Eine Frage des Gehorsams

Liebe Gemeinde,

der erste Petrusbrief, mit dem sich auch der heutige Predigttext befasst, richtet sich an junge Christengemeinden in Kleinasien. Dieser Brief ist in einer Zeit geschrieben, etwa zwischen 70 und 100 n. Chr., in der es noch keine Christenverfolgungen in dieser Region gab. Aber auffallend an diesen Gemeinden war, dass sie in ihrer Entwicklung im Glauben, in ihren Verhaltensweisen und ihrem neuen Lebensstil auffielen und sich so von den anderen Mitmenschen, den Nichtchristen, absonderten. So zogen sie unwillkürlich Hass, Misstrauen, Verdächtigungen, bis hin zu massiver Feindseligkeit auf sich. Die Angriffe waren zunächst nur mit Worten geführt, aber eine sich nähernde Verfolgung war abzusehen.

Würden dann die christlichen Gemeinden trotz Anfeindungen und schrecklichen Leiden bestehen bleiben? Würden sie dann ihrem Lebensstil und ihrem Glauben an Jesus Christus treu bleiben können? In dieser brodelnden Situation schreibt ein Seelsorger, er nennt sich Petrus, den eigentlichen Namen kennen wir nicht, einen Brief an diese Gemeinden. Hören wir dazu aus 1. Petrus 3,8-15a:

[TEXT]

Ermahnungen, nichts als Ermahnungen, sie erinnern mich im ersten Moment an den erhobenen Zeigefinger des Lehrer Lempels aus "Max und Moritz". Und betrachte ich mir dann unsere Gemeinden, die oft von langer Lebensdauer, Traditionen und Gewohnheiten geprägt sind, dann frage ich mich: Ist der heutige Predigttext unserer Zeit überhaupt noch angemessen? ¾ in einem Zeitalter, in dem wir es gewohnt sind grundsätzlich alles, aber auch alles zu diskutieren und zu hinterfragen.

Niemand von uns ist davor gefeit im Strudel der vielen Anforderungen und Aktivitäten in Kirche und Gemeinde unterzugehen und somit die Übersicht zu verlieren. Und so kommt es mir vor, dass der heutige Predigttext für uns eine maßlose Überforderung darstellt. Wir, die wir uns als Christen sowieso schon darum bemühen im Sinne Jesus zu leben, müssten uns also noch mehr anstrengen, noch mehr Engagement zeigen und noch mehr Nachsicht üben. "Die Gemeinde hat mein Leben zerstört. Heute bin ich ein gebrochener, völlig erschöpfter Mensch. Ich kann die Qualen nicht mehr ertragen. Hiermit gebe ich meinen Freitod bekannt. Ich muss diesen letzten Schritt tun, um endlich Frieden zu finden." So der erschütternde Abschiedsbrief eines jungen Mannes, nachzulesen in der Tageszeitung vom 29. Juni 2000.

Nein, liebe Gemeinde, das kann nicht der Sinn des heutigen Predigttextes sein und erst recht nicht das Ziel einer Christin oder eines Christen. Wir Christen leben in einer Welt, die unmittelbar um uns herum ist, mit all ihren Problemen, Konflikten und Schwierigkeiten. Und in dieser Welt haben wir uns zu bewähren, als Erwachsene und auch als Kinder. In dieser Welt können wir im Rahmen unserer Möglichkeiten, dazu beitragen, dass diese ein bisschen wohnlicher wird, dass Menschen in ihr leben können und sich wohl fühlen können.

Mit dem Tod und der Auferstehung Jesu ist eine neue Wirklichkeit angebrochen. Das Leben wie es Gott einmal gewollt hat, ist möglich geworden. Alles, aber auch alles nimmt Gott am Menschen unter seine Obhut. Zuerst den Geist, der sich in unserem Denken und auch Wollen wirksam erweist. Seine Fürsorge umfasst aber nicht nur den Geist, sondern auch unsere Seele und unseren Leib. Und so wird das Leben in der Gemeinschaft, wo einer die Last des/der anderen mitträgt möglich, ohne dass er oder sie Angst vor einander haben muss. Erfahren wir etwas von dieser Wirklichkeit hier vor Ort, in dieser Gemeinde? Erfahren wir etwas von einer lebendigen Gemeinde, von Menschen, die vergeben können, von fairen Austragungen von Konflikten, die es auch unter Christen hin und wieder gibt?

Liebe Gemeinde, ich denke, dass uns Gottes Gnade zu Christen gemacht hat. Und dies hat er sich was kosten lassen. Er hat dies nicht mit Gold und Silber bezahlt, nein, er hat mit dem Blut seines Sohnes Jesu Christi bezahlt. Ja, um uns gnädig zu sein, hat Gott seinen Sohn am Kreuz für uns sterben lassen. Das Wissen, dass Gott bereit war, um seiner Gnade willen diese immense Summe zu zahlen, das verpflichtet uns. Mit anderen Worten, wenn wir Christen sein wollen und von dieser Gnade leben möchten, dann sollten wir unser Leben ändern. Wir sollten neue, andere Menschen werden, die sich nicht von ihrer Umwelt bestimmen lassen. Dies ist, so denke ich, auch eine Frage des Gehorsams. Wem oder was folgen wir denn? Dem was in der Luft liegt oder was in uns selbst als Trieb oder Verlangen aufsteigt? Oder folgen wir dem, was Gott uns durch Jesus Christus offenbar gemacht hat? Für unser Leben gibt es neue Maßstäbe, die durch Christus geheiligt sind. An ihnen sollten wir unser Leben und das der anderen messen. Denn nach ihnen wird Gott einst unser Leben beurteilen. Ob allerdings diese Maßstäbe für uns Gültigkeit gehabt haben, zeigt sich daran, ob wir die Fähigkeit zur ungeschminkten Schwester- und Bruderliebe haben. Hier bewirkt die Gnade Gottes in Christus das Größte in uns.

Ich kenne eine Frau, sie ist Mitte achtzig. Noch heute kümmert sie sich aufopfernd um die Gebrechlichen in ihrer Gemeinde. Sie besucht sie und hilft ihnen, soweit sie es noch kann. Und diese Frau fährt auch noch von einem Ende des Ortes zum anderen, um die zu besuchen, die im Altersheim leben. Wenn man sie fragen würde, warum sie das tut, dann hätte sie wahrscheinlich keine Antwort. Oder sie würde vielleicht schlicht antworten: Irgend jemand muss es doch tun. Liebe Gemeinde, das ist ein Liebesdienst, den die alte Frau aus Liebe zu Jesus Christus den anderen erweist.

So rät uns auch der Verfasser des heutigen Predigttextes keine bösen Worte und keine Verleumdungen gegen unseren Nächsten zu erheben sondern alles Gute und alle Fürbitte für ihn oder sie bereit zustellen. Denn durch das Wort von der Gnade Jesu Christi wandelt sich unser selbstsüchtiges Wesen zur Nächstenliebe um. Und so wird Jesus als Herr in unserem Leben herausgestellt, und darauf kommt es für uns Christen in der heutigen Zeit an.

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