Eine erfüllte Liebe

Ostern ist die Geschichte einer erfüllten Liebe. Was Liebe ist, das lässt sich nur schwer in Begriffe fassen und mit dem Verstand allein nicht greifen. Darum muss man von der Liebe erzählen, Liebesgeschichten erzählen.

Ebenso ist es mit Ostern, auch von Ostern kann man nur erzählen. Dabei kann man den Tod nicht verschweigen, weil es an Ostern ums Leben geht. Um ein Leben, dass auch im Angesicht des Todes nicht zuende ist, um ein Leben, das stärker ist als der Tod. Stärker als der Tod aber ist die Liebe. Darum muss an diesem Morgen von der Liebe geredet werden. Von einer erfüllten Liebe einer Frau zu einem Mann.

Wir kennen ihren Namen, Maria aus Magdala, eben haben wir ihre Geschichte gehört. Einzig um zwei Worte dreht sich diese Geschichte: "Maria" – "Rabbuni". Zwei unscheinbare Worte, aber sie sind es, die alles verwandeln, die Ostern werden lassen, in ihnen steckt das Geheimnis des Lebens. Zwei Worte, die alles umkehren und dem Leben eine neue Richtung geben, weg vom Grab, hin ins Leben. Diese zwei Worte befreien Maria vom Grab. Dorthin war sie gegangen in ihrer Trauer. Sie wollte Jesus nahe sein, dem Menschen nahe sein, dem sie schon einmal ihr Leben verdankte, damals, als er sie geheilt hat von sieben Dämonen. Welche Dämonen? Traurigkeiten? Depressionen, Schuldgefühle? Wer weiß es? – Jedenfalls gewinnt sie ihr Leben zurück und zieht mit ihm fortan durch die Lande. Erlebt, wie er Menschen begegnet, sich nicht vor der Berührung mit denen scheut, die niemand mehr berührte. Sie teilt ihr Leben mit ihm und sie folgt ihm bis zu seinem unbegreiflichen Ende. Sie sieht ihn sterben, gehört zum letzten Aufgebot. Die Gefährten sitzen in ihren Häusern und fürchten sich. Sie fürchtet sich sicher auch schrecklich, aber sie bleibt. Und so muss sie mit ansehen, wie sie durch den Tod alles verliert, weil er ihr den Menschen nimmt, den sie liebt. Er wird ihr genommen, sie aber bleibt, und so ist sie die ersten, die am dunklen Ostermorgen zum Grabe geht. Ihr Liebe, so scheint es, gilt nun einem Toten. Dort, am Grab, soll der Ort ihrer Liebe und ihrer Trauer sein, dort will sie in Stille und für sich bei ihm sein. Sein Leben haben sie ihm genommen, und es ist, als sei damit auch ein Teil von ihr gestorben.

So wie ihr geht es unzähligen Frauen, so wie sie zieht es immer wieder Frauen an die Gräber, an die Orte der Stille, der Erinnerung, der Tränen und des stummen Zwiegesprächs. Es ist der Wunsch, zurückzuholen und festzuhalten, was vergangen ist. Ein Ort, an dem die Trauer einen Platz hat. Ein Ort, der eine sogartige Macht ausübet, an dem man Gefahr läuft, festgehalten zu werden. Ein Ort mit unwiderstehlicher Anziehungskraft. Aber eben nicht für Maria. Denn der Stein vorm Grab ist fort, die dunkle Höhle leer. Das macht es nur noch schlimmer. Wo ist der geliebte Mensch geblieben? Nicht genug, dass man ihm sein Leben nahm, nun ist auch fortgenommen, was von diesem Leben übrig blieb. Wo soll sie nun hin mit ihrem Schmerz, womit soll sie sich trösten, woran sich halten? Da können die Engel noch so weiße Gewänder haben, Maria sieht ins Dunkel. Wer hat ihr diesen Streich gespielt, den Leichnam gestohlen? Immerhin – sie findet noch Worte für ihre Trauer, ist nicht ganz und gar verstummt und versteinert: "Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben." Und dann auch noch der Gärtner mit seiner überflüssigen Frage: "Frau, was weinst du? Wen suchst du?" Die Frage macht ihren Schmerz nur größer und verstellt ihr den Blick darauf, wer denn da wirklich zu ihr spricht. Ihr Blick bleibt ins Grab gerichtet, hängt am Ort des Todes, in der Vergangenheit. Der Blick in die Vergangenheit verstellt den Blick auf die Zukunft. Das Leben hat es nicht leicht im Schatten des Todes.

Aber dann geschieht ein Wort, und alles verwandelt sich. Er behauptet nicht, er sei auferstanden. Dieses Wort kommt überhaupt nicht vor. Sondern er spricht sie mit ihrem Namen an, mehr nicht. In ihrer Blindheit und Trauer berührt sie eine Stimme, die ihren Namen ruft: "Maria!" Dieses eine Wort reicht, es erreicht, dass sie sich nun endlich umdreht. Ein unverwechselbarer Klang. Diese Stimme trifft in den Kern ihres Wesen, meint sie so, wie sie ist – in ihrer ganzen Trostlosigkeit. "Maria" – in diesem Wort liegt Erlösung. In diesem Wort liegt Jesu Antwort auf die Liebe und Trauer dieser Frau, auf all das, was war und was jetzt ist und was noch sein wird. Ihr Name, von ihm gesprochen, trifft sie ins Herz, im Namen erwacht das Leben. So wie Liebende sich beim Namen nennen. In der Anrede des Namens gibt er sich zu erkennen. In der Anrede des Namens gibt sich Jesus zu erkennen als der Verwandelte, als der Lebendige, als der Liebende. Mehr ist nicht nötig, das ist alles, aber es ist genug. Maria wendet sich um, sie ist wie umgewandelt. Nicht aus dem Grab, nicht aus der Vergangenheit, sondern aus anderer Richtung tritt ihr der Lebendige entgegen. Indem sie ihren Namen hört, erkennt sie ihn und antwortet: "Rabbuni" – "mein lieber Meister". Hier schlägt der griechische Text ins Hebräische um. Was hier in diesem Augenblick geschieht, kann nur in der Muttersprache gesagt werden. Das ist eigentlich nicht zu übersetzen. "Maria" – "Rabbuni" – was wir da hören, ist die Sprache der Liebenden. So spricht ein ganz Vertrauter zu einer ganz Vertrauten. Diese Maria liebt diesen Jesus, und der Herr liebt dieses Menschenkind. Das können Worte nicht beschreiben, so wie Liebe überhaupt nicht im Einzelnen zu schildern ist. Das kann nur begriffen werden als ein ganz neues Leben unvergänglicher, grenzenloser Liebe. Es geschieht, was Maria bisher für unmöglich gehalten hat: Das Alte vergeht, die Tränen hören auf, sie wird in diesem Augenblick hineingezogen in die neue Welt Gottes, ins Leben. Wo sie ihr Leben für verloren hielt, ist sie dem unzerstörbaren Leben begegnet. Im Gärtner begegnet Jesus als der, der die Gewissheit einpflanzt, dass auch die schwersten Erfahrungen unseres Lebens in der Liebe Gottes gewandelt werden. Denn sie erfährt den Toten als Lebendigen. Sie erfährt: Liebe ist stärker als der Tod. Auferstehung ist nicht Rückkehr aus dem Tod, sondern Überwindung des Todes. Und so macht der Auferstandene aus der Trauernden eine Auferstandene. Aber dieses neue Leben verlangt viel von ihr: sie will ihn fassen, berühren, umarmen, er aber sagt: "Rühr mich nicht an." Innerste Nähe und äußerste Distanz in einem. "Rühr mich nicht an, halte mich nicht fest," weist Jesus sie an. Die Begegnung, die sie erleichtert, verlangt viel von ihr. Sie, die den Toten nicht loslassen mochte, darf auch den Lebendigen nicht festhalten. "Halte mich nicht fest…", das verlangt viel von Maria. Aber nur dieser Verzicht auf das Festhalten macht sie wirklich frei für ihr Leben. Es wendet ihren Blick und ihren Gang wieder zurück ins Leben. Unter Schmerzen zurück, in Freiheit und Mündigkeit. Unter dieser einen Voraussetzung, die gilt: Maria! Der Name ist gerufen. Der Lebendige bliebt ihr treu und gibt ihr eine Aufgabe: Geh aber zu meinen Brüdern, und sage ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater, eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Jesus ist nicht mehr der Meister, sondern der Bruder und wir die Geschwister.

Er entlässt uns in die Kindschaft: neben Jesus, dem Sohne Gottes, stehen wir als die Söhne und die Töchter Gottes. Mit diesem einen Versprechen: unsere Namen sind bekannt, unsere Name sind genannt. Jesu Vater wird unser Vater – und Jesu Gott wird unser Gott. Der Vater, der uns liebt über den Tod hinaus. Der Gott, der uns beim Namen ruft. Der Vater, der und loslässt und ins Leben schickt, der Gott, der Verbindung hält.

Davon wird Maria reden, sie, die bis zuletzt geblieben ist, geht als erste. Sie geht weg vom Grabe, denn es konnte nicht halten, was in ihm war. Sie geht weg vom Grab, denn der Tod hat seine Macht verloren. Sie dreht sich um, sie geht ins Leben, in die Richtung, aus der er zu ihr kam. Umgewandelt, verwandelt durch die Erfahrung einer erfüllten Liebe. Allein die Liebe ist stark wie der Tod, ja stärker noch als der Tod und alle Schatten des Totenreiches. Gebe Gott, dass diese Liebe auch uns verwandelt, wenn wir in diesen Tag gehen, dass wir von dem Leben reden, dass uns an diesem Morgen der neuen Schöpfung geschenkt wird.

drucken