Eine Einheit der Vielfalt

<i>[Anlass: Ökumenisches Gemeindefest, bei dem aber am Sonntag morgen nach Konfessionen getrennte Gottesdienste stattfinden.]</i>

Liebe Gemeinde,

wir haben ökumenisches Gemeindefest. Seit 4 Jahren das zweite Mal. Und im nächsten Jahr ist in Berlin zum ersten Mal in Deutschland ein ökumenischer Kirchentag. Es scheint, dass Aufbrüche geschehen. Ökumene, Einheit der Kirchen in greifbarer Nähe? Und dann gleich die zweite Frage: Einheit – wie soll das aussehen? Wollen wir wirklich zurück zur Einheitlichkeit und Gleichmacherei in der Kirche? Doch wohl nicht. Die Vorbereitung des Gemeindefestes scheint dies zu bestätigen. Wir können und wollen zusammen feiern. Wir können und wollen im Gottesdienst zusammen singen, beten und auf Worte der heiligen Schrift hören. Wir können und wollen darstellen, was die Gemeinden unterschiedlicher Konfession in Aplerbeck schon alles zusammen tun und getan haben. Wir sind bei der katholischen Gemeinde zu Gast. Beim nächsten ökumenischen Fest werden die anderen bei uns zu Gast sein. Trotzdem feiern wir heute hier einen evangelischen und in der Ewaldikirche den katholischen Gottesdienst. Das heißt: die Gemeinsamkeiten verwischen die Unterschiede nicht. Es bleibt bei den Prägungen, die jeder und jede von zu Hause aus mitbringt. Ja, wir wollen und können einander in unserer Unterschiedlichkeit tolerieren und verstehen. Wir begegnen einander als Nächste und unterstützen uns, aber wir bleiben, wer wir sind. Das ist viel mehr Ökumene als jede Gleichmacherei. Trotzdem ist uns allen klar: Ökumene ist einfach dran. Wir christlichen Kirchen leben in einer säkularen, religionslosen Gesellschaft. Wir haben unseren gemeinsamen Bezug zum christlichen Glauben in einer Gesellschaft zu bewähren, in der dies nur ein Angebot unter vielen ist. Wir sind gemeinsam im Dialog mit anderen nicht christlichen Religionen. Hier besonders mit dem Islam und dem Judentum. In den Fragen der Sozialpolitik und der Ausländerpolitik treten die Kirchen der Politik als Lobby gegenüber und vertreten gemeinsam die Interessen der Schwachen und Benachteiligten in unserer Gesellschaft. Ökumene ist ein notweniges Merkmal unser christlichen Identität. Der Glaubenskampf der Kirchen hat im 20. Jahrhundert viele Menschen in die Religionslosigkeit und in die religiöse Heimatlosigkeit getrieben. Die Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen und die gegenseitige Bekämpfung mit unlauteren Mitteln würde jeder Konfession für sich Schaden zufügen. Ich denke, dass auch zwischen den Kirchen Frieden das Gebot ist, dass uns Zukunft garantiert. Es zeigt zudem, dass die Botschaft des Friedens aus unserem Glaubens nicht nur leeres Gerede ist, sondern auch für uns selbst zutrifft.

Was ist Kirche heute, in Zeitalter der Globalisierung, der Vielzahl von Völkern und Kulturen, aber auch der Toleranz und der weltweiten Kommunikation? Haben die Kirchen in ihrer Verschiedenheit noch eine Chance und worin besteht diese?

Darauf sollte eine Antwort gefunden werden. Ich denke, dass wir als Christen die Antwort darauf nur in Rückbindung an unsere eigene Identität finden, an den glauben an Jesus Christus also. Der Predigttext von heute ist dazu gerade prädestiniert, verbindet er doch die Gedanken an den Glauben mit dem Wissen um das Gemeinsame des Glaubens, um die Gemeinschaft aller Christinnen und Christen und um ihren gemeinsamen Weg. Ich lese daher jetzt: 1.Petrus 2,2-10 in den Worten der guten Nachricht Bibel:

[TEXT]

Diese Texte entstammen zweifellos einer völlig anderen Zeit und einer anderen Situation als der unseren. Können sie uns Antworten geben, auf die Fragen des Glaubens in unserer Zeit? Wenn man diese Frage trotzdem mit Ja beantwortet, dann heißt das, dass wir uns doch als Christinnen und Christen in einer Kontinuität sehen zu den Christinnen und Christen der ersten Kirchen im Nahen Osten und in Südosteuropa. Das ist schon Ökumene. Dann können wir dies auch für heute annehmen: Dort, wie wir uns im gemeinsamen Glauben auf die gleiche Grundlage beziehen, egal in welcher Situation, dort bilden wir eine gemeinsame Kirche unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Die Basis, die Grundlage ist der gemeinsame Glaube an Jesus Christus.

Das Wort Basis, Grundlage wird ja in unserem Text geradezu bildlich verkörpert: Ein Felsen, ein Stein ist das beste Fundament. Dazu möchte ich gleich ein Zitat ergänzen. Bekanntlich trägt Simon den Beinamen Petrus, griechisch Kephas, das heißt Fels. Dazu heißt es im Matthäus Evangelium: "Mt 16,18 Darum sage ich dir: Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen! Nicht einmal die Macht des Todes wird sie vernichten können." Es ist ja später oft genug darüber gesprochen worden, dass Petrus selbst charakterlich diesem Amt oft gar nicht gewachsen zu sein scheint. Dennoch hat gerade er es. Dieses Amt gehört in jede Konfession und kann nicht für eine einzige Konfession reserviert werden. Keine Kirche taugt etwas, die nicht auf sicherem Fundament steht. Ich denke, dass der sogenannte Petrusbrief in der Ausschilderung dieses Stein und Felsmotivs gerade in unserem Predigttext indirekt auf die Bedeutung des Namens Petrus anspielt.

Was ist Fels, was ist Fundament der Kirche von Anbeginn? Dazu noch eine Assoziation: Auf dem Plateau in Jerusalem, das ja wohl der ehemalige Tempelplatz ist, befindet sich der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und die Al Aksa Moschee. IM Felsendom liegt tatsächlich ein Fels offen sichtbar, ein Fels, mit dem sich offensichtlich gerade auf dem Tempelberg eine interessante Geschichte verbindet. Ob dieser Felsen etwas mit dem ehemaligen Tempel zu tun hat, ist unbekannt. Für unseren Text genügt es aber zu wissen, dass der Zionsberg, auf dem der Tempel errichtet wurde, offensichtlich eine felsige Kuppe war. Der ehemalige jüdische Tempel, zum dritten Mal zerstört in Jahr 70 nach Christi Geburt, war also ein solches Haus, das auf einem Felsenfundament stand. Trotzdem wurde dieses Haus zerstört. Der menschlichen Gewalt stellt also auch ein festes Haus kein Hindernis dar. Was nun aber, um im Bild des Hauses und des Tempels zu bleiben, ein viel besseres und sicheres Haus ist, ist eben ein geistliches Haus, das mit lebendigen Steinen erbaut ist. Es ist im Grund kein Haus, sondern ein Netzwerk, eine Gemeinschaft mit vielen Verbindungen einer Familie etwa vergleichbar. In diesem neuen Tempel setzte sich nun fort, was vorher im alten Tempel geschah die Ausübung der Religion, die Versammlung der Gläubigen. Dort feierte man den Messias, der als Jesus Christus gekommen war und der wiederkommen wird, dort beging man nun den Opferdienst, nun aber nicht mehr mit Schlachtopfern, sondern als Opferdienst des ganzen Lebens, dort orientierte man sich an den Worten der Heiligen Schriften und las sie vor und legte sie aus, dort betrachtete man sich als von Gott geliebtes aus erwähltes Volk und rechnete sich Gottes Barmherzigkeit zu, dort fühlte man sich gemeinsam stark gegen die Gegner des Gottesglaubens und dort richtete man sich aus auf das Ziel der Errettung allen Lebens durch die Herrlichkeit und den Frieden Gottes. Ich hoffe, dass an dieser meiner Beschreibung sowohl deutlich wird, wie viel diese christliche Kirche noch mit der Religion des alten Israel zu tun hatte. Der Tempel, das war nun allerdings kein Gebäude mehr, in dem Gott auf den Cheruben thronte, sondern der Tempel war die Versammlung und die Gemeinschaft des Glaubens, worin Gott präsent ist im Wort und in den Zeichen, die auf Jesus Christus, den Messias Bezug nehmen.

In unserem Text wird dann auch deutlich, dass die Gegenwart Gottes uns Christinnen und Christen vor allem und hauptsächlich im Wort Gottes begegnet. Jesus Christus ist als der gekommene die Auslegung des Wortes und erneuert gleichzeitig die Hoffnung auf die Vollendung des Reiches Gottes. Es ist doch interessant, dass das Hauptmotiv für Jesus Christus, das des Bausteins in lebendiger Gestalt gleich auch auf die Christinnen und Christen übertragen worden ist. So wie er der Grundstein oder der Eckstein ist, so sind wir alle durch ihn lebendige Bausteine dieser Kirche. Der Bau geht demnach immer weiter und wird erst am jüngsten Tage vollendet sein. Kirche, Tempel das ist seitdem mit der Gemeinschaft der Glaubenden identisch. Gott wohnt nicht in den Gebäuden, sondern in der Herzen der Menschen, die sich in den Gemeinden begegnen. Der Glaube ist der Grundstein der Kirche, keine Satzung oder Kirchenrecht.

Das macht es natürlich auch gleichzeitig nicht immer leicht. Manchmal wäre es vielleicht einfacher rechtlich zu argumentieren, gerade in Konfliktfragen. Doch wenn alle gleich Bausteine sind, geht es immer um Aufbau. Auch Streit soll und kann dem Aufbau dienen. Dann kann er aber nicht im Sinn der Rechtsstreitigkeiten ausgetragen werden, sondern so, dass es immer im gegenseitigen Einverständnis erfolgt, so es eben geht. Dort ist Kirche, wo der Geist Gottes ist, im Wort in Zeichen der Liebe und des Glaubens. Das wird auch zur Folge haben, dass die Geschichte der christlichen Kirche in den letzten 2000 Jahren notwendig auf die Vielfalt hin erfolgte. Wie soll denn eine solch lebendige Gemeinschaft, ein Haus der lebendigen Stein auf starren und unbeweglichen Strukturen aufgebaut werden. Da musste es doch zu Reformationen und Gegenreformationen kommen. Da musste es doch dazu kommen, dass gerade in den Ländern der Welt auch die verschiedenen Ursprungskulturen den eigenen Glauben mitprägen. Ökumene wird eine Einheit der Vielfalt sein und wird sich nur im gemeinsamen Bezug auf den Glauben an Christus und auf den Willen zu Frieden, Verständigung und Aufbau verwirklichen, niemals aber im Zwang zu Vereinheitlichung oder Uniformität.

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