Eine Geschichte aus dem Jahre 27

Liebe Gemeinde,

ich möchte ihnen heute eine Geschichte erzählen. Die Geschichte spielt am See Genezareth so ungefähr im Jahre 27.

Am späten Vormittag bewegen sich zwei Fischerboote langsam aufs Ufer des Sees zu. Müde Männer sitzen an den Rudern. Die Nacht war lang. Eigentlich hätten sie schon vor Stunden zurück fahren sollen. Aber sie haben wieder nichts gefangen. So sind sie länger draußen geblieben. Aber es hat nichts genützt. „In zwei Monaten wird der Steuereintreiber vorbeikommen. Und was dann?“ denkt Simon. Jakobus überlegt: „Was ist wenn wir nicht zahlen können? Wird er meine jüngste Tochter mitnehmen und als Sklavin verkaufen? Oder das Boot?“ Besorgte Gesichter. Die Boote legen an. Die Männer nehmen die Netze heraus und beginnen den Seetang und die Wasserpflanzen, die sich darin verfangen haben, zu entfernen.

Vom Dorf erheben sich laute Stimmen. Eine große Menschenmenge bewegt sich Richtung See. „Wo laufen wir denn hin?“ fragt Maria ihren großen Bruder. „Weiß ich auch nicht so genau! Aber die anderen werden es schon wissen“ antwortet dieser. Sein Freund Markus weiß Bescheid: „Da unten am See ist Jesus aus Nazareth. Er hat die Schwiegermutter von Simon vom Fieber geheilt. Alle wollen wissen, was er zu sagen hat!“ „Bei diesem Gedränge kann ich gar nichts sehen!“ klagt Maria. Und sie ist nicht die einzige. Jesus steht am Ufer des Sees und die Menge droht ihn in den See hinein zu drängen. Da steigt Jesus in das Boot Simons und bittet ihn: „Kannst du mich ein Stück hinausfahren! Dann können alle mich sehen und ich kann ruhiger reden.“ „Selbstverständlich“ antwortet Simon, legt das Netz zur Seite und schiebt das Boot ins Wasser. Jesus erhebt die Stimme und es wird ruhig in der Menge. Und Simon, der bei ihm im Boot sitzt, denkt: „Gestern hat er meiner Schwiegermutter die Hand auf die Stirn gelegt, und das Fieber ist gesunken. Heute ist sie schon wieder aufgestanden und hat wie üblich das Mehl gemahlen. Es gibt ja viele herumziehende Heiler, und manche sind richtig gut. Aber das hier ist etwas anderes. Wenn er redet, dann wird mein Herz ganz unruhig. Dann habe ich das Gefühl, Gott ist mir nahe. Etwas ändert sich gerade. Wenn ich nur wüsste, wohin das führt.“

Jesus beendet seine Rede. Das Volk zerstreut sich langsam. Und Jesus sieht Simon an. „Danke für das Schiff! Komm fahrt noch einmal hinaus, dahin wo das Wasser tief ist und werft eure Netze aus.“ Jakobus und Johannes haben das gehört und tuscheln miteinander: „Was soll denn das, jeder weiß dass man am Tag nichts fängt, und außerdem hat es keinen Sinn im tiefen Wasser zu fischen. Im flachen Wasser in Ufernähe, da fängt man eher etwas.“ „Kommt mit“ ruft Simon Jakobus und Johannes zu. Und zu Jesus sagt er: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Aber dir vertraue ich. Wenn du es sagst, dann fahre hinaus und werfe das Netz noch einmal aus.“ Und sie fahren hinaus und Simon wirft die Netze aus, und die Netze füllen sich mit Fischen! „Wie wunderbar“ denkt Simon. „Wir werden unsere Steuern zahlen können!“ jubelt Johannes. Und Simon winkt Johannes und Jakobus herbei. Und sie ziehen gemeinsam an dem Netz und das Netz reißt. Trotzdem hängen noch genug Fische darin. Sie laden ihre beiden Boote voll. Und es sind immer noch Fische im Netz. „Wenn wir diesen Fang verkaufen, haben wir über einen Monat genug zu essen!“ überlegt Jakobus und lädt sein Schiff immer voller. Auch Simon holt immer mehr Fische herein. Das Boot liegt schon gefährlich tief im Wasser. Und es kommen immer noch mehr Fische hinzu. Beide Schiffe beginnen gleichzeitig zu sinken. Zu spät. Der Fang ist verloren. Nein, Jakobus, Johannes und Simon können die Boote gerade noch ins flachere Wasser retten. Sie springen heraus und ziehen die vollen Schiffe ans Ufer. Jakobus seufzt: „Das war knapp. Beinahe hätten wir den Fang verloren, und ob wir die Boote und Netze da noch einmal heraus bekommen hätten – wer weiß?“ Simon ist erschrocken: „Diese Überfülle an Fischen. Und wir konnten nicht damit umgehen. Beinahe hätten wir unsere Boote verloren und unsere Existenz zerstört. Wir sind Gott begegnet. Gott hat uns gesegnet. Aber wir waren so gierig, dass wir beinahe alles zerstört hätten.“ Simon fällt vor Jesus auf die Knie: „Herr, Geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Ich kann es in der Nähe von soviel göttlicher Macht nicht aushalten!“ Jesus ist klar: „Ja, er hat es verstanden, jetzt hat er die göttliche Macht in mir angesprochen.“ Und Jesus antwortet wie ein Bote Gottes antwortet, wenn die Menschen sich vor der göttlichen Macht fürchten:„Fürchte dich nicht!“ Und Simon dämmert es: „Jetzt kommt die große Veränderung, jetzt werde auch ich von dem Neuen erfasst.“ Und Jesus gibt Simon den Auftrag: „Von nun an wirst du Menschen fischen!“ „Da ist es!“ denkt Simon. „Dem kann ich nichts mehr entgegen setzen. Ja, das ist meine Aufgabe. Ich hoffe es wird mir besser gelingen als das Fische fischen.“ Und Jakobus, Johannes und Simon bringen noch die Boote an Land und gehen mit Jesus. Der Fang bleibt liegen. Die Boote und die zerrissenen Netze bleiben zurück. Und es bleiben auch die Familien zurück. Die Frauen und die Kinder und die Geschwister holen sich die Fische. Sie nehmen sie aus und verkaufen sie auf dem Markt. So sind sie den ganzen Tag beschäftigt. Am Abend sitzt Simons Frau noch mit ihrer Mutter zusammen: „Er hat uns tatsächlich verlassen. Wie sollen wir jetzt zurecht kommen? Gut von diesem Fang können wir die Steuern bezahlen. Und wir können auch eine zeitlang leben. Aber was wird dann? Wie kann er uns seine Familie einfach verlassen?“ Die Mutter tröstet sie: „ Du weißt dass ich Jesus sehr dankbar bin, weil er mich geheilt hat. Es gibt ja noch seinen kleinen Bruder, der kann fischen fahren. Er wird uns mit versorgen. Wenn ich an dem Fieber gestorben wäre, dann müsstest du jetzt die ganze Frauenarbeit alleine machen. Ich habe gleich gespürt als Jesus ins Haus gekommen ist, hier kommt uns Gott entgegen. Und dein Mann er ist jetzt dabei. Er konnte nicht nein sagen.“ Ehefrau: „Dieser Mann denkt immer nur an sich selbst. Interessiert er sich nicht mehr für seine Familie?“ Schwiegermutter: „Du weißt viele Männer sind in die Berge gegangen, weil sie es hier unter der römischen Herrschaft nicht mehr ausgehalten haben. Ich finde mein Schwiegersohn hat es besser gemacht.“ Ehefrau: „Vielleicht hast du recht, wenn Jesus von Nazareth der Gesandte Gottes ist, dann wird das Leben für uns alle besser werden, und es gibt wieder Hoffnung für unser Volk. Gut, ich werde es schaffen.“

Wie das bei Geschichten so ist, die Geschichte bezieht sich auf etwas, was damals passiert ist, aber der größere Teil ist meine Phantasie. Und die ist geprägt durch das, was wir heute durch Forschung über die damaligen Lebensverhältnisse herausbekommen konnten. Aber noch mehr ist sie geprägt durch das Leben heute. Wir wissen nicht wirklich was Jesus oder Simon oder Johannes und Jakobus damals gedacht und gefühlt haben. Aber wir wissen, dass aus dem was sie getan und erlebt haben, der christliche Glaube hervorgegangen ist. Diese ersten Jünger Jesu sind für uns Vorbilder im Glauben. Simon, der später Petrus genannt wurde, hat es gewagt, den Auftrag anzunehmen. Er ist ein Menschenfischer geworden, obwohl er erlebt hat, dass die Gegenwart Gottes gefährlich ist. Obwohl er gemerkt hat, dass er den Anforderungen, die da an ihn gestellt werden, nicht genügen kann. Sie alle sind erschrocken, welche Macht sich in Jesus Christus gezeigt hat. Doch sie überwinden ihre Furcht und sie gehen mit in ein Abenteuer, von dem sie nicht wissen, wie es ausgehen wird. Vielleicht könnten wir heute etwas mehr von diesem Mut gebrauchen. Den Mut uns mit unserem ganzen Leben auf Jesus Christus einzulassen. Die göttliche Macht ist heute nicht weniger wirksam, als sie damals war. Freiwillig in ihre Nähe zu kommen erfordert immer noch Mut. Es erfordert vor allem deshalb Mut, weil wir, wenn wir Gott nahe kommen immer noch erst einmal unsere eigene Unzulänglichkeit erleben. Dann fällt uns auf, wie wir andere verletzen und dass wir nur selten im Stande sind zuerst an jemand anderes statt immer nur an uns selbst zu denken. Aber wenn wir bereit werden durch diese ausgesprochen unangenehme Selbsterkenntnis hindurch zu gehen, dann öffnet sich vor uns ein Weg, der nicht weniger abenteuerlich ist als damals der Weg, der sich für Simon eröffnet hat, als er Jesus ins Ungewisse gefolgt ist.

Ich wünsche uns allen, den Mut auf unserem Weg zu bleiben und weiterhin Jesus nachzufolgen. Dabei dürfen wir hoffen, einen Sinn in unserem Leben finden. Und wir dürfen auch hoffen, dass wir letztendlich bei Gott geborgen sein werden. Denn die göttliche Macht ist heute noch genauso stark wie sie damals vor 2000 Jahren war. Wagen wir uns mutig in ihre Nähe.

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