Eine Pubertätsgeschichte

Ökumenischer Kirchentag in Berlin 2003: Menschen begeben sich auf die Suche unter dem Leitwort ‚Ihr sollt ein Segen sein‘. Viele Jugendliche und junge Erwachsene werden dabei sein. Sie werden in Schulen übernachten, im Schlafsack auf dem Boden schlafen. Sie werden gemeinsam Bibelarbeiten besuchen, Diskussionen hören und mitreden, auf dem Markt der Möglichkeiten sehen, wie andere Menschen versuchen ihren Glauben zu leben. Sie werden – hoffentlich – Impulse für ihr eigenes Glaubensleben finden und mit neuen Ideen und Plänen heimkehren. Mit manchem werden sie auf wenig Verständnis stoßen. Aber vielleicht werden wir mindestens zuhören und mit denken.

So etwas wie ein Kirchentag im alten Palästina waren die Wallfahrten nach Jerusalem. Die jährliche Wallfahrt nach Jerusalem gehört zu den religiösen Pflichten der jüdischen Männer, die es sich leisten können. Es war üblich, dass auch Frauen und Kinder sich an diesen Reisen beteiligten. Sie zogen gemeinsam in einer großen Karawane nach Jerusalem zum Tempel. Dort trennte man sich in Kleingruppen, um zu opfern, aber auch um sich zu treffen. In der Vorhalle des Tempels saßen Rabbinen, die um Schüler warben und öffentliche Diskussionen anboten. Dort spielt auch die Geschichte aus Jesu Jugend (mit 12 Jahren war man damals an der Grenze zum Erwachsen-Sein).

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Das erste Mal im Lukas-Evangelium wird Jesus aktiv. Nach der langen Geburtsgeschichte, bei der er im Mittelpunkt stand, aber nichts tat, wird er nun zum Handelnden. Das steht ihm zu. Er wird erwachsen. Alte Erzähltraditionen haben aus dem 12-jährigen Jesus den niedlichen Knaben gemacht, der altkluge Sprüche klopft. Dabei wurde vollständig übersehen, dass damals 12-jährige an der Schwelle zum Erwachsen-Sein standen. Es ist ja merkwürdig. Auch wenn mitteleuropäische Kinder unseres 21. Jahrhunderts mit 12 Jahren körperlich oft schon fast erwachsen sind, bleiben sie doch Kinder. Zu anderen Zeiten war das anders. Es ist heute noch anders auf anderen Kontinenten. Da nehmen Kinder selbstverständlich Verantwortung wahr für die Ernährung der Familie, für das Hüten der Schafe oder die Erziehung der kleinen Geschwister. Das war auch schon im alten Israel so. Der kleine David hütete die Schafe. Das Datum 12 Jahre markiert den Abschluss der Kindheit Jesu. Samuel und Daniel werden in diesem Alter zu Propheten, Salomo wird mit 12 König.

Der 12-jährige Jesus war ein Heranwachsender. Er war auf der Suche nach seiner eigenen Rolle, nach seinem Wert in der Gesellschaft. Es geht nicht um irgendeinen Pubertätskonflikt oder gar um das Eltern-Kind-Gebot, das man hier moralisch auslegen könnte. Jesus ist hier weder der ungezogene Junge, noch der fromme Musterknabe. Es ist der erwachsen werdende junge Mann, der seine Wurzeln sucht und spürt, dass er bei dieser Wurzelsuche auch Einiges hinter sich lassen muss.

Gehorsam gegenüber Gott und Leben in der Familie: beides gerät auch mitunter in Konflikt – dieser Konflikt der Loyalitäten darf nicht verdrängt werden, sondern will gelebt werden. Und genau das lebt Jesus. Das erlebt er hier und verwirklicht es. Er sagt seiner Mutter Maria, dass hier der Punkt gekommen ist, wo die Frage Gott oder Menschen ernst genommen werden will – und er geht mit ihr heim, weil er spürt, dass er noch nicht so frei ist, wie später als er sie einfach wegschickt.

Aber er trifft trotzdem eindeutige Entscheidungen: ‚Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?‘ er sagt mein Vater – er legt eindeutig fest, wo er hin gehört. Er nimmt damit Marias Worte‚ dein Vater und ich haben dich gesucht‘ auf und wertet den Unterschied zwischen Vater und Vater, zwischen zeitlicher Autorität und ewiger Autorität.

Er ordnet sich allerdings auch ein und geht mit nach Nazareth. Allerdings verschwindet Joseph von nun am im Nichts. Er taucht in den Evangelien und der Heilsgeschichte nicht mehr auf.

Eine Pubertätsgeschichte zu Beginn eines Jahres, das kann für uns als Kirche wichtig sein: man sollte seine Wurzeln, seine Geschichte kennen, aber auch bereit sein, sich von dem zu lösen, was wie eine Kette am Fuß einen hindert, den nächsten Schritt zu tun.

An der Schwelle des Neuen Jahres. Wer sein will in seines Vaters Haus muss auch schon einmal Vater und Mutter verlassen. Kirche, die sich erwachsen ihrem Glauben und der Jetzt-Zeit stellen will, muss auch manchmal die Tradition, das Erbe der Mütter und Väter, hinter sich lassen. Wichtig ist dabei, dass sie dabei wie Jesus im Tempel lernt zu hören und zu fragen. Es geht um den Glauben und nicht darum, irgendwelchen Moden zu gehorchen.

Eltern haben ihr Kind verloren – und finden den Sohn Gottes. Darum geht es auch für uns. Wir müssen akzeptieren, dass sich mit der Zeit einiges wandelt. Erst wenn wir das wirklich ernst nehmen, werden wir unseren Glauben finden – täglich neu.

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