Eine harte Rede

Bußtag: Der Tag, in sich zu gehen. Nicht der Tag mit allen 10 Fingern auf die anderen zu schauen: erst müssten die sich ändern, sondern in den Spiegel: erst muss ich mich ändern.

Buße und Umkehr gehören seit Johannes dem Täufer untrennbar zusammen. Buße ist der erste Schritt, der von dem zweiten nicht zu trennen ist. Buße tun, heißt nicht einfach etwas zu bereuen, sondern auch etwas zu tun, dass geschehenes Unrecht nicht weiter geschieht oder rückgängig gemacht werden kann.

Bußtage waren früher nicht kalendarisch geordnete Tage, sondern sie waren oft relativ spontan eingesetzte Reaktion auf erlebtes Unglück, auf Missernten oder Niederlagen. Oft von der Obrigkeit spontan angeordnet. Man kam zusammen, um die eigene Schuld zu bekennen, und um Gott um Vergebung, Versöhnung und um eine positive Zukunft zu bitten. Im Alten Israel war das ein rauschender Gottesdienst. Die Opferaltäre hatten Hochbetrieb, die Menschen drängelten sich, die Pflanzen am Rande wurden zertrampelt, ein lebhafter Handel mit Opfergaben, aber auch mit allem anderen, Andenken, fromme Figuren oder Lebensmittel war zugange. Es war ein riesiges frommes Spektakel – und mitten in dieses Spektakel hinein kommt der Prophet Jesaja. Er hat eine Botschaft von seinem Gott, die er lautstark verkündet.

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Eine harte Rede, viele werden erst einmal geschluckt haben, die Tempelwache hat wohl zugegriffen und diesen Störenfried verhaftet. Aber wie das manchmal geschieht mit fundierter ehrlicher Kritik: Den Kritiker kann man kalt stellen (auch das ist bei Jesaja nicht gelungen), die Kritik aber nicht. Bei mir bleibt die Frage: wer hat warum diese Kritik bewahrt und überliefert?

Kann es vielleicht sein, dass sich bald nach diesem unangenehmen Auftritt des Propheten eine Gruppe gründete, die spürte, dass etwas neu werden müsste in Israel im Volk und in seinem Glaubensleben. Und das Wunderbare geschah zumindest, dass diese Rede des Propheten heute noch vorkommt in der Reihe der vorgeschlagenen Predigttexte. Vielleicht hat da eine Kommission die Hoffnung doch noch nicht aufgegeben, dass etwas neu werden kann, bei uns in unserer Kirche, im Leben unserer Gemeinde. Etwas, das vielleicht auch über das hinausgeht, was wir in unserer Umfrage im Sommer von ihnen wissen wollten? Da ging es vor allem um Abläufe und Gestaltungselemente. Aber da muss doch noch mehr sein.

Ich persönlich möchte mich ja nicht mit den Beschimpften vor 2700 Jahren identifizieren lassen. Oder klebt vielleicht doch Blut an meinen betenden Händen? Mindestens anhören muss ich mir die Kritik noch heute. Diese Kritik, die tiefer geht:

Hier wird nicht der Gottesdienst kritisiert, auch nicht seine Auswüchse und seine Nähe zu Jahrmarkt und Einkaufscenter. Damit hätten wir ja heute keine größeren Probleme mehr. Hier wird die Frage gestellt nach der Verbindung von Gottesdienst und Alltag. Wo bleibt in Eurem Alltag Gottes Recht, das den Armen schützt und gegen Unterdrückung angeht. Wo tut ihr alltäglich Gottes Recht? Soziales Fehlverhalten ist eine Schuld vor Gott, die Gottesdienste kaputt macht, die sie mitunter unmöglich macht. Damals kam diese Ansprache recht allgemein daher – an alle, obwohl die Angesprochenen wohl nicht direkt Unterdrücker sind, sonst würde man sie nicht so direkt anreden: helft den Unterdrückten,‘ aber sie tun auch nichts gegen Unterdrückung in ihrer Gesellschaft. Durch Nichts-Tun werden sie zu Duldern der Unterdrückung. Sie tragen das Fehlverhalten, das in ihrer Gesellschaft an der Tagesordnung mit – vielleicht auch nur durch Schweigen. Solches Schweigen macht den Gottesdienst kaputt, weil es die Existenz Gottes leugnet. Die Gottesdienste werden nicht abgelehnt, weil etwas an ihrer Struktur falsch wäre, sondern weil die Einstellung nicht stimmt.

Ein Gottesdienst kann negativ werden, wenn er zur Routine erstarrt, wenn er seinen Finger nicht mehr in Wunden legt und wenn er Gläubige nicht mehr ermutigt, gegen das Unrecht aufzustehen. Gerade zum Buß- und Bettag gehört Beides: mein eigenes Tun zu bedenken und vor Gott zu bringen und zu überlegen: Was tun wir als Gemeinde Jesu Christi, das sein Wort Geltung bekommt in der Welt, in der wir leben.

Für mich steht diese Frage in großer Nähe zum Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945: „wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Ich schaue in den Spiegel und sehe meine Schwachheit, ich schaue in die Bibel und sehe mein Versagen. Dort höre ich aber auch schöne Worte, die mir Mut machen, Mut aufzustehen und weiterzugehen, zu tun, was ich kann und das Andere in die Hände Gottes legen. Ich höre von der Liebe Gottes, mit der er uns immer sucht. Der Vers nach unserem Predigttext lautet:

18 So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.

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