Eine Möhre für den Esel

Liebe Gemeinde,

kennen Sie den Trick, wie man einen störrischen Esel zum Laufen bringt? Also das geht so: Der Esel bekommt eine Rute über den Kopf gelegt, die erst ein ganzes Stück vor seinem Maul endet. Dann bindet man vorn an der Rute eine Mohrrübe an – in einem Abstand, dass der Esel sie ganz knapp nicht erwischen kann. Weil er sie aber doch fressen will, wird er versuchen, ihr nachzulaufen, schiebt sie aber mit der Rute immer nur vor sich her. – Alter Bergbauerntrick. – Nun denkt sich der Mensch: Ja, wenn der Esel eine Mohrrübe braucht, damit er ein guter Esel ist, brauchen wir vielleicht auch eine Art Mohrrübe, damit wir gute Menschen sind. Und so, liebe Gemeinde, erfanden sich die Menschen ihre geistigen Mohrrüben, nämlich das, was wir unsere "Ziele", "Vorsätze" oder am liebsten "Werte" nennen.

Die Gesellschaft scheint ja ganz wild nach diesen Werten zu sein: Selten sind sich die politischen Parteien so einig, wie wenn es darum geht, zu betonen, dass wir uns wieder viel mehr auf Werte zu besinnen hätten. Insbesondere die Jugend muss wieder Werte vermittelt kriegen! So hört man allerorten. Und die Kirche in unserem nachchristlichen Zeitalter, sie freut sich, dass die Gesellschaft so nach Werten lechzt, denn endlich kann sie zeigen, wie unentbehrlich sie ist. Endlich kann sie ihre "christlichen Werte" anbieten und tut es auch. Ob es wirtschaftliche oder soziale Probleme sind, ob es um neue Möglichkeiten der Gentechnik geht, sofort ist die Kirche auf dem Plan und fordert die Politik auf, christliche Werte durchzusetzen.

Jetzt fragen Sie vielleicht: Ja was sind denn diese christlichen Werte, was ist ihr Inhalt? – Auch da ist man sich schnell einig und greift immer wieder auf einen der bekanntesten Bibeltexte zurück, der heute unser Predigttext ist. Und zwar tut dies nicht nur die Kirche, sondern auch die Öffentlichkeit: Als vor einem Monat die schrecklichen Terror-Anschläge in Amerika waren, titelte unser Regensburger "Blitz aktuell" fett weiss auf schwarz: Du sollst nicht töten! [Zeitung herumzeigen] – Unser Predigttext steht im 2. Buch Mose im 20. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde: Sind die Zehn Gebote christliche Werte? – Dafür müssen wir zwei Fragen klären: 1. Sind die Zehn Gebote christlich? Und 2.: Was ist überhaupt christlich?

Die Zehn Gebote, liebe Gemeinde, gibt es in dieser schriftlichen Form, wie wir sie haben, ungefähr seit dem 6. Jh. vor Christus. Sie sollten eine Art Grundgesetz für das öffentliche Leben im alten Israel sein. Da ist doch die Frage erlaubt: Wie kommen wir darauf, dass die Zehn Gebote auch für uns gelten? Wir leben doch nicht im alten Israel, gehören auch nicht zu diesem Volk und wir haben für unser öffentliches Leben ein sehr viel fortschrittlicheres Grundgesetz. – Warum also sollen Konfirmandinnen und Konfirmanden heute noch die Zehn Gebote lernen?

Martin Luther antwortete auf die Frage, ob die Zehn Gebote auch für uns gelten, so: "Also halt ich die Gebote, die Moses gegeben hat, nicht darum, dass Moses sie geboten hat, sondern darum, daß sie mir von Natur eingepflanzt sind und Moses gleich mit der Natur stimmt." (nach WA 16, 380) Also das gilt es sich klarzumachen: Luther ehrt und hält die Zehn Gebote, nicht weil sie jüdisches Gesetz sind – denn dann gehen sie ihn nichts an. Schon gar nicht ehrt er sie, weil es christliche Gebote sind, Christus kam erst 500 Jahre später. Ja Luther spricht nicht einmal von Gottesrecht, sondern von Naturrecht. Der Mensch weiss von Natur aus, dass er tun soll, was die Zehn Gebote sagen. – Wenn das aber so ist, dann müssten doch auch von Natur vernunftbegabte Nichtchristen so etwas wie die Zehn Gebote haben und einsehen können. Und genau so ist es auch, wie man wiederum "Blitz aktuell" entnehmen kann. (Zeitung wieder hochnehmen). Da ist neben "Du sollst nicht töten!" eine Sure aus dem Koran abgedruckt, die auf andere Art dasselbe sagt; ich will einmal vorlesen: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten." (Sure 5,32)

Aus anderen Religionen liessen sich ebenso Parallelen finden. Ebenso in vielen Philosophien. – Auch das erste Gebot "Du sollst keine anderen Götter haben!", von dem unsere Öffentlichkeit erstaunlich wenig wissen will, – ist nicht speziell christlich, sondern gilt bei allen Menschen, die erkennen, dass ihr Leben von dem einen Schöpfer herkommt. Zumindest Judentum, Christentum und Islam teilen dieses Gebot.

Wir können festhalten: Besonders christlich scheinen die Zehn Gebote gar nicht zu sein. Aber was ist denn speziell christlich? Prüfen wir das doch einmal am Naheliegendsten: Wir sind hier in einer christlichen Kirche zusammengekommen: Und woran erkennt man das? An irgendwelchen christlichen Werten nach Art der Zehn Gebote? Nein!

Aber hier vorne sehen wir den Taufstein. Er steht da, weil Gott uns von Kind an unter seine Gnade stellen will. – Dort drüben sehen wir die Osterkerze, Symbol für den Auferstandenen, der unsere Angst und Finsternis überwindet und der lebendig wie die Kerzenflamme unter uns ist. – Der Auferstandene aber ist der Gekreuzigte, wie wir ihn auf dem Altarbild sehen: Christus hängt da, weil er verstanden hat, dass die Liebe nur eine Antwort auf die Sünde kennt: Sich ganz Gott auszuliefern. – Und die Kraft, die Gott aus dem Sterben seines Sohnes erwachsen liess, die verteilt Christus an uns weiter im Sakrament des Altars, dem Abendmahl. – Soweit, liebe Gemeinde, kurz zusammengefasst, das, was offenbar das speziell Christliche ist. Aber nun die spannende Frage: Sind das – Christus und sein Werk, Taufe und Abendmahl – sind das Werte? Kann man sich das vor die Nase halten und hinterherlaufen, um es zu erhaschen? Nein! Das wäre pures Missverständnis, denn in dem allen tut ja Gott etwas an uns! Christus ist der gute Hirte, der uns, den entlaufenen Schafen nachläuft. Er gebietet zu taufen, er stiftet das Abendmahl, um uns zu ihm zu holen, um uns bei ihm zu halten. Christen sind wir und Christinnen, wenn wir sagen: Ja, ich brauche das, was Christus hier und hier und hier tut, ich brauche es gegen meine Schuld, gegen meinen Ehrgeiz; ich brauche Ihn, damit ich wirklich ich sein kann.

Nun halten wir zwei Dinge fest: 1. Die Zehn Gebote sind nicht speziell christlich – und 2. das Christliche besteht überhaupt nicht in Werten. Daraus folgt: Es gibt überhaupt keine christlichen Werte! Es mag wohl Werte geben und die dürfen und können uns auch etwas wert sein. Aber es gibt keine christlichen Werte!

Was dagegen Christus sagt, haben wir in den Lesungen gehört: Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung! Die Liebe tut von selbst, was die Gebote fordern; und sie tut noch viel mehr. Sie erfüllt nicht nur Pflichten, sie gibt immer noch mehr, weil sie von Herzen gibt.

Liebe Gemeinde, jetzt vermute ich zwei Entgegnungen bei Ihnen, die es ernst zu nehmen gilt: Einige von Ihnen sagen jetzt vermutlich: Ja, eben die Liebe! Das ist eben der christliche Wert; der höhere Wert, der über den anderen Werten steht! Diesen Wert müssen wir hinaus tragen! – Und dann, vermute ich, gibt es die anderen, die meinen: Ach, die Liebe, das ist ja ein sehr schönes Wort. Aber so unkonkret und schwammig. Wenn wir auf Liebe setzen, weiss doch wieder keiner, was man konkret tun soll. – Beiden Meinungen, liebe Gemeinde, liegt sicherlich daran, ernsthaft christlich zu leben. Dennoch schlagen beide falsche Wege ein. – Fangen wir mit der ersten an, die sagt, die Liebe ist ein Wert. – Die Liebe ist gerade kein Wert! Wer Werten folgt, guckt stur geradeaus auf seinen Wert wie der Esel auf die Mohrrübe. Da werden Werte oft wichtiger als Menschen. Sie können das an vielen Hollywood Filmen beobachten: Wie viele davon wollen uns sagen, dass es das höchste ist, sich und andere für Werte wie Freiheit, Ehre, Vaterland, Familie zu opfern. Das schlimmste Beispiel, das ich kenne, lief erst vor zwei drei Monaten im Kino: Der Film "Sweet November". Ein völlig gestresster Jungmanager verliebt sich in eine schöne junge Frau und sie verleben einen wunderschön verliebten Monat. Doch dann kommt für den Mann völlig unerwartet heraus, dass die Frau schwer krebskrank ist und bald sterben wird. Er ist entsetzt, will ihr aber beistehen und sie begleiten. Und was passiert dann? Sie fleht ihn an, er soll sie doch verlassen, damit er sie so in Erinnerung behält, wie er sie kennengelernt hat. Und in der herzergreifenden Schluss-Szene verbindet sie ihm die Augen und verlässt ihn, um zu sterben und er lässt sie los, damit er sie gesund in Erinnerung behält. Liebe Gemeinde, als Liebe wird das verkauft, aber in Wirklichkeit wird hier die echte Liebe den Werten: Jugend, Kraft und Schönheit geopfert. Dabei ist nichts gegen Jugend, Kraft und Schönheit einzuwenden, aber als Werte genommen, wenden sie sich gegen die Liebe zum Menschen. Aber die erträgt eben auch den schwachen, den kranken Menschen. Was ich damit sagen will: Werte sind gefährlich. Sie sollen eigentlich dem Menschen dienen. Aber allzu schnell muss dann der Mensch den Werten dienen.

Ganz anders dagegen ist die Liebe, die Gott uns erweist und zu der er uns befreit, dass auch wir lieben. – Für Liebe kann man nicht kämpfen, Liebe kann man nur üben – und zwar an anderen Menschen. Deshalb hetzt die Liebe auch nicht stur geradeaus, sondern sie beugt sich links und rechts zu den Menschen. Die Liebe weiss nicht schon immer im Voraus, was zu tun ist. Sie lässt sich rufen von den Menschen, die ihr begegnen.

Nehmen Sie als Beispiel die berühmte Geschichte vom Barmherzigen Samariter: Ein Mann reist durch die Wüste und wird von Räubern halbtot geschlagen. Ein Priester kommt vorbei, sieht den Verletzten liegen, geht weiter. Dann kommt ein Levit, ein Tempeldiener, geht auch vorbei. Beide laufen eben wichtigeren Werten nach. Sie haben ihren Dienst am Tempel zu erledigen, da muss alles perfekt sein und da können sie sich jetzt leider nicht um diesen stöhnenden Unbekannten kümmern, der wahrscheinlich sowieso stirbt. – Von Natur aus – denken Sie zurück an Luther – von Natur aus wissen sie bestimmt auch, dass sie helfen sollten, aber sie entscheiden sich dagegen. Sie entlasten sich damit, dass sie eben für Wert-volleres unterwegs sind.

Nicht so der Samariter, der als letzter vorbei kommt: Er kommt und sieht den Verletzten. Er weiss, dass dieser Mann Hilfe braucht und dass ausser ihm keiner da ist und also hilft er. Nicht weil er sich vorgenommen hat, ein guter Mensch zu sein; nicht weil er gerade Zeit hat, sondern weil er bereit ist. Und das ist die Liebe.

Damit ist auch dem zweiten Einwand begegnet, den ich unter Ihnen vermutet habe: Dass die Liebe zu schwammig sei für konkretes Handeln. Der barmherzige Samariter zeigt, dass eben gerade nur die Liebe konkret hilft und sie braucht dazu keine Gebotsliste, keine Anleitung. – Aber, liebe Gemeinde, wenn ich schon Ihre Einwände entkräfte, dann darf ich als Prediger nicht schuldig werden und die Wirklichkeit einfacher machen als sie ist. Denn in Wirklichkeit sind lang nicht alle ethisch-moralischen Entscheidungen so klar wie bei barmherzigen Samariter. Wenn es um Gentechnik geht oder um Stammzellenforschung oder darum, wie man angemessen auf den Terrorismus antwortet – dann langt Liebe allein zugegeben nicht aus, um richtig zu handeln. Aber in diesen müssen wir Christen trotzdem vor Werten warnen; vor Werten, die immer im Voraus wissen, was gut ist. Als Christen haben wir auch da die Liebe zu verteidigen, die sich nicht mit Werten verbündet, sondern höchstens mit Sachwissen. Um zu entscheiden, was Gentechnik darf und was nicht; was Terrorbekämpfung darf und was nicht, brauche ich Wissen darüber und dieses Wissen kann ich dann in Liebe auf den Einzelfall anwenden. Das ist überhaupt etwas, was die Liebe von Werten unterscheidet: Die Liebe kümmert sich immer um den Einzelfall; die Werte wollen immer nur um Dinge an sich: Freiheit an sich, Gerechtigkeit an sich usw.. Sie sehen also, liebe Gemeinde, die Liebe in diesem hohen christlichen Sinn, die Liebe, die des Gesetzes Erfüllung ist, hat wenig mit Gefühl und Verliebtsein zu tun, dafür aber sehr viel mit Wollen und Verantwortung.

Kehren wir zum Schluss zu den Zehn Geboten zurück: Luther hat uns durch seine Auslegung im Katechismus gezeigt, wie die Zehn Gebote recht christlich zu verstehen sind: Als Anleitung zur Liebe! Darum legt Luther etwa das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten! so aus – ich lese das auch einmal vor: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten." Also nicht nur das Schlimmste unterlassen, sondern Gutes tun. – Wenn man die Zehn Gebote als Werte versteht, hat sich in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter niemand gegen das fünfte Gebot versündigt: Die bösen Räuber haben den Reisenden zwar verletzt, aber nicht getötet. Und der Priester und der Levit haben ihm zwar nicht geholfen, ihn aber auch nicht getötet. Sie können also abends brav bei sich abhaken: Fünftes Gebot – heute wieder nicht übertreten!

Wenn aber nur die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, dann hat eben nur der Barmherzige Samariter das fünfte Gebot gehalten. Nicht weil er sich vorgenommen hat: Ich muss heute wieder die Zehn Gebote halten!, sondern einfach weil er bereit war für seinen Nächsten.

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