht es damit bei uns selbst? Unsere Adventslieder fordern zwar zu jauchzender Freude und dankbarem Jubel auf; aber stimmt die Gemeinde zeugniskräftig in diesen Jubel ein? Oder sind die Adventslieder zu literarischen Texten geworden, die schon lange nicht mehr der Ausdruck eigener Ergriffenheit sind? Verblasst etwa die Freudenbotschaft vom Kommen Gottes hinter unseren großen und kleinen Sorgen? Wir feiern Advent, und es ist alles andere als Advent. Wir bereiten uns auf Weihnachten vor, und es ist alles andere als Weihnachten. Wir haben einen Adventskranz in der Wohnung und es kann sehr stimmungsvoll und traulich sein, so dass uns zum Weinen zu Mute ist – und doch gibt es kein Adventsfeiern. Wir müssen wissen, was wir tun. Wir können nicht Arzt spielen, wir sind Arzt. So können wir nicht Advent spielen, sondern wir feiern Advent, die Ankunft Gottes, seines eingeborenen Sohnes Jesu Christi. Dies ist die Tatsache, dass er auf uns zukommt und wir ihm hellwach auf ihn zugehen. Advent ist ein "Fertigmachen", ein Sicheinstellen auf einen langen Weg und auf eine Entscheidung. Viele von uns feiern allerdings Advent so, dass sie sich in eine Stimmung einlullen lasen. Und das ist, so denke ich, recht gefährlich.

Liebe Gemeinde, es mag schon stimmen, dass wir einfach keine Zeit mehr haben Advent besinnlich, wie in früheren Zeiten zu feiern. Ist unsere Sehnsucht nach der Zeit innerer Einkehr und Besinnlichkeit überhaupt noch vorhanden oder gar noch angemessen?, wo wir doch alles erdenkliche tun müssen um den Stand unseres Existenzminimums zu halten. Gott selbst will kommen und uns begegnen. Die Aufforderung, Gott eine Straße durch die Wüste zu bauen, gilt denen, die sich von der Botschaft seines Kommens ergreifen lassen. Damit sind, ebenso wie zur Zeit des Propheten die Judäer in Babylon oder in Jerusalem, aber auch wir damit gemeint. Wir sollen, so denke ich, Bedingungen schaffen, die Gott bei seinem Kommen erwartet: Unebenheiten glätten und das Krumme gerade richten. So ernst ist Advent und es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Art und Weise, wie wir feiern, ganz neu zu überdenken.

In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.

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